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Kommentar: Gefangen im Netz der Ablenkung
Prokrastination 2.0

von Katharina Nocun Uhr veröffentlicht

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Prokrastination ist die süßeste Versuchung, seit es Ablenkung gibt. Wer prokrastiniert, tut alles mögliche. Nur eben nicht das, was er eigentlich tun sollte. Und das Netz ist die perfekte Umgebung dafür.

Erst einmal E-Mails checken. Dann noch schnell die Nachrichten und den Wetterbericht überfliegen. Kurz noch die Sportergebnisse vom Wochenende abrufen... Und schon ist die erste halbe Stunde im Netz rum. Dabei hatte man eigentlich was ganz anderes vor, als man den Rechner angemacht hatte. Was war das doch gleich?

Gegen die größte Versuchung seit es Ablenkung gibt hilft einzig und allein Selbstdisziplin. (Quelle: BY flickr.com hang_in_there)

Das Prokrastinations-Studium

Das Fachwort für Aufschieberitis, Prokrastination, leitet sich aus dem Lateinischen von procrastinatio, zu deutsch "Vertagung", ab. Besonders für Studenten ist die ständige Ablenkung eine besondere Herausforderung. Christiane M. (Name von der Redaktion geändert) berichtet, dass bei ihr Ablenkung einen Großteil der eigentlichen Lernzeit ausgemacht hat. "Zum Lernen bin ich immer in die Uni-Bibliothek gegangen und habe meinen Laptop mitgenommen. Doch anstatt an der Abschlussarbeit zu schreiben, habe ich gut ein Drittel der Zeit mit Chatten und Facebook verbracht", so die ehemalige Studentin.

Und auch einer von Christianes damaligen Kommilitonen ergänzt: "Von 90 Prozent der Bibliotheks-Recherchebildschirme lacht einen doch Facebook an. Anstelle von wissenschaftlichen Abhandlungen werden Urlaubsfotos geklickt oder Schuhe bestellt." Christiane M. hat irgendwann die Notbremse gezogen. Beim neuen Rechner richtete sie den Netzwerkzugang für die Uni einfach nicht wieder neu ein. Statt ständig vernetztem Lernen schrieb sie ihre Arbeit ganz altmodisch ohne Internetzugang in der Bibliothek. Das Smartphone wurde im Schließfach verbannt. "Mit Internetverbindung komme ich zu nichts. Mir fehlt da einfach die Selbstbeherrschung", sagt die Sozialwissenschaftlerin. Damit ist sie nicht allein.

Milliardenverlust durch Soziale Netzwerke

Das Wort "Link" leitet sich zwar nicht von "Ablenkung" ab, für viele Netznutzer würde das aber sehr viel Sinn machen. Einst tönte aus dem Büro der Sachbearbeiterin leise das Radio über den Flur. Ab und an leises Tuscheln auf dem Gang, wenn die Raucher nach ihrer Pause zurück in die Büros huschten. Der rituelle Kaffeeplausch mit den Kollegen ist jetzt aber rund um die Uhr verfügbar - und sehr verlockend.

Eine Studie des Providerverbands Eco schätzt den jährlichen Schaden durch die Nutzung Sozialer Netzwerke während der Arbeitszeit und Ablenkung in Form von sinnlosen Mails auf 500 Milliarden Euro weltweit. Viele Unternehmen sind längst dazu übergegangen, an den Mitarbeiterrechnern Seiten wie Facebook, Ebay oder Twitter zu sperren. Viele Arbeitgeber legen mittlerweile auch ganz klar im Arbeitsvertrag fest, was geklickt werden darf und was nicht. Wer zu oft falsch klickt, fliegt raus. Doch so lange das Smartphone in der Tasche dazu einlädt, das extrem wichtige Gebot bei Ebay zu verfolgen, sind selbst radikale Methoden wie Seitensperrungen keine Garantie für konzentriertes Arbeiten.

Martin B. kann auch während der Arbeit nicht die Finger von Facebook und Twitter lassen: "Ich glaube, bei mir ist es der emotionale Kick durch Kommentare und Retweets, den ich mir dort abhole. Und so logge ich mich pro Tag oft bis zu zehn Mal ein und aus. Obwohl ich mir jedes Mal vornehme, es sei das letzte Mal für diesen Tag."

Auf der ewigen Suche

Wer nach dem Grund für die ständige Ablenkung sucht, findet viele Antworten. Für Fans von Online-Shopping spielt mit Sicherheit die unendliche Menge von unterschiedlichen Angeboten eine Rolle. "Wenn ich in der Stadt einkaufen gehe, habe ich meine drei bis vier Läden, bei denen ich vorbeischaue. Wenn ich dort nichts finde, lasse ich es meist", so Carmen S., begeisterte Nutzerin von Online-Shopping-Portalen und Rabatt-Königin. "Heute verbringe ich Stunden damit, nach dem einen richtigen Sommerkleid zum richtigen Preis zu suchen." Doch so richtig glücklich über die neue Vielfalt scheint sie nicht zu sein. Die Fülle der Angebote sei nicht selten überwältigend, gibt sie auf Nachfrage zu. "Ich habe immer das Gefühl, nur noch ein Klick und ich finde das eine richtig gute Angebot." Wirklich Zeit spare sie zwar so beim Einkauf nicht. Und einige Einkäufe werden auch als Fehlkauf im digitalen Kaufrausch umgehend umgetauscht.

Die Suche nach Schnäppchen trifft jedoch nicht nur bei Carmen S. auf einen Urtrieb. Als Jäger und Sammler klicken wir uns endlos durchs Netz. Schnelle und kurzweilige Belohnungen nach jedem Klick in Form von neuen Angeboten und Informationen halten uns bei der Stange. Der nächste Endorphinausstoß ist immer nur einen Klick entfernt. Bis der Tag schon fast gelaufen ist. Und wirklich erledigt hat man meist wenig. Dafür aber den Warenkorb randvoll mit tollen Angeboten - nach denen man aber eigentlich gar nicht gesucht hatte.

Die süße Versuchung: Prokrastination

Prokrastination an sich ist ein uraltes Phänomen. Auch ohne Internet würden Studenten immer dann anfangen, die dreckige WG-Küche zu schrubben, wenn eigentlich Büffeln für die Klausur angesagt wäre. Dieses Naturgesetz galt wahrscheinlich schon zu Zeiten von Goethe und Schiller. Das Netz ist trotzdem ein ganz neues und besonders verlockendes Biotop für Prokrastination.

Für Menschen, die sich gerne ablenken lassen, ist es daher fatal, dass bei Studium und Arbeit diese endlose Quelle der Prokrastination auf sie wartet. Hier ist Selbstbeherrschung gefragt. Vielleicht muss man einfach nur das richtige Maß finden. Wie sagt man so schön: Die Dosis macht das Gift. Denn eigentlich spricht erst einmal nichts dagegen, morgens die Mails zu checken und die wichtigsten Nachrichten zu überfliegen. Und den Plausch mit den Kollegen kann man ja trotz Internet immer noch halten. Wer aber auch am heimischen Rechner ständig abgelenkt wird, kann als letzten Ausweg beim Arbeitgeber nach der passenden Sperrsoftware für den eigenen Browser fragen. Oder auch besser nicht.

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