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Kommentar: Digital Natives oder die Sekte im Web 2.0
Neu gleich gut, alt gleich schlecht

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Die Digitale Gesellschaft verhält sich wie eine Sekte! Neues wird gefeiert, weil es neu ist. Altes wird verdammt, weil es eben nicht mehr neu ist. Hinterfragt wird kaum. Stattdessen dem nächsten Trend hinterhergejagt. Aber was bedeutet das eigentlich für die Welt, in der wir leben?

Die Krise der Printmedien wird im Internet heftig diskutiert. Wer nicht schnell auf digitale Geschäftsmodelle umsteigt, wird scheitern, heißt es oft. Analog war gestern, das Morgen ist digital. Doch wer so denkt, verwechselt seinen persönlichen Lebensstil mit einem allgemeinen Gesetz.

Ungewohnter Anblick: Das Smartphone ist aus.

Eine der hartnäckigsten Sehnsüchte des zivilisierten Menschen ist die nach der Wahrheit. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Mensch mit einem Überangebot an Gehirnzellen ausgestattet ist, man spricht von 100 Milliarden Zellen. Insgesamt viel zu viel für die einfachen Aufgaben des Lebens wie Sex, Essen und Schlafen. Es ist nicht leicht, das tobende Chaos von 100 Milliarden Zellen zu bändigen. Man kann das Chaos im Kopf einfach ignorieren, versuchen, möglichst viele Gehirnzellen in Alkohol zu ertränken, oder nach der Wahrheit suchen. Denn nur die Wahrheit ist imstande, alle Gehirnzellen auf Linie zu bringen. Der kürzeste Weg zur Wahrheit wiederum ist der Eintritt in eine Sekte. Darum haben die Menschen, die in eine Sekte eingetreten sind, immer dieses selige Lächeln im Gesicht.

So verschieden die Wahrheitsangebote der Sekten sein mögen, so ähnlich sind ihre grundlegenden Eigenschaften. Fast alle Sekten haben einen oder mehrere Gurus oder Menschen mit sehr hohem Ansehen, denen sie folgen. Alle Sekten bauen ihre Weltanschauung auf zwei oder drei Grundweisheiten auf, denen sich alles andere unterordnet. Widersprüche oder offene Fragen existieren nicht. Frei nach der alten Klempner-Regel "Was nicht passt, wird passend gemacht" - oder ignoriert.

Ebenso kennzeichnend für Sekten sind Merkmale wie typische Kleidung und Accessoires, bestimmte Rituale, das Bevorzugen bestimmter Farben und Symbole und sogar ein gemeinsamer Jargon.

Ein Problem haben die Mitglieder von Sekten eigentlich nur, wenn sie auf Menschen treffen, die anders sind. Dann staunen sie. Wie kann es nur sein, dass andere Menschen die einfache Wahrheit nicht erkennen? Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die nicht den ganzen Tag in weißen Kleidern herumlaufen und bunte Holzketten tragen. Mit einem Bild des großen Lehrers als Medaillon.

Erleuchtete Wissensgemeinschaft

Eine besonders große Sekte macht seit einigen Jahren von sich reden, die Digital Natives. Gebildet wird diese erleuchtete Wissensgemeinschaft aus Vorformen und Subgruppen wie PC-Freaks, Linux-Anwendern, Apple-Fans, Hackern, Online-Gamern, IT-Beratern, Digitalen Nomaden und Social Media-Experten.

Das gemeinsame Mantra dieser Sekte und all ihrer Subgruppen lautet: "Alles wird digital".

Neue Geschäftsmodelle in der Internet-Ära

Indizien dafür, dass es sich dabei nicht um eine skurrile Guru-Weisheit handelt, sondern dass sie damit sogar weitgehend Recht haben könnten, gibt es natürlich genug. Und weil es so viele Indizien dafür gibt, lassen sie einen auch in jeder Diskussion spüren, wie sehr sie wieder mal Recht haben. Zum Beispiel, wenn es um Themen geht wie Google und das Leistungsschutzrecht der Verlage oder Musik-Downloads kontra CDs oder um E-Books oder um das Scheitern von Buchverlagen und Zeitungen im Internetzeitalter.

Da wird jetzt beispielsweise die Financial Times eingestellt und die Frankfurter Rundschau ist, um es einfach zu sagen, pleite. Was man von den Sektensprechern der Digital Natives dazu hört, ist eigentlich immer dasselbe. Die Verleger leben noch in der alten Analog-Welt. Die Verleger haben das Internet nicht verstanden. Die Verleger haben es versäumt, ihr Geschäftsmodell der Digital-Ära anzupassen. Die Verleger klammern sich krampfhaft an eine untergehende Welt.

In der Vorstellung der Digital Natives sind Verleger nette alte Herren im Ledersessel, die versonnen in ihren Cognac-Schwenker gucken und nicht merken, wie draußen die Typen mit ihren Dreitagebärten das Web 2.0 boomen lassen.

