Sie sind hier:
 

Verkehrte Netzwelt: Terror aus dem Kryonik-Labor
Eine Science-Fiction-Gruselgeschichte

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Diese Verkehrte Netzwelt ist eine Gruselgeschichte. Sie spielt im Jahr 2230 und erzählt von künstlich reanimierten Menschen. Netzwelt wünscht viel Spaß an diesem Lese-Stoff, wie gemacht für einen grauen Herbsttag.

Was gibt es heimeligeres als einen grauen, verregneten November? Tage, an denen um vier Uhr nachmittags schon die Sonne untergeht und der Nieselregen einen nach Hause treibt, sind gute Tage für Gruselgeschichten. Die Verkehrte Netzwelt hat ihnen eine mitgebracht. Für Liebhaber von Sci-Fi-Trash. Und für starke Nerven.

Gruseliges in der grauen Herbstzeit liefert diese besondere Verkehrte Netzwelt.

Als das Grauen vorbei war, stellten alle dieselben Fragen. Warum waren sie angegriffen worden? Waren diejenigen, die sie angegriffen hatten, wirklich Menschen gewesen? Warum hatten sie die Notabschaltung im Kernkraftwerk unterbrochen? Steckte vielleicht doch ein Computervirus dahinter?

Durchbruch in der Kryo-Technik

Vor einem halben Jahr noch war alles in bester Ordnung gewesen. Es hatte hoffnungsvoll ausgesehen. Medizin, Kryonik und Computertechnik hatten in den letzten Jahrzehnten fantastische Fortschritte gemacht.

Vor sechs Monaten war es dann so weit gewesen. Im Labor des Medizintechnik-Giganten Cold Life in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern trat das Projekt New Life in die entscheidende Phase. Das Unternehmen hatte seinen Sitz und sein Kryo-Labor in Greifswald gewählt, da die dort ansässige renommierte Universität den Zugriff auf begabten wissenschaftlichen Nachwuchs versprach.

Es war Dienstag, der 10. Mai 2230, 11 Uhr 15. Ein historisches Datum. Professor Dr. Bindinger begann, den Körper von Hans-Dieter Schnebel aus dem Kälteschlaf im Kryotank aufzuwecken. Fast 150 Jahre lang hatte der Körper bei minus 130 Grad Celsius in Flüssigkeit geschwebt.

Zwei Monate lang wurde langsam, Liter für Liter der flüssige Stickstoff aus dem Körper gepumpt und ebenso langsam durch echtes Blut ersetzt. Gleichzeitig wurde der Körper schrittweise aufgetaut und erwärmt. Gegen Ende der Prozedur schnitt ein ferngesteuerter Chirurgie-Roboter den Brustkorb auf und setzte dem Körper ein künstliches Herz ein. Experimente mit der Reanimation von echten Herzen hatte man nach Jahrzehnten erfolgloser Versuche aufgegeben. Das Herz war einfach ein zu empfindliches Organ.

Das künstliche Herz war aus einem neuartigen elastischen Metall. Das Design stammte von Toshiba Health Care, die Akkutechnik von Samsung Long Life, die Prozessorintelligenz, die den Herzschlag hundert Mal pro Sekunde anpasste, vom Chipkonsortium Human Tech, das von den Unternehmen Intel, Qualcomm und AMD gebildet worden war.

Neurodaten auf Festplatte

Nachdem Hans-Dieter Schnebels Körper bereit war, begann man dem Patienten seine Persönlichkeit, seine Erinnerungen, seine Emotionen wiederzugeben. Gerade in diesem Bereich hatte die Computertechnik den lange ersehnten Durchbruch gebracht.

Menschen, die sich nach dem Tod eines Tages wieder aufwecken lassen wollten, mussten ab dem 50. Lebensjahr jeden Monat etwa zwanzig Stunden lang eine Art Datenhelm tragen. Der Helm war nichts weiter als eine hochelastische und unauffällige Folie, die mit Hunderten von Sensoren bestückt war. Diese Sensoren maßen alle Gehirnaktivitäten und leiteten diese über ein WLAN-Modul an einen kleinen Mobilrechner weiter, den der Mensch wie eine Armbanduhr tragen konnte.

Dort wurden die Gehirnströme digitalisiert, analysiert, priorisiert, sortiert und schließlich auf einer 0,5 Zoll großen Solid-State-Disks abgelegt. Die Software stammte von IBMs Division Intelligent Life. Pro Monat kamen etwa hundert Terabyte an neuronalen Infos zusammen. Diese wiederum wurden über eine schnelle Mobilfunkverbindung verschlüsselt an ein Rechenzentrum übertragen.

