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Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon
Ein Bericht und seine Folgen

von Annika Demgen Uhr veröffentlicht

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Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon beherrschen momentan die Schlagzeilen. Doch offenbar hat der Online-Versandhändler als Arbeitgeber mehr als ein Gesicht. Zwei Mitarbeiter haben netzwelt gegenüber für Amazon Stellung bezogen.

Amazon.de ist derzeit heftiger Kritik ausgesetzt: Shitstorms und Boykottaufrufe im Netz, reißerische Medienberichte und Klärungsforderungen aus der Politik sind an der Tagesordnung. Auslöser ist eine Reportage über die schlechten Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum Bad Hersfeld. Bei netzwelt meldeten sich nun Amazon-Mitarbeiter zu Wort, die sich auf die Seite des Unternehmens stellen. Offenbar besitzt der Arbeitgeber Amazon mehr als ein Gesicht.

Die Reportage deckt auf, wie Amazon.de seine günstigen Preise halten kann. (Quelle: Screenshot ardmediathek.de)

Seit der Erstausstrahlung der Reportage "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" in der ARD schlagen dem Online-Versand Wellen der Entrüstung entgegen. Der Shitstorm auf der Facebook-Seite des Unternehmens war nur der Anfang. Im Sozialen Netzwerk haben sich inzwischen mehrere Gruppen gegründet, die zum Boykott von Amazon aufrufen. Gruppierungen mit Namen wie "Amazon Boykott Deutschland Ich bin dabei" verbuchen bereits mehrere tausend Gefällt mir-Angaben. Eine andere Gruppe fordert Nutzer dazu auf, am 28. Februar kollektiv den eigenen Amazon-Account zu löschen und dadurch ein Zeichen zu setzen. Über 500 Personen wollen an der Veranstaltung teilnehmen.

Netzwelt gegenüber äußerten sich nun jedoch zwei Amazon-Mitarbeiter, die die Kritik an ihrem Arbeitgeber als überzogen erachten.

Überzogene Kritik?

"Ich bin es leid, mich vor Freunden rechtfertigen zu müssen, weil ich angeblich in einem Nazi-Unternehmen arbeite", äußerte sich ein direkt bei Amazon Deutschland beschäftigter Angestellter, der anonym bleiben möchte, gegenüber netzwelt.

Beispielsweise sei das in der Reportage kritisierte Sicherheitsunternehmen H.E.S.S.(Hensel European Security Service), das die Leiharbeiter in ihren Unterkünften bewachte, erst engagiert worden, nachdem es im vorangegangenen Jahr zu Auseinandersetzungen zwischen den Leiharbeitern kam. Dies berichteten die beiden Mitarbeiter unabhängig voneinander.

"Dass die Leute korrekt behandelt werden müssen, steht aber natürlich außer Frage", betonte die Quelle. Die "gute Behandlung" der Leiharbeiter wurde von den beiden Journalisten des Hessischen Rundfunks Diana Löbl und Peter Onneken allerdings in Frage gestellt.

Schlechte Behandlung

In ihrer Reportage berichten sie von einem Sicherheitskonzept, das auf Einschüchterung und Kontrolle basiert. Die Mitarbeiter, mit denen netzwelt sprach, kennen das Sicherheitsunternehmen nur aus Erzählungen. "Natürlich reden die Mitarbeiter untereinander und man hört Verschiedenes. Dass es dort aber so schlimm ist, das war mir nicht bekannt." Es sei gut, dass die, "die sowas mitorganisieren und dies wissen", zur Verantwortung gezogen würden.

Eine unserer Quellen arbeitet ebenfalls in einem Logistikzentrum von Amazon und hat bereits zwei Weihnachtsgeschäfte mitgemacht. Den Online-Versand empfand der Informant jedoch nicht als schlechten Arbeitgeber: "Vor Weihnachten gibt es für die Mitarbeiter immer wieder kleine Geschenke, um uns den Stress etwas zu erleichtern. Es gibt mal Stollen für alle umsonst, an Nikolaus einen Schokoladenweihnachtsmann, die Getränkeautomaten sind freigeschaltet." Von einem aktiven Betriebsrat und sogar kleinen Überraschungen ist die Rede. "Einmal war sogar Bodo Bach da, der in der Pause eine lustige Vorstellung gehalten hat."

Die Arbeit im Lager, das sogenannte "Picken", also das Heraussuchen der Ware aus dem Regal, und vor allem die Arbeit am Fließband beim Verpacken, sei kein Zuckerschlecken. Amazon sollte aber auf gar keinen Fall in die "rechte Ecke" geschoben werden. Speziell auf Facebook tauchen inzwischen immer häufiger entsprechende Aussagen auf, die Amazon mit Neo-Nazis in Verbindung bringen.

