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Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht
Die neue Art mit Wissen umzugehen

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Internet und Digitale Medien machen süchtig und dumm, sagen viele Kritiker. In einem neuen Buch fährt der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer gewichtige Argumente gegen die Internetnutzung bei Kindern auf. Warum die Kritiker recht haben könnten - und was sie dabei übersehen.

Klug durch das Internet

Kaum ist Frank Schirrmachers Anti-Internet-Pamphlet "Payback" von den Bestsellerlisten verschwunden, macht sich der Gehirnforscher Manfred Spitzer daran, diese mit einem ähnlich ausgerichteten Buch zu erobern: "Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen". Er beklagt darin die exzessive, suchthafte Beschäftigung mit Internet und Digitalen Medien. Das zerstöre auf Dauer die Fähigkeit zur Konzentration. Die leichte Verfügbarkeit von Informationen enthebt den Menschen der Notwendigkeit, sich das Wissen selbst anzueignen und trägt am Ende dazu bei, dass "geistige Leistungsfähigkeit, Denken und Kritikfähigkeit" immer mehr abnehmen.

Spitzers Buch wird nicht das letzte sein, das die schädliche Wirkung von Internet und Computer auf den Menschen beklagt. Und er ist keineswegs der einzige. Die berühmte britische Hirnforscherin Baroness Greenfield schlägt mit ihren Vorträgen und Aufsätzen in eine ganz ähnliche Kerbe.

Ich selbst habe Spitzers Buch nicht gelesen und nehme trotzdem Stellung dazu, was durchaus symptomatisch ist für das oberflächliche und schnelle Treiben im Internet, das die Kritiker so anprangern. Online muss halt schnell gehen, deshalb hatte ich keine Zeit, das Buch zu lesen. Sorry, Herr Spitzer, aber dafür gebe ich Ihnen schon mal recht. Wahrscheinlich haben auch Baroness Greenfield und Schirrmacher recht. Das sind alles andere als platte Internet-Hasser. Für die Entwicklung von Konzentration, profunder Bildung und intellektueller Tiefe ist das Internet sicherlich nicht das richtige Medium.

Kant lesen im Internet-Zeitalter

Um meine schwindenden Geisteskräfte zu testen, las ich den folgenden Satz: "Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allgemeine, (die Regel, das Prinzip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urteilskraft, welche das Besondere darunter subsumiert, (auch, wenn sie, als transzendentale Urteilskraft, a priori die Bedingungen angibt, welchen gemäß allein unter jenem Allgemeinen subsumiert werden kann) bestimmend. Ist aber nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die Urteilskraft bloß reflektierend."

Der Satz stammt aus Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft". Solche Bücher habe ich früher mal gelesen, als ich Philosophie studiert habe und es kein Internet gab. Heute fällt es mir schwer, diesen Satz auf Anhieb zu verstehen und mehr als zwei Seiten von Immanuel Kant zu lesen, ohne gequält aufzustöhnen. Ganz offensichtlich hat sowohl meine "bestimmende" als auch meine "reflektierende Urteilskraft" unter dem Einfluss des ständigen Surfens deutlich gelitten.

Trotzdem muss man das Internet in Schutz nehmen.

So bietet das Web zum Beispiel die Möglichkeit, die Meinungsbildung bei politischen oder gesellschaftlichen Themen zu verbessern. Früher haben politisch interessierte Leute eine Tageszeitung abonniert, die in etwa ihre politische Weltanschauung wiedergab. Da lasen sie dann jeden Tag die ewig gleichen Leitartikel vom ewig gleichen Leitartikler und konnten da die eigene Meinung wiederfinden. Das Internet bietet heute die Möglichkeit, sich ein ganzes Spektrum verschiedener Meinungen auf den Bildschirm zu holen. Wer sich also gerade eine Meinung bilden will, wie der Prozess gegen die Band "Pussy Riot" in Moskau einzuschätzen ist, findet dazu auf Mausklick eine ganze Reihe unterschiedlicher Texte. Von der "Frankfurter Allgemeinen" über "Süddeutsche" und "Spiegel" bis hin zu "Welt", "Zeit" oder "taz" - und vielleicht noch ein paar Leserkommentare und unabhängige Blogs als Zugabe. So bekommt man innerhalb kürzester Zeit ein breites Spektrum unterschiedlicher Ansichten zu dem Thema. Das fördert die intellektuellen Fähigkeiten viel mehr als die Abhängigkeit von nur einer Tageszeitung, die genau das schreibt, was man selbst denkt.

