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Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica
Im Streit mit dem Abmahn-Anwalt

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Ein Fan-Video führt zu einer Abmahnung. Die Abmahnung führt zu einem Telefonat mit einem Abmahn-Anwalt. Und dann nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf! Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn man die neueren Werke von Metallica nicht mag?

Ein Fan der Metal-Band Metallica spielt deren Musik nach und stellt das Ergebnis ins Internet. Welch schöne Huldigung für eine große Band. Doch die Plattenlabels sind anderer Meinung und schicken den Abmahnanwalt Mario "Bad Ass" Stelzer los. Doch diesmal ist Dr. Stelzer an den Falschen geraten. Exklusiv für Netzwelt erzählt der Metallica-Fan die ganze Geschichte.

Ein ähnliches Bild dürfte vielen Youtube-Nutzern in Deutschland inzwischen bekannt sein.

Finden Sie auch, dass die letzten Platten von Metallica nichts taugen? Die Jungs haben keine Ideen mehr. Das war mal anders. Ganz groß finde ich die frühen Sachen, wie zum Beispiel "Ride the Lightning" oder "Master of Puppets" - und das "Black Album". Deshalb habe ich jetzt auch ein musikalisches Huldigungs-Projekt für die frühen Metallica ins Leben gerufen. Es geht darum, die besten Songs nachzuspielen und dann mit einem Videoclip zu verbinden. Sowas ist ja heute im Zeitalter der Heimcomputer kein Problem mehr. Auf meinem PC befindet sich schließlich das Programm Music Maker von Magix. Soundkarte und ein USB-Mikrofon habe ich auch. Mein Freund Konstantin spielt Gitarre und singt dazu. Richtig gut singen kann der nicht, aber das kann Metallica-Sänger James Hetfield ja auch nicht.

Ich nannte das Projekt BARP (Black Album Revisited Project). Der erste Song, den wir einspielten, war "Enter Sandman". Das Schlagzeug besorgte ich auf dem PC mit den "Rock Drums" von Magix, den Bass holte ich mir aus einem Soundpool. Nur die Gitarre musste mein Kumpel noch spielen und dazu singen. Die Gitarren-Pickings hatte ich vorher aus dem Web runtergeladen.

Konstantin an der Stratocaster

Als "Enter Sandman revisited" schließlich fertig gemixed und gemastered war, habe ich ein Video drübergelegt. Auf dem sieht man, wie Konstantin im schwarzen Metallica-T-Shirt seine E-Gitarre bearbeitet und dazu ins USB-Mikrofon röhrt. Außerdem gibt es ein paar Kameraschwenks über dunkle Wälder und Zeitrafferaufnahmen von Nachtwolken, die am Mond vorbei fliegen. Schön düster, ein echter Geniestreich. Den ich dann flugs auf YouTube hochlud. Nach einer Woche hatte ich schon 12.000 Klicks, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Projekt ausgiebig auf Facebook beworben hatte. Ich war begeistert und stellte mir vor, wie demnächst das Telefon bei mir klingelt und Kirk Hammett am Apparat ist: "Not bad, man. Not bad". Ich würde die Gelegenheit nutzen, ihm zu sagen, dass die letzten zwei Alben Mist waren. Sicherlich würde er sich freuen, mal eine kompetente Kritik zu hören; von einem, der es gut meint. Vielleicht würden wir sogar mal was zusammen machen - Metallica und ich.

Rechtsanwalt Dr. Mario Stelzer & Sozius

Aber Kirk Hammett rief nicht an. Stattdessen kam ein Brief vom Rechtsanwalt "Dr.. Mario Stelzer & Sozius". Ich hätte die Urheberrechte seiner Mandantschaft, eines bekannten Musiklabels, erheblich verletzt. Deshalb fordere man mich auf, den YouTube-Clip "Enter Sandman revisited" umgehend vom Netz zu nehmen. Außerdem sei der Mandantschaft ein Schaden von 12.768 Euro und 43 Cent entstanden, den ich zu begleichen hätte. Hinzu kämen Abmahngebühren in Höhe von 365 Euro und 21 Cent. Das Schreiben kam auf gewöhnlichem Kopierpapier und war flüchtig mit Kugelschreiber unterzeichnet: "Mit freundlichen Grüßen, RA Dr. Stelzer".

