Watch Dogs: Das Test-Journal
In der Zeit von Datenskandal und NSA-Affäre scheint Watch Dogs so aktuell wie nie - etwas, dass einem Videospiel selten gelingt. Doch abgesehen von seiner interessanten Thematik: Kann Watch Dogs sich auch als gutes Spiel behaupten? Unser Test-Journal klärt auf.
Watch Dogs im Test
Guter Auftakt einer neuen Marke
Watch Dogs ist ein toller Auftakt für eine neue Spieleserie. Als Open-World-Spiel funktioniert der Titel großartig - kaum eine offene Welt ist so lebendig und bietet so viel wie diese. Dank vieler Missionen, in denen unbemerktes Vorgehen entscheidend ist, schafft sich das Spiel Alleinstellungsmerkmale. Nur die Geschichte um Aiden Pearce und seine gesichtslosen Mitmenschen fällt stellenweise zu lasch aus. Dem Missionsdesign fehlt die Offenheit, die bei einem Open-World-Spiel Pflicht ist - Punkte, die beim recht sicheren Nachfolger hoffentlich ausgeräumt werden.
Das hat uns gefallen
- Große, lebendige Spielwelt
- Zahlreiche Nebenmissionen
- Interessante "Hack"-Ansätze ...
- Interessanter Mehrspielermodus
Das hat uns nicht gefallen
- Missionsdesign zu gleichförmig
- Geschichte meist uninteressant
- ... bleiben aber wenig ausgekostet
Datenmanipulation zum Spielen: Mit (überspitztem) aktuellem Weltgeschehen als thematische Kulisse schafft sich Watch Dogs ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Doch kann Ubisoft die Thematik für die spielerischen Zwecke nutzen? Kann sich Watch Dogs aufgrund seiner Prämisse von Spielen ähnlicher Struktur abheben? Unser Gaming-Redakteur Sebastian widmet sich diesen Fragen ausführlich in seinem Test-Journal, in welchem er regelmäßig seine Gedanken zum Spiel festhält.
Wir alle werfen einen digitalen Schatten, sind dank Facebook-Profil, Onlinebanking und Web-Shops völlig zu durchleuchten und unsere wie Fingerabdrücke im World Wide Web hinterlassenen Daten nutzen Firmen für kommerzielle Zwecke. Die Welt ist vernetzt. Doch Watch Dogs spinnt den heutigen Ist-Zustand noch ein wenig weiter: Unternehmen regulieren das Datennetz, das ganze Städte lenkt und steuert. Datenanalyse und Manipulation haben die Gesellschaft fest im Griff. Ein Thema, das spätestens seit der NSA-Affäre brisant ist wie nie.
Ein Spiel, das höchsten Aktualitätsbezug hat und thematisch die Dinge aufgreift, die in den Nachrichten täglich Schlagzeilen machen, ist eine Seltenheit. Umso spannender ist es, sich mit Ubisofts Watch Dogs ausgiebiger zu beschäftigen. Da Open-World-Spiele für ihren Umfang bekannt sind und ich ein solch interessantes Thema nicht nur in einem kurzen Test abwiegeln möchte, widme ich mich in den kommenden Tagen diesem Test-Journal, um euch über Eindrücke, Spielgefühl und die Relevanz der in Watch Dogs verarbeiteten Themen zu informieren. Spiel in den Schacht - auf geht's!
Spielzeit: vier Stunden | 28. Mai 2014
Aiden Pearce ist von seiner Vergangenheit gezeichnet. Als eigennütziger Hacker ist er zwischen die Fronten eines Gang-Kriegs geraten. Ein Mordversuch verfehlte sein Ziel. Statt Aiden Pearce starb bei dem Angriff seine Nichte. Von Schuldgefühlen getrieben, begibt sich der Hacker auf einen Rachefeldzug, um seine Familie zu schützen. Tief im Datennetzwerk CtOS (Central Operating System) verbissen, macht sich Aiden die manipulativen Möglichkeiten der vernetzten Stadt Chicago und dessen Bewohner zu Nutze.
Der Einstieg in Watch Dogs ist toll inszeniert. In fragmentierten Bildern wird mir bruchstückhaft die Geschichte von Aiden nähergebracht: der misslungene Datenraub, der den Tod seiner Nichte nach sich zog, die tödliche Attacke auf seine Familie und der Beginn seines Rachefeldzugs. Alles geht fließend ineinander über, ohne unübersichtlich zu sein. Auch die Möglichkeiten der Spielwelt werden uns innerhalb weniger Minuten nahegebracht. Auf Knopfdruck kann ich Sicherheitssysteme, persönliche Daten oder Rechner hacken. Das Konzept ist in den ersten Minuten eingängig.
