Sie sind hier:
 

Verkehrte Netzwelt: Facebook auf gut Deutsch
Klischee trifft auf Soziales Netzwerk

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Facebook begrüßt uns Freude-strahlend und pseudo-fröhlich. Das Programm auf dem Server will wissen, wie es uns geht. Was für ein Unsinn! Wäre Facebook in Deutschland entwickelt worden, hätten wir ein ganz anderes Soziales Netzwerk! Gefällt Ihnen diese Aussage? Dann klicken Sie bitte jetzt auf "Ganz Okay ..."

Wie würde Facebook eigentlich aussehen, wenn es in Deutschland erfunden worden wäre? Gäbe es dann auch einen "Gefällt mir"-Button? Würde das deutsche Facebook uns auch jeden Morgen mit "Wie fühlst du dich?" begrüßen? Sicher ist nur: Im deutschen Facebook gäbe es nicht nur "Freunde".

Das soziale Netzwerk Facebook wirkt manchmal wie die deutsche Niederlassung einer kalifornischen Wellness-Sekte.

Dieser amerikanisierende Jargon in Facebook geht einem zuweilen ganz schön auf die Nerven. Kein Wunder: Was der Betreiber des Sozialen Netzwerks seinen Kunden zu sagen hat, ist halt alles mehr oder weniger gut aus dem amerikanischen Englisch übersetzt.

Das beginnt schon mit der seltsam uneleganten Formulierung auf der Startseite: "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen." Hätte ein Deutscher oder eine Deutsche sich Facebook ausgedacht, und dann eine Kurzbeschreibung für die Startseite geschrieben, würde das wahrscheinlich anders klingen. Vielleicht: "Hier kannst du mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen und Gedanken oder auch Bilder und Videos austauschen."

Schräg finde ich es auch, wie Facebook mich auf meiner persönlichen Startseite begrüßt "Wie fühlst du dich"? Was für eine pseudo-einfühlsame und saudumme Frage. Manchmal begrüßt Facebook mich auch mit der unintelligenten Frage „Was ist los, Mehmet?" Was soll schon los sein?

Überhaupt, wenn ein Deutscher oder eine Deutsche sich Facebook ausgedacht hätten, dann würde dieses soziale Netzwerk ganz anders aussehen. Facebook würde dann wahrscheinlich "Alle meine Freunde" heißen und wäre eine Art digitales Freunde-Album, so wie es unsere Kinder aus Kindergarten und Grundschule kennen. Wo jeder ein Foto von sich einklebt, seinen Lieblingsspruch aufschreibt, sein Lieblingsessen, seine Hobbys und seinen Lieblingsstar notiert. Nicht zu vergessen, das Lieblingstier. So gesehen, hat auch das Original-Facebook eine große Ähnlichkeit mit dem "Meine Freunde"-Album eines Grundschülers.

Bekannte und Freunde

Das mit den "Freunden" würde man sich sogar noch mal überlegen müssen. Bei den Amerikanern - so sagt es zumindest das Klischee - ist jeder gleich ein "guter Freund". In Deutschland nicht unbedingt. Die meisten Leute fallen unter die Kategorie "Bekannte". Dementsprechend müsste man auch das deutsche Facebook strukturieren. Die meisten wären dann in der Kategorie "Bekannte", unterteilt in "Urlaubsbekanntschaften" - welche nach drei Wochen von selbst aus dem System gelöscht werden -, "Freunde von Freunden", "Bekannte aus dem Schach-Club" und "Weitere Bekannte".

Außerdem gäbe es noch "Gute Bekannte", die man dann per Mausklick in die Kategorie "Freunde, allgemein" upgraden könnte. Die, die man im Original-Facebook zu Hunderten hat, die "Freunde" also, hätte man im deutschen Facebook unter der Kategorie "Freunde, echte" einsortiert. Das wären dann im Regelfall höchstens drei oder vier.

Dann gäbe es noch die Kategorie „Freunde, nützlich". Leute also, die man nicht besonders mag, die man sich aber gewogen halten will, weil man sie mal brauchen könnte.

