Gläsern bis zur Unsichtbarkeit

Kommentar: Der Mythos vom Gläsernen Bürger

Internet-Dienste wie Facebook, Google oder Amazon sind gnadenlos hinter unseren Daten her. Wie kommt es dann, dass die Werbeangebote im Web immer so völlig daneben liegen? Ist der Gläserne Bürger vielleicht nur ein Mythos?

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So transparent, dass er schon wieder unsichtbar wird: der Nutzer (Bild: Jonathan Phillip/StockExchange)
So transparent, dass er schon wieder unsichtbar wird: der Nutzer (Bild: Jonathan Phillip/StockExchange)
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Zugegeben, was nun folgt, ist stellenweise ein bisschen verharmlosend. Datenschutz ist wichtig und Privatsphäre muss geschützt werden, und die Internet-Anbieter tun alles, um diese auszuhebeln und auszuhöhlen. Dass Datenschützer Facebook und Google auf die Finger sehen und öfter mal darauf klopfen, ist mehr als sinnvoll, es ist dringend notwendig.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das Wort vom "Gläsernen Bürger" etwas übertrieben ist. Beispiel Amazon. Seit Jahren bin ich dort Stammkunde, seit Jahren stöbere und schmökere ich auf den Seiten. So gesehen kennt Amazon meine Vorlieben in- und auswendig. Nur komisch, dass die Kaufempfehlungen so völlig daneben sind. Noch nie hat Amazon mir eine Audio-CD empfehlen können, die ich mir dann auch bestellt habe. Dafür sind die Empfehlungen und dahinterstehenden Verknüpfungen einfach zu simpel. Wenn ich mal eine CD gekauft habe, die mit "Jodeln" getaggt war, heißt das noch lange nicht, dass ich den Musikantenstadl mag.

Werbung, die mir persönlich und zielgerichtet präsentiert wird, passt praktisch nie, sie wird deshalb grundsätzlich ignoriert. Richtig, ich hab´ mal die Seite einer bekannten Uhrenmarke besucht. Heißt noch lange nicht, dass ich Uhrenliebhaber bin. Würden Facebook, Google und Amazon die Profildaten zu meiner Person zusammenlegen, käme heraus, dass sie nichts über mich wissen.

Die Reisen, die mir mein Urlaubsanbieter empfiehlt, interessieren mich übrigens auch nicht.

Unbekannte Kaufkriterien

Ursache dieser verfehlten Werbung ist vermutlich, dass es eben nicht genügt, irgendwelche Daten zu sammeln. Man muss diese auch intelligent auswerten und man benötigt schon sehr differenziertes Datenmaterial. Solange die Produkte nicht ebenso differenziert und feinauflösend getaggt sind, hat der Anbieter keine Chance, meinen Vorlieben auf die Spur zu kommen.

Auch das reicht noch nicht. Das Hauptproblem ist, dass der Anbieter gar nicht weiß, welche Kriterien für meinen Kauf ausschlaggebend sind. Wie etwa kommt ein Internet-Anbieter darauf, dass ich zwar eine Uhr mag, die weniger als 100 Euro kostet und mit dem roten Sekundenzeiger irgendwie nostalgisch aussieht, aber deshalb noch lange nicht auf "Retro" stehe? Wie soll er wissen, dass ich sie nur gekauft habe, weil sie mich an ein bestimmtes Kindheitserlebnis erinnert? Oder, dass ich sie als Geschenk für einen Freund gekauft habe?

Es reicht eben nicht, die Daten der Internetsurfer durchs Rechenzentrum zu jagen und mit intelligenter Analyse-Software auswerten zu lassen. Wenn die Kriterien und die Begriffe bei den Produkt-Tags nicht stimmen, liegt die Auswertung immer daneben.

Der Gläserne Bürger ist eben manchmal so gläsern, dass er für die Datenschnüffler unsichtbar wird …

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