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Verkehrte Netzwelt: Idiot in der Business-Lounge
Vom Notebook-Dieb zum Erpressungs-Opfer

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Kriminelle Energie kann ganz schön gefährlich sein. Vor allem für den Kriminellen selbst. In dieser Verkehrten Netzwelt klaut ein trickreicher Kleinkrimineller mehrere Notebooks, findet aber ganz schnell seinen Meister.

Es ist der Alptraum jedes Geschäftsmannes. Das Notebook mit wichtigen Firmendaten wird im Café oder am Flughafen gestohlen. Es passiert öfter als man denkt, denn jeder hat mal einen sorglosen Moment. Verkehrte Netzwelt beschreibt, was passieren kann, wenn ein Krimineller mit technischem Know-how ein Notebook klaut.

Auf einmal erscheint die Beleidigung auf dem Bildschirm.

Hahahahaha, ich lach' mich scheckig, es hat geklappt. Es hat mehrere Anläufe gebraucht, aber am Schluss lief es wie am Schnürchen. Ich habe mir mein Notebook erfolgreich stehlen lassen. Ich hatte es in der Business-Lounge des Flughafens auf ein Tischchen gelegt und war aufgestanden. Das Tischchen ist im toten Winkel der Videoüberwachung. Das weiß ich deshalb, weil ich seit Jahren am Flughafen im Zeitschriftenladen arbeite. Der Typ, der das Notebook dann geklaut hat, weiß das auch. Er arbeitet auch am Flughafen, im Duty-free-Shop. Wir kennen uns nicht, es arbeiten ja ein paar Hundert Leute hier. Er war mir aufgefallen, weil er in der Mittagspause immer ein Sakko anzog und durch die Wartebereiche vor den Gates stromerte. Ich habe sofort gespürt, dass er was vorhat. Er hatte eine Freundin, die ebenfalls am Flughafen arbeitete. Wenn sie ihn abholte, zog er sein Sakko nie an. Sie schien ein anständiger Kerl zu sein.

Ein schlauer Dieb

Dann habe ich den Typen beobachtet, als er ein Notebook mitgehen ließ. Der Passagier wollte sich wohl nur schnell einen Kaffee holen, blieb dann etwas zu lang vor den kostenlosen Zeitungen stehen und als er zurück kam, war das Notebook weg. Der Dieb packte den Rechner schnell in seine Tasche und blieb noch solange sitzen, bis der bestohlene Passagier zur Mitarbeiterin am Gate ging und heftig mit ihr diskutierte. In diesem Moment verzog er sich unauffällig.

Der Typ würde wahrscheinlich versuchen, die Festplatte rauszunehmen und von einem anderen PC aus die Daten rauszuziehen. Nur Dummköpfe schalten gestohlene Notebooks oder Smartphones sofort ein und gehen damit ins Internet. Die Hersteller haben jetzt ja alle möglichen "Tracking Devices" und "Anti-Theft-Tools" in die Rechner eingebaut.

Jedenfalls habe ich ihn jetzt in der Falle. Ich wusste, wann er auf Notebook-Jagd geht und den toten Winkel in der Business-Lounge kannte ich inzwischen auch. Ich ließ meinen Rechner, ein schönes Samsung Serie 6, halb aufgeklappt auf dem Tischchen und stand schnell auf, als wollte ich mir nur schnell einen Kaffee oder ein Sandwich holen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Bursche sich dem Objekt der Begierde näherte, und machte mich davon. Zwei Minuten später war das Ding weg.

Verschlüsselte Container, verschlüsselte Daten

Nur zu gerne würde ich die dümmliche Vorfreude auf seinem Gesicht sehen, wenn er sich zu Hause die Daten auf der Festplatte ansieht. Sieht nämlich alles so aus wie die Daten auf einem Business-Rechner. Zwei große Ordner waren in einem verschlüsselten Container, einer mit dem Namen "Projekte", der andere mit dem Namen "Finanzen". Ich hatte die Ordner mit 128 Bit verschlüsselt und nur ein mittellanges Kennwort gewählt, das mit schnellen Rechnern knackbar war.

Aber so leicht sollte er es nicht haben. Hatte er die Container entschlüsselt, würde er wieder nur verschlüsselte Dateien finden, die wiederum nur mit einem relativ kurzen Kennwort geschützt waren. Das würde ihn ordentlich Nerven kosten.

Aber mal sehen, vielleicht hatte er ja schnelle PCs in seiner Gaunerbude. Oder er war Mitarbeiter in einem wissenschaftlichen Forschungszentrum und hatte Zugang zu Rechenkapazitäten. Wenn er dann die Dateien geknackt hätte, würde sicher ein triumphierendes Grinsen über sein Gesicht gehen.

Der Trick mit dem Passwort

Nach dem Knacken der Dateien würde er neben einigen belanglosen Briefen ein schönes Textdokument mit Passwörtern sehen. Passwörter für Onlineshops, Banking, drei E-Mail Accounts, eine Online-Festplatte - alles was der Hightech-Anwender so braucht. Der Dieb würde platzen vor Freude. Viel Spaß würde er mit den Passwörtern aber nicht haben. Die sind nämlich falsch. Wahrscheinlich würde er jedes zwei oder drei Mal eingeben, um sicher zu sein, dass er sich nicht vertippt hat. Aber es wäre jedes Mal vergebens. Die Passwörter hatten jeweils einen falschen Buchstaben. Den vierten Buchstaben von vorne müsste man löschen, erst dann stimmte das Passwort. Aber irgendwann würde er auch das rauskriegen, denn es ist immer derselbe Buchstabe an derselben Stelle, den man löschen muss.