Ein Beitrag auf Facebook bringt Amazon mit der Neo-Nazi-Szene in Verbindung. (Quelle: Screenshot facebook.com)

Grund dafür ist vor allem der Vorwurf der Journalisten, einige Mitarbeiter von H.E.S.S. hätten Kleidung von Thor Steiner getragen, einer Marke, die mit dem rechtsradikalen Milieu in Verbindung gebracht wird. Der Sicherheitsdienst distanzierte sich bereits von entsprechenden Vorwürfen. Amazon kündigte dennoch den Vertrag. Und auch mit dem Dienstleister CoCo Job Touristik, der für die Unterbringung der Leiharbeiter verantwortlich war, will Amazon künftig nicht mehr zusammenarbeiten. Dieser wurde in der Reportage für seinen diskriminierenden Umgang mit den Leiharbeitern kritisiert. Genauso wie einige Betreiber der genannten Ferienparks, die beispielsweise polnische Leiharbeiter bevorzugten, "weil sie nicht so dreckig seien wie andere".

"Drei-Klassen-Gesellschaft bei Amazon"

Heiner Reimann von der Gewerkschaft Verdi - auch er war in der Reportage zu sehen - beeindruckt das schnelle Handeln von Amazon jedoch wenig. In der Vergangenheit habe der Online-Versand bereits mehrmals Dienstleistern gekündigt, die die vertraglich festgelegten Standards nicht erfüllten. Gebessert habe sich aber nichts. Amazon schließt immer wieder neue Verträge mit Dritten ab, legt hohe Standards fest, kontrolliert diese aber nicht. So drehe sich die Spirale weiter.

Auch die positiven Aussagen der netzwelt-Quellen über den Arbeitgeber Amazon überraschen Reimann nicht: "Bei Amazon herrscht eine klare Drei-Klassen-Gesellschaft. Ganz oben stehen die Festangestellten, dann kommen die befristeten Arbeitnehmer und ganz unten die Leiharbeiter." Der Gewerkschafter gibt im Telefoninterview mit netzwelt zu bedenken: "Um das Logistikzentrum in Bad Hersfeld herum gibt es genug arbeitslose Menschen, die den Bedarf im Weihnachtsgeschäft von Amazon decken könnten." Viele von ihnen hätten auch schon einmal bei Amazon gearbeitet. Der Leistungsdruck führe jedoch dazu, dass die meisten nicht lange blieben.

Reimann: Leistungsdruck ist zu hoch

Wie in der Reportage zu sehen, werden stattdessen spanische Wanderarbeiter unter falschen Vorzeichen nach Deutschland gelockt. Erst zwei Tage vor Anreise erfuhren sie, dass nicht Amazon, sondern die Leiharbeitsfirma Trenkwalder sie anstellen würde - zu einem schlechteren Lohn. Auch auf der Facebook-Seite von Trenkwalder häufen sich inzwischen die negativen Kommentare.

Als Reaktion auf die Kritik veröffentlichte Amazon die Gehälter der Wanderarbeiter. 1.400 Euro brutto erhalten diese bei einer 37,5 Stundenwoche. Mehr als bei manch anderen Unternehmen in der Region. Dies wertet auch Gewerkschafter Reimann als positiv - sofern die angegebenen Summen auch tatsächlich ausgezahlt wurden. Leiharbeitnehmer würden im Geltungsbereich von Tarifverträgen arbeiten. Die Amazon-Beschäftigten erhalten jedoch keinen.

Auch Reimann hat sich die Situation der Wanderarbeiter aus der Reportage vor Ort angeschaut und bestätigt die Berichterstattung der Journalisten. Er hat zur Verbesserung der Situation der Leiharbeiter eine Petition auf Change.org gestartet. Die Unterschriftenaktion hat ihr Ziel von 30.000 Unterstützern gestern erreicht.

"Beide Seiten sehen"

Den beiden Informanten von netzwelt ist wichtig, dass beide Seiten von Amazon gesehen werden. Es sei gut, dass momentan die Aufmerksamkeit auf die schlechten Aspekte gelenkt wird, "gerade weil es mit dem Umgang von Menschen zu tun hat". Es gäbe aber auch vieles, was gut sei, "sonst hätte Amazon keine Kunden und auch keine Mitarbeiter - und das schon über Jahre."

Gewerkschafter Reimann stimmt dieser Einschätzung zu. Es mache keinen Sinn, Amazon zu verteufeln. Daher ärgere ihn besonders, wenn Medien ihn falsch zitieren und ihm einen Boykottaufruf in den Mund legen. Daran habe er kein Interesse. Vom größten Online-Versand der Welt fordert er lediglich, mehr Verantwortung zu übernehmen. Reimann ist davon überzeugt: "Amazon kann noch mehr."

Kommentare zu diesem Artikel

Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon beherrschen momentan die Schlagzeilen. Doch offenbar hat der Online-Versandhändler als Arbeitgeber mehr als ein Gesicht. Zwei Mitarbeiter haben netzwelt gegenüber für Amazon Stellung bezogen.