Surfen, Navigieren, Kombinieren

Außerdem hat das Surfen auch einen Trainingseffekt auf den Intellekt. Denn das ständige Wechseln von Seiten, das Navigieren durch verschiedene Inhalte, das schnelle Erfassen von Kurztexten, Symbolen und Bildern benötigt auch eine geistige Fähigkeit. So muss man viele kleine Entscheidungen treffen, was man anklickt und was nicht, auf welcher Seite man verweilt und auf welcher nicht und wie Informationen einzuordnen sind. Diese Fähigkeit hat viel mit selbstständigem Denken zu tun. Jeder muss beim Websurfen selbst entscheiden, wohin er surft und wie er Informationen einordnet und verbindet.

Die klassischen Bücherleser und Bildungsbürger auf der einen Seite, die Internetsurfer auf der anderen. Hier stehen sich in gewisser Weise zwei Begriffe von Bildung gegenüber. Der konventionelle Bildungsbegriff, den Spitzer, Greenfield und andere vertreten, basiert im Wesentlichen auf drei Qualitäten: Der kluge Mensch sammelt und speichert Wissen, er konzentriert sich für lange Zeit auf ein Thema und er arbeitet sich durch Nachdenken tief in dieses Thema ein. Der klassische Intellektuelle eben.

Der Internetsurfer hingegen bewegt sich sprunghaft durch die Welt des vorhandenen Wissens, er wechselt in schnellem Takt zwischen den Informationen und er verknüpft diese auf immer neue Weise. Der dynamische Internetsurfer eben.

Mit anderen Worten: Hier ein statischer Bildungsbegriff, in dem der Mensch vertikal in die Tiefe des Wissens eindringt, dort ein dynamischer Bildungsbegriff, bei dem der Mensch an der Oberfläche bleibt und Elemente beweglich miteinander verknüpft.

Globalisierung und Neue Medien

Diese neue Art, mit Wissen umzugehen, die durch das Internet gefördert wird, passt zur Globalisierung. Denn es ist die Globalisierung, die über Regionen und Kontinente hinweg ganz neue Zusammenhänge und Strukturen erzeugt. Fast jeder bekommt das täglich in Arbeit und Freizeit zu spüren. Um die Globalisierung und ihre Folgen zu verstehen, sind andere Fertigkeiten nötig, als das in die Tiefe gehende, analytische Denken und das Sammeln von Wissen. Es ist vielmehr nötig, Phänomene aus verschiedenen Kulturen miteinander zu verknüpfen und gemeinsame Muster zu erkennen. Genau die Art von "Intelligenz", die durch das Internetsurfen potenziell gefördert wird.

Zugegeben, eine etwas steile These, aber wahrscheinlich nicht ganz falsch. Wenn sie stimmt, dann ist das Internet der beste intellektuelle Katalysator für den Menschen im Zeitalter der Globalisierung. Es macht uns hier ein bisschen dümmer und da ein bisschen klüger. Trotzdem kann es nicht schaden, abends wieder mal ein anspruchsvolles Buch zu lesen. Es muss ja nicht gleich Immanuel Kant sein …

Kommentare zu diesem Artikel

Der Internet-Nutzer springt von Information zu Information. Immer auf der Suche nach oberflächlichem Wissen. Oder stimmt das gar nicht? Oder stimmt das doch, ist aber eigentlich gar nicht so schlimm, wie es im ersten Moment klingt?

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  • rudi79 schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht

    Die Intension, die diesem Artikel zugrunde liegt, ist sicher eine richtige und verständliche. Tatsächlich wird ziemlich oft übers Internet, Facebook, Handy und Co. teils unfähr und ohne Hintergrundwissen gemeckert ... mein Gott, wir sind im Jahr 2012 in dem es mittlerweise mehr SIM-Karten als Menschen auf der Erde gibt. :)

    Trotzdem ist das Mischen von Argumenten und oder Inhalten bzw. Fakten sehr gefährlich.

