Eine Welt aus Klischees

Im Gespräch: Zwei Gamerinnen reden über Sexismus, Halo 4 und große Brüste

Gamerinnen müssen hart im Nehmen sein. Nicht nur, dass Spiele mit tiefgründigen weiblichen Charakteren rar sind, im Netz schlagen ihnen auch offene Diskriminierungen und versteckte Vorurteile entgegen. Netzwelt sprach mit zwei sehr unterschiedlichen Gamerinnen über ihre Erfahrungen, Halo 4, große Brüste und was sie sich für weibliche Charaktere wünschen. 

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Die Entwicklung des Charakter-Designs von Halo 4-KI Cortana. (Bild: halofanforlife.com)
Die Entwicklung des Charakter-Designs von Halo 4-KI Cortana. (Bild: halofanforlife.com)

Inhaltsverzeichnis

  1. 1Ist Die Sims spielen Core-Gaming?
  2. 2Halo 4 - eine Ausnahme?
  3. 3"Große Brüste sind mir egal"
  4. 4Wie sollten Frauen in Spielen sein?
  5. 5"Weg von der Binäre Mann/Frau"
  6. 6Shitstorms und Morddrohungen
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Du bist ein Mädchen und Gamer? Dann musst Du fett, hässlich oder nuttig sein. Diese Einstellung ist unter männlichen Gamern weit verbreitet, so scheint es, wenn man den Blog Fat, Ugly or Slutty besucht. Auf diesem werden regelmäßig Kommentare veröffentlicht, die weibliche Gamer von anderen Spielern erhalten.

Die Nachrichten-Sammlung verdeutlicht anschaulich: Spielerinnen müssen nicht gleich Anita Sarkeesian heißen, um Opfer eines sexistischen Shitstorms zu werden. Nachrichten wie "Willst Du mal einen dicken Schwanz sehen?" sind für viele Gamerinnen speziell bei Online-Multiplayern an der Tagesordnung.

Charlott Schönwetter ist davon überzeugt, dass solche Bemerkungen nicht einfach pubertärer Dummheit entspringen. Sie meidet aus diesem Grund Online-Multiplayer und spielt lieber Single-Player Adventures. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Sexismus und stereotype Geschlechterrollen in der Gaming-Welt zu kämpfen. Dafür arbeitet sie mit am Blog FemGeeks.

Ist Die Sims spielen Core-Gaming?

Auch hier ist das Thema Diskriminierung und Sexismus in der virtuellen Welt der Spiele wie auch im Alltag. "Ziel von FemGeeks ist es, Themen sichtbar zu machen, die ansonsten untergehen", erklärt sie im Telefoninterview mit netzwelt. Ihrer Meinung nach zeigt sich die Dominanz der Männer in der Gaming-Community bereits an so kleinen Dingen wie den Titel des Core-Gamers.

"Ich habe eine Bekannte, die täglich stundenlang Die Sims spielt. Trotzdem würde sie von männlichen Spielern nie als Core-Gamerin bezeichnet werden. Denn Die Sims ist ja was für Mädchen." Ihrer Meinung nach sind starke weibliche Charaktere viel zu selten. "Die meisten Spiele werden von weißen Männern entwickelt. Deren begrenzter Erfahrungshorizont wird in den Spielen sehr deutlich." 

Halo 4 - eine Ausnahme?

Natürlich gibt es Ausnahmen. Halo 4 beispielsweise. Chef des Entwicklerstudios 343 Industries ist eine Frau. In einem Interview mit dem US-Gaming-Magazin GameSpot erklärte Bonnie Ross: "Als Entwickler haben wir eine persönliche Verantwortung, uns zu überlegen, wie unsere Spiele wirken." Beim neuesten Teil der Serie habe man sich immer wieder hinterfragt: "Bei Halo 4 haben wir uns sehr viele Gedanken darüber gemacht, welche Charaktere männlich und welche weiblich sein sollten. Und wenn wir auf Klischees trafen, haben wir uns überlegt, was wir da tun und warum ."

Dem uneingeweihten Betrachter erschließen sich diese Überlegungen nicht zwingend beim Spielen von Halo 4. Die Hauptperson ist ein Mann. Lediglich im Online-Multiplayer lassen sich weibliche Charaktere spielen. Prominenteste weibliche Figur ist die KI Cortana, deren Chara-Design im Laufe der Halo-Serie sich vor allem durch einen wachsenden Vorbau auszeichnet. Und ach ja, nackt ist sie auch. Nicht gerade ein Beispiel für einen nicht-stereotypen, weiblichen Charakter mit Geschichte, wie ihn sich Schönwetter wünscht.