In den fünf oder zehn Sitzungen, in denen der Mensch den Datenhelm trug, musste er Fragen zu bestimmten Themen beantworten, Musikstücke hören oder bestimmte Filme sehen. Auf diese Weise wurden Bilder, Erinnerungen und Gefühle im Gehirn aktiviert und konnten über den Datenhelm weitergeleitet und gespeichert werden.

Nach etwa 100 Stunden Sitzung konnte eine intelligente Analyse-Software bereits Erkenntnisse zur Persönlichkeitsstruktur des Menschen verkünden, seine spezifische Art zu denken erkennen und seine Reaktionsmuster identifizieren. Nach einigen Jahren entstand so ein komplettes und hochauflösendes Abbild aller Erinnerungen, Bilder, Stimmungen, Emotionen und Gedanken des Menschen, eingefasst und geordnet in seiner rekonstruierten Persönlichkeitsstruktur.

Es war sozusagen der ganze virtuelle Mensch auf einer Festplatte. Nur ohne Körper. Und den sollte Hans-Dieter Schnebel jetzt wiederbekommen. Er war der erste Mensch in der Geschichte, der von den Toten auferstehen sollte. Der erste Mensch, dem ein zweites Leben geschenkt wurde.

Triumph der Hightech-Medizin

Das Projekt New Life war ein voller Erfolg. Schnebel war anfangs noch etwas wackelig auf den Beinen, das Sprechen fiel ihm schwer, die Erinnerungen waren anfangs nur diffus. Es dauerte weitere vier Monate, bis er in sein neues Leben gefunden hatte. Jeden Tag wurde er von den Health-Spezialisten in einem Reha-Zentrum betreut und gebrieft. Als man seine vollständige Wiederherstellung verkündete, musste er jeden Tag Dutzende TV-Interviews geben und aus seinem alten Leben vor 150 Jahren in Deutschland berichten.

Nach Schnebel folgten Dutzende anderer Patienten, deren Nachfahren jeweils drei Millionen Euro bezahlt hatten, um sie wieder zurück ins Leben zu holen. Nach der Reaktivierung wurden die New Lifers, wie man sie überall nannte, im Briefing-Center monatelang auf ihr zweites Leben vorbereitet.

Es war ein vollkommener und triumphaler Erfolg für IT-Industrie und Wissenschaft. Große Konzerne wie Intel, Toshiba oder Samsung starteten Werbekampagnen, in denen sie ihren historischen Erfolg in der Medizintechnik anpriesen. Professor Bindinger, der Projektleiter und gleichzeitig Chief Visioneer bei IBM, sagte in einer Fernseh-Talkshow: "Die Mondlandung war ein kleiner Schritt für die Menschheit, die Wiedererweckung der Toten zum Leben ist ein großer."

Die ersten Probleme

Die ersten Anzeichen, dass es Probleme geben könnte, gab es etwa fünf Monate nach Schnebels Auferstehung von den Toten. Er lebte zu dieser Zeit immer noch im Briefing-Center, gemeinsam mit einem Dutzend anderer New Lifers. Er begann über Kopfweh zu klagen. Dann wurde das Kopfweh stärker und regelmäßiger. Schnebel wurde in solchen Phasen aggressiv. Man versuchte ihn mit computergesteuerten Trance-Videos zu beruhigen. Es half nichts. Dann versuchte man es mit dem guten alten Valium. Das schien seine Bewegungen etwas zu verlangsamen, doch irgendwie war Schnebel nicht mehr der alte. Seine Gestik und Mimik begann sich zu verändern, ebenso seine Sprechweise. Später beschrieb das medizinische Personal den anfangs so fröhlichen Patienten als abweisend, manche sagten, er sei ihnen "unheimlich" geworden.

Einen Monat, nachdem er zum erstmal über Kopfweh geklagt hatte, war Schnebel verschwunden und der Medicare-Spezialist, der ihn bis dahin betreut hatte, lag mit geborstenem Schädel auf dem Boden. Auch die anderen zwölf New Lifer waren verschwunden, ihre Betreuer entweder gefesselt oder tot.

