Ein fiktiver Cyber-Krimi
Verkehrte Netzwelt: Watergate im Internet
Unternehmen wie Google, IBM, Microsoft oder Cisco legen die technischen Grundlagen für die internetbasierte Weltwirtschaft. Doch was passiert, wenn diese Unternehmen sich daran erinnern, dass sie Amerikaner sind? Die Verkehrte Netzwelt zeichnet ein Szenario, das für Europa brandgefährlich sein könnte.
Inhaltsverzeichnis
- 1Der unsichtbare Fehler
- 2Geheimtreffs in Washington
- 3Optimierung der Google-Suchergebnisse
- 4Spionage beim Cloud Computing
- 5Nur ein Vorbote
Nach fünf Tagen fast ununterbrochener Arbeit hatte Harald Sanvord endlich Gewissheit. Er starrte mit ungläubigen Augen auf den Monitor. Tausende von Codezeilen rauschten über den Monitor. Das war der beste Viruscode, den Sanvord jemals gesehen hatte. Ungeheuer kompliziert, dabei trickreich und tückisch.
Der unsichtbare Fehler
Angefangen hatte die Affäre vor ein paar Monaten. Sanvord war einer von 20 leitenden IT-Security-Spezialisten, die an der New Yorker Börse für die Sicherheit der Computersysteme zuständig waren. Er hatte gehört, dass sich die Broker und Manager von deutschen Banken über zu langsame Rechner beschwert hatten. Kauf- und Verkaufs-Order waren häufig ein wenig später rausgegangen. Meistens ging es nur um wenige Sekunden. Aber in der computergesteuerten Finanzwelt können Sekunden über Millionen Dollar entscheiden. Das IT-Team hatte den Fehler gesucht, aber nicht gefunden. Es war eine jener fiesen Fehlfunktionen, die nur sporadisch auftreten und genau dann verschwinden, wenn man anfängt, danach zu suchen.
Irgendwann hatte es Harald Sanvord gereicht. Er hatte sich hingesetzt und fünf Tage lang auf zwei an das Netzwerk angeschlossenen Rechnern Datenbanken und Programme durchsucht. Jetzt hatte er den Fehler gefunden. Das war der bösartigste Virus, der jemals das Finanzsystem attackiert hatte. Er hatte einen Milliardenschaden angerichtet. Getroffen hat es allerdings nur europäische Unternehmen und besonders deutsche. In seiner unglaublichen Komplexität erinnerte der Code an Stuxnet und Flame. Stand da am Ende die US-Regierung dahinter? Nein, das war angesichts der freundlichen Beziehungen zwischen den Europäern und den USA schlechterdings undenkbar. Und Barack Obama gehörte doch eindeutig zu den Guten, oder?
Geheimtreffs in Washington
Sanvord wusste nicht, was sich dieser Tage in ungefähr 400 Kilometer Entfernung von der Wall Street zutrug. Da unterhielt sich regelmäßig ein großer, leger gekleideter Mann mit Persönlichkeiten der US-Hightech-Branche. Der Mann hieß Fred Potzner und galt als Internet-Zar von Barack Obama. Er traf sich mit seinen Gesprächspartnern immer alleine, immer ohne Zeugen und immer an einem unauffälligen Ort. Die Leute, mit denen er sprach, hatten in der Hightech-Industrie eine Menge zu sagen. Sie hatten das Sagen bei Google, bei IBM, bei Cisco, bei Microsoft, Yahoo oder Facebook.
Zustande gekommen war der Kontakt ganz offiziell über ein Abendessen beim Präsidenten. Der hatte bei seiner kurzen Tischrede über die Schwäche der US-amerikanischen Wirtschaft geklagt und darüber, dass die Europäer die USA bei der Eurokrise so schmählich im Stich gelassen hatten. Es sei jetzt die Verantwortung der Hightech-Branche, der US-Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen und Arbeitsplätze zu schaffen. Viel mehr hatte er nicht gesagt, doch sein Internet-Zar hatte in den vertraulichen Gesprächen, die er seitdem regelmäßig führte, angedeutet, welche Möglichkeiten die Unternehmen nutzen könnten. Potzner machte seinen Gesprächspartnern klar, dass es fast schon eine patriotische Pflicht sei, die einheimische Wirtschaft zu unterstützen.
Optimierung der Google-Suchergebnisse
War Google nicht die größte Suchmaschine der Welt? Liefen nicht alle Webrecherchen, die europäische Manager starteten, über Google-Server? Da konnte doch eine nette kleine Modifikation des Google-Algorithmus eine Menge Gutes für die US-Unternehmen tun. Die standen dann eben ein bisschen höher auf der Trefferliste als, sagen wir, ihre deutschen Konkurrenten.
Eine unauffällige kleine Manipulation, extrem schwer nachzuweisen. Außerdem konnte Google keiner was anhaben. Das Unternehmen hatte seinen Firmensitz in den USA, die wichtigen Rechenzentren waren ebenfalls in den Staaten. Und mit seiner Suchmaschine konnte Google schließlich machen, was es wollte.
Spionage beim Cloud Computing
Auch die Anbieter von Cloud Computing wie IBM, Microsoft, Yahoo oder Cisco konnten der US-Wirtschaft helfen. Sie betrieben gigantische Rechenzentren überall auf der Welt. Und immer mehr europäische Unternehmen hörten auf den Rat der US-Marktforschungsunternehmen und vertrauten ihre Daten den Cloud Computing-Dienstleistern an. Ein kompaktes Spionage-Tool konnte da wahre digitale Schätze heben und vielleicht an bestimmte Stellen weiterleiten. Das war so einfach und dank Cloud Computing praktisch nicht nachweisbar.
Und was konnte Microsoft mit dem altmodischen, aber immer noch sehr weit verbreiteten Outlook nicht alles Gutes tun? Viele Manager in europäischen Unternehmen verwalteten ihre Termine und Mails schließlich mit Outlook. Oder sie erstellten Powerpoint-Präsentationen mit geheimen Firmenplänen. Zwar gab es immer schon besonders Misstrauische, die von einer "Hintertür für den US-Geheimdienst" schwafelten. Aber das Geniale war, dass die keiner mehr ernst nahm. Die galten als skurrile Verschwörungstheoretiker.
Nur ein Vorbote
Es gab viel, was die amerikanische Hightech-Branche ziemlich gefahrlos tun konnte. Diese Unternehmen hielten letzten Endes die Fäden der digitalen Weltwirtschaft in der Hand. Facebook, Google, Yahoo, Microsoft und IBM - jeder konnte seinen Beitrag leisten. Es ging gar nicht um Cyberkrieg. Man musste nur ein bisschen digitalen Sand ins Getriebe der europäischen Wirtschaft schütten.
So kam es, dass der Virus, den Harald Sanvord nach fünf Tagen harter Arbeit entdeckt hatte, nur der Vorbote war. Der Vorbote einer lautlosen, aber höchst effektiven Spionage-Operation gegen die europäische Wirtschaft.
PS: Diese Geschichte ist eine weitere Episode der Verkehrten Netzwelt. Sie ist ebenso wie die handelnden Personen frei erfunden. Ein Gedankenspiel eben - mit höchstens einem Körnchen Wahrheit.


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insgesamt 1 BeitragDer Artikel hat eine sehr interessante Botschaft in sich, wie ich finde. Allerdings denke ich, dass dies schon längst die Realität ist. Nicht immer gegen Europa oder Deutschland und nicht so koordiniert bzw. von...