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Kommentar: Las Vegas, Stadt von Hightech und Gewalt
Wunderwelt der Waffen-Liebhaber in Sin City

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Las Vegas. Stadt der Sünde. Stadt der Waffen. Stadt der Gewalt? In diesem Kommentar schaut netzwelt-Redakteur Mehmet Toprak hinter die Blinklichter und über die Consumer Electronics Show hinaus.

Die Hightech-Messe CES hat in Las Vegas eine passende Heimat gefunden. Die Stadt der Kasinos, Showstars und Nachtclubs liegt mitten in der Wüste und gehört zu den gewalttätigsten Orten der USA.

Hier sind sogar Schusswaffen ein Teil des Showbusiness. Die Homepage eines Waffengeschäfts in Las Vegas. (Quelle: lasvegasgunrange.net)

Für Philosophen muss Las Vegas eine wunderbare Stadt sein. Eine inspirierende Stadt. Denn es ist immer inspirierend, wenn mehrere Phänomene, die unsere moderne Zeit bestimmen, gleichzeitig an einem Ort erscheinen. Vor allem an Tagen wie diesen, an denen gerade die CES stattfindet. Die CES ist das Paradies unserer Hightech-Kultur. Keine grauen Business-Computer, sondern glitzernde Consumer-Träume. 3D-Flachbildfernseher, 4K-Videoprojektoren, Digicams im Retro-Design, Smartphones und Tablet-PCs, einfach alles, was das Hightech-Herz höher schlagen lässt.

Es passt gut, dass all diese Hightech-Preziosen in der Stadt des Glücksspiels, des Entertainments und der Sünde präsentiert werden. In dieser Stadt treten auch die massentauglichsten Stars der Entertainment-Branche auf. Celine Dion, Justin Bieber, Rod Stewart treten auf neben Zauberern, Illusionisten und Zirkusdompteuren. Leute, die man sonst nur im Flachbildfernseher sieht.

Die Architektur von Las Vegas mit ihren bizarren Hotelbauten sieht aus wie die Kulisse für ein etwas zu bombastisch geratenes 3D-Musical. Da gibt es ein Hotel, dessen Fassade an eine ägyptische Sphinx erinnert, einen Nachbau des Eiffelturms und sogar ein Hofbräuhaus.

Hightech, Leuchtreklamen, Showbusiness, Glückspiel und Sex - Las Vegas ist eine unfreiwillige Parodie auf die Dekadenz des Kapitalismus.

Wenn man als Philosoph über diese Phänomene nachdenken will, geht man einfach aus der Stadt raus und betritt die Wüste. Der Kapitalismus steht mitten in der Wüste, auch das ist schön. Als Philosoph könnte man da mit einem Kaktus sprechen oder in den Sternenhimmel blicken - sofern man den vor lauter Lichtverschmutzung noch sehen kann - und über diesen Zusammenklang von Hightech, Entertainment, Geld, Sex und Glücksspiel nachdenken.

Gewalt in Las Vegas

Aber da ist noch etwas. Las Vegas ist nämlich laut Forbes die viertgefährlichste Stadt in den USA. Auf 100.000 Einwohner kommen hier 887 Gewaltverbrechen. Forbes beruft sich auf Zahlen des FBI. Und als Philosoph findet man sowas natürlich interessant.

Las Vegas liegt im US-Bundesstaat Nevada. Eine Internetrecherche ergibt, dass Nevada zu den Bundesstaaten gehört, deren Waffengesetze ziemlich lax sind. Es gibt zwar gewisse Beschränkungen beim Kauf einer Schusswaffe - man muss mindestens 21 Jahre alt sein, man benötigt einen Waffenschein und man muss die Waffe registrieren - aber ansonsten kann man in Nevada problemlos Schusswaffen kaufen und damit herumlaufen.

Dass viele Amerikaner ihre Waffen aus historischen Gründen lieben und nicht hergeben wollen, haben wir schon oft gehört und müssen es wahrscheinlich einfach akzeptieren.

Merkwürdige Argumente nach dem Amoklauf

Ein bisschen merkwürdig werden die Argumente für den freien Waffenbesitz aber immer dann, wenn man über Amokläufe diskutiert. Hierzulande sind ja oft die so genannten Killerspiele schuld, wenn ein Jugendlicher durchgedreht ist.

