Sie sind hier:
 

Cybermobbing: Üble Nachrede im Netz
Mobbing 2.0

von Katharina Nocun Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Es wird gelästert und gestänkert - damals wie heute. Wenn Betroffene online verspottet werden, kann sie das unter Umständen bis nach Hause und über Jahre hinweg verfolgen. Vor allem Kinder und Jugendliche werden Opfer von Cybermobbing. Eine gefährliche Entwicklung.

Der Name Amanda Todd ging um die Welt. Die 15-jährige kanadische Schülerin dokumentierte mit einem Video vor ihrem Selbstmord das jahrelange Martyrium durch Cybermobbing. Der Fall löste weltweit eine Debatte um die Schikanen im Netz aus, denn Cyberbulling oder auch Cybermobbing kann ernsthafte - manchmal tödliche - Folgen haben.

Ein Viertel aller Jugendlichen hat Cybermobbing im eigenen Umfeld erlebt.

Was ist neu an Cybermobbing?

Unser soziales Netzwerk verlagert sich immer mehr in die digitale Welt, die Lebenswirklichkeit spielt sich zu großen Teilen online ab. Sich aus dieser Realität zurück zu ziehen, wird immer schwieriger.

Mobbing an sich ist nicht neu. Gelästert und gestänkert wurde schon immer. Der Untschied zu heute ist, dass die Hetze im Netz nicht einfach ignoriert werden kann, denn Reichweite und Geschwindigkeit nehmen in Kombination mit digitalen Medien zu. Betroffene geben an, dass sie die digitalen Feldzüge als weitaus schlimmer empfinden als beispielsweise Mobbing auf dem Schulhof. Denn selbst nach Schulschluss haben sie keine Ruhe. Neu ist auch, dass die gemeinen Kommentare nur schwer aus dem Netz zu tilgen sind und die Betroffenen auch nach Jahren noch unter dem Stigma leiden, während Hänseleien auf dem Schulhof irgendwann in Vergessenheit geraten.

Wie verbreitet ist Cybermobbing?

Eine repräsentative Studie von 2012 des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest belegte, dass 15 Prozent der 12- bis 19-jährigen Internetnutzer mindestens einmal erlebt haben, dass im Internet Falsches oder Boshaftes über ihre Person verbreitet wurde. Rund 16 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass peinliche oder beleidigende Videos oder Fotos online gestellt wurden. Mehr als ein Viertel aller befragten Jugendlichen hat im Freundeskreis miterlebt, dass ungewollte Posts im Netz zum Problem wurden. Fast genauso viele gaben an, dass Bekannte mindestens einmal systematisch im Netz fertiggemacht wurden.

Wer sind die Täter?

Die Täter kommen wie beim analogen Mobbing meist aus dem eigenen sozialen Umfeld. Oft ahnen die Opfer, wer sich hinter den Attacken verbirgt. Nur sehr selten handelt es sich bei ihnen um völlig fremde Personen.

Das psychologische Strickmuster ist simpel: Den Tätern geht es meist darum, die eigene Macht zu demonstrieren und die eigene Position innerhalb einer Gruppe zu stärken. Er grenzt systematisch jemanden aus und stiftet seine eigenen Freunde an, mit gemeinsamen Aktionen gegen das Opfer vorzugehen - damit erhöht er das Gruppengefühl und gilt durch seine "Stärke" als cool. Dabei wurden die Täter meist selbst vorher Opfer von Mobbing. Indem sie vom Gejagten zum Jäger werden, versuchen sie, ihren angestauten Frust loszuwerden.

Doch das vermeintliche Gruppengefühl täuscht. Viele Mitläufer in großen Gruppen haben lediglich Angst, selbst Opfer zu werden, wenn sie nicht mitmachen.

Woran man Cybermobbing erkennt

Die meisten Fälle von Mobbing und systematischen Hetzjagden finden im Verborgenen statt. Für Eltern, Lehrer und Freunde ist es daher schwierig, rechtzeitig zu erkennen, wenn jemand zum Opfer wird. Das gilt umso mehr für Cybermobbing, da die Eltern meist nicht auf den gleichen Plattformen wie ihre Kinder aktiv sind.

Häufiges Schwänzen der Schule und plötzlich schlechtere Noten können erste Anzeichen sein, wenn Kinder oder Jugendliche Opfer von Mobbing geworden sind. Psychosomatische Folgen sind häufig Essstörungen, Schlafprobleme und Migräne. Die Opfer sind öfter krank und nicht selten kommt es zu selbstverletzendem Verhalten.

Auch die Weigerung, an Schulfreizeiten teilzunehmen, sollte von Eltern ernst genommen werden. Wenn sonst lebhafte Kinder und Jugendliche plötzlich verschlossen und einsilbig werden oder sich in Fantasiewelten flüchten, ist Vorsicht angebracht. Solche Symptome werden häufig mit pubertären Phasen verwechselt - gerade deswegen sollte man gezielt darauf achten und Mobbing in Betracht ziehen.

Erste Hilfe bei Cybermobbing

Für die Betroffenen ist es wichtig, mit dem Problem nicht allein gelassen zu werden. Zahlreiche Beratungsstellen und Sorgentelefone bieten Hilfe für Jugendliche und Eltern, die einen ersten Anlaufpunkt suchen. Bei Mobbing in der Schule sollte unbedingt Kontakt zwischen Eltern, Schulpsychologen, Betroffenen und einem Vertrauens- oder Klassenlehrer hergestellt werden, um gemeinsam Lösungen zu finden. In jedem Fall sollte das Mobbing-Opfer mit einbezogen werden. Wer über den Kopf der Betroffenen hinweg Maßnahmen ergreift, könnte das Problem noch verschlimmern.

