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Kommentar: Kein Zeitdruck dank Internet
Ein breites Band miteinander verwobener Handlungsstränge

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Internet und digitale Medien werden häufig für die zunehmende Arbeitsbelastung und den Stress in der modernen Welt verantwortlich gemacht. Aber stimmt das wirklich? Die neuen Techniken könnten auch dazu beitragen, dass wir den Alltag gelassener angehen. Sie könnten sogar unser Verständnis von Zeit grundlegend verändern.

Es ist vielleicht ein verrückter Gedanke: Kann es sein, dass Internet und digitale Medien unser Verhältnis zur Zeit verändern? Dass sie unser Verhältnis zur Zeit vielleicht sogar entspannen? Der Gedanke erscheint erstmal nicht besonders nahe liegend.

Wenn wir über die moderne Arbeitswelt diskutieren, fallen häufig Schlagworte wie Termindruck, Arbeitsverdichtung und Burn-out. Alles muss immer schneller gehen, Mitarbeiter müssen ständig verfügbar sein, abends noch E-Mails beantworten und so weiter. Das klingt nicht gerade nach einem entspannten Verhältnis zur Zeit.

Trotzdem gibt es Indizien dafür, dass die digitalen Medien der Tyrannei der Uhr entgegenwirken könnten.

E-Mail: Zerstückelter Schriftverkehr 

Da ist zum Beispiel die Veränderung der schriftlichen Kommunikation über das Medium E-Mail. Einen Brief musste man früher innerhalb eines bestimmten Zeitraums beantworten. Da die Post ein bis zwei Tage für die Zustellung benötigt, entsteht ein gewisser Zeitdruck, wenn man nach Erhalt des Briefes zu lange mit der Antwort zögert. Außerdem ist das Schreiben eines Briefes immer mit einem gewissen Arbeitsaufwand verbunden. Deshalb sollte der Schreiber alles, was er zu sagen hat, auch im Brief niederlegen und nichts vergessen.

Bei der E-Mail läuft das zwangloser. Eine E-Mail ist in Sekundenschnelle beim Empfänger, deshalb hat man für eine Mail mehr zeitlichen Spielraum. Es entfällt auch der Druck, jede Anfrage perfekt und umfassend zu beantworten. Man kann, wenn einem nachträglich etwas eingefallen ist, schnell eine zweite E-Mail nachschieben.

Früher gab es den Brief und ein paar Tage oder Wochen später eine Antwort. Heute herrscht ein loses Hin und Her von elektronischen Wortfetzen. Zumindest in der Theorie hat dies das Potenzial, den Druck zu senken. Die einzelne E-Mail muss nicht mehr sofort geschrieben werden und muss nicht mehr alle Fragen beantworten.

Videokonferenzen

Auch die Videokonferenz hat das Potenzial, die bei vielen Mitarbeitern verhassten Meetings positiv zu verändern. Erstens können Videokonferenzen kürzer sein, weil nur noch die Mitarbeiter teilnehmen, die tatsächlich nötig sind. In klassischen Meetings, die Chefs gerne einberufen, damit alle Mitarbeiter auf den neusten Stand gebracht werden, sitzen dann vielfach auch diejenigen Kollegen, die gar nichts zum Thema beizutragen haben. Sie verlieren dadurch Zeit für ihre eigentliche Arbeit, und müssen danach umso schneller arbeiten.

In Videokonferenzen hingegen kommen nur diejenigen zusammen, die sich über ein bestimmtes Thema oder ein Projekt konkret austauschen müssen. Auch der Termindruck ist bei der Videokonferenz nicht so hoch wie bei einem Meeting, weil der Weg dahin - und sei er noch so kurz - entfällt. Man muss also nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt gut vorbereitet an einem bestimmten Ort sein, die Videokonferenz startet einfach, wenn alle am Arbeitsplatz sind und Zeit haben.

Das ist natürlich eine Idealvorstellung, aber im Prinzip hat das Medium das Potenzial, Zeit zu sparen und damit auch den Zeitdruck zu mindern.

Informationsrecherche jederzeit

Wer früher nach Informationen gesucht hat, musste in Bibliotheken und Archive gehen und sich an bestimmte Öffnungszeiten halten. Damit sich der Besuch in der Bibliothek oder im Archiv auch lohnt, musste die Zeit intensiv genutzt werden. Bei der Informationssuche im Internet läuft das wesentlich entspannter. Zum einen entfällt die Anfahrt, zum anderen kann man recherchieren, wann und wie lange man will. Die Bibliothek Internet schließt niemals und deshalb läuft auch die Informationsrecherche entspannter.

