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Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari
Fluch und Segen der Digitalisierung von Musik

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Klassische Musik in digitaler Form als MP3? Undenkbar! Oder? Verliert Musik durch die Komprimierung in das digitale Format oder sind die Einbußen zu verkraften? Oder gar überhaupt nicht zu hören? Netzwelt-Redakteur Mehmet Toprak in einem Kommentar über die Digitalisierung von Musik, am Beispiel der Stradivari.

MP3 hat den Alltag der Musikhörer gründlich verändert. Doch die Klangqualität der MP3-Player kann mit der einer guten Hi-Fi-Anlage nicht mithalten. So gesehen ist MP3 ein echter Rückschritt. Dabei kann Digitaltechnik viel mehr. In Zukunft könnten mobile Highend-Player sogar die Klangnuancen einer Stradivari hörbar machen.

Gilt noch immer als die beste Geige: die Stradivari. (Quelle: Wikimedia Commons)

Eines vorweg: MP3 ist nicht in der Lage, das Geheimnis der Stradivari zu ergründen und wird es niemals sein. MP3 merkt nicht einmal, dass die Stradivari ein Geheimnis hat. Das datenreduzierte Musikformat ist nicht feinauflösend genug, um die feinen Klangnuancen festzuhalten, die eine Stradivari nun einmal von einer mittelmäßigen Violine unterscheiden. Auf dem MP3-Player klingt eine Geige eben wie eine Geige.

Das ist bemerkenswert insofern, als die Stradivari ein mehrere Jahrhunderte altes Erzeugnis klassischer Handwerkskunst ist und MP3 ein Produkt moderner Computertechnik. Bei dieser ist der Fortschritt angeblich rasend schnell. Trotzdem reicht das ganze umjubelte Hightech anscheinend nicht aus, um das Niveau klassischer Handwerkskunst abzubilden. Fairerweise wäre zu sagen, dass auch eine mittelmäßige Hi-Fi-Stereoanlage das nicht kann.

Es geht hier also nicht um billiges MP3-Bashing aus der Ecke der kulturbeflissenen Klassikhörer.

Was für die Geigen Antonio Stradivaris (1644 - 1737) gilt, gilt in ähnlicher Weise auch für die Instrumente von Giuseppe Guarneri (1698 - 1744) und Nicola Amati (1596 - 1684). Sie sind bis heute unübertroffen, was umso erstaunlicher ist, wenn man die Jahreszahlen in Klammern beachtet. Die  Angaben sind übrigens aus dem analogen Universal-Lexikon von Bertelsmann, nicht aus Wikipedia.

Das Geheimnis des guten Klangs

Inzwischen haben Forscher das so genannte Geheimnis des guten Klangs dieser jahrhundertealten Geigen ziemlich genau entschlüsselt. Da geht es um Dinge wie ausgesuchtes Fichtenholz mit einer bestimmten Dichte, die sich an den Jahresringen zeigt, und eine bestimmte Zusammensetzung des Lacks. Wie auch immer das genau sein mag, im Wesentlichen ist der Klangreichtum solcher Instrumente nur möglich, weil die Instrumentenbauer über vier Eigenschaften verfügten: handwerkliches Geschick, geduldiges Beobachten und Nachdenken, Intuition und ein feines Gehör. Nur mit diesem magischen Quadrat an Eigenschaften konnten sie Instrumente bauen, deren Klang heute noch alles übertrifft, was mit Digitaltechnik reproduzierbar ist. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass diese Leute im 18. Jahrhundert noch keinerlei moderne Werkzeuge zur Hand hatten. Kein Tonstudio, kein Mikrofon, keine Computersimulation, keine Frequenz-Analyse, keine CAD-Software.

Skeptiker spötteln über den Mythos

Nun sollte man andererseits nicht allzu viel Gewese um das angebliche Geheimnis der Stradivari machen. Es gibt Skeptiker, die gerne an gewisse entlarvende Experimente erinnern. Da steht der Geiger hinter einem Vorhang und spielt dasselbe Stück einmal auf der Stradivari und einmal auf einer billigen neuzeitlichen Geige. Der Clou des Experiments: Die Musikkritiker vor dem Vorhang erkennen den Unterschied nicht zwischen der edlen Stradivari und der mittelmäßigen Geige. Dann ertönt das boshafte Triumphgeheul der Skeptiker und Faktenhuberei. Das Geheimnis der Stradivari ist demnach nichts weiter als ein geschickt vermarkteter Mythos.

Da ist es dann aber schon komisch, dass weltberühmte Geiger wie Yehudi Menuhin, Jascha Heifetz oder Anne-Sophie Mutter auf der teuren Stradivari spielen und nicht ein neuzeitliches Instrument bevorzugen. Alles nur Marketing für Leichtgläubige?

Kampf der Kulturen: MP3 gegen Stradivari

So oder so ist klar, dass MP3 bestimmte Details im Klang unterschlägt. Man könnte nun das Fazit ziehen, dass die Digitaltechnik einen großen Rückschritt darstellt. Für Hörer, die auf den Klang fixiert sind, ist das ja auch so. Allerdings ist das der Mehrheit der Menschen, die unterwegs einen iPod oder anderen MP3-Spieler nutzen, herzlich egal. Sie haben trotzdem Spaß an der Musik.

Der Begriff MP3 ist zum Symbol geworden. Zum Symbol für die Musik- und Lifestyle-Kultur unserer Zeit. Das Format hat den Alltag der Menschen in drei Punkten wesentlich verändert. So hat es erstens das auch früher schon verbreitete Nebenbeihören (in der Küche, beim Heimwerken) auf den mobilen Bereich ausgeweitet. Jetzt kann man überall hören.

Es hat zweitens die privaten Schallplattenregale der Musikliebhaber so geschrumpft, dass auch die größte Plattensammlung in die Jackentasche passt.