    Das Internet dem gegenüber ist eine völlig andere Art von Medium. Es wird aktiv genutzt, denn der Nutzer muss sich durch die Angebote durchklicken und kann sich Schwerpunktmäßig weiter informieren, wenn er denn möchte. Dabei steht theoretisch bei einem Argument nur wenige Mausklicks entfernt auch direkt das Gegenargument.
    Zitat: L.Gerlach


    Auch hier stellt sich die Frage, inwieweit sich ein Kind von 8 Jahren so verhält. Dass das Internet bzw. dessen richtige Nutzung durchaus positiv ist steht außer Frage. Ist ein Kind aber dazu in der Lage ... mit einem Entwicklungsunterschied zu einem Erwachsenen der dem eines Taschenrechners zu einem iPAD 3 entspricht?! ;)

    Kinder sind nicht einfach nur jünger und haben weniger Erfahrung als Erwachsene. Ihr Gehirn funktioniert ganz anders und ist noch nicht vollständig entwickelt. Jede Art des Inputs wird nicht nur anders gespeichert, sondern führt auch zu anderen Effekten.

    Dazu kommt, dass Kinder sensomotorisch lernen. Da ist das Halten, Blättern und Fühlen der Papierbeschaffenheit während des Lesens und der Informationsaufnahme sehr wichtig. Das Sitzen vor dem Bildschirm ist etwas anderes ... nicht unbedingt soooo schlecht, aber es führt zu anderen Effekten im Gehirn.

    Naja ... um das abzuschließen: Wenn in einem Artikel, der Spitzers Buch "nur" als Aufhänger nutzt zu lesen ist ... "Ganz offensichtlich hat sowohl meine "bestimmende" als auch meine "reflektierende Urteilskraft" unter dem Einfluss des ständigen Surfens deutlich gelitten." ... dann stört dieser Seitenhieb einfach das Bild eines neutralen und urteilsfreien Artikels.

    Sowas hilft der Diskusion und des ernsten Themas überhaupt nicht.
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht

    ... den „neuen“ Medien ...
    Zitat: rudi79
    Damit wären wir dann auch direkt bei den bereits angesprochenen Verallgemeinerungen. Der Fernseher als Objekt ist ein passives Medium. Man macht ihn an und schaut den Bildern zu. Diese sind, je nach Inhalt/Sendung/Sender, mehr oder weniger lehrreich. Aber man interagiert nicht mit den Bildern. Man neigt weniger dazu sie in Frage zu stellen und vor allem macht man gewöhnlich nebenbei auch nichts anderes. Das Internet dem gegenüber ist eine völlig andere Art von Medium. Es wird aktiv genutzt, denn der Nutzer muss sich durch die Angebote durchklicken und kann sich Schwerpunktmäßig weiter informieren, wenn er denn möchte. Dabei steht theoretisch bei einem Argument nur wenige Mausklicks entfernt auch direkt das Gegenargument. Der Nutzer muss sich also mit den gegebenen Informationen im Zweifel erstmal auseinandersetzen und bekommt diese nicht auf einem goldenen Teller serviert. Um das Rad zu den Kindern zu schlagen: Kinder (und auch Erwachsene ...) haben schon immer nach Zerstreuung gesucht und immer wurde diese zu Beginn erstmal gehörig verteufelt. "Sie versinken in einer Welt aus Fantasie und verlieren den Bezug zur Realität" ist beispielsweise ein Argument, das man gegen Bücher vorbringen könnte, wenn man den Begriff "Buch" einseitig mit "Roman" gleichsetzt. Aber ...
    ... Richtig schlimm ist es, dass der Zugang und Umfang zu Fernseher und Internet nicht von den Kindern, sondern von den Eltern gesteuert und teils bestimmt wird. Sehen Eltern die Gefahren nicht, müssen die Kinder die Suppe letztlich auslöffen. ...
    Zitat: rudi79
    Und genau hier ist der Knackpunkt: Das Medium mit dem "sich Kinder verdummen" ist austauschbar. Ob es jetzt der übermäßige Comik-Konsum in Form von Heften, übermäßiges Fernseh-Gucken oder auch zielloses Herumsurfen im Internet ist. Allerdings hat sich vielleicht die Wahrnehmung dafür, was der Erwachsene Mensch seinem Kind zumuten kann, verändert. Leider ist es aber so, dass statt nach Ursachen zu forschen häufig genug einfach ein Argument kontra Medium in den Raum geworfen wird. Das das eigentliche Problem dabei nicht das Internet ist, sondern der Umgang mit diesem, fällt in der Diskussion gerne unter den Teppich. Um zum Einstieg zurück zu kommen: Der Artikel sollte keineswegs in irgendeiner Art die Arbeit von Herrn Spitzer kritisieren, sondern einfach die Möglichkeiten aufzeigen, die das Medium Internet für seinen Nutzer bietet.
  • rudi79 schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht

    Und wieder einmal gehen die Diskussionen bzw. die Meinungsäußerungen völlig aneinander vorbei und es wird, wie in diesem Fall, mit Annahmen und Verallgemeinerungen argumentiert, dass die Schwarte kracht!