Die Vorteile des Multitasking

Die ständige Verfügbarkeit von Internet und digitalen Medien fördert den Trend zum Multitasking. Nun ist Multitasking in den letzten Jahren stark in Verruf geraten, weil Psychologen herausgefunden haben, dass die Tendenz mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, keineswegs zu besserer Leistung führt. Ganz im Gegenteil.

Trotzdem kann Multitasking auch sein Gutes haben. Wer nämlich mehrere Aufgaben hat und diese nicht hintereinander bewältigt, sondern mehr oder weniger zwanglos zwischen diesen hin und her wechselt, gewinnt auf diese Weise auch ein Stück Freiheit dazu. Er wechselt jeweils zu der Aufgabe, die ihm gerade passt oder für die der Zeitpunkt gerade günstig ist.

Verschmelzung von Arbeits- und Berufswelt

Gern diskutiert wird zurzeit auch die Verschmelzung von Arbeits-und Berufswelt. Viele Arbeitnehmer und Experten kritisieren den Zwang zur ständigen Verfügbarkeit und beklagen, dass die "Work-Live-Balance" durcheinander geraten sei.

Die Diagnose ist zunächst richtig. Wer auch am Freitagabend noch E-Mails beantworten muss oder am Wochenende fürs Projekt schuftet, für den ist der Begriff "Work-Live-Balance" ein Hohn. Doch die Verschmelzung von Arbeit und Beruf kann manchmal auch ihr Gutes haben. Sie hat nämlich zur Folge, dass beide Bereiche für sich genommen immer diffuser und undefinierter werden. In der Arbeit werden Freizeitaktivitäten eingeschoben, im Privatleben Aufgaben für den Job erledigt.

Zudem verändert sich der zeitliche Verlauf und die Dramaturgie des produktiven Lebens. Der Mensch im Büro, der während der Arbeitszeit mal schnell eine eBay-Auktion einschiebt, bremst seinen Arbeitsfluss. Wenn er aber freitagabends zu Hause eine berufliche E-Mail beantwortet, die er andernfalls erst am Montag nach der ersten Konferenz beantworten würde, beschleunigt er den Arbeitsfluss wieder.

Arbeitsleben und Privatleben waren bisher parallele Handlungsstränge. Mithilfe der digitalen Medien werden diese Handlungsstränge miteinander verwoben.

Die Zeit ist ein breites Band

Das muss auf Dauer auch einschneidende Folgen für unseren Umgang mit der Zeit haben. Statt verschiedene Linien unabhängig voneinander zu verfolgen, von denen jede für sich unerbittliche Forderungen an Pünktlichkeit und Verfügbarkeit stellen, bewegt sich der moderne Mensch in Zukunft auf einem breiten Band miteinander verwobener Handlungsstränge.

Unsere bisherige Vorstellung von Zeit basiert auf einer Linie, die von Terminen gepunktet wird. Diese Punkte werden in Zukunft ihre gnadenlose Verbindlichkeit verlieren, stattdessen wird die Zeit in Phasen und Übergängen verlaufen, innerhalb derer wir uns bewegen.

Ja, das klingt alles sehr schönfärberisch. Und ja, auch dieser Kommentar ist unter einem gewissen Zeitdruck entstanden.

Doch es reicht nicht, immer nur die negativen Folgen der Digitalisierung des Alltags zu beklagen. Wir sollten schon ab und zu die Frage untersuchen, welche positiven Möglichkeiten Internet und neue Medien für uns bereithalten können. Ein verändertes Verständnis von Zeit gehört auf jeden Fall dazu.

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Internet und digitale Medien werden häufig für die zunehmende Arbeitsbelastung und den Stress in der modernen Welt verantwortlich gemacht. Aber stimmt das wirklich? Die neuen Techniken könnten auch dazu beitragen, dass wir den Alltag gelassener angehen. Sie könnten sogar unser Verständnis von Zeit grundlegend verändern.

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Kommentar: Kein Zeitdruck dank Internet
Kommentar: Kein Zeitdruck dank Internet
Es wäre doch möglich, dass die digitale Welt uns nicht immer mehr stresst, sondern im Gegenteil - sie unser Verhältnis zur Zeit verändert.
http://www.netzwelt.de/news/95845-kommentar-kein-zeitdruck-dank-internet.html
2013-05-12 15:49:03
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Kommentar: Kein Zeitdruck dank Internet