Kommentar: Schnell, gierig und böse - der Web-2.0-Zombie

Norbert in der Polit-Guillotine

Vor allem das Web 2.0 kann eine unheimliche Dynamik entfalten und Ereignisse beschleunigen. Sonntagabend verliert die CDU krachend die Wahl in Nordrhein-Westfalen. Montag gibt der bayerische Ministerpräsident Seehofer sein jetzt schon legendäres Interview, in dem er den Wahlverlierer Norbert Röttgen mit scharfen Worten kritisiert. Die Online-Presse kommentiert fleißig und kassiert Tausende Facebook-Likes dafür. Am Mittwoch wird Röttgen von der Bundeskanzlerin entlassen. Aus Norbert, dem Politstar wird Norbert, das Schaf, exekutiert in der Polit-Guillotine.

So schnell kann´s gehen. Auch der Skandal um den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff hätte ohne Internet, Twitter und Facebook wohl nie eine solche Wucht entfaltet.

Manchmal trifft es auch den Falschen. Wie bei jenem jungen Mann, der kurzzeitig von der Polizei wegen Mordverdachts festgenommen, dann als Unschuldiger freigelassen wurde und sich trotzdem verstecken musste, weil ein in Facebook organisierter Lynch-Mob ihn bedrohte. Wie in einem trashigen Südstaaten-Drama.

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Internet-Technik schafft die Freiheit

Die Grundlage für diese Verrohung des Cyber-Menschen liegt in den technischen Bedingungen von Computer und Internet. So ist erstens im Internet oder auch im Computerspiel alles virtuell. Das Wort "virtuell" scheint jede Brutalität, jede perverse Wendung zu legitimieren. Früher hieß es: Ist ja nur ein Spiel, heute ist es "nur virtuell".

Auch die schnelle Datenübertragung trägt ihren Teil dazu bei. Nichts ist so schnell wie das Internet, außer natürlich die Live-Übertragung im Fernsehen oder TV. Ereignisse, die übers Web bekannt werden, entwickeln innerhalb von Minuten oder Stunden eine bislang unbekannte Wucht.

Die Tatsache, dass jeder im Internet nur eine IP-Adresse hat, über die er zwar notfalls identifiziert werden kann, die ihn als Person aber zunächst mal unsichtbar sein lässt, sorgt dafür, dass jeder, der das will, anonym unterwegs ist. Aus Datenschutzgründen ist das gut, aber es hat eben auch zur Folge, dass manche Leute jeden Anstand fahren lassen und sich in Foren und Kommentarspalten aufs Beleidigen, Hetzen und Pöbeln verlegen. Wer anonym ist, muss keine soziale Kontrolle fürchten.

Diese ungeheuren technischen Möglichkeiten sind verführerisch für den Menschen. Wer sie nur zum kurzfristigen eigenen Vorteil nutzt, wird leicht zum asozialen Web-2.0-Zombie. Gut und Böse sind nur durch einen Mausklick getrennt.

Das ist andererseits auch ein Vorteil. Denn, wenn es so leicht und mühelos ist, Versuchungen nachzugeben, wenn die Cyber-Welt (fast) keine Hindernisse kennt, dann werden die Anwender an ihre eigene Verantwortung erinnert. Sie sind frei und selbstverantwortlich. Sie können bei Online-Kommentaren sachlich bleiben, obwohl sie anonym sind. Sie können darauf verzichten, Musik oder Videos illegal zu kopieren, obwohl die Gefahr, erwischt zu werden, gering ist. Und so weiter. Das Internet ist so gesehen auch eine Art Beschleuniger für unsere bürgerliche Freiheit. Schnell, gierig und böse - das Internet ist nicht schuld daran.

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