Sie sind hier:
 

Kommentar: Anarchisten im Web
Kim Dotcom, Julian Assange und Co.

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Das Internet, der große rechtsfreie Raum. Bevölkert von Anarchisten und überwacht von den Behörden. Tummelplatz für Menschen wie Kim Dotcom und Julian Assange. Oder doch nicht? Ein Kommentar.

Mit seinem verschlüsselten Cloud-Service "Mega" fordert Kim Dotcom die Unterhaltungsindustrie und Behörden heraus. Kim Dotcom ist nicht der erste Rebell im Web, der Industrie und Staat lange an der Nase herumführt - und am Ende doch scheitert.

Piracy oder Privacy? Die Webserver von Mega speichern alle Nutzerdaten verschlüsselt. (Quelle: mega.co.nz)

Das Internet scheint eine Vorliebe für dubiose Gestalten und anarchische Typen zu haben. Shawn Fanning zum Beispiel, der Mann, der das Peer-to-Peer-Netzwerk Napster gegründet und damit die Musikindustrie zur Weißglut getrieben hat. Oder Sanford Wallace, der durch seine millionenfach verbreiteten Spam-Mails zum meistgehassten Mann des Internet avancierte und unverdrossen weitermachte. Oder Fabian Thylmann, der es mit Pornos im Web zum vielfachen Millionär gebracht hat. Außerdem fallen einem da noch ein: Wikileaks-Gründer Julian Assange und natürlich Kim Schmitz, alias Kim Dotcom.

Größenwahnsinnig, kreativ und unterhaltsam

So völlig unterschiedlich die Genannten sein mögen, so haben sie doch vieles gemeinsam. Alle verfügen über Unerschrockenheit, ein überlebensgroßes Selbstbewusstsein, ein beträchtliches Talent zum Querdenken und vielleicht auch eine Portion krimineller Energie. Man könnte hinzufügen, dass sie auch einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung haben.

So weit ist es bei Kim Dotcom noch nicht. Kaum den Fängen der neuseeländischen Justiz entgangen und immer noch gesucht von den US-Behörden, hat er schon wieder eine neue spektakuläre Company auf die Beine gestellt. Der Filesharing-Dienst Mega bietet jedem Nutzer 50 Gigabyte kostenlosen Speicherplatz. Der Clou dabei: Alle Daten sind grundsätzlich verschlüsselt. So weiß der Anbieter selbst nicht, ob da illegale Dinge dabei sind, und kann deshalb nicht haftbar gemacht werden. Das ist zumindest die juristische Überlegung dahinter.

Ein gelungener Coup

Man könnte einwenden, dass Mega in einem Milieu und Umfeld agiert, das es sehr wahrscheinlich macht, dass zumindest ein Teil der Daten illegal sind. Man könnte weiter argumentieren, dass das ganze Konzept von Mega ja darauf ausgerichtet ist, illegale Daten vor dem Zugriff der Behörden zu bewahren. Aber harte Beweise sind das nicht. Es sieht also so aus, als hätte Kim Dotcom wieder mal einen Coup gelandet, der ihm ein paar Millionen Dollar in die Kassen bringt, bis ein findiger Staatsanwalt wieder einen Dreh findet, die Server von Mega stürmen zu lassen.

Denn zweifellos wird es nicht nur der Entertainment-Industrie missfallen, wenn sie vermuten muss, dass ihre teuer produzierten CDs und Filme terabyteweise auf den Servern von Mega zum kostenlosen Tausch bereit liegen.

Den Sicherheitsbehörden ist es ohnehin prinzipiell ein Dorn im Auge, wenn Privatleute im Internet die Möglichkeit haben, ihren Datenverkehr zu verschlüsseln oder verschlüsselte Daten auf Servern abzulegen. Wer der Meinung ist, dass Internetnutzer jederzeit das uneingeschränkte Recht auf Privatsphäre haben, darf dann aber nichts dagegen haben, wenn Sicherheitsbehörden hilflos dastehen, weil Gangster solche sicheren Internetverstecke für ihre Zwecke nutzen. Früher oder später wird es auch in der digitalen Welt eine international abgestimmte Regelung zwischen den Sicherheitsinteressen von Regierungen und der Bevölkerung einerseits und dem Recht auf Privatsphäre des einzelnen geben müssen.