Auch der oder die Täter müssen mit den Auswirkungen konfrontiert werden - genauso wie alle Mitläufer, hilflose Eltern und Freunde, die nicht rechtzeitig eingegriffen haben.

Immer mehr Schulen - aber längst nicht alle - reagieren auf das Phänomen Cybermobbing und bieten spezielle medienpädagogische Schulungen und Projekte an. Aber auch die Eltern müssen ihre Kinder darauf sensibilisieren, was sich im Netz gehört und was ein absolutes No-Go ist. Es muss klar gemacht werden, dass nicht etwa das Opfer ein Problem hat, sondern die Gruppe oder der Täter.

Cybermobbing als Straftat

Cybermobbing ist ein schwerwiegendes Vergehen und kein Kavaliersdelikt. Wenn strafrechtlich relevante Vorfälle hinzukommen, kann ein Gang zur Polizei sinnvoll sein. Erpressung und sexuelle Belästigung, wie bei der Schülerin Amanda Todd, sind solche Fälle. Wenn im Netz Bilder oder Videos kursieren, deren Veröffentlichung der Betroffene nicht zugestimmt hat, stellt das in der Regel einen Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht dar und man kann eine Löschung erwirken.

Wenn auf öffentlich zugänglichen Online-Plattformen Beleidigungen oder Lügen über eine Person verbreitet werden, haben Betroffene einen Unterlassungsanspruch gegenüber den Tätern. Alternativ kann auch gleich eine Anzeige wegen Verleumdung oder übler Nachrede gestellt werden. Wenn das Cybermobbing über nicht öffentliche Kanäle stattfindet, kann bei systematischen Vorfällen das Anti-Stalking-Gesetz greifen. In jedem Fall sollte das Opfer Beweismittel sicherstellen.

Das Internet kann vergessen

Es empfiehlt sich, den Kontakt zu Plattformbetreibern zu suchen, wenn als Teil des Cybermobbing Fotos, Bilder oder Nachrichten verbreitet werden, die den Ruf schädigen. Nicht wenige Netzwerke haben mittlerweile spezielle Anlaufstellen bei Cybermobbing und bieten an, die kritischen Inhalte zu löschen. Bei Videoplattformen kann man in der Regel Inhalte melden. Grundsätzlich können Betroffene immer anfragen oder Beschwerde einlegen. Sollten diese Möglichkeiten nicht gegeben sein, hilft oft nur noch ein Anwalt. Die meisten Anbieter sind bei Beschwerden über Cybermobbing aber kooperativ.

Sperren, Blocken, Löschen

Wer in Sozialen Netzwerken oder über Messenger von anderen Teilnehmern belästigt wird, sollte diese Nutzer konsequent in der eigenen Kontaktliste sperren. Der Reiz für die Täter verliert sich schnell, sobald das Opfer nicht auf die Beleidigungen reagiert.

Bei Facebook sollten die Einstellungen so geändert werden, dass Fremde nicht auf die eigene Wall posten können. Auch Twitter bietet an, Nutzer zu blocken, damit diese nicht mehr an oder über einen schreiben können. Bei Messengern kann man meist einstellen, von wem man Nachrichten empfangen möchte und sollte hier konsequent fremde oder unbekannte Inhalte blocken. Auch in seinem E-Mail-Account kann man Spam-Filter entsprechend anpassen.

Wenn die Täter trotzdem einen Weg finden, ihr Opfer zu tyrannisieren, hilft nur noch eines: Den Provider wechseln, sich aus den Sozialen Netzwerken abmelden und eine neue Telefonnummer zulegen.

Fazit

Mobbing und Gemeinheiten von Gruppen gegen Einzelne sind so alt wie die Menschheit selbst. Im Web 2.0 hat es sich aber zu einem Problem entwickelt, das mehr als harmloser Nebeneffekt unserer digitalen Welt geworden ist. Wer einmal zum Opfer der Hassattacken wird, hat es schwer, sich gegen die Täter zu wehren. Abgesehen vom persönlichen Ruf, der massiv geschädigt wird, leiden die Betroffenen häufig noch lange unter den psychischen Folgen.

Die Verantwortung liegt daher vor allem bei Mitwissern, Angehörigen und Freunden. Wer Zeuge von Cybermobbing wird, sollte nicht wegsehen, sondern dem Opfer seine Hilfe anbieten. Täter müssen zur Rechenschaft gezogen und mit ihrer Straftat konfrontiert werden. Wer nicht hilft und handelt, trägt möglicherweise dazu bei, dass das Opfer - wie Amanda Todd - keinen anderen Ausweg als den Freitod sieht.

Kommentare zu diesem Artikel

Es wird gelästert und gestänkert - damals wie heute. Wenn Betroffene online verspottet werden, kann sie das unter Umständen bis nach Hause und über Jahre hinweg verfolgen. Vor allem Kinder und Jugendliche werden Opfer von Cybermobbing. Eine gefährliche Entwicklung.

Deine Meinung ist gefragt. Diskutiere im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt diskutieren!

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
37454
Cybermobbing: Üble Nachrede im Netz
Cybermobbing: Üble Nachrede im Netz
Rund ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland hat im eigenen Umfeld Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht.
http://www.netzwelt.de/news/95376-cybermobbing-ueble-nachrede-netz.html
2013-03-14 13:21:15
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/werbefirmen-netzwerke-nutzerdaten-kindern-interessiert-bild-netzwelt-17408.jpg
News
Cybermobbing: Üble Nachrede im Netz