Offshore-VPNs: Sind VPN-Anbieter aus der Karibik wirklich sicher?
VPN-Anbieter aus aller Welt bewerben stets ihre herausragenden Sicherheitsfeatures. Wer den Service anbietet, bleibt allerdings oft unklar - insbesondere, wenn es sich um beliebte "Offshore"-VPN-Anbieter aus Karibik und Co. handelt. Doch welche Konsequenz ergibt sich aus dieser Intransparenz für den Kunden?
Um durchschnittlich drei Milliarden US-Dollar jährlich wächst der VPN-Markt aktuell. Im Mittelpunkt der Industrie steht die Sicherheit des Nutzers - Sicherheit für Journalisten und Aktivisten vor repressiven Regimes, Sicherheit vor Hackern in öffentlichen Netzwerken und Sicherheit vor datenhungrigen Internetunternehmen. Verbleibt jedoch das hinter einem VPN-Dienst stehende Unternehmen im Dunkeln, könnte das die Sicherheit des Nutzers tatsächlich massiv beschränken. Im Folgenden lest ihr, warum Offshore-VPNs in der Karibik und Co. ein Sicherheitsrisiko sein können.
- Warum ist die Identität des VPN-Anbieters relevant?
- Anbieter mit Offshore-Standort
- Schwache Datenschutzgesetze
- Wenig Verbraucherschutz
- Fazit
Wer eine VPN-Verbindung aufbaut, tut das oftmals dann, wenn in der geschäftlichen oder privaten Internetnutzung sensible Daten übertragen werden, die für keine fremden Augen bestimmt sind. Anstelle von Internet Service Providern oder Mitnutzern des gleichen öffentlichen Netzwerks stehen diese sensiblen Daten dann theoretisch den Betreibern des genutzten VPN-Servers zur Verfügung. VPN-Dienste einigen sich mit ihren Nutzern in der Regel über die Geschäftsbedingungen darauf, nur minimale oder keine Nutzerdaten zu analysieren und zu speichern.
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Warum ist die Identität des VPN-Anbieters relevant?
IT-Experten können das im Rahmen der Nutzung des Dienstes weitgehend überprüfen - eine Option, die für den durchschnittlichen Verbraucher weniger praktikabel ist. Es folgt also, dass Kunden dem VPN-Dienst der Wahl in der Nutzung Vertrauen entgegenbringen müssen - ein Vertrauen dahingehend, dass der Dienst sich an Versprechen und vertragliche Übereinkünfte hält und persönlichen Daten somit nicht zu kommerziellen oder gar kriminellen Zwecken nutzt.
Aus unserem VPN-Vergleich ergibt sich, dass es sich bei einem signifikanten Anteil namenhafter VPN-Anbieter um intransparente Unternehmen mit Sitz in nicht vollständig demokratischen Staaten handelt. Insbesondere diese Dienste sind es jedoch, die ihren Standort als Vorteil bewerben - dabei ist dem Kunden oftmals nicht einmal eine physische Adresse bekannt. Der Entscheidung für oder gegen ein solches Angebot liegt eine Abwägung zwischen Anonymität und Zurechenbarkeit zugrunde, auf die wir im Folgenden näher eingehen möchten.
Anbieter mit Offshore-Standort
Die Britischen Jungferninseln, Panama, Malaysia und Singapur sind allesamt unter VPN-Anbietern beliebte Standorte. Vollständige Unternehmensnamen, Anschriften und Informationen über Identität von Geschäftsführung und Mitarbeitern sind bei diesen Unternehmen eine Rarität. Oft ist fraglich, ob mehr als nur ein Briefkasten am beworbenen Standort existiert - denn genaue Adressdaten erhalten wir von entsprechenden Anbietern auch auf Anfrage nur selten.
Anstelle von Transparenz werben die Unternehmen in erster Linie mit ihrer Unabhängigkeit von westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten: Justiz und Nachrichtendienste dieser Staaten würden das Sicherheits- und Privatsphäre-Versprechen von VPN-Anbietern kompromittieren, die in entsprechenden Staaten ansässig sind, so der Vorwurf. Tatsächlich setzt die staatliche Souveränität des Meldestaates eines "Offshore"-VPN-Dienstes ausländischen Justizbehörden und Nachrichtendiensten eine Grenze in ihren Ermittlungen, die sich für entsprechende Behörden in ihren Heimatstaaten nicht ergibt. Außerdem ist davon auszugehen, dass Panama und Co. von eigener Seite aus weit weniger justiziellen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten nachgehen, als angesprochene westliche Staaten.
Dennoch birgt dies Offshore-Standortwahl für den Verbraucher zwei große Nachteile. Erstens fallen Datenschutzgesetze in beliebten Offshore-Standorten der VPN-Anbieter sehr rudimentär aus. Zweitens können die nicht immer uneingeschränkt demokratischen Systeme dieser Staaten Kunden in der Sicherung und Durchsetzung ihrer Rechte behindern.