Eine Abmahnung, nicht zu fassen. Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen und rief am nächsten Tag bei Stelzer & Sozius an. "Worum geht es denn? Dr. Stelzer ist gerade in einer Besprechung," flötete die Vorzimmer-Tussi. Ich antwortete, dass ich in einer Stunde noch mal anrufen werde. Es sei wichtig, es gehe um Geld. Beim Wort Geld werden die Advokaten ja immer hellhörig.

Beim zweiten Anruf, eine Stunde später, kam ich tatsächlich durch. Auf der Webseite der Kanzlei hatte ich ein Foto von Stelzer gesehen. Groß, grauer Anzug. Typ: Bad Ass mit Dauergrinsen. Er war anfangs freundlich, ganz der niveauvolle Rechtspfleger. Ich fragte ihn, was ihn einfalle, mir so einen dreisten Brief zu schicken. Ob er das Video nicht gesehen habe? Das sei Kunst. Daraufhin meinte er, eine Verletzung des Urheberrechts könne man nicht mit dem "Wörtchen Kunst" entschuldigen. Seiner Mandantschaft sei ein bedeutender Schaden entstanden und ich täte gut daran, diesen zügig zu begleichen.

Wissen, wo das Auto steht

Ich sagte, ich würde gar nichts zügig begleichen, und sein Abmahnschreiben könne er sich sonst wohin stecken. Er blieb kalt und sachlich und sagte, es gäbe für solche Fälle ja die GEMA. An die könnte man sich wenden und die Lizenz zum Nachspielen und Veröffentlichen von urheberrechtlich geschützter Musik erwerben.

"Ach, die GEMA," erwiderte ich "haben Sie schon mal die Webseite von denen gesehen. Kaum hast dich durch 17 Gebührentabellen gewühlt, fünf Formulare ausgefüllt und ein halbes Jahr gewartet, schon kriegst du deine kostenpflichtige Lizenz. Vergiss die GEMA. Nee, wir Künstler haben keine Geduld und keine Lust, uns mit solch fantasiefreien Bürohengsten rumzuärgern. GEMA kills Music", tönte ich ins Telefon.

Da wurde Dr. Stelzer patzig. "Ihr Musikvideo ist so schlecht, dass es nicht mal zum Lacherfolg taugt. Und mit Kunst hat dieser Murks sowieso nichts zu tun. Rechtsbrecher wie Sie gehören vor Gericht."

Darauf sagte ich - ganz ruhig und ganz kalt - er habe 48 Stunden Zeit, das Abmahnschreiben zurückzunehmen und sich förmlich bei mir zu entschuldigen. Ansonsten sähe ich mich gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. "Maßnahmen?", er ließ das Wort in der Luft hängen. Ich sagte: "Stelzer, ich weiß, wo dein Auto steht. Audi A7, schwarz." Am anderen Ende der Leitung war es plötzlich still. Zu gern hätte ich in diesem Moment gesehen, wie das selbstgefällige Grinsen aus seiner Einser-Juristen-Visage verschwand. Da hängte ich auf.

Ich dachte ein paar Stunden lang nach und stattete anschließend dem Baumarkt meines Vertrauens einen Besuch ab.

Die berühmte Frage

Am nächsten Tag läutete es an der Tür. Kriminalpolizei, man hätte ein paar Fragen. Wie wunderbar. Polizei war bei mir noch nie im Haus gewesen. Endlich durfte ich mich auch einmal mit echten Kriminalern unterhalten. Ganz wie im richtigen "Tatort". War womöglich ein Mord in der Nachbarschaft passiert? Wie aufregend. Ich bat die Polizisten herein und holte meinen Kalender. Denn sicher würden sie mir gleich die berühmte Polizistenfrage stellen. "Wo waren Sie am 28. November gegen 15 Uhr?"

