Chief Evangelist von Rovi im Interview

TV-Experte Bullwinkle: "Seine Gewohnheiten teilt man nicht über den Fernseher"

Video on Demand, mobile Schnittstellen auf iPad & Co., soziale Netzwerke - das Fernsehen hat sich gewaltig verändert. Netzwelt sprach mit dem Chief Evangelisten und Rovi-Manager Richard Bullwinkle über den neuen Fernsehkonsum und Branchentrends. Seine Meinung zu Facebook und Twitter auf der Mattscheibe: iPad & Co. reichen aus, um sich mitzuteilen.

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Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus? Rovi-Manager Richard Bullwinkle hat Antworten parat. (Bild: netzwelt)
Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus? Rovi-Manager Richard Bullwinkle hat Antworten parat. (Bild: netzwelt)
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netzwelt:  Herr Bullwinkle, Sie arbeiten schon lange im Fernsehgeschäft. Wie muss man sich den Fernsehkonsum eines Chief Evangelisten vorstellen?

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Bullwinkle: Ich habe einen TV-Rekorder zu Hause, der meine Sendungen aufnimmt. Das Gerät überträgt die Dateien in ein Apple-Format für TV-Shows und lädt die Videos auf mein iPad, wenn ich zu Hause bin. Ich kann die Sendungen dann mit einem Knopfdruck auch auf dem Fernseher schauen, weil wir Apple TV-Empfänger im Haus, meine Frau und ich iPads, meine Kinder iPhones und iPads besitzen. Mein iPad synchronisiert außerdem alle Folgen automatisch, sobald ich zu Hause bin, entfernt alle bereits angeschauten und überträgt alle neuen Dateien, so dass ich nie etwas verpasse. Mein TV-Konsumverhalten als Chief Evangelist ist also sehr zukunftsorientiert. 

netzwelt: Was hat sich geändert, wenn Sie den Fernsehkonsum heute mit dem der Vergangenheit vergleichen?

Bullwinkle: In den Vereinigten Staaten besitzen 41 Prozent einen TV-Rekorder, aber immer noch schauen 89 Prozent Live-Fernsehen. Also nur elf Prozent konsumieren Fernsehen über ihren TV-Rekorder, per Video on Demand oder Timeshift. Das ist außergewöhnlich. Für mich bedeutet