Vielleicht bräuchte man auch die Kategorie „Nachbarn". Menschen also, die man nicht leiden kann, mit denen man aber irgendwie gut auskommen muss, weil sie nebenan wohnen und die Möglichkeit haben, einem ihren Müll in den Garten zu kippen.

Wir Deutsche lieben es eben zu differenzieren.

Differenziertes Wohlwollen

Doch nicht nur bei den Menschen, auch bei den Bekundungen des Wohlwollens wäre eine differenzierte Betrachtungsweise angebracht. Statt des einfachen Schaltknopfes "Gefällt mir", gäbe es gleich drei oder vier verschiedene Schaltknöpfe: "Gar nicht schlecht", "Gefällt mir teilweise" oder "Gefällt mir schon, aber andererseits" bis hin zu "Uneingeschränkt großartig" oder "Zum Niederknieen".

Daneben gäbe es natürlich auch Knöpfe für Missfallen: "Gefällt mir nicht", "Gefällt mir ganz und gar nicht", "Finde ich menschenverachtend und abscheulich". Und damit man seine Meinung auch wirklich differenziert äußern kann, müsste es noch Knöpfe für eher neutrale Standpunkte geben: "Total egal", "Belanglos" bis hin zu "Das geht mir sowas am …" oder "Sack Reis in China umgefallen".

Die Feinde im Netzwerk

Natürlich dürfen im Land der Differenzierung und sachgerechten Kritik die Feinde nicht fehlen. Ein soziales Netzwerk lebt doch erst so richtig mit seinen Feinden. Und Feinde hat man bekanntlich viele, wenn man viel Ehre einlegen will. Zur Auswahl stünden "Unsympathen", "Warmduscher", "Opportunisten", "Schleimer", "Bremser", "Durchgeknallte", "Alpha-Tiere", "Leute, die am Rad drehen" und vielleicht ein zwei "Feinde, echt". Außerdem bräuchte man in der Abteilung "Feinde" auch eigene Kategorien für die Menschen aus anderen Bundesländern. "Schwaben" oder "Westfalen" oder "Bayern", natürlich auch "Ossis" und "Wessis". Im Sinne der Differenzierung denkbar wären auch Kategorien wie "Pfälzer, aber ok" oder "Wessi, nicht überheblich" oder "Berliner, aber freundlich".

So ein soziales Netzwerk mit deutschen Akzenten wäre bestimmt viel interessanter als nur immer dieses "Gefällt mir"- und "Freunde"-Gelaber. Da kommt man sich auf Dauer vor wie in der deutschen Niederlassung einer kalifornischen Wellness-Sekte …

Kommentare zu diesem Artikel

Facebook begrüßt uns Freude-strahlend und pseudo-fröhlich. Das Programm auf dem Server will wissen, wie es uns geht. Was für ein Unsinn! Wäre Facebook in Deutschland entwickelt worden, hätten wir ein ganz anderes Soziales Netzwerk! Gefällt Ihnen diese Aussage? Dann klicken Sie bitte jetzt auf "Ganz Okay ..."

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt. Diskutieren Sie im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt Diskutieren!

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
36942
Verkehrte Netzwelt: Facebook auf gut Deutsch
Verkehrte Netzwelt: Facebook auf gut Deutsch
Im Land der Dichter, Denker, Nörgler und Weißbier-Trinker wäre sicherlich ein ganz anderes Facebook entwickelt worden. Mit viel mehr Differenzierungsmöglichkeiten. Mit viel weniger pseudo-fröhlichem Geblubber! Oder?
http://www.netzwelt.de/news/94813-verkehrte-netzwelt-facebook-gut-deutsch.html
2013-01-05 10:52:34
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2013/soziale-netzwerk-facebook-wirkt-manchmal-deutsche-niederlassung-kalifornischen-wellness-sekte-bild-netzwelt-17604.jpg
News
Verkehrte Netzwelt: Facebook auf gut Deutsch