Dotcom gibt Ratschläge auf Twitter

Kim Schmitz hatte in einem Twitter-Beitrag beschrieben, wie einfach es seiner Meinung nach ist, die Piraterie zu stoppen. Schaffe tolle Inhalte, mache den Kauf einfach, veröffentliche den Inhalt weltweit am gleichen Tag, mache einen fairen Preis, lasse die Inhalte auf jedem Gerät wiedergeben.

Klingt gut, ob das aber wirklich funktioniert, bezweifle ich. Gerade das mit den fairen Preis überzeugt nicht. Es gibt immer noch genügend Musikliebhaber, die eine CD auch dann raubkopieren würden, wenn sie nur noch zehn Cent kostet. In Debatten zu diesem Thema taucht regelmäßig der Verweis auf Studien auf, die besagen, dass Menschen, die sich über Filesharing kostenlos Musik besorgen, am Ende mehr CDs kaufen als solche, die Filesharing nicht nutzen. Die Schlussfolgerung daraus: Lass die Leute ruhig deine Filme und deine Musik kostenlos kopieren und tauschen, am nächsten Tag kommen sie zurück und kaufen doppelt so viel.

Musik und Filme und Bier und Chips

Das ist ungefähr so, als würde man einem Lebensmittelhändler, der in der Nähe eines Fußballstadions sein Geschäft hat, raten, er solle die vorbeiziehenden Hooligans ruhig seinen Laden plündern und alle Chipstüten und Bierdosen klauen lassen, sie würden spätestens beim Rückspiel wieder da sein und dann schön bei ihm einkaufen. Denn Studien haben bewiesen: Wer ab und zu mal eine Tüte Chips mitgehen lässt, kauft mehr Chips als jemand, der niemals eine Tüte Chips mitgehen lässt.

Betrachtet man sich einmal die bisherige Karriere von Kim Dotcom, müssen sich die Hüter von Recht und Ordnung aber vielleicht keine allzu großen Sorgen machen. Diese Art von Internet-Abenteurer stolpert gerne mal im vollen Lauf über die eigenen Füße. Shawn Fannings Napster ist schnell kaputt gegangen, Fabian Thylmann schlägt sich gerade mit den Steuerfahndern herum und Julian Assange versteckt sich in der Botschaft Ecuadors vor den US-Behörden. Faszinierendes Rebellentum und tolldreiste Fahrlässigkeit gehen allzu oft Hand in Hand.

Piraten auf dem Ausflugsdampfer

Das ist ein bisschen so wie bei der Piratenpartei. Zuerst haben die Piraten mit ihrem draufgängerischen Gehabe und unkonventionellen Ideen viele begeistert und anderen Angst gemacht. Dann haben sie sich selbst zerlegt. Sie haben versucht, Rebellion und Anarchie mit der konventionellen Politik zu verbinden. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, ein Piratenschiff in einen Ausflugsdampfer zu verwandeln - und zwar ohne die Mannschaft auszuwechseln.

Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass Mega nicht die letzte spektakuläre Firma sein wird, die Kim Dotcom mit großem Getöse gründet und dann mit großem Getöse an die Wand fährt.

Kommentare zu diesem Artikel

Das Internet, der große rechtsfreie Raum. Bevölkert von Anarchisten und überwacht von den Behörden. Tummelplatz für Menschen wie Kim Dotcom und Julian Assange. Oder doch nicht? Ein Kommentar.

