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Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte Ein Geschenk an die westliche Welt

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Die Show beginnt

Wie auf Wink eines unsichtbaren Dirigenten hin richteten sich sämtliche Kameras auf Jonathan, den ersten in der Schlange. Die Show konnte beginnen. Jonathan packte die Blümchendecke, durchbrach eine provisorisch errichtete Absperrung und rannte los.

Mit einem jugendlichen Satz sprang er auf die Brüstung vor dem Glaspalast, breitete seine Arme aus, spannte seine Stimmbänder und schrie so laut, wie er noch nie in seinem Leben geschrien hatte: "Alles mal herhören!" Entweder war es seine Stimme - er hatte sich selbst ein wenig vor dem plötzlich vorhandenen Bass und der Entschlossenheit, die in ihr lag, erschrocken - oder er gab einfach ein so skurriles Bild ab. Die Menge jedenfalls verstummte augenblicklich.

"Auf dieser Decke habe ich viele schöne Stunden verbracht. Ich habe zusammen mit meiner Familie darauf gesessen, habe das beste Bauernbrot meines Lebens auf ihr gegessen. Und wenn sie es genau wissen wollen: Auch bei meinem ersten Kuss spielte diese Decke eine tragende Rolle. Zuletzt habe ich zwei Nächte auf ihr geschlafen". Jonathan nestelte in seiner Hosentasche herum, während er ringsherum in offene Münder starrte. "Ich werde nun dieses Messer hier nehmen und die Decke in viele kleine Teile schneiden." Bei dem Wort "Messer" zuckte die Security kollektiv zusammen, offenbar sahen sie aber keinen Handlungsbedarf. Jonathan war zwar fast 15 Jahre alt, wirkte aber deutlich jünger und dementsprechend wenig bedrohlich. Der kleine Kerl war ja noch mitten im Stimmbruch.

"Ich hänge wirklich sehr an dieser Decke", sagte Jonathan und schnitt ein weiteres Stück von ihr ab.

"Ich weiß, sie können mit einem kleinen Stück Decke nichts anfangen. Aber seien sie doch mal ehrlich: Wenn sie jetzt gleich in das Geschäft hinter mir gehen und so viel Geld für dieses neue Gerät ausgeben...brauchen sie denn dieses Gerät wirklich? Ich habe von Menschen gehört, die sich nicht mal so eine Decke hier leisten können. Wäre es nicht großartig, wenn ein paar von ihnen mir ein Stück meines Lebens - ich hänge wirklich sehr an dieser Decke - abkaufen würden und ich mit dem Geld vielleicht anderen Menschen eine Freude bereiten könnte?"

Tolle Rede, Mann

Er hätte mehr an seiner Rede arbeiten sollen, dachte Jonathan, denn die einsetzende Stille tat ihm fast noch mehr weh als die Kälte der vergangenen Nächte. Insgeheim verfluchte er sich dafür, aber er war schon immer eher Denker als Rhetoriker gewesen. Die Kameras waren nach wie vor auf ihn gerichtet, doch wusste er nun nicht mehr, was er noch sagen sollte. Hier war sein Plan zu Ende.

"Hey Kleiner, nimm das hier." Jonathan stand noch immer auf der Brüstung und musste sich daher ein wenig bücken, um den 100-Euro-Schein des hochgewachsenen Mannes entgegennehmen zu können, dessen Atem stark nach Bier roch und dessen Augen so seltsam glasig waren. Als er ihm ein Stück seiner Lieblingsdecke zum Ausgleich in die Hand drückte, hielt der Mann Jonathans Hand einen Tick länger als eigentlich notwendig fest. "Und tolle Rede, Mann". Der Biertrinker wandte sich ab.

Er hatte ganz vergessen, warum er eigentlich gekommen war. Nach etwa einhundert Metern drehte sich der Biertrinker noch einmal um. Wie ein moderner Sankt Martin stand Jonathan da auf seiner Brüstung, zerteilte weiter seine Decke und legte das Geld neben sich auf den kalten Asphalt.

Die Mitarbeiter des Glaspalastes betrachteten die Szenerie längst von der anderen Seite der Scheibe aus, wo es schön warm war.

Zusammen mit Jonathan sahen sie zu, wie der Geldscheinhaufen immer größer und größer wurde.

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2 Kommentare

  • Lenzunge schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte

    Sehr schön, danke
  • sarazena schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte

    Frohe Weihnachten, Verkehrte Netzwelt. Macht so weiter, ich lese euch gerne :top:

Darüber lacht die Netzwelt

Das Internet erzählt viele lustige und skurrile Geschichten, die besten haben wir euch hier zusammengestellt.

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Autor
Michael Knott
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