    Es geht Herrn Spitzer und seinen Meinungsvertretern nicht darum, das Internet oder digitale Medien im Allgemeinen zu verteufeln. Es geht überhaupt NICHT darum, „alte“ und neue Medien miteinander zu vergleichen und das eine dem anderen vorzuziehen. Wer sich in diesem Zusammenhang angegriffen fühlt und den Drang verspürt, sich für seinen persönlichen Internetkonsum oder für den einer ganzen Generation zu rechtfertigen, hat das Problem nicht begriffen! Dazu kommen dann meist noch so sinnvolle Kommentare wie „… ich nutze das Internet täglich und bin auch nicht doof …“ oder so ähnlich.

    Herr Spitzer ist Hirnforscher. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung (!) des Gehirns … welche übrigens die größten Schritte im Kleinkindalter durchläuft. Das schließt per se ALLE aus, die sich über Herrn Spitzers Meinung aufregen. Die Gehirne seiner Kritiker sind schon fertig entwickelt … und trotzdem verstehen sie nicht, dass es um die von Kindern geht, welche von einer völlig anderen Welt beeinflusst werden, als es noch vor 10 Jahren der Fall war.

    „Ich bin auch Internetnutzer und nicht doof …“ sagen diejenigen, welche eben dieser neuen Medienwelt in dem jetzigen Ausmaß ALS KIND nie ausgesetzt waren! Pädagogen, die täglich mit Kindern zu tun haben, wissen und verstehen das!

    Die Auswirkungen eines übermäßigen Medienkonsums von Kindern sind erschreckend und lassen sich direkt und eindeutig den „neuen“ Medien zuordnen. Das bedeutet nicht, dass das Internet und der Fernseher „böse“ sind!! Sie sind auch nicht schädlich für die (fertigen) Gehirne von Erwachsenen. UND sie sind in gewissem Maße sogar förderlich.

    Aber wie bei allem anderen auch macht die Dosis das Gift … und der Konsument. 1 Flasche Wein, 4 Zigaretten und ne Tüte Chips sind für zwei Erwachsene am Samstagabend OK. Würde man das auch bei einem Zweijährigen sagen?! Zugegeben … dieses Beispiel ist auch eher Stammtischniveau als lupenrein argumentiert. Soll aber mal zeigen, um was es hier geht.

    Das Thema bleibt heikel und komplex. Aber solche Kommentare, wie diesen hier bei Netzwelt, machen die Sache leider auch nicht besser! Vielleicht hätte man sich dann doch mal das Buch durchlesen sollen?!



    Kleiner Nachtrag: Richtig schlimm ist es, dass der Zugang und Umfang zu Fernseher und Internet nicht von den Kindern, sondern von den Eltern gesteuert und teils bestimmt wird. Sehen Eltern die Gefahren nicht, müssen die Kinder die Suppe letztlich auslöffen. Der Konsument ist also nicht Herr seines Konsums ... und versteht es nicht, den eigenen Konsum sinnvoll zu reglementieren ... weil Kinder eben nicht das geistige Niveau eines Erwachsenen haben! Herr Spitzer ist in seinen Äußerungen oft zu schroff ... aber nur so ist es möglich, die Leute aufzurüteln. Die Auswirkungen des jetzigen Fehlverhaltens zeigen sich erst in 10 bis 15 Jahren. Dann ist es zu spät!!

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Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht
Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht
Der Internet-Nutzer springt von Information zu Information. Immer auf der Suche nach oberflächlichem Wissen. Oder stimmt das gar nicht? Oder stimmt das doch, ist aber eigentlich gar nicht so schlimm, wie es im ersten Moment klingt?.
http://www.netzwelt.de/news/93993-kommentar-internet-uns-klueger-macht.html
2012-10-14 09:30:28
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Kommentar: Wie das Internet uns klüger macht