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  • trololol schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    Nach "Bericht" "Mitarbeiter verteidigen Amazon" : Streiks bei Amazon (Leipzig) Ein Widerspruch in sich gute Frau !
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    ... Man wird ... Grundsätzlich wird man aber auch immer nur die eine Seite der Medaille sehen, die eigene. Es sei denn vielleicht, man ist mit einem Menschen zusammen/liiert/verheiratet der offensichtlich "anders" aussieht als man selbst. Aber selbst dann bekommt man dessen Probleme nur als Zeuge mit und kann sie niemals komplett beurteilen. Mein persönliches Problem mit Aussagen wie diesen ist, dass sie Gräben aufreißen und im Grunde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft fördern. Auf der einen Seite "die Deutschen" (und zwar ohne Deutsche nach Recht und Gesetz, die aber irgendwie anders, "ausländisch" aussehen ... was eine unglaubliche Diskriminierung ist) und auf der anderen Seite "alle anderen". Was wir stattdessen machen sollten ist das Miteinander zu fördern, statt zu schauen, was "die anderen" machen. Im Grunde können wir nur uns selbst und unsere Taten wirklich beeinflussen und wenn wir anderen eine Vorhaltung machen, sollten wir stattdessen überlegen, welchen Grund wir ihm/ihr dazu gegeben haben, dass zu tun, was er/sie getan hat. Ein "Ausländer" der auf "Deutsche" negativ reagiert, macht das im allgemeinen nicht aus heiterem Himmel und grundlosem "Deutschen-Hass", sondern weil er selbst negative Erfahrungen gemacht hat. Außerdem: Wenn einer "das Maul aufmacht" und Dinge sagt, wie "Deutscher in seinem Land ..." dann würde ich mir - der ich selbst Deutscher bin - ebenfalls Gedanken machen! Nur weil jemand nicht das unverschämte Glück hatte in diesem Land geboren worden zu sein, heißt das nicht, dass derjenige nicht trotzdem das Recht darauf hat hier zu leben. Kein Mensch ist illegal ... oder zumindest sollte es so sein.
  • Peter Paul schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    Herr Dahlheimer hat recht, und man muss nicht bei einem Sicherheitsunternehmen arbeiten um die Auswüchse unserere Fremdenfreundlichkeit zu erleben. Das findet man bereits in jeder kleineren und größeren Stadt. Man wird als Bürger dieses Landes verhöht und beleidgt. Und wenn einer dann das " Maul" aufmacht ist er sofort ein Nazi. Ich bin jetzzt die dritte Generation nach dem Krieg und kann es langsam nicht mehr hören. Und habe auch meinen Großvater und Onkel nie kennen lerne können.
  • S. Hundt schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    Auch wenn Einzelheiten in der Reportage etwas überspitzt waren. Sehe ich trotzdem Gründe an fundamentaler Kritik an diesem Unternehemen. Dort reagiert man nur auf Druck und es werden amreikanische Maßstäbe gesetzt und hiesige soziale Standards permanent ausgehebelt. 1. Keine Tarifverträge 2. enormer Leistungsdruck mit Überwachung 3. Knebelverträge mit Verlagen und Lieferanten 4. Untergrabung der Buchpreisbindung Hier wird überall versucht zu sparen an den Lieferanten wie am Personal, nur um den Gewinnen uns Aktionkursen gerecht zu werden.
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    ... dieser Beitrag ... Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Die beiden Hauptverantwortlichen Reporter vom Hessischen Rundfunk haben bislang einen guten Ruf und sind auch für das Verbraucherschutz-Format "m€x das Marktmagazin" tätig. Das ebenfalls einen guten Ruf genießt. Eine mögliche Form der Bestechlichkeit ist in dem Fall üble Nachrede ohne Grundlage.
  • Unbenannter schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    Wieso bekomme ich das Gefühl nicht los, dass dieser Beitrag bezahlt wurde ????
  • hubert dahlheimer schrieb Uhr
    AW: Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon

    Zu dem Zeitpunkt auf der die Reportage basiert,war ich Security bei der Firma H.E.S.S..Ich und mein Partner wurden in Kirchhaim von einigen Polnischen Leiharbeitern als Nazis beschimpft,die ständig stark alkoholisiert versuchten,uns zu provozieren in dem Sie die Rauchmelder in den Zimmern abschraubten,Alkohol in sehr Mengen konsumierten(den Rewe Getränkemarkt hats gefreut) und ständig gegen die Hausordnung verstossen haben.Wir haben uns ständig korrekt und höflich gegenüber unseren Polnischen Nachbarn verhalten!Die Firma H.E.S.S.ist für mich eine prinzipiel solide Firma!

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Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon
Nach ARD-Reportage: Mitarbeiter verteidigen Amazon
Wie schlecht ist Amazon als Arbeitgeber wirklich? Netzwelt sprach mit zwei Mitarbeitern, die sich für den Online-Versandhändler einsetzen.
http://www.netzwelt.de/news/95206-ard-reportage-mitarbeiter-verteidigen-amazon.html
2013-02-21 11:36:16
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2013/ard-reportage-deckt--amazonde-guenstigen-preise-halten--bild-screenshot-ardmediathekde-18042.jpg
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