Ein Bericht und seine Folgen

Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

Amazon.de ist derzeit heftiger Kritik ausgesetzt: Shitstorms und Boykottaufrufe im Netz, reißerische Medienberichte und Klärungsforderungen aus der Politik sind an der Tagesordnung. Auslöser ist eine Reportage über die schlechten Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum Bad Hersfeld. Bei netzwelt meldeten sich nun Amazon-Mitarbeiter zu Wort, die sich auf die Seite des Unternehmens stellen. Offenbar besitzt der Arbeitgeber Amazon mehr als ein Gesicht.

?
?

Eine ARD-Reportage deckt auf, wie Amazon.de seine günstigen Preise halten kann. (Bild: Screenshot ardmediathek.de)
Die Reportage deckt auf, wie Amazon.de seine günstigen Preise halten kann. (Bild: Screenshot ardmediathek.de)

Inhaltsverzeichnis

  1. 1Überzogene Kritik?
  2. 2Schlechte Behandlung
  3. 3"Drei-Klassen-Gesellschaft bei Amazon"
  4. 4Reimann: Leistungsdruck ist zu hoch
  5. 5"Beide Seiten sehen"

Seit der Erstausstrahlung der Reportage "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" in der ARD schlagen dem Online-Versand Wellen der Entrüstung entgegen. Der Shitstorm auf der Facebook-Seite des Unternehmens war nur der Anfang. Im Sozialen Netzwerk haben sich inzwischen mehrere Gruppen gegründet, die zum Boykott von Amazon aufrufen. Gruppierungen mit Namen wie "Amazon Boykott Deutschland Ich bin dabei" verbuchen bereits mehrere tausend Gefällt mir-Angaben. Eine andere Gruppe fordert Nutzer dazu auf, am 28. Februar kollektiv den eigenen Amazon-Account zu löschen und dadurch ein Zeichen zu setzen. Über 500 Personen wollen an der Veranstaltung teilnehmen. 

Netzwelt gegenüber äußerten sich nun jedoch zwei Amazon-Mitarbeiter, die die Kritik an ihrem Arbeitgeber als überzogen erachten.

Werbung

Überzogene Kritik?

"Ich bin es leid, mich vor Freunden rechtfertigen zu müssen, weil ich angeblich in einem Nazi-Unternehmen arbeite", äußerte sich ein direkt bei Amazon Deutschland beschäftigter Angestellter, der anonym bleiben möchte, gegenüber netzwelt.

Beispielsweise sei das in der Reportage kritisierte Sicherheitsunternehmen H.E.S.S.(Hensel European Security Service), das die Leiharbeiter in ihren Unterkünften bewachte, erst engagiert worden, nachdem es im vorangegangenen Jahr zu Auseinandersetzungen zwischen den Leiharbeitern kam. Dies berichteten die beiden Mitarbeiter unabhängig voneinander. 

"Dass die Leute korrekt behandelt werden müssen, steht aber natürlich außer Frage", betonte die Quelle. Die "gute Behandlung" der Leiharbeiter wurde von den beiden Journalisten des Hessischen Rundfunks Diana Löbl und Peter Onneken allerdings in Frage gestellt.

Schlechte Behandlung

In ihrer Reportage berichten sie von einem Sicherheitskonzept, das auf Einschüchterung und Kontrolle basiert. Die Mitarbeiter, mit denen netzwelt sprach, kennen das Sicherheitsunternehmen nur aus Erzählungen. "Natürlich reden die Mitarbeiter untereinander und man hört Verschiedenes. Dass es dort aber so schlimm ist, das war mir nicht bekannt." Es sei gut, dass die, "die sowas mitorganisieren und dies wissen", zur Verantwortung gezogen würden. 

Eine unserer Quellen arbeitet ebenfalls in einem Logistikzentrum von Amazon und hat bereits zwei Weihnachtsgeschäfte mitgemacht. Den Online-Versand empfand der Informant jedoch nicht als schlechten Arbeitgeber: "Vor Weihnachten gibt es für die Mitarbeiter immer wieder kleine Geschenke, um uns den Stress etwas zu erleichtern. Es gibt mal Stollen für alle umsonst, an Nikolaus einen Schokoladenweihnachtsmann, die Getränkeautomaten sind freigeschaltet." Von einem aktiven Betriebsrat und sogar kleinen Überraschungen ist die Rede. "Einmal war sogar Bodo Bach da, der in der Pause eine lustige Vorstellung gehalten hat."

Die Arbeit im Lager, das sogenannte "Picken", also das Heraussuchen der Ware aus dem Regal, und vor allem die Arbeit am Fließband beim Verpacken, sei kein Zuckerschlecken. Amazon sollte aber auf gar keinen Fall in die "rechte Ecke" geschoben werden. Speziell auf Facebook tauchen inzwischen immer häufiger entsprechende Aussagen auf, die Amazon mit Neo-Nazis in Verbindung bringen.