Das taten sie aber nicht. Stattdessen sagte der linke der zwei Polizisten, ein grauhaariger Mann mit zerklüfteten Gesicht: "Ein Herr Rechtsanwalt Dr. Stelzer hat sich bei uns gemeldet. Er meinte, sie hätten ihm am Telefon damit gedroht, sein Auto zu zerstören."

"Ja, das stimmt", antwortete ich. Den Polizisten fiel fast gleichzeitig die Kinnlade herunter. "Sie geben also zu, dass Sie Stelzer angerufen und ihn bedroht haben." "Ja natürlich, das war so." Ich blickte auf meine Uhr. "Er hat jetzt übrigens noch 16 Stunden Zeit, sich zu entschuldigen, danach nehm' ich mir sein Auto vor."

Der andere Polizist, ein etwas jüngerer mit randloser Brille, sah mich lächelnd an. "Was meinen Sie damit? Sein Auto vornehmen."

Da beschrieb ich den beiden wackeren Beamten, wie ich das Auto von Rechtsanwalt Stelzer behandeln würde. "Ich fahre zu dem Haus, wo Stelzer seine Kanzlei hat, stelle mich vors Fenster neben dem schwarzen Audi A7 und rufe ihn per Handy an. "Schauen Sie doch mal aus dem Fenster."

Wenn der verehrte Dr. Stelzer dann am Fenster erscheint, fahre ich langsam und ganz liebevoll mit der hartverzinkten Blumenkralle aus dem Baumarkt über die Motorhaube. Bin schon gespannt auf das Geräusch. Vielleicht werde ich Ohropax mitnehmen. Dann packe ich den Vorschlaghammer - "ideal für Abbrucharbeiten", O-Ton Baumarktreklame - und lasse ihn zuerst auf die Scheinwerfer fallen, dann auf die Frontscheibe, dann auf die Seitenscheiben und dann auf die Motorhaube. Wieder und wieder. Währenddessen rufe ich: "Siehst du, was passiert, wenn du Abmahnschreiben verschickst? Siehst du, was passiert, wenn du für die Musikmafia arbeitest? Siehst du, was mit dem Auto von einem Abmahnanwalt passiert?" Zehn oder zwölf Schläge mit dem Vorschlaghammer müssten eigentlich genügen, um den Audi A7 in einen Kandidaten für die Schrottpresse zu verwandeln. Der A7 ist übrigens eh kein schönes Auto. Da ist Mitleid, auch ästhetisch gesehen, fehl am Platz.

Nach getaner Fahrzeugpflege würde ich Rechtsanwalt Stelzer fröhlich zuwinken und mich zügig entfernen.

Nachdem ich das den Beamten in ruhigem Ton geschildert hatte, sagte der ältere: „Ist Ihnen klar, dass sie uns gerade in allen Details eine schwere Straftat geschildert haben." Ich antwortete: "Rein juristisch gesehen haben Sie sicherlich recht. Aber so ist der Gerechtigkeit genüge getan worden."

Mein Freund der Baum

Ich fragte die Polizisten, ob sie sich eventuell für mein nächstes Musikprojekt interessierten. "Erzählen Sie", sagte der ältere, "aber nur, wenn sie da auch wieder interessante Straftaten planen".

Ich fragte sie, ob sie den alten Schlager von Alexandra "Mein Freund der Baum" kennen würden. Der Jüngere sagte, ja, das kenne er, das habe seine Oma früher immer gehört. "Genau dieses Lied werde ich als Playback aufnehmen. Ich schnappe mir meine Nachbarin, drücke ihr die Noten und den Text in die Hand und gehe mit ihr in den Park. Da soll sie um einen alten Baum herumtanzen und das Lied singen. Oder einfach die passenden Lippenbewegungen machen."

Der ältere Polizist fragte: „Und wenn Ihre Nachbarin keine Lust hat, sich dabei filmen zu lassen, wie sie um einen Baum herumtanzt und dabei idiotische Lieder singt?"