Dann könnte er alle Dateien öffnen. Ich würde einiges dafür geben, sein Gesicht zu sehen, wenn er die Textdatei "Festgeld_Vermögenswerte" öffnet. Da erscheint dann nämlich in 36-Punkt-Schrift das schöne Wort "Idiot" auf den Bildschirm.

Jetzt würde der entscheidende Moment kommen. Würde er das Notebook in die Ecke schmeißen und aufgeben oder würde er weitermachen? Dummer Kleinkrimineller oder ein Kleinkrimineller mit Potenzial?

Wenn er ein Kleinkrimineller mit Potenzial ist, öffnet er nämlich noch das E-Mail-Konto bei Web de und liest die oberste Mail. Wenn er das tut, merke ich das sofort, ich habe nämlich eine Mail mit Zustellbestätigung an dieses Postfach geschickt.

Mail vom Besitzer

In der Mail kann er Folgendes lesen: „Ich weiß, wer Du bist und wo Du arbeitest. Du bist deinen Job ganz schnell los, am Flughafen mögen sie keine Diebe. Und die Polizei wird sicherlich wissen wollen, wo das Notebook ist, das du letzte Woche in der Business-Lounge geklaut hast. Weiß Deine Freundin eigentlich von Deiner kleinen Nebenbeschäftigung?

Als Hacker scheinst Du aber nicht ganz unbegabt zu sein. Genügend kriminelle Energie hast Du. Wenn Du eine Anzeige wegen Notebook-Diebstahls vermeiden willst, dann antworte innerhalb von 24 Stunden auf diese Mail. Schreibe nur "Ja, bitte" ins Textfeld."

Nach 20 Minuten kam die Antwort. "Ja, bitte". Dem ging wohl ganz schön die Düse. Ich ließ ihn zwei Tage schmoren, und freute mich an seinem Anblick, wie er im Duty Free Shop nervös zwischen den Regalen hin und her tigerte und so tat, als müsse er Parfüms und Whiskyflaschen geraderücken, während er sich heimlich umsah, ob nicht vielleicht die Polizei im Anmarsch war.

Dann schrieb ich ihm eine neue Mail. "Weitere Hinweise im Dateianhang". Die entsprechende Textdatei war dann wieder verschlüsselt – damit er nicht aus der Übung kommt.

„Du hast die Wahl. Job verlieren und Polizei oder einen anderen Job für mich ausführen und dafür Geld verdienen. Du kriegst nächste Woche ein Paket mit ein paar Festplatten. Du wirst die Dateien darauf entschlüsseln, auf einen USB-Stick kopieren und an einem Platz ablegen, den du noch erfahren wirst. 20 Prozent für Dich."

Sieht so aus, als hätte ich gerade einen wunderbaren Geschäftspartner gewonnen …

Kommentare zu diesem Artikel

Kriminelle Energie kann ganz schön gefährlich sein. Vor allem für den Kriminellen selbst. In dieser Verkehrten Netzwelt klaut ein trickreicher Kleinkrimineller mehrere Notebooks, findet aber ganz schnell seinen Meister.

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  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Vom Notebook-Dieb zum Erpressungs-Opfer

    ... Der Sinn dieses Artikels ... ... ist pure Unterhaltung. Eine Geschichte aus der Netzwelt, wie sie sich zugetragen haben könnte. Mitunter mit einer kleinen Botschaft. Mitunter aber auch reines Entertainment. Wie grunzer schon richtig gesagt hat, die "Verkehrte Netzwelt" eben :)
  • grunzer schrieb Uhr
    AW: Vom Notebook-Dieb zum Erpressungs-Opfer

    Der Sinn ist leicht erklärt: "Verkehrte Netzwelt"
  • Sinnfrage... schrieb Uhr
    AW: Vom Notebook-Dieb zum Erpressungs-Opfer

    Wieso sollte er es für 100€ verkaufen? Es ist doch klar, dass jeder Dieb ein IT Profi ist und neben seiner normalen Arbeit im Duty-Free Shop auch noch Zugang zu einem Rechenzentrum hat. Der Sinn dieses Artikels erschließt sich mir einfach nicht...
  • grunzer schrieb Uhr
    AW: Vom Notebook-Dieb zum Erpressungs-Opfer

    Vermutlich ist er aber kein iDIOT (;-)) sondern verkauft das Ding am Abend so wie es ist hinter dem Hauptbahnhof für 100€ an einen beliebigen Pfeiffenkopf, der dann erst mal online geht :-P

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Verkehrte Netzwelt: Idiot in der Business-Lounge
Verkehrte Netzwelt: Idiot in der Business-Lounge
Eine zwielichtige Gestalt schleicht um die Business-Lounge und klaut herrenlose Notebooks. Aber in dieser Verkehrten Netzwelt wird der Dieb selbst zum Opfer.
http://www.netzwelt.de/news/94225-verkehrte-netzwelt-idiot-business-lounge.html
2012-11-03 10:21:11
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/einmal-erscheint-beleidigung-bildschirm-bild-netzwelt-16917.jpg
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