Wenn mühsam erworbenes Wissen eigentlich unnötig ist

Kommentar: Der Mythos von der Wissensgesellschaft

Wer hat diesen Satz noch nicht gehört? Alle fünf Jahre verdoppelt sich das Wissen der Menschheit. Computer und Internet beschleunigen den Anstieg der Informationsflut noch weiter. Doch der Daten-Tsunami bringt häufig keine neuen Erkenntnisse, sondern nur Info-Müll.

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Inhaltsverzeichnis

  1. 1Die digitale Beschleunigung
  2. 2Das Haus am See
  3. 3Software-Tücken und IT-Know-how

In Deutschland gibt es so eine Art Dauer-Talkschleife zum Thema Wissen: PISA-Studie, Bildung, Expertentum, Wissensgesellschaft, Know-how und Informationsflut heißen die Schlagwörter. Wissen ist zum zentralen Fetisch unserer angeblich so informierten Gesellschaft geworden.

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Einen Satz hört man dabei immer wieder: "Alle fünf Jahre verdoppelt sich das Wissen der Menschheit." Ab 2050 soll sich das Wissen der Menschheit sogar jeden Tag verdoppeln. Der Satz ist ungefähr so sinnvoll wie die fast ebenso berühmte gegenteilige Aussage: "Alles, was ich wirklich wissen muss, habe ich im Kindergarten gelernt", heißt ein Buch des amerikanischen Essayisten Robert Fulghum.

Die Idee von der Verdoppelung des Wissens leuchtet erst mal ein. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man ins Grübeln.

Die digitale Beschleunigung

Zunächst einmal ist nicht zu bestreiten, dass Computer und Internet eine Menge zur Vermehrung des Wissens beigetragen haben. Das hat mit drei Faktoren zu tun: Rechenleistung, Speicherkapazität und Bandbreite. Durch die in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegene Rechenleistung können beispielsweise umfangreiche Messreihen von Experimenten sehr viel schneller ausgewertet und damit neue Ergebnisse generiert werden.

Durch die digitale Speichertechnik landen wissenschaftliche Aufsätze, Studien oder Forschungsergebnisse auf der Festplatte und sind somit jederzeit zugänglich. Wer früher was nachsehen wollte, musste erst mal ins Archiv marschieren und dann die Regale ablaufen, bis er das passende Buch gefunden hatte. Heute holt man sich die Infos bequem übers Intranet oder von der Festplatte. Das bringt eine weitere Beschleunigung der wissenschaftlichen Arbeit und trägt infolgedessen dazu bei, dass die Datenflut noch schneller anwächst.

Der dritte Faktor ist die Möglichkeit, Erkenntnisse online zu verbreiten und auszutauschen. Musste man früher vielleicht erst in eine andere Stadt fahren, einen Kongress besuchen, um Kollegen zu treffen und über deren Arbeit zu diskutieren, lässt sich heute vieles online erledigen.

All das trägt dazu bei, dass das nominelle Wissen der Menschheit schneller wächst. Doch der Info-Tsunami spült nur zum kleinen Teil echtes Wissen und substanzielle Erkenntnisse an Land.

Das Haus am See

Denn in vielen Fällen handelt es sich nur um die Teilergebnisse, Schlussfolgerungen oder Differenzierungen vorhandener Grunderkenntnisse. Gerade die Digitaltechnik hat eine ihrer Stärken darin, dass sie Daten blitzschnell aufschlüsseln, umsortieren und differenzieren kann.

Das ist ein bisschen so wie das idyllische Foto von einem Haus am See. Vorne der See, in der Mitte das Haus, links davon steht ein Baum und ein Fahrrad lehnt an der Wand. Wer vor zehn Jahren so ein Foto mit seiner Digicam aufnahm, hatte drei oder vier Megapixel auf dem Foto. Das gleiche Foto heute aufgenommen, hat wahrscheinlich 14 oder 16 Megapixel. Da jedes Pixel für eine Bildinformation steht, sind auf dem aktuellen Foto auch mehr Informationen. Das ist der Zuwachs an Wissen. Andererseits ist es immer noch das gleiche Bild: das Haus am See, der Baum, das Fahrrad. Gestiegen ist also nur die Auflösung, das Bild ist immer noch dasselbe.

Wirkliche Fortschritte im Wissen oder in Wissenschaft und Forschung gibt es vermutlich nur alle paar Jahrzehnte. Diese markieren in der Regel dann auch einen bedeutsamen Zuwachs an Wissen. Alles andere sind mehr oder weniger interessante Details.

Software-Tücken und IT-Know-how

Computer und Internet sorgen auch in anderer Hinsicht für eine Vervielfachung der Wissensmenge, die bei genauerem Hinsehen nur scheinbar ist. Hauptursache dafür sind die ständigen Pannen und Tücken moderner Software. Jeder Anwender kennt das. Da akzeptiert iTunes bestimmte Coverbildchen nicht, da bringt die Grafiksoftware plötzlich eine kryptische Fehlermeldung, da stürzt Word ab, wenn eine bestimmte andere Anwendung geladen ist, und der Internet Explorer zeigt das Video nicht an, obwohl man den Flash-Player installiert hat. Die Liste der Pannen in der Software-Welt lässt sich nahezu endlos verlängern.

Jeder Anwender verbringt heutzutage einen gewissen Teil seiner Zeit am PC damit, solche Fehler zu beheben. Wenn er Glück hat, gibt es einen Bugfix. Wenn er Pech hat, muss er sich durch Supportforen wühlen. Da gibt es viele gute Ratschläge: "Installier´ das Tool XY, dann kannst du die Datei konvertieren und dann läuft das Programm wieder". Oder: "Such´ das File XY im Verzeichnis A, benenne es um und kopiere es in das Verzeichnis B." Für fast jedes Problem gibt es eine Lösung. Doch lästig, kompliziert und zeitaufwendig ist das allemal.

Zugegeben, das Know-how, das man sich dabei gezwungenermaßen erwirbt, ist nicht ganz sinnlos, weil man lernt, wie ein Computer "unter der Haube"funktioniert". Das kann im Einzelfall auch mal nützlich sein.

Trotzdem ist diese Art von Computer-Know-how im Grunde völlig wertlos und nichtig. Vor allem, weil das, was man da lernt, fast nie auf das nächste Problem anwendbar ist. Der durchschnittliche PC-Anwender trägt eine Menge Ballast aus überflüssigem Know-how mit sich herum. Und er hat eine Menge Zeit dafür verschwendet, sich dieses Know-how anzueignen.

Ebenso wie es eigentlich eine unzumutbare Zeitverschwendung ist, Security-Newsletter und bei jedem läppischen Update des Adobe Acrobat wieder den Lizenzvertrag lesen zu müssen.

Die Digitaltechnik schiebt einen riesigen Tsunami aus lauter Info-Müll vor sich her.

Ähnlich wie in Wissenschaft und Forschung stehen in der Computerwelt zweifelhaftes Detailwissen und das "große Ganze" in einem Spannungsverhältnis. Auch hier müht man sich mit unendlich vielen Einzelheiten ab und hat am Ende doch immer nur eins: einen PC mit Software, Internetanschluss, Drucker und Maus.

Genauso wie das Foto von dem Haus am See, mit dem Baum und dem Fahrrad.

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