Schwache Datenschutzgesetze
Obige Karte wurde von Datenschutzexperten der international tätigten Anwaltskanzlei DLA Piper entwickelt und verdeutlicht eindeutig, wie sich die Datenschutzgesetzgebung im weltweiten Vergleich unterscheidet. In rot eingefärbten Staaten gelten strenge (=nutzerfreundliche) Datenschutzgesetze, während in gelb und grün eingefärbten Staaten weitaus weniger strenge Gesetze zur Geltung kommen. Panama und die Britischen Jungferninseln erhalten hier eine grüne "Limited"-Wertung, während Singapur und Malaysia eine "Robust"-Wertung erhalten. Strenge Datenschutzgesetze finden sich jedoch ausschließlich in Westeuropa, Nordamerika und Australien.
In der Konsequenz versprechen VPN-Anbieter aus einschlägigen Staaten damit zwar hohe Datenschutzstandards, eine gesetzliche Verpflichtung zur Einhaltung entsprechender Standards existiert jedoch nicht oder im Vergleich zu Deutschland, den USA und Co. nur sehr beschränkt.
Damit ist der privatrechtliche Vertrag, den ihr beim Kauf des VPN-Angebots mit dem Anbieter schließt, das einzige Instrument, das euch einen vertrauensvollen Umgang mit euren sensiblen Daten garantiert. Geschlossen wird dieser Vertrag aus deutscher Perspektive zudem meist nach fremden Rechtsstandard, denn fast immer heißt es in den "Terms of business", dass ausschließlich das Recht des Offshore-Staates gilt - und zwar unter Ausschluss jener Bestimmungen, die einen Disput im grenzüberschreitenden Streitfall in eine andere - für den Kunden aus Deutschland also willkommenere - Jurisdiktion verlagern könnten.
Es lässt sich folglich ein Bild zeichnen, demzufolge eure persönlichen Daten in der Nutzung eines Offshore-VPN am seidenen Faden des Vertrauens in die Gutmütigkeit eines undurchsichtigen Unternehmens hängen.
Wenig Verbraucherschutz
Problematisch ist die Offshore-Standortwahl aus einem zweiten Grund. Ohne entsprechende Staaten pauschal dem autokratischen Spektrum zuzuordnen, werden doch beispielsweise Singapur und Malaysia in der Demokratie-Bewertung des "Economist Intelligence Unit" mit deutlichen Abstrichen versehen und als "Flawed democracies" bezeichnet. Generell lässt sich annehmen, dass staatliche Institutionen in politischen Systemen mit abnehmendem demokratischen Charakter weniger offen und zum Wohle der gesamten Bevölkerung (engl.: inclusive) operieren und demnach auch weniger stark im Interesse des Verbrauchers handeln.
Relevant ist das einerseits erneut in der Durchsetzung eventueller privatrechtlicher Ansprüche gegenüber dem Unternehmen in seinem Heimatland, oder zumindest im Rahmen einer glaubwürdigen Drohung entsprechender Ansprüche. Andererseits ergibt sich die Relevanz aus der Verbraucherschutzperspektive: In Deutschland stellen die Verbraucherzentrale sowie das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz starke Institutionen dar, die den Markt zugunsten des Kunden vor unlauteren, irreführenden oder betrügerischen Angeboten überwachen. Gleiches gilt etwa in den USA für die Federal Trade Commission und zahlreiche bundesstaatliche Institutionen.
In der Folge müssen VPN-Anbieter in Offshore-Staaten nicht nur weniger Datenschutzvorschriften beachten, auch können unlautere Geschäftsmodelle potenziell einfacher verfolgt werden, als in entwickelteren Rechtsstaaten.
Fazit
Wer sich für einen VPN-Anbieter mit Sitz in der EU, Kanada oder den USA entscheidet, nimmt in Kauf, dass dieser Anbieter in der Bekämpfung von Kriminalität unter Umständen mit Justizbehörden oder Nachrichtendiensten zusammenarbeitet. Diese Organe unterliegen einer demokratischen Kontrolle, der Kriminalitätsbekämpfung sollte zudem niemand entgegenstehen. Wer sich für einen Offshore-VPN entscheidet, nimmt in Kauf, dass die Gefahr des Missbrauchs der eigenen Daten zu kommerziellen oder kriminellen Zwecken ungleich größer ausfällt und verzichtet zugleich auf eine Unterstützung durch staatliche Institutionen, die in entsprechenden Fällen Abhilfe schaffen könnten.
Wenngleich wir Offshore-VPNs kein pauschal unlauteres Verhalten unterstellen, fällt unser Fazit eindeutig zugunsten eines transparenten VPN-Angebots aus westlichen Staaten aus. Denn mit der Nutzung eines solchen Dienstes seid ihr nicht nur beim Surfen in öffentlichen Netzwerken und Co. vor ungewollten Blicken geschützt, sondern auch vor einer unfairen Praxis des VPN-Anbieters selbst. In unserer VPN-Bestenliste honorieren wir deshalb transparente Unternehmenspräsentationen mit Zuzügen in der Bewertung, während wir auch auf Nachfrage intransparente Unternehmen in der Wertung abstufen.
Anonym streamen und sicher surfen gelingt mit einem guten VPN-Dienst. Wir haben die besten VPN-Anbieter miteinander verglichen und zeigen, welcher VPN wirklich überzeugt.
Bildquelle: depositphotos.com/dtjs
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