"Große Brüste sind mir egal"

Anders sieht das Yasemin Bösing. "Mir ist das egal, wenn ein weiblicher Charakter große Brüste hat. Ich fühle mich davon nicht angegriffen und identifiziere mich nicht mit denen". Bösing ist Gamerin und Mutter. Eine viel zu seltene Kombination, wie sie meint. Regelmäßig stellt sie gemeinsam mit ihrem Mann auf der GamesCom einen Teil ihrer Retro-Videospiele-Sammlung aus. Auch sie schreibt in einem Blog über ihre Erfahrungen als Gamerin und vor allem als Gamerin und Mutter.

Sie hat selbst noch keine schlechten Erfahrungen mit Gamern gemacht, sondern nur Zustimmung bekommen, erzählt sie netzwelt am Telefon. Auch sie spielt keine Online-Multiplayer. Jedoch nicht aus Angst, sondern aus Zeitmangel. Männer, die es nicht ertragen, gegen eine Frau zu verlieren, und sie dann mit sexistische Bemerkungen überhäufen, haben vor allem Probleme mit sich selbst, sagt sie. Wichtig ist ihr so was nicht. Sie räumt allerdings ein, dass sie das anders sehen könnte, wenn sie persönlich schlechte Erfahrungen gemacht hätte.

Wie sollten Frauen in Spielen sein?

Beide Gamerinnen sind sich einig, dass sich nicht nur die Gaming-Industrie, sondern genauso auch die Geschichten in Film- und Fernsehen ändern müssten, wenn man sich ernsthaft von stereotypen Geschlechterrollen verabschieden wollte. Doch wie sollten weibliche Charaktere in Spielen sein, um die gängigen Klischees zu durchbrechen?

Figuren, die auch äußerlich an der Durchschnittsfrau orientiert sind, wären für Yasemin Bösing eine willkommene Abwechslung. "Allerdings ist die Frage, ob dass dann noch jemand sehen will", schränkt sie ein. Nicht zu ertragen findet Schönwetter Spiele, in denen Frauen aufgrund einer Vergewaltigung oder versuchten Misshandlung stark werden, wie im kommenden Tomb Raider-Teil der Fall. Bösing stimmt ihr zu, schätzt die Tomb Raider-Serie grundsätzlich aber positiver ein: "Lara Croft ist selbstbewusst, hat klare Ziele vor Augen und ist klug." Ihre großen Brüste stören da nicht weiter.



Video

Tomb Raider - Crossroads E3 2012 Trailer: Tomb Raider von Square Enix erzählt eine insgesamt sehr viel düsterere Geschichte als alle Vorgänger-Spiele mit der Archäologin Lara Croft. Dieser Trailer von der E3 Spiele-Messe 2012 soll den Spieler schon einmal auf die kommenden Ereignisse einstimmen und gibt in spannenden Cinematics den Beginn von Laras Abenteuer wieder. Erscheinen wird Tomb Raider voraussichtlich im März 2013. Zum Video: Tomb Raider - Crossroads E3 2012 Trailer

"Weg von der Binäre Mann/Frau"

Charlott Schönwetter wünscht sich mehr als nur starke Frauen: "Ich wünsche mir, dass in Spielen Möglichkeiten jenseits eines binären System denkbar gemacht werden, dass schließt auch Uneindeutigkeiten, fluide Identitäten, häufige Wechsel, mehr als zwei Geschlechter etc. mit ein." Sie findet es traurig, dass sich Entwickler die fantastischsten Welten ausdenken, aber selten von dem Schema Heterosexualität abweichen. Warum muss ein Ork ein Geschlecht haben? 

Dass doch auch die in Spielen auftauchenden männlichen Charaktere Stereotype sind und mitunter diskriminierend, will sie als Relativierung nicht gelten lassen. "Sexismus und Diskriminierung hat auch etwas mit Machtstrukturen zu tun und das Machtgefälle besteht zu Gunsten der Männer", erklärt sie.

Shitstorms und Morddrohungen

Aus diesem Umstand leitet sie auch die heftigen Reaktionen ab, die immer wieder Gamerinnen entgegenschlagen, die sich kritisch über die Community und die Spiele selbst äußern, wie die eingangs erwähnte Sarkeesian. Die US-Bloggerin nimmt gängige Stereotype aus Videospielen auf ihrem Blog Feminist Frequency auseinander und musste sich von Morddrohungen bis zu brutalen Mini-Games, in denen sie blutig geschlagen wird, schon einiges gefallen lassen.

Auch Schönwetter muss sich auf ihrem Blog viel anhören. Aufgeben will sie deswegen nicht. 

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