Am Nachmittag des 12. November 2230 verschafften sich die 13 Entflohenen Zutritt zum Kernkraftwerk Greifswald. Niemand weiß, wie es gelungen war, die hochsicheren Absperrungen und Security-Schleusen zu überwinden. Später vermutete man aber, sie hätten Komplizen im Inneren der Anlage gehabt. Es ging auch das Gerücht um, ein Computervirus hätte die Zugangskontrollen manipuliert. Es gab auch Leute mit einer Theorie dazu, wer diesen Virus programmiert hatte. Doch diese war so abenteuerlich, dass niemand ihnen Glauben schenkte.

Kernschmelze in Deutschland

Die 13 New Lifer jedenfalls schienen sehr genau zu wissen, was sie zu tun hatten. Sie betraten die Steuerzentrale des Atomkraftwerks und verteilten sich sofort auf die verschiedenen Arbeitsplätze. Ohne zu zögern, stoppten sie den Kühlkreislauf in den Reaktoren 4, 5 und 6 und warteten, bis die Temperatur anstieg. Als die Notabschaltung einsetzen wollte und Alarmsirenen zu heulen begannen, taten sie einfach nichts. Sie warteten und schwiegen.

Einige Minuten später war die Kernschmelze da. Die Explosion war noch in hundert Kilometer Entfernung zu hören. Hunderte von Menschen waren innerhalb von wenigen Stunden tot, auch von den New-Life-Patienten überlebte keiner. Tausende andere in der dicht besiedelten Umgebung erkrankten und mussten sich in medizinische Behandlung begeben. Gut, dass die Medizintechnik inzwischen so weit fortgeschritten war, dass radioaktive Verstrahlung schmerzhaft aber heilbar war.

Bizarrer Amoklauf

Ein Überlebender berichtete später, dass die entflohen New Lifer im Atomkraftwerk so zielstrebig und mit einer solch selbstverständlichen Sicherheit vorgegangen wären, als hätten sie jahrelang dort gearbeitet. Sie schienen tatsächlich jede Anzeige auf den Displays, jede Taste und jeden Regler zu kennen. Keiner von ihnen war im früheren Leben Atomtechniker gewesen.

Der bizarre Amoklauf führte dazu, dass das historische Experiment der Wiedererweckung des Menschen eingestellt wurde. Alle aus den Datenhelmen gewonnenen virtuellen Persönlichkeiten auf den Festplatten wurden gelöscht, die Festplatten vernichtet. Zu Forschungszwecken erhalten blieben nur die Protokolle und Daten über den Verlauf der Experimente.

Epilog

Jahre später stieß ein junger Assistenzarzt, der für ein paar Monate bei Cold Life gearbeitet und dort die Kryo-Tanks überwacht hatte, auf einige auffällige Daten in den Protokollen des Experiments. Er begann nächtelang die Daten zu untersuchen. Jemand musste in das Programm, das die virtuellen Persönlichkeiten im Rechenzentrum verwaltet hatte, Malicious Code eingeschleust haben. Der Code wurde durch die Übertragung auf das Gehirn des Patienten auch Teil der neuronalen Aktivitäten. Fünf Monate nach der Wiedererweckung war der Code aktiv geworden. Dabei war ein Teil ihrer Persönlichkeit, ihrer Erinnerungen und ihres Wissens gelöscht und gegen einen anderen Datensatz ausgetauscht worden.

Waren die New Lifer wirklich Menschen gewesen? Ihre Persönlichkeit waren ihnen schließlich durch Computertechnik eingepflanzt worden, ihr Herz war aus Metall.

Später erinnerte nur noch eine schlichte Gedenktafel an die 13 Patienten, von denen niemand wusste, ob sie Menschen gewesen waren

Kommentare zu diesem Artikel

Diese Verkehrte Netzwelt ist eine Gruselgeschichte. Sie spielt im Jahr 2230 und erzählt von künstlich reanimierten Menschen. Netzwelt wünscht viel Spaß an diesem Lese-Stoff, wie gemacht für einen grauen Herbsttag.

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt. Diskutieren Sie im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt Diskutieren!

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
36552
Verkehrte Netzwelt: Terror aus dem Kryonik-Labor
Verkehrte Netzwelt: Terror aus dem Kryonik-Labor
Lust auf eine gruselige Geschichte an einem grauen Herbsttag? Dann ist das hier genau die richtige Verkehrte Netzwelt für Sie!
http://www.netzwelt.de/news/94365-verkehrte-netzwelt-terror-kryonik-labor.html
2012-11-17 11:50:40
News
Verkehrte Netzwelt: Terror aus dem Kryonik-Labor