Tja, liebe Damen und Herren aus den Printmedien, hättet ihr mal besser aufgepasst und flugs das Geschäftsmodell umgestellt. Hättet ihr besser mal einen schlauen New-Media-Coach engagiert, der hätte euch einen flotten Webauftritt, inklusive Kommentar-Forum, iPad-Abo und Facebook-Präsenz organisiert.

Microsoft, das altmodische Hightech-Unternehmen

Dass es gar nicht so leicht ist, sein Geschäftsmodell an eine neue technische und ökonomische Ära anzupassen, sieht man am Beispiel Microsoft. Das ist ja nun wirklich ein Hightech-Unternehmen, dem man doch zutrauen sollte, mit allen Herausforderungen der digitalen Welt bestens zurecht zu kommen. Aber mit den zwei großen Entwicklungen der letzten 20 Jahre, Internet und Mobile Computing, ist Microsoft eben nicht zurechtgekommen. Das Unternehmen, das mit Betriebssystemen und Desktop-Software großgeworden ist, hat es bis zum heutigen Tage nicht geschafft, mit Internet-Diensten oder Mobilgeräten wirklich erfolgreich zu sein. Die Suchmaschine Bing hat einen Marktanteil von weit unter zehn Prozent. Wenn Microsoft Bing einstellen würde, würde das keiner merken. Bei Smartphones und Tablet-PCs hinkt Microsoft ebenfalls hinterher und erzielt bestenfalls Achtungserfolge. Diese Achtungserfolge erzielt es auch nur deshalb, weil es in der Desktop-Ära so irrsinnig viel Geld verdient hat, dass es sich jetzt leisten kann, Milliardenbeträge in Entwicklung neuer Produkte zu investieren. Microsoft lebt heute von den Zinsen der Vergangenheit.

Dieses Beispiel soll nur eins zeigen: Es ist sehr schwierig, das analoge Geschäftsmodell an die digitale Welt anzupassen. Es ist bezeichnend, dass nicht einmal die führenden Köpfe der Piratenpartei es schaffen, ihre Bücher auf digitalen Vertriebswegen zu verbreiten, sondern auf herkömmliche Buchverlage setzen.

Aber das stört echte Digital Natives nicht. Sie murmeln unentwegt ihr Mantra: "Das Internet ist die große Revolution und alles wird digital".

Ein weiteres Argument wird von den Digital Natives auch sehr schnell weggewischt. Viele Leute haben immer noch gerne ein echtes Buch, eine richtige CD oder eine echte Zeitung in der Hand. Ja, schon klar, lautet dann die Antwort, aber das sind die Alten, die Generation 40 plus, und die Alten sterben aus. Es folgt zwangsläufig das Beispiel der Jugendlichen, die schon lange keine CDs mehr kaufen und sich nur noch im Internet informieren und im Urlaub nur noch im E-Book-Reader schmökern. "Denen können Sie keine Zeitung mehr verkaufen." Rauschender Beifall aus den Rängen des Web 2.0.

Das stimmt zum großen Teil. Andererseits gibt es unter sehr jungen Leuten sehr wohl bestimmte Milieus, die mit Smartphones, Facebook und Co. nichts anfangen können. 6 Milliarden Menschen auf diesem Planeten haben keinen Facebook-Anschluss.

Internet-Artikel zum Ausdrucken

Und was die Alten betrifft, die früher oder später aussterben. Das dauert leider noch ein paar Jahrzehnte. Diejenigen, die heute 40 Jahre alt sind und morgens gerne die Zeitung aus dem Briefkasten holen, sind mehrheitlich wahrscheinlich auch in 20 oder 30 Jahren noch bereit, die Zeitung zu lesen. So gesehen könnte es also auch in einigen Jahrzehnten noch einen Markt für die Zeitung aus Papier geben, sofern nicht andere Entwicklungen dem Papier ein Ende bereiten. Man kann in diesem Zusammenhang auch mal die Frage stellen, warum eigentlich fast alle News-Seiten im Web einen Knopf zum Ausdrucken haben. Scheint so, als ob auch bei den Internetsurfern noch viele gerne auf Papier lesen.

Im Übrigen zeigt ein Blick auf die digitale Medien-Landschaft, dass hier vieles im Argen liegt. Es gibt einige große Marken, die viel Geld verdienen und die alles richtig machen. Es gibt viele, die sich so durchwursteln, und leider ganz viele, die Content nach dem Prinzip Schlecker generieren und nach dem Prinzip Rudis Reste Rampe anbieten. Das mag sich so mancher altmodische Zeitungsmann oder Buchverleger vielleicht nicht antun: Lieber in Würde untergehen als zum Google-Sklaven zu werden und sein Geld mit schnell zusammengeschrubbtem Content zu verdienen.