In den USA verläuft die Diskussion normalerweise anders. Nach dem jüngsten Amoklauf in Sandy Hook, dem 26 Menschen zum Opfer gefallen sind, hat die berühmt-berüchtigte NRA (National Rifle Association) gefordert, dass alle Schulen mit bewaffneten Sicherheitskräften ausgestattet werden. Die NRA hätte also nichts dagegen, wenn Schulen sich in hochgerüstete und bewaffnete Festungen verwandeln, in denen selbst der Musiklehrer mit einer Knarre im Schulterhalfter herumläuft und auf den Gängen ein Polizist mit Maschinengewehr patrouilliert.

Menschen, die töten

Das Standardargument der Waffenlobby in diesen Diskussionen lautet immer: Es sind Menschen, die töten, nicht Waffen. Es ist ein Argument, das in seiner Schlichtheit einerseits gar nicht falsch ist, andererseits aber in einer Zeit ersonnen worden sein muss, in der der gesunde Menschenverstand noch nicht erfunden worden war. In einer Zeit, in der Soziologie und Psychologie noch nicht existiert haben. In einer Zeit, in der man noch nicht darüber nachgedacht hat, dass ein Psychopath mit einer Schusswaffe mehr Unheil anrichten kann als ein Psychopath ohne Schusswaffe.

Aber es kommt noch besser.

Bewaffnete Wachen vor Schulen und weniger Killerspiele – die Vorschläge der NRA werden heftig kritisiert. (Quelle: nra.org)

Den intellektuellen Höhepunkt in dieser Diskussion haben wir einem Mann namens Wayne LaPierre zu verdanken. Er ist der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer der NRA. Schöner Name übrigens, so könnte auch ein Countrysänger in einem dieser Glitzerschuppen von Las Vegas heißen. Was Wayne LaPierre auf der Webseite der NRA zu dem jüngsten Amoklauf gesagt hat, hat fast schon einen morbiden Unterhaltungswert.

Er sagt da beispielsweise: "Die Wahrheit ist, dass in unserer Gesellschaft eine unbekannte Zahl von echten Monstern lebt (genuine monsters)." Bemerkenswert ist das deshalb, weil hier volkstümliche Weisheiten vergangener Jahrhunderte, in denen man noch an Hexen, Monster und Dämonen glaubte, mit dem Etikett "Wahrheit" versehen werden.

Dann hat der Mann noch etwas gesagt, und das betrifft die Hightech-Branche, die gerade in Las Vegas Party feiert. Wieder verwendet er hier das Wort Wahrheit. Und da ist man natürlich gespannt, was da noch kommt.

LaPierre meint, dass "bösartige, gewalttätige Videospiele wie beispielsweise Grand Theft Auto und Mortal Kombat von einer gleichgültigen und korrupten Industrie verkauft werden", und damit die Kinder gewissermaßen an die Gewalt herangeführt werden. Das ist für den NRA-Chef eine "dirty little truth", eine "schmutzige kleine Wahrheit", die von "den Medien vertuscht" wird.

Bei aller legitimen Kritik an gewalttätigen PC-Spielen: Es hat schon eine gewisse Würze, wenn ein Vertreter der im wahrsten Sinne des Wortes tödlichsten Branche, die die Welt kennt, einer anderen Branche, der Gaming-Industrie, die Schuld daran gibt, dass junge Menschen mit Schusswaffen rumballern und Unschuldige töten. Vor allem, wenn er die Waffenhersteller gleichzeitig als Schutzheilige aller Schulkinder empfiehlt.

Sowas macht sprachlos.

Aber hey, das ist Showbusiness. Wir sind in Las Vegas, schon vergessen? Vielleicht laufen wir hier sogar einmal Wayne LaPierre über den Weg. Der Mann, der so heißt wie einer dieser Country-Sänger in einem dieser Glitzerschuppen. Er würde gut hierher passen, denn in dieser glitzernden Orgie von Showbusiness, Hightech und Spielcasinos hat schon so mancher den Verstand verloren ….

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Kommentar: Las Vegas, Stadt von Hightech und Gewalt
Kommentar: Las Vegas, Stadt von Hightech und Gewalt
Ist Las Vegas die Stadt der Gewalt? Die laut FBI viertgefährlichste Stadt der USA hat neben der CES auch reichlich Waffen im Angebot. Welcome to Sin City.
http://www.netzwelt.de/news/94887-kommentar-las-vegas-stadt-hightech-gewalt.html
2013-01-11 17:35:56
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2013/sogar-schusswaffen-teil-showbusiness-homepage-waffengeschaefts-las-vegas-bild-lasvegasgunrangenet-17695.jpg
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