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Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte
Ein Geschenk an die westliche Welt

von Michael Knott Uhr veröffentlicht

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Weihnachtsgeschichten sind immer kitschig. So auch diese. Eine spezielle Ausgabe der Verkehrten Netzwelt. Frohe Weihnachten!

Kalt ist es geworden. Jonathan zieht den Rollkragen bis unter die Oberlippe und die Kapuze soweit ins Gesicht, dass nur noch ein schmaler Sehschlitz übrig bleibt. Mit beengtem Sichtfeld schweift sein Blick über rauen Großstadt-Asphalt, bleibt an Kaugummiresten hängen, verfängt sich wenn dann nur zufällig im Blick der anderen Passanten. Schnell richtet er seine Augen dann wieder zu Boden.

Weihnachtsgeschichten sind immer kitschig. So wie diese hier.

Die erste Nacht macht Platz für den ersten Morgen. Winterlich träge entlässt eine eisige, allmächtige Hand den Frühnebel gen Himmel, als ob das Magnetfeld der Erde nicht nur Jonathan samt seiner schweren Gedanken, sondern auch den Nebel für immer an sich binden wollte. Kaffee wäre jetzt gut, aber Jonathan darf sich nicht bewegen.

Seit gestern sitzt er hier. Nur zwei Mal hat er seitdem seinen Platz, den er lieblos zwischen einem Müllcontainer und einer Laterne aufgeschlagen und mit einer eigentlich viel zu dünnen Decke ausgestattet hat, verlassen. Im Schutz der nächtlichen Dunkelheit ist er schnell hinter den Müllcontainer geschlichen, um sich wie ein verschrecktes Tier zu erleichtern. Sekunden später saß er bereits wieder auf der Blümchendecke, auf der früher die ganze Familie im Sommer Platz fand. Damals zog es ihn und seine Geschwister zusammen mit den Eltern oft in den Park. Da saßen sie dann bei angenehmeren Temperaturen auf der Blümchendecke und ließen sich Bauernbrot mit salziger Butter schmecken.

Aber seit gestern sitzt Jonathan alleine hier. Von seinen Freunden wollte niemand mitkommen, sie schüttelten verständnislos den Kopf. Wenn Jonathan so etwas unbedingt machen wolle, dann bitteschön alleine, hatten sie gesagt. Das sei "total gestört und krank", hatten sie auch gesagt. Und tatsächlich fühlte Jonathan ein leichtes Kratzen im Rachen, auch wenn die Freunde sich wohl eher um seine geistige Gesundheit sorgten.

Ein Geschenk an die westliche Welt

Es war schon Mitte Dezember und Jonathan hatte noch immer kein Weihnachtsgeschenk für seine Nächsten. Diesen Umstand plante er auch nicht zu ändern. Dieses Jahr würden seine Familie und seine Freunde nichts von dem Jungen zu Weihnachten bekommen. Stattdessen wollte er die ganze westliche Welt beschenken.

Einiges an Durchhaltevermögen würde er bis dahin aber noch aufbringen müssen, so viel stand fest. Der ganze Tag lag noch vor ihm. Dann würde eine weitere Nacht folgen. Jonathans Eingeweide zogen sich beim Gedanken an die vielen trostlosen und einsamen Stunden in der Fußgängerzone zusammen wie feuchte Handschuhe, die man auf der heißen Heizung vergisst.

Der Kontrast zwischen den prächtigen Glasflächen des Eingangsbereichs und dem Häufchen Jonathan-Elend hätte größer kaum sein können. Dennoch gingen den ganzen Tag über hunderte Passanten zielstrebig an dem Jungen vorbei und strammen Schrittes in den Glaspalast hinein, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.

Die ersten Fanatechniker

Arrogant schnippte ein Mann um die Mittagszeit gönnerhaft eine Münze in Richtung Blümchendecke. Jonathan musterte den Mann kurz, heftete dann den Blick auf die Münze, die sich rollend in seine Nähe aufmachte und etwa einen Meter vor ihm liegenblieb. Eine Teenagerin las sie eine halbe Stunde später auf, dann verschwand auch sie im anonymen Strom der gestressten Fußgänger. Noch 19 Stunden, dachte Jonathan.

Nachmittags kamen die ersten Fans. Echte Fans, im Gegensatz zu ihm, so viel stand fest. Er mochte den Begriff Fanboy nicht, denn er kannte genauso viele Mädchen, die wie er nicht viel älter als 14 Jahre alt waren, dafür aber bereits ein ungeheuerliches "Fanboy-Gehabe" an den Tag legten. Außerdem fand er den Begriff viel zu niedlich. Jonathan nannte solche Menschen insgeheim Fanatechniker, was es seiner Meinung nach wesentlich besser traf. Er würde nie verstehen, warum Menschen so unglaublich viel Energie und Eifer einem Gerät oder einer Marke opferten, ja, aus dem Huldigen kaum noch heraus kamen. Doch er brauchte sie. Spätestens morgen waren die Fanatechniker, die fanatisch Technikbesessenen, essentiell für seinen Plan.

Die bunt gemischte Gruppe bestand aus sechs in dicke Winterjacken eingepackten Gestalten, die allesamt älter als Jonathan waren. Kalte Schallwellen, die aus dem Mund des Größten der Gruppe kamen, drangen an Jonathans Ohr: "Verkaufst du uns deinen Warteplatz, Kleiner?" "Nein", hörte er sich selbst sagen, "das hat mir meine Mama verboten". Grölendes Gelächter entstieg der Gruppe, die sofort von Jonathan abließ, um sich den mitgebrachten Bierdosen zu widmen. Besser ich halte mich klein, dachte Jonathan, der mit exakt dieser Reaktion der Gruppe bereits gerechnet hatte.

Nach und nach kamen immer mehr Menschen. Es bildete sich eine Schlange, die mit Einbruch der Dunkelheit bereits ihren ersten Knick nahm und hinter dem Häuserblock verschwand. Das war gut, denn Jonathan brauchte die Fanatechniker für seinen Plan. Noch 13 Stunden, dachte er und rieb sich die Hände, um der Kälte ein wenig entgegenzusetzen.

Die Nacht über hatte Jonathan kaum ein Auge schließen können, aus Angst, jemand könnte ihm die so bitter verteidigte Position in der Schlange streitig machen. Er hatte die Schlange überhaupt erst eröffnet, also würde ihm auch der Ruhm und die Ehre zuteil werden, als erstes am Morgen den Glaspalast betreten zu dürfen. Als erster Gast, versteht sich, denn langsam begannen die uniform gekleideten Mitarbeiter hinter der Glasfront sich wie nach einer imaginären Pfeife tanzend zu formieren. Nur noch eine halbe Stunde, dachte Jonathan, dessen aufeinanderschlagende Zähne jeder Klapperschlange Konkurrenz machen würde.

Die ersten Übertragungswagen und Reporter hatten bereits Stellung bezogen und waren längst damit beschäftigt, Testbilder einzufangen. Gleich würden sie damit beginnen, die Wartenden zu interviewen. Auch dies war Teil von Jonathans Plan. Doch als die erste Reporterin ihm das Mikrofon vor das eisige Kinn hielt, schüttelte er nur mit dem Kopf und gestikulierte: Geht weiter nach hinten, die Fanatechniker sollen mit euch sprechen.

"Hast du denn gar nichts zu sagen? Willst du nicht ins Fernsehen?", entfuhr es der Reporterin. "Nein, hat meine Mama verboten", erwiderte Jonathan, der ganz in seiner Rolle blieb. Dabei ahnte seine Mutter nicht einmal, was er hier überhaupt trieb. Sie hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen wenn sie wüsste, dass er zwei Nächte allein auf der Blümchendecke gehockt hatte. Und Jonathan wollte jetzt auch noch nicht genau wissen, was sie unternehmen würde, wenn er gleich das tat, worüber nicht nur die regionale Presse in Kürze berichten sollte. Insgeheim hoffte er aber, das sie dann stolz auf ihn sein würde. In der letzten Zeit hatte er ihr schon ein wenig Kummer bereitet.

Gleich ist es soweit, dachte Jonathan, der langsam nervös wurde. Vor allem das Security-Personal bereitete ihm ernsthaft Sorge. Er hatte bei seiner Planung nicht damit gerechnet, dass die bulligen Männer so zahlreich patrouillieren würden. Dann öffneten sich die Flügeltüren zum Glaspalast, die versammelte Menge geriet in Ekstase. Aber alle blieben brav an ihrem Platz in der Warteschlange.

Die Show beginnt

Wie auf Wink eines unsichtbaren Dirigenten hin richteten sich sämtliche Kameras auf Jonathan, den ersten in der Schlange. Die Show konnte beginnen. Jonathan packte die Blümchendecke, durchbrach eine provisorisch errichtete Absperrung und rannte los.

Mit einem jugendlichen Satz sprang er auf die Brüstung vor dem Glaspalast, breitete seine Arme aus, spannte seine Stimmbänder und schrie so laut, wie er noch nie in seinem Leben geschrien hatte: "Alles mal herhören!" Entweder war es seine Stimme - er hatte sich selbst ein wenig vor dem plötzlich vorhandenen Bass und der Entschlossenheit, die in ihr lag, erschrocken - oder er gab einfach ein so skurriles Bild ab. Die Menge jedenfalls verstummte augenblicklich.

"Auf dieser Decke habe ich viele schöne Stunden verbracht. Ich habe zusammen mit meiner Familie darauf gesessen, habe das beste Bauernbrot meines Lebens auf ihr gegessen. Und wenn sie es genau wissen wollen: Auch bei meinem ersten Kuss spielte diese Decke eine tragende Rolle. Zuletzt habe ich zwei Nächte auf ihr geschlafen". Jonathan nestelte in seiner Hosentasche herum, während er ringsherum in offene Münder starrte. "Ich werde nun dieses Messer hier nehmen und die Decke in viele kleine Teile schneiden." Bei dem Wort "Messer" zuckte die Security kollektiv zusammen, offenbar sahen sie aber keinen Handlungsbedarf. Jonathan war zwar fast 15 Jahre alt, wirkte aber deutlich jünger und dementsprechend wenig bedrohlich. Der kleine Kerl war ja noch mitten im Stimmbruch.

"Ich hänge wirklich sehr an dieser Decke", sagte Jonathan und schnitt ein weiteres Stück von ihr ab.

"Ich weiß, sie können mit einem kleinen Stück Decke nichts anfangen. Aber seien sie doch mal ehrlich: Wenn sie jetzt gleich in das Geschäft hinter mir gehen und so viel Geld für dieses neue Gerät ausgeben...brauchen sie denn dieses Gerät wirklich? Ich habe von Menschen gehört, die sich nicht mal so eine Decke hier leisten können. Wäre es nicht großartig, wenn ein paar von ihnen mir ein Stück meines Lebens - ich hänge wirklich sehr an dieser Decke - abkaufen würden und ich mit dem Geld vielleicht anderen Menschen eine Freude bereiten könnte?"

Tolle Rede, Mann

Er hätte mehr an seiner Rede arbeiten sollen, dachte Jonathan, denn die einsetzende Stille tat ihm fast noch mehr weh als die Kälte der vergangenen Nächte. Insgeheim verfluchte er sich dafür, aber er war schon immer eher Denker als Rhetoriker gewesen. Die Kameras waren nach wie vor auf ihn gerichtet, doch wusste er nun nicht mehr, was er noch sagen sollte. Hier war sein Plan zu Ende.

"Hey Kleiner, nimm das hier." Jonathan stand noch immer auf der Brüstung und musste sich daher ein wenig bücken, um den 100-Euro-Schein des hochgewachsenen Mannes entgegennehmen zu können, dessen Atem stark nach Bier roch und dessen Augen so seltsam glasig waren. Als er ihm ein Stück seiner Lieblingsdecke zum Ausgleich in die Hand drückte, hielt der Mann Jonathans Hand einen Tick länger als eigentlich notwendig fest. "Und tolle Rede, Mann". Der Biertrinker wandte sich ab.

Er hatte ganz vergessen, warum er eigentlich gekommen war. Nach etwa einhundert Metern drehte sich der Biertrinker noch einmal um. Wie ein moderner Sankt Martin stand Jonathan da auf seiner Brüstung, zerteilte weiter seine Decke und legte das Geld neben sich auf den kalten Asphalt.

Die Mitarbeiter des Glaspalastes betrachteten die Szenerie längst von der anderen Seite der Scheibe aus, wo es schön warm war.

Zusammen mit Jonathan sahen sie zu, wie der Geldscheinhaufen immer größer und größer wurde.

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Kommentare zu diesem Artikel

Weihnachtsgeschichten sind immer kitschig. So auch diese. Eine spezielle Ausgabe der Verkehrten Netzwelt. Frohe Weihnachten!

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  • Lenzunge schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte

    Sehr schön, danke
  • sarazena schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte

    Frohe Weihnachten, Verkehrte Netzwelt. Macht so weiter, ich lese euch gerne :top:

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Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte
Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte
Weihnachtsgeschichten sind immer kitschig. So auch diese. Eine spezielle Ausgabe der Verkehrten Netzwelt. Frohe Weihnachten!
http://www.netzwelt.de/news/94636-verkehrte-netzwelt-weihnachtsgeschichte.html
2013-12-23 10:10:40
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Verkehrte Netzwelt: Eine Weihnachtsgeschichte