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt. Diskutieren Sie im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt Diskutieren!
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Argumentativ ... Natürlich unterscheiden sich beide Personen in ihren möglichen Ansichten und Antrieben. Hier können wir aber auch nur spekulieren. Aber wenn wir schon mal dabei sind: Beide haben ein gewisses Geltungsbedürfnis. Beide stellen sich öffentlich als Wohltäter aus dem Internet dar. Beide polarisieren enorm. Und natürlich stellen beide eine Infrastruktur zur Verfügung auf der Daten geteilt werden, die andere dort lieber nicht haben würden. Bzw. "hat gestellt" im Fall von Kim Dotcom, denn zu seinem neuen Dienst gibt es ja anscheinend noch keine öffentlichen Beschwerden. Außerdem leben beide außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat. In Verbindung mit den bereits vorher genannten Punkten würde ich sagen die beiden haben mehr Gemeinsamkeiten als sagen wir Thorsten Heins und Stephen Elop. In meinen Augen ist der Vergleich durchaus legitim. PS: Berichte über Ermittlungen gegen Assange gab es schon lange, bevor da die Vergewaltigungsvorwürfe aufkamen: www.netzwelt.de/news/85535-kurz-notiert-ermittlungsakten-gegen-assange-internet-aufgetaucht.html
  • ein weiterer Gast schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Argumentativ lässt sich das auch so verdeutlichen: Es geht um das Internet, es geht um Websites und es geht um Menschen die Informationen auf diesen zur Verfügung stellen. Tolle Verbingung... O.o a. Er wird aufgrund der Vergewaltigungsvorwürfe verfolgt. b. Ich würde Assange nicht mit Kim Dot Com gleichstellen, was hier eindeutig gemacht wird. Beide nutzen zwar das Internet, aber mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen und Modellen.
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Mal ehrlich, was hat Enthüllung von Kriegsverbrechen und brutale Morde und Foltermethoden gegen Zivilisten mit dem Download von Musik/Filmen zu tun? ... Die Verbindung ist, dass in beiden Fällen die Bundespolizei hinter den Verantwortlichen her ist. Eine weitere Verbindung ist, dass in beiden Fällen die Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird, die dann wiederum von anderen genutzt wird. Eine dritte Verbindung ist, dass ohne Internet keines der beiden Vorhaben realisierbar gewesen wäre. Und dann geht's noch in beiden Versionen um das Nutzen und Bereitstellen von Daten.
  • ein weiterer Gast schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Mal ehrlich, was hat Enthüllung von Kriegsverbrechen und brutale Morde und Foltermethoden gegen Zivilisten mit dem Download von Musik/Filmen zu tun? @netzwelt: Überdenkt mal die Kompetenz Eurer Kolumnisten und stellt jemanden dafür ab, der dieser Aufgabe nicht nur textlich/didaktisch, sondern auch informativ gewachsen ist.
  • nur ein Gast schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Der Vergleich mit den Chipstüten und dem Bier hingt sowas von hiter her. Jeder weiss wie die Chips oder das Bier schmecken. Da werden nicht perm die Zutaten geändert. Es gibt verschiedene Geschmacksorten, aber das ist ein anderes Thema. Spiele, die heutzutage auf dem Markt kommen, ohne eine Möglichkeit eine Demo zu spielen und dann noch das Recht auf den Gebrauchtmarkt zu unterbinden (und und und) und quasi die Katze im Sack kaufen zu müssen ist hingegen ein ganz anderer Punkt. Ich will nicht sagen, dass Raubkopieren gut ist, aber es gibt dem Menschen die Möglichkeit zu verhindern übers Ohr gehauen zu werden. "Ist die Ware gut, kaufe ich das" - nach dem Motto. Und Musik geniesst man in Qualität und nicht in kastrierter Form. Genauso auch die Filme. Wer sich das antut mit einer miesen Quali, der würde mit sicherheit auf den Kauf oder den Besuch ins Kino verzichten, wenn er nicht die Filme in übler Quali schauen könnt. Nach dem Motto "kann, muss aber nicht". Es werden doch immer nur Rechtfertigungen gesucht anstatt mal zuzuhören/lesen warum es wirklich so ist, wie es ist. Aber man glaubt den Menschen nicht/den armen Bürgern. Sie sind alle grundlegend schlecht, haben den hang zur kriminalität und sind nicht zurechnungsfähig. Und wenn ich das lesen...Anarchie...Anarchie hält man z.B. im Reichstag ab, da sitzen die Anarchisten!
  • Peter12342 schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Anarchisten im Web

    Schlechter, voreingenommer Artikel der keinerlei Recherchen o.ä. aufweist. Die Ironie in diesem Artikel ist absolut fehl am platz.

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
37105
Kommentar: Anarchisten im Web
Kommentar: Anarchisten im Web
Querdenker. Klingt zunächst gut. Anarchist und von Behörden überwacht. Klingt weniger gut. Aber was steckt wirklich hinter Personen wie Kim Dotcom oder Julian Assange?
http://www.netzwelt.de/news/94993-kommentar-anarchisten-web.html
2013-01-25 18:39:56
News
Kommentar: Anarchisten im Web