Ich antwortete: "Gute Frage. Daran habe ich auch schon gedacht. Wenn sie sich weigert, werde ich ihr damit drohen, dass ich nie wieder ein Zalando-Paket für sie annehme. Das wirkt bei allen Frauen. Die Gesangsperformance im Park würde ich mit meiner Full-HD-Kamera filmen, das Video mit dem Original-Lied von Alexandra unterlegen und dann auf YouTube stellen. Der Erfolg wäre praktisch garantiert, vor allem angesichts meiner bedeutenden künstlerischen Fähigkeiten, mit denen ich den alten Schlager in die Neuzeit transponiere und visuell neu interpretiere. Nur die GEMA, die müsste leider draußen bleiben. Keine Zeit für engstirnige Bürokraten und Musik-Kretins. GEMA kills Music."

Das Gespräch mit den beiden Beamten war dann relativ schnell zu Ende. Sie waren intellektuell wohl etwas beschränkt, jedenfalls sahen sie sich ratlos an. Einer holte sein Handy heraus, um Verstärkung zu holen.

Seit zwei Monaten sitze ich jetzt im Zimmer einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Internetanschluss habe ich hier keinen. Immerhin einen Laptop mit Magix Music Maker, auf dem ich ein wenig rumspielen und ein paar Ideen ausprobieren kann. Immer wenn der Pfleger vorbeikommt, lacht er und spielt ein paar Takte von "Enter Sandman" auf der Luftgitarre.

Irgendwie warte ich immer noch auf den Anruf von Kirk Hammett. Bestimmt hat der Metallica-Gitarrist schon davon gehört, dass ihr größter Fan wegen ihrer Musik eingesperrt wurde. Bestimmt würde er sich bald persönlich für mich einsetzen und mich besuchen. Vielleicht schreiben die sogar einen Song für mich. Hoffentlich ist der besser als die auf den letzten CDs …

Kommentare zu diesem Artikel

Ein Fan-Video führt zu einer Abmahnung. Die Abmahnung führt zu einem Telefonat mit einem Abmahn-Anwalt. Und dann nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf! Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn man die neueren Werke von Metallica nicht mag?

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  • Rammi schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica

    Das mach die Sache auch nicht besser :dow: Es spricht nicht für unsere Rechtsordnung, wenn sie Menschen mit Mordgelüsten erzeugt :eek: Da stimme ich dir voll zu.Nur leider ist die Rechtssprechung bei uns nicht immer auf der Seite der Guten. Aber es ist die verkehrte Netzwelt und da gehen die "Mordgelüste"gegen ein Auto.Wobei es da eher heisst....tätlicher Angriff mit einem Verletzen. :rolleyes: ;) UND!!!!!Er hat es ja nicht gemacht,nur drübernachgedacht.
  • sarazena schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica

    Gerade deshalb find ich ihn besonders gelungen.Wieviele Abmahnopfer hatten nicht schon solch einen Gedanken. Das mach die Sache auch nicht besser :dow: Es spricht nicht für unsere Rechtsordnung, wenn sie Menschen mit Mordgelüsten erzeugt :eek:
  • Rammi schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica

    Leider ist dieser Artikel auf skurrile Art zu dicht an der Realität :dow: Gerade deshalb find ich ihn besonders gelungen.Wieviele Abmahnopfer hatten nicht schon solch einen Gedanken.
  • sarazena schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica

    Danke verkehrte Netzwelt, ich bin auch euer Fan :top:

    Leider ist dieser Artikel auf skurrile Art zu dicht an der Realität :dow:
  • Rammi schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica

    Vielen Dank für die super geniale Unterhaltung. Macht weiter so mit der verkehrten Netzwelt....Ich bin euer Fan! (und zerkratze nicht euere Autos):D

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Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica
Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica
Früher waren Metallica besser. Darum macht man ein ein eigenes Fan-Video, lädt es auf Youtube hoch und bekommt dann ein Schreiben von einem Anwalt. Abmahnung. Aber diese Geschichte beginnt ab diesem Punkt erst ...
http://www.netzwelt.de/news/94494-verkehrte-netzwelt-groesste-fan-metallica.html
2012-12-01 09:15:00
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Verkehrte Netzwelt: Der größte Fan von Metallica