Allerdings reißt mich die deutsche Synchronisation ein wenig aus den vernetzten Straßen Chicagos. Einige Charaktere wurden unpassend vertont, dazu sprechen sie asynchron zu den Lippenbewegungen der Figuren. Auch wenn die Steuerung eingängig ist - das Fahren der diversen Vehikel ist gewöhnungsbedürftig, da die fahrbaren Untersätze meist zu schwammig und/oder empfindlich reagieren.
Im nächsten Teil des Test-Tagebuchs zu Watch Dogs widme ich mich zuerst den Möglichkeiten der Open-World. Weitere Informationen zum Spiel und ein Interview mit Game Director Danny Belanger findet ihr in meiner Video-Preview zu Watch Dogs.
Watch Dogs: Test-Tagebuch, Teil 1
Spielzeit: acht Stunden | 29. Mai 2014
Was macht den Reiz eines Open-World-Spiels aus? Es ist ein Sandkasten, in dem ich von progressiven Zwängen befreit, tun und lassen kann, was ich will. Deshalb möchte ich mir kurz nach der Einleitung die Füße in den regennassen Straßen des digitalen Chicagos vertreten. Die offene Spielwelt hat mich schließlich schon zu Beginn mit dem regen Treiben ihrer lebendigen Bewohner umgarnt.
Das liegt auch an der gelungenen Präsentation: Die Straßenzüge zeigen ungemein viele Details, neonfarbene Werbetafeln spiegeln sich in Wasserlachen und um mich herum wird geredet, telefoniert, geküsst, gestritten und gespielt. Nur bei Tag verliert Watch Dogs sprichwörtlich etwas von seinem Glanz, denn ohne Dunkelheit wirkt die Stadt etwas matt. Der argusäugige Kritiker mag sich hier und da über etwas körnige Texturen und reduzierte Details in der Weitsicht echauffieren, doch der Gesamteindruck bleibt sehr positiv.
Verdrahtetes Chicago
Doch was nützt eine hübsche offene Welt, wenn ich in ihren asphaltierten Adern keine Beschäftigung finde? Doch das verdrahtete Chicago bietet zahlreichen Zeitvertreib. Abgesehen von Haupt- und Nebenmissionen kann ich beispielsweise an einem Geocaching-Spiel teilnehmen, in dem ich Sehenswürdigkeiten in der Spielwelt ansteuere, ich kann Verbrechen verhindern und damit meinen Ruf in der Stadt aufbessern (je nachdem reagieren Passanten auf mein Tun) oder der Untersuchung eines Mordfalls nachgehen.
Ich möchte weder jedweder Möglichkeit der Spielwelt aufzählen, noch jeder einzelnen meinen wertenden Stempel aufdrücken - die Ablenkungen sind umfangreich und mal mehr, mal weniger unterhaltsam. Im Vergleich zur Detailverliebtheit eines GTA 5 bleibt Watch Dogs etwas blass, da solche Dinge wie TV-Sendungen, Radiokanäle oder sportliche Aktivitäten fehlen. Doch der mögliche Zeitvertreib macht nicht den Eindruck von liebloser Staffage. Einen Auszug der Möglichkeiten in Watch Dogs findet ihr in der Bildergalerie unten auf dieser Seite.
Während meines zweiten Journal-Eintrags habe ich mich in nur einem freigeschalteten Stadtteil bewegt und mit vier Stunden Spielzeit immer noch nicht jede Möglichkeit ausgereizt. Für genügend zusätzlichen Inhalt dürfte in jedem Fall gesorgt sein. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass einige der Hacknebenaufgaben stellenweise etwas unübersichtlich gerieten. Die Markierung auf der Stadtkarte reicht nicht immer aus, um zu erkennen, was genau ich tun muss. Wer die Missionen trotzdem abschließen will, braucht Geduld.
In meinem nächsten Eintrag widme ich mich hauptsächlich der Geschichte von Watch Dogs.
Watch Dogs: Nebenbeschäftigungen
Spielzeit: 23 Stunden | 4. Juni 2014
Nach 16 Stunden ist Aidens Tour de Force vorbei. Die Credits bahnen sich ihren Weg über den Bildschirm. Auch wenn mich die Geschichte nicht komplett greifen konnte - ein wenig mitgenommen hat mich das Finale schon. Watch Dogs ist nach dem Muster eines Thrillers gestrickt, trifft an manchen Stellen die richtigen Töne, nutzt aber leider seine Datenkontrollthematik einzig und allein als hübsche Kulisse. Doch dank schöner Inszenierung und guter englischer Sprecher (in der deutschen Version enthalten) baut das Spiel oft eine wunderschöne Atmosphäre auf. Gerade Einstieg und Ende sind den Autoren sehr gut gelungen, rücken sie doch Aidens Zerrissenheit in den Mittelpunkt der Mattscheibe.
