Verkehrte Netzwelt: CERN und die Aufschieberitis im Web 2.0
Web 2.0: Die große Entschleunigung
Schuld an der quälenden Aufschieberitis ist übrigens das Internet. Besonders für Bildschirmarbeiter - und wer ist das nicht – lockt das Web 2.0 unentwegt mit Bildern, Überschriften und verheißungsvollen Links. Nicht zu vergessen das Youtube-Sensationsvideo der Woche. Das muss man gesehen haben, bevor man sich dann - ganz bestimmt - an die Arbeit macht.
Die Erfindung des Hyperlinks war ein kapitaler Rückschlag für die Arbeitswelt. Das Internet ist der größte Produktivitäts-Killer der Geschichte. Nichts entschleunigt die Arbeit so sehr wie das Web 2.0.
Erfunden wurde der Hyperlink übrigens von einem gewissen Tim Berners-Lee am weltberühmten CERN in Genf. Wer in den letzten Tagen beim Trödeln und Prokrastinieren durchs Internet gesurft ist, der ist mit Sicherheit auch auf die Meldung gestoßen, dass die Physiker am CERN jetzt den großen Durchbruch geschafft haben. Sie konnten endlich das Higgs-Boson-Teilchen nachweisen. Es ist das letzte und lang gesuchte Puzzleteilchen für das Standardmodell vom Universum. Die Physiker jubeln.
Prokrastination in Genf
Vor 50 Jahren schon hatte der britische Physik-Professor Peter Higgs die Existenz des Elementarteilchens vorausgesagt. Warum musste es so lange dauern, bis die Wissenschaftler in Genf und den angeschlossenen Rechenzentren das nachweisen konnten? Die Vermutung liegt nahe, dass sie während ihrer Arbeitszeit selbst viel getrödelt haben und statt langweilige Kurvengrafiken und Zahlenkolonnen durchzuackern, sich lieber YouTube Videos angeguckt oder Facebook-Meldungen gelesen haben. Physiker sind schließlich auch nur Menschen, also Youtube-süchtig. Und schließlich wurde das Internet, diese Hölle der Prokrastination an eben diesem CERN erfunden. Wer wird den Erfindern das Recht absprechen, ihre Erfindung selbst auszuprobieren?
Deshalb ist Genf ein besonderer Ort. Hier sind die größte Beschleunigungsmaschine und die größte Entschleunigungsmaschine der Menschheit gleichzeitig entstanden. Und genau in der Mitte zwischen Beschleunigung und Entschleunigung liegt das Geheimnis des Universums, das Higgs-Boson-Teilchen, dem die Physiker trödelnd und dann wieder fieberhaft nachgejagt hatten. Ach, man könnte stundenlang darüber sinnen und nachdenken, wenn nicht eine Aufgabe fertigzustellen, ein Projekt abzuschließen und – uups – ein Artikel abzugeben wäre.
Doch zu Ende ist diese Geschichte noch lange nicht. Denn mit der Entdeckung des Teilchens sind ja nur die sichtbaren fünf Prozent des Universums halbwegs erklärt. Über die anderen 95 Prozent voller Dunkler Energie und Dunkler Materie weiß man praktisch nichts. Es gibt also auch in Zukunft eine Menge zu forschen.






