Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte

Ein Geschenk an die westliche Welt

Es war schon Mitte Dezember und Jonathan hatte noch immer kein Weihnachtsgeschenk für seine Nächsten. Diesen Umstand plante er auch nicht zu ändern. Dieses Jahr würden seine Familie und seine Freunde nichts von dem Jungen zu Weihnachten bekommen. Stattdessen wollte er die ganze westliche Welt beschenken.

Einiges an Durchhaltevermögen würde er bis dahin aber noch aufbringen müssen, so viel stand fest. Der ganze Tag lag noch vor ihm. Dann würde eine weitere Nacht folgen. Jonathans Eingeweide zogen sich beim Gedanken an die vielen trostlosen und einsamen Stunden in der Fußgängerzone zusammen wie feuchte Handschuhe, die man auf der heißen Heizung vergisst. 

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Der Kontrast zwischen den prächtigen Glasflächen des Eingangsbereichs und dem Häufchen Jonathan-Elend hätte größer kaum sein können. Dennoch gingen den ganzen Tag über hunderte Passanten zielstrebig an dem Jungen vorbei und strammen Schrittes in den Glaspalast hinein, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. 

Die ersten Fanatechniker

Arrogant schnippte ein Mann um die Mittagszeit gönnerhaft eine Münze in Richtung Blümchendecke. Jonathan musterte den Mann kurz, heftete dann den Blick auf die Münze, die sich rollend in seine Nähe aufmachte und etwa einen Meter vor ihm liegenblieb. Eine Teenagerin las sie eine halbe Stunde später auf, dann verschwand auch sie im anonymen Strom der gestressten Fußgänger. Noch 19 Stunden, dachte Jonathan.

Nachmittags kamen die ersten Fans. Echte Fans, im Gegensatz zu ihm, so viel stand fest. Er mochte den Begriff Fanboy nicht, denn er kannte genauso viele Mädchen, die wie er nicht viel älter als 14 Jahre alt waren, dafür aber bereits ein ungeheuerliches "Fanboy-Gehabe" an den Tag legten. Außerdem fand er den Begriff viel zu niedlich. Jonathan nannte solche Menschen insgeheim Fanatechniker, was es seiner Meinung nach wesentlich besser traf. Er würde nie verstehen, warum Menschen so unglaublich viel Energie und Eifer einem Gerät oder einer Marke opferten, ja, aus dem Huldigen kaum noch heraus kamen. Doch er brauchte sie. Spätestens morgen waren die Fanatechniker, die fanatisch Technikbesessenen, essentiell für seinen Plan. 

Die bunt gemischte Gruppe bestand aus sechs in dicke Winterjacken eingepackten Gestalten, die allesamt älter als Jonathan waren. Kalte Schallwellen, die aus dem Mund des Größten der Gruppe kamen, drangen an Jonathans Ohr: "Verkaufst du uns deinen Warteplatz, Kleiner?" "Nein", hörte er sich selbst sagen, "das hat mir meine Mama verboten". Grölendes Gelächter entstieg der Gruppe, die sofort von Jonathan abließ, um sich den mitgebrachten Bierdosen zu widmen. Besser ich halte mich klein, dachte Jonathan, der mit exakt dieser Reaktion der Gruppe bereits gerechnet hatte.

Nach und nach kamen immer mehr Menschen. Es bildete sich eine Schlange, die mit Einbruch der Dunkelheit bereits ihren ersten Knick nahm und hinter dem Häuserblock verschwand. Das war gut, denn Jonathan brauchte die Fanatechniker für seinen Plan. Noch 13 Stunden, dachte er und rieb sich die Hände, um der Kälte ein wenig entgegenzusetzen.

Die Nacht über hatte Jonathan kaum ein Auge schließen können, aus Angst, jemand könnte ihm die so bitter verteidigte Position in der Schlange streitig machen. Er hatte die Schlange überhaupt erst eröffnet, also würde ihm auch der Ruhm und die Ehre zuteil werden, als erstes am Morgen den Glaspalast betreten zu dürfen. Als erster Gast, versteht sich, denn langsam begannen die uniform gekleideten Mitarbeiter hinter der Glasfront sich wie nach einer imaginären Pfeife tanzend zu formieren. Nur noch eine halbe Stunde, dachte Jonathan, dessen aufeinanderschlagende Zähne jeder Klapperschlange Konkurrenz machen würde. 

Die ersten Übertragungswagen und Reporter hatten bereits Stellung bezogen und waren längst damit beschäftigt, Testbilder einzufangen. Gleich würden sie damit beginnen, die Wartenden zu interviewen. Auch dies war Teil von Jonathans Plan. Doch als die erste Reporterin ihm das Mikrofon vor das eisige Kinn hielt, schüttelte er nur mit dem Kopf und gestikulierte: Geht weiter nach hinten, die Fanatechniker sollen mit euch sprechen. 

"Hast du denn gar nichts zu sagen? Willst du nicht ins Fernsehen?", entfuhr es der Reporterin. "Nein, hat meine Mama verboten", erwiderte Jonathan, der ganz in seiner Rolle blieb. Dabei ahnte seine Mutter nicht einmal, was er hier überhaupt trieb. Sie hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen wenn sie wüsste, dass er zwei Nächte allein auf der Blümchendecke gehockt hatte. Und Jonathan wollte jetzt auch noch nicht genau wissen, was sie unternehmen würde, wenn er gleich das tat, worüber nicht nur die regionale Presse in Kürze berichten sollte. Insgeheim hoffte er aber, das sie dann stolz auf ihn sein würde. In der letzten Zeit hatte er ihr schon ein wenig Kummer bereitet. 

Gleich ist es soweit, dachte Jonathan, der langsam nervös wurde. Vor allem das Security-Personal bereitete ihm ernsthaft Sorge. Er hatte bei seiner Planung nicht damit gerechnet, dass die bulligen Männer so zahlreich patrouillieren würden. Dann öffneten sich die Flügeltüren zum Glaspalast, die versammelte Menge geriet in Ekstase. Aber alle blieben brav an ihrem Platz in der Warteschlange.



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