Ein Beitrag auf Facebook bringt Amazon mit der Neo-Nazi-Szene in Verbindung. (Bild: Screenshot facebook.com)
Ein Beitrag auf Facebook bringt Amazon mit der Neo-Nazi-Szene in Verbindung. (Bild: Screenshot facebook.com)

Grund dafür ist vor allem der Vorwurf der Journalisten, einige Mitarbeiter von H.E.S.S. hätten Kleidung von Thor Steiner getragen, einer Marke, die mit dem rechtsradikalen Milieu in Verbindung gebracht wird. Der Sicherheitsdienst distanzierte sich bereits von entsprechenden Vorwürfen. Amazon kündigte dennoch den Vertrag. Und auch mit dem Dienstleister CoCo Job Touristik, der für die Unterbringung der Leiharbeiter verantwortlich war, will Amazon künftig nicht mehr zusammenarbeiten. Dieser wurde in der Reportage für seinen diskriminierenden Umgang mit den Leiharbeitern kritisiert. Genauso wie einige Betreiber der genannten Ferienparks, die beispielsweise polnische Leiharbeiter bevorzugten, "weil sie nicht so dreckig seien wie andere".

"Drei-Klassen-Gesellschaft bei Amazon"

Heiner Reimann von der Gewerkschaft Verdi - auch er war in der Reportage zu sehen - beeindruckt das schnelle Handeln von Amazon jedoch wenig. In der Vergangenheit habe der Online-Versand bereits mehrmals Dienstleistern gekündigt, die die vertraglich festgelegten Standards nicht erfüllten. Gebessert habe sich aber nichts. Amazon schließt immer wieder neue Verträge mit Dritten ab, legt hohe Standards fest, kontrolliert diese aber nicht. So drehe sich die Spirale weiter. 

Auch die positiven Aussagen der netzwelt-Quellen über den Arbeitgeber Amazon überraschen Reimann nicht: "Bei Amazon herrscht eine klare Drei-Klassen-Gesellschaft. Ganz oben stehen die Festangestellten, dann kommen die befristeten Arbeitnehmer und ganz unten die Leiharbeiter." Der Gewerkschafter gibt im Telefoninterview mit netzwelt zu bedenken: "Um das Logistikzentrum in Bad Hersfeld herum gibt es genug arbeitslose Menschen, die den Bedarf im Weihnachtsgeschäft von Amazon decken könnten." Viele von ihnen hätten auch schon einmal bei Amazon gearbeitet. Der Leistungsdruck führe jedoch dazu, dass die meisten nicht lange blieben. 

Reimann: Leistungsdruck ist zu hoch

Wie in der Reportage zu sehen, werden stattdessen spanische Wanderarbeiter unter falschen Vorzeichen nach Deutschland gelockt. Erst zwei Tage vor Anreise erfuhren sie, dass nicht Amazon, sondern die Leiharbeitsfirma Trenkwalder sie anstellen würde - zu einem schlechteren Lohn. Auch auf der Facebook-Seite von Trenkwalder häufen sich inzwischen die negativen Kommentare.

Als Reaktion auf die Kritik veröffentlichte Amazon die Gehälter der Wanderarbeiter. 1.400 Euro brutto erhalten diese bei einer 37,5 Stundenwoche. Mehr als bei manch anderen Unternehmen in der Region. Dies wertet auch Gewerkschafter Reimann als positiv - sofern die angegebenen Summen auch tatsächlich ausgezahlt wurden. Leiharbeitnehmer würden im Geltungsbereich von Tarifverträgen arbeiten. Die Amazon-Beschäftigten erhalten jedoch keinen.

Auch Reimann hat sich die Situation der Wanderarbeiter aus der Reportage vor Ort angeschaut und bestätigt die Berichterstattung der Journalisten. Er hat zur Verbesserung der Situation der Leiharbeiter eine Petition auf Change.org gestartet. Die Unterschriftenaktion hat ihr Ziel von 30.000 Unterstützern gestern erreicht.

"Beide Seiten sehen"

Den beiden Informanten von netzwelt ist wichtig, dass beide Seiten von Amazon gesehen werden. Es sei gut, dass momentan die Aufmerksamkeit auf die schlechten Aspekte gelenkt wird, "gerade weil es mit dem Umgang von Menschen zu tun hat". Es gäbe aber auch vieles, was gut sei, "sonst hätte Amazon keine Kunden und auch keine Mitarbeiter - und das schon über Jahre." 

Gewerkschafter Reimann stimmt dieser Einschätzung zu. Es mache keinen Sinn, Amazon zu verteufeln. Daher ärgere ihn besonders, wenn Medien ihn falsch zitieren und ihm einen Boykottaufruf in den Mund legen. Daran habe er kein Interesse. Vom größten Online-Versand der Welt fordert er lediglich, mehr Verantwortung zu übernehmen. Reimann ist davon überzeugt: "Amazon kann noch mehr." 

Mehr zum Thema »