Aiden ist kein Sympathieträger. Nie bin ich mir sicher, ob ich den Kerl mit Schirmmütze als sympathisch oder egozentrisch empfinden soll. Aber gerade daraus entwickelte sich bei mir eine gewisse Neugierde. Dagegen wirken die Nebendarsteller wie reines Beiwerk: Kurz vor Schluss erst bemerkte ich, dass ich eine Figur der Scharade völlig vergessen hatte - nicht weil die Autoren dies forcieren wollten, sondern weil die Charaktere schlicht und ergreifend wenig erinnerungswürdig sind. Leider verliert Watch Dogs im Mittelteil einiges an Fahrt. Teilweise fühlten sich die Missionen zu sehr nach Lückenfüller an und die Handlung wirkte wenig zielgerichtet.
Innovative Ideen eines wenig innovativen Spiels
Watch Dogs ist ein unterhaltsames Spiel - nicht das wir uns in diesem Punkt falsch verstehen. Wer große Kritik an einem so sauber polierten, aufgeräumten Titel äußert, kennt die wahren Gurken nicht. Doch trotzdem muss sich Ubisoft vorwerfen lassen, aus einer innovativen Idee wenig gemacht zu haben.Während der ersten Vorstellung auf der E3 2012 öffneten sich noch die Tore zu einem interessanten "ich hacke dich, du hackst mich"-Spielprinzip, im fertigen Spiel ist davon nicht mehr allzu viel zu spüren. Es kann eine diebische Freude bereiten, eine Gegnergruppe durch gezielt ausgelöste Sprengfallen oder herabstürzende Kranlasten auszuschalten, aber mehr als ein Knöpfchen im richtigen Moment zu drücken, verlangt das Spiel dafür nicht von mir. Zudem ist dieser Weg wesentlich mühsamer, als dies einfach die Bleipuste übernehmen zu lassen.
Aber auch hier: Die Schießereien machen Spaß. Dank Bullet Time-esker Zeitlupenfunktion oder der Möglichkeit, den Funk unserer Widersacher zu stören, um kurzzeitig für unbewegliche Ziele zu sorgen, ist unterhaltsam. Doch wir haben uns mehr gewünscht. Mehr als eine Ballerei aus der dritten Person, die zwischendurch mit Autoverfolgungsjagden aufgelockert wird. Das Profiling der Bevölkerung von Chicago ist beispielsweise ein tolles Mittel, die Spielwelt lebendig wirken zu lassen. Warum hat Ubisoft aus diesem Aspekt nicht mehr gemacht als die gelegentliche "Wo ist Walter"-Suche in einer Menschenmenge?
Die Thematik in der Mehrspielerkomponente von Watch Dogs ist wirklich toll umgesetzt. Ohne unser Zutun mischen sich ab und an andere Spieler unter das Volk, die es zu entdecken und auszuschalten gilt, ehe sie uns wichtige Daten klauen können. Gerade ohne unser Zutun greift das die Thematik des "gehackt werdens" wunderbar auf und erinnert ein wenig an Titel wie Dark Souls oder Journey. Aber auch klassische Wettrennen und freies Spiel sind möglich. Außerdem können CtOS-App-Nutzermit Spielern an der Konsole konkurrieren. Dank Levelsystem und weiteren Belohnungen entwickelt schnell seine Reize.
Die LastGen-Unterschiede:
Die Unterschiede zwischen alter und neuer Generation sind marginal - aber natürlich sichtbar. Die PS3-/Xbox 360-Version kommt mit einer Auflösung von 720p (PS4: 900p; Xbox One: 792p) und 30 Bildern pro Sekunde daher, auch wenn die 30 Bilder nicht immer gehalten werden können. Im Endeffekt liegen die Unterschiede im Detail. So sind die Texturen matschiger, die Lichteffekte weniger hübsch und Reflektionen sind reduziert.
Wo Grashalme auf PS4 und Xbox One sichtbar empor sprießen, fristen sie auf den alten Konsolen ein Dasein als platte Texturtapete. In vielen Situationen wirkt die Version auf den Auslaufmodellen dunkler und bietet schlechtere Partikeleffekte. Generell ist der Detailgrad geringer. Die LastGen-Version von Watch Dogs darf aber auf Augenhöhe mit GTA 5 gestellt werden, wobei der Rockstar-Titel insofern beeindruckender ist, als dass die Spielwelt um ein Vielfaches größer ausfällt.
Sagen wir's so: Wäre die LastGen-Fassung zehn Euro günstiger, würde ich zu dieser Version raten. Die Unterschiede rechtfertigen bei Weitem keinen Generationensprung und stellen ebenso wenig einen Kaufgrund für eine PS4 oder Xbox One dar.
Ein Zusatz von Sergej Jurtaev
Watch Dogs
Sagt euch nicht zu? Ihr sucht nach passenden Alternativen? Eine umfangreiche Liste an Watch Dogs-Alternativen halten wir für euch in unserer Videospiel-Übersicht bereit.
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