Es hat drittens durch Internet-Downloads auch exotische und ungewöhnliche Musik jederzeit und überall verfügbar gemacht. Es gab Zeiten, da sind Musikliebhaber in den Plattenladen gelaufen, und haben vielleicht eine seltene Aufnahme mit Folk-Musik bestellt und sechs Wochen später abgeholt. Sowas lädt man sich jetzt unterwegs mit dem Smartphone herunter.

Die Klang-Doping-Maschine

MP3 und die Techniken, für die hinter diesem Begriff stehen, haben die Musik der Welt auf Knopfdruck verfügbar gemacht. Der MP3-Player ist heute so etwas wie eine lifestylige Sound-Doping-Maschine für gestresste Großstädter. Deshalb hat MP3 auch zur Folge, dass eigentlich ganz unmusikalische Leute in der U-Bahn die Kopfhörer im Ohr haben. Früher - also in der Ära vor dem Sony Walkman - gab es Menschen, die sich nicht besonders für Musik interessiert haben und deshalb nie Musik gehört haben. Heute, so scheint es, sind wir ein Volk von Musikliebhabern geworden.

Alltag als Gesamtkunstwerk

MP3 und Stradivari, diese Begriffe stehen für völlig entgegengesetzte Lebensweisen. Hier das geduldige Hinhören, die Intuition, das langsame Erarbeiten - an dessen Ende die Magie des Klangs steht. Dort die ungeduldig eingeforderte jederzeitige Verfügbarkeit - an dessen Ende die Unterwerfung der Magie steht. Das muss gar nicht schlecht sein. Weil ein Spaziergang durch die Stadt mit Musik im Ohr ein tolles Erlebnis sein kann, geht die Magie der Musik nicht verloren. In den besten Momenten entsteht da so etwas wie das Alltagsleben als interaktives Gesamtkunstwerk.

Jetzt scheint sich übrigens eine Versöhnung der Kulturen anzudeuten. Denn inzwischen gibt es Musik-Portale im Web wie beispielsweise Highresaudio, die den Download von Musik in CD-Qualität oder sogar in Studiomaster-Qualität anbieten. Die hochauflösende Studiomaster-Qualität mit Abtastraten von bis zu 352,8 kHz/24 Bit könnte einen Klang liefern, der auch allerfeinste Nuancen hörbar macht. Vorausgesetzt natürlich, man hat eine richtig gute Stereoanlage mit richtig guten Lautsprechern und die passenden Ohren dazu.

Mobile Player mit Highend-Sound

Vielleicht geht die Entwicklung ja noch weiter: Man stelle sich vor, es gibt in Zukunft ein Gerät von der Größe eines iPad mit einer 2-Terabyte-Festplatte. Darauf wäre die Musikbibliothek nicht als MP3, sondern in hochauflösender Qualität gespeichert. Außerdem wären der Verstärker und der Kopfhörer des mobilen Players so gut, dass er die gespeicherte Sound-Qualität auch tatsächlich hörbar machen könnte. Man hätte die ganze Musik der Welt überall verfügbar und könnte gleichzeitig das Geheimnis der Stradivari ergründen …

Kommentare zu diesem Artikel

Klassische Musik in digitaler Form als MP3? Undenkbar! Oder? Verliert Musik durch die Komprimierung in das digitale Format oder sind die Einbußen zu verkraften? Oder gar überhaupt nicht zu hören? Netzwelt-Redakteur Mehmet Toprak in einem Kommentar über die Digitalisierung von Musik, am Beispiel der Stradivari.

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  • irgendeiner schrieb Uhr
    AW: Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari

    Der Autor musste auf ein bestimmtes Datum hin eine vorgegebene Anzahl Wörter abliefern. Hat er doch perfekt gemacht :p Allerdings finde ich es auch eine Zumutung an die Leser!
  • IchHabeKeineAhnung schrieb Uhr
    AW: Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari

    "Was will uns der Autor eigentlich sagen?" Das ist aber ein schwieriges Rätsel. Stradivari > MP3 ???
  • agtrier schrieb Uhr
    AW: Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari

    Auch mir erschließt sich der Sinn dieses Artikels nicht. Was will uns der Autor eigentlich sagen? Dass der MP3-Player, der gegen Straßenlärm, Zuggerumpel und anderes anplärren muss, nicht mit seiner teuren "Hi-End"-Anlage zuhause ankommt? Tolle Erkenntnis...
  • Christian. schrieb Uhr
    AW: Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari

    Hat der Artikel eigentlich irgendeine Aussage? Am besten gefällt mir der Abschnitt: "So oder so ist klar, dass MP3 bestimmte Details im Klang unterschlägt. Man könnte nun das Fazit ziehen, dass die Digitaltechnik einen großen Rückschritt darstellt." Daran, dass MP3 aber nunmal genau dafür gedacht ist, bei einer bestimmten Größe (die nunmal absichtlich klein gewählt worden ist) eine möglichst gute Qualität zu liefern, wird garnicht gedacht. Dann wird sogar noch von MP3 auf die "gesamte Digitaltechnik" geschlossen, spitze! Es gibt auch andere Formate abseits von MP3. :)

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Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari
Kommentar: MP3 und das Geheimnis der Stradivari
Musik lässt sich digital auf dem MP3-Player bequem überall mit hin nehmen. Aber ist das noch echte Musik? Oder eher ein komprimierter und dadurch entwerteter Klangfetzen? Ein Kommentar über die Digitalisierung der Musik.
http://www.netzwelt.de/news/93382-kommentar-mp3-geheimnis-stradivari.html
2012-08-17 16:30:35
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/gilt-noch-immer-beste-geige-stradivari-bild-wikimedia-commons-15737.jpg
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