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Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal
Empörung ist angebracht

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Kommentar: Im Netz wird die NSA-Affäre heiß diskutiert, doch auf den Straßen fehlt bisher jede Resonanz. Dabei ist Empörung durchaus angebracht. Netzwelt-Redakteur Mehmet Toprak analysiert die Gründe für die Lethargie.

Während viele Internetnutzer im Zusammenhang mit der Späh-Affäre die große Daten-Apokalypse beschwören, blicken viele Bürger ratlos und fast gelangweilt auf den NSA-Skandal. Ein bisschen mehr Empörung würde der Diskussion gut tun. Am besten, bevor es zu spät ist.

Im Netz empören sich viele über den NSA-Skandal. Auf der Straße allerdings nicht.

Über Geheimdienste habe ich bisher immer gedacht: Ich will gar nicht wissen, was die alles machen. Man könnte hier die vielleicht etwas gewagte These notieren, dass jede Demokratie auch ein paar geheime Ecken braucht. So wie jeder Bürger seine Privatsphäre braucht. Der Geheimdienst arbeitet in der Privatsphäre der demokratischen Gesellschaft.

Inzwischen ist es aber so, dass wir über Geheimdienste mehr wissen als uns lieb ist. Der Prism-Skandal lässt uns nicht los. Alle paar Tage fachen neue Enthüllungen die Diskussion an. Das ist gut. Prism zwingt uns darüber nachzudenken, was wir uns beim Datenschutz im digitalen Zeitalter zumuten wollen und was nicht.

Dummerweise scheint es sehr viele Menschen zu geben, die gar keine Lust haben, groß darüber nachzudenken. Die Frage beschäftigt viele meiner Facebook-Freunde: Warum sind die Leute alle so lethargisch? Warum ist Angela Merkel so beliebt, obwohl sie in der Späh-Affäre scheinbar so tatenlos ist? Warum gibt es keinen Sturm der Entrüstung?

Den gibt es wahrscheinlich aus mehreren Gründen nicht.

Zum einen geschieht das Ausspionieren völlig lautlos und unbemerkt. Da werden irgendwelche Datenpakete von irgendwelchen Servern über irgendwelche Leitungen gezogen, das ist alles so weit weg. Viele Menschen werden erst nervös, wenn ein Typ mit tief ins Gesicht gezogenem Hut vor der Haustür rumsteht. Oder wenn ein Typ von der anderen Straßenseite mit dem Fernglas rüberguckt. Aber solange das Ausspionieren der Daten völlig anonym, völlig lautlos geschieht, stört es auch keinen.

Zum anderen ist ja sozusagen noch nichts passiert. So ist kein Fall bekannt, in dem irgendjemand in den letzten Monaten seine digitale Identität verloren hätte oder irgendwelche persönlichen Gesundheitsdaten öffentlich geworden wären. Erst, wenn wirklich etwas passiert, beginnen Menschen sich zu wehren.

Da es bei den digitalen Jägern und Sammlern der Spionagebehörden vielfach um die Vorbeugung gegen Terroranschläge geht, muss man sogar froh sein, dass nichts passiert. Im Falle eines Terroranschlags würde die momentane Diskussion wahrscheinlich in die entgegengesetzte Richtung gehen. Warum haben die Geheimdienste nicht schneller Zugriff auf Daten? Warum sind nicht überall Kameras? Brauchen wir eine bessere Überwachung? Das sind die Fragen, die dann gestellt werden.

NSA unter Druck

In jedem Fall wäre aber eine grundlegende Diskussion über Datenschutz und Sicherheit im Internetzeitalter angebracht. Derzeit haben wir in gewisser Weise nur den geistlosen Kampf der Giganten, und der heißt NSA gegen Wikileaks. Das ist ein Punkt, der übrigens zurzeit gerne vergessen wird. Es sind nicht nur unbescholtene Bürger in Gefahr, die von Sicherheitsbehörden übers Web beobachtet und kontrolliert werden. Auch die Behörden selbst sind nicht mehr unantastbar. Plattformen wie Wikileaks und "Whistleblower" wie Bradley Manning und Edward Snowden haben es sich zur Aufgabe gemacht, das geheime Treiben der Behörden und Regierungen öffentlich zu machen. Mit ziemlich spektakulärem Erfolg, denn das Spionage-Schlachtschiff der NSA hat gerade mächtig Schlagseite.

Kein Geheimdienst, keine Privatsphäre

Das ist die doppelte Seite der Transparenz, von der alle so schwärmen. Technisch wird sie erst durch das Internet möglich gemacht. Sie raubt dem Bürger die Privatsphäre. Sie raubt aber auch dem Geheimdienst das Wichtigste was er hat: das Wörtchen geheim.

Auch im Zeitalter von Web 2.0 ist Privatsphäre kein veraltetes Konzept. Es ist also höchste Zeit, dass sich die Politik daran macht, dem Bürger sein Stückchen Privatsphäre zurückzugeben. Erst dann kriegen auch Geheimdienste das zurück, was sie für ihre Arbeit nun mal brauchen: das Wörtchen geheim.

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  • Babso schrieb Uhr
    AW: Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal

    Wissen ist Macht. Ich frage mich, was die mit dem Wissen noch anfangen wollen und werden. Es werden scheinbar nicht nur Private Bürger, sondern auch die Regierung, Behörden sowie die Industrie spioniert und somit evtl. Erfindungen der Firmen gestohlen, wer weiß was stimmt und was nicht. Tatsache ist, dass wir alle schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten wissen, dass wir abgehört werden. Und jeder der im Internet unterwegs ist, war noch nie sicher. Wenn ich einkaufen fahre, kann man mir auch hinterher fahren. Aber in meiner Wohnung sollte keiner einbrechen. Dafür sollte die NSA bestraft werden und nicht Snowden. Ich finde, dass ein abfangen der Daten, auf der Datenautobahn i.O. ist, hingegen ein Einbruch via. Trojaner oder sonstiges verboten. Denn schließlich sollte jeder verantwortlich mit den Eingaben im Netz umgehen. Man stelle sich nur die Probleme, Strafverfolgungen bei Internetverbrechen vor, wenn alles extrem gesichert wird. Ich denke dabei z.B. an unsere Kinder die in Chat's auf diverse Nachrichten reinfallen.
  • justanotherdude schrieb Uhr
    AW: Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal

    Das mMn schlimmste an der ÜBerwachung ist, neben dem "Generalverdacht" gegen alles und jeden vor allem das, was niemand gern zugibt: Es bringt nichts. In Sachen NSU bspw. hat der BND trotz groß angelegter Überwachung innerhalb von 10 Jahren keinen Anschlag verhindern können. Auch die Aussage Obamas, dass 100% Sicherheit nicht zusammen mit !00% Privatsphäre geht ist sinnlos. Denn es kann per se weder das Eine noch das Andere geben. Vor ein paar Jahren sah ich eine Dokumentation über Schläferzellen. DIe kommunizierten von Mensch zu Mensch. Ergo ist da nicht viel mit elektronischer Überwachung. Also nochmal in aller Duetlichkeit: NSA, BND und alle zusammen können soviel überwachen, wie sie möchten, es wird jedoch nicht ansatzweise zu mehr Sicherheit beitragen. Eher zu verunsicherten Menschen, die plötzlich Paranoia und Zweifel an ihrer weißen Weste bekommen.
  • YouCantTakeMySoul schrieb Uhr
    AW: Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal

    Die Geheimdienste und Regierungen dürfen machen was sie wollen, Webentwickler und Internet Service Provider hingegen bekommen immer mehr Steine in den Weg gelegt und kassieren nicht selten teure Abmahnungen weil sie die Sicherheit ihrer Anwendungen bzw. Server gewährleisten wollen und müssen. Siehe das IP-Adressen-Dilemma. Betrachtet man es allerdings von der Seite eines Geheimdienstes ist dass ja ne super Sache. Denn sie müssen weniger aufwand betreiben, um an die Informationen zu kommen die sie nun mal gerne haben und seien sie noch so belanglos für die Sicherheit der Bereiche für die sie die Verantwortung tragen. Das ganze wird dann auch noch dadurch potenziert, dass sich nicht jeder Webseitenbetreiber eine SSL- oder TLS-Verschlüsselung leisten kann oder will und ferner TLS nicht einmal von jedem Browser unterstützt wird, sei er auch noch so aktuell. Und das was es zum überlaufen bringt ist der Basis-Virus den jeder auf seinem Computer hat - das Betriebssystem egal ob Windows oder LINUX... Naja aber wir Deutschen lassen ja schon immer alles mit uns machen und schalten jeden Tag aufs neue freiwillig die Gehirnwäsche-Maschinen an, ob TV, Radio... Hoch lebe der Muster-Sklave.

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Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal
Kommentar: NSA oder der langweilige Datenskandal
Die Späh-Affäre um die NSA sorgt im Internet für Unmut, auf den Straßen tut sich jedoch nichts. Netzwelt-Redakteur Mehmet Toprak weiß warum. Ein Kommentar.
http://www.netzwelt.de/news/96695-kommentar-nsa-langweilige-datenskandal.html
2013-07-26 15:35:54
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