Hier haben wir übrigens ein unterschätztes Denkmodell: Die große Zeit ist vorbei, jetzt packen wir ein und machen den Laden dicht. Die neue Zeit braucht uns nicht mehr.

Trotzdem ist es voreilig, das Ende der Printmedien zu verkünden und zu behaupten, Medien könnten überhaupt nur überleben, wenn sie einen guten Internet-Auftritt anbieten. Wie viele Dinge wurden in den letzten 100 Jahren schon tot geschrieben? Das Radio, das Kino, das Fernsehen, die Vinyl-Platte, Absinth, der selbst gestrickte Pullover, die Spiegelreflexkamera und anderes mehr. All diese Dinge dürften heute gar nicht mehr existieren, wenn die Fortschrittsgläubigen ihrer Zeit jeweils recht gehabt hätten. Auf lange Sicht gesehen wird jedes dieser Medien oder Produkte früher oder später von einem Retro-Trend erfasst und wieder nach oben gespült.

Das alles sind Punkte, die ein echtes Mitglied der Digital Natives nicht beeindrucken. Denn, die Grundregel gilt: Alles wird digital. Wer da nicht mitmacht, wird untergehen im Sturm der Bits und Bytes. Zu dieser selbstherrlichen Auffassung tragen auch die Vorträge vieler renommierter Internet-Gurus und Neue-Medien-Experten bei. Die erzählen halt lieber die große Story vom Web 2.0 und der digitalen Revolution, die alles verändert. Mit einer mittelmäßigen Geschichte vom Internet, das vieles verändert und manches gleich lässt, kann man sich halt nicht so spektakulär vermarkten.

Unrealistischer Blick auf die Technik

Typisch für die teilweise praxisfremde Einstellung vieler Mitglieder der digitalen Sekte sind die euphorischen Beschreibungen neuer Produkte wie Tablet-PCs oder E-Book-Reader. Deren Qualität wird immer an dem gemessen, was die Technik selbst hergibt. Hat sich die Akkulaufzeit der neuen Tablet-Generation verdoppelt, sind alle begeistert von der Akkulaufzeit. Dass diese gemessen an den praktischen Anforderungen des Alltags immer noch sehr kurz ist, fällt keinem auf. Gelobt wird auch die Darstellungsqualität neuer E-Book-Reader. Die ist tatsächlich viel besser als die früherer E-Book-Reader. Aber immer noch schlechter als der augenfreundliche Druck eines echten Buchs. Moderne E-Book-Reader können bei der Ergonomie vielleicht knapp mit einem billigen Taschenbuch mithalten, das war's dann aber auch schon. Schon mal einen hochwertigen Kunstbildband oder ein Buch mit Landschaftsfotos auf einem E-Book-Reader gesehen? Sowohl in der Größe als auch in der Darstellungsqualität sind Bücher und Zeitungen heute immer noch haushoch überlegen.

Diese ergonomischen Mängel aktueller E-Book-Reader hat der Netzwelt-Test der Kollegin Annika Demgen offen angesprochen. Es gibt sie also durchaus, die kritischen Töne und den realistischen Blick, nur leider gehen solche Stimmen allzu oft in der Hightech-Begeisterung unter.

Für die Sektenvertreter der Digital Natives sind das alles belanglose Kleinigkeiten. Wer sich im Besitz der großen Wahrheit – "alles wird digital" - weiß, für den sind Zweifel überflüssig. Ist auch ganz in Ordnung so. Sollen sie sich ihre weißen Kleider und die Holzketten überstreifen mit den Bildchen von Steve Jobs oder Linus Torvalds oder Steve Wozniak. Auf zur nächsten Gruppensitzung im Web 2.0. Da wird um das Goldene App getanzt. Cloud Computing, Social Media, Retina-Displays, Augmented Reality. Was auch immer. Hauptsache digital, Hauptsache, die Gehirnzellen geben Ruhe...

Kommentare zu diesem Artikel

Die Digitale Gesellschaft verhält sich wie eine Sekte! Neues wird gefeiert, weil es neu ist. Altes wird verdammt, weil es eben nicht mehr neu ist. Hinterfragt wird kaum. Stattdessen dem nächsten Trend hinterhergejagt. Aber was bedeutet das eigentlich für die Welt, in der wir leben?

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Kommentar: Digital Natives oder die Sekte im Web 2.0
Kommentar: Digital Natives oder die Sekte im Web 2.0
Hauptsache Neu! Alles andere ist erstmal zweitrangig. Neu gleich Gut. Wie in einer Sekte werden neue Technologien gefeiert, statt kritisch hinterfragt. Oder sehen wir die Digitale Gesellschaft zu düster?
http://www.netzwelt.de/news/94503-kommentar-digital-natives-sekte-web-2-0.html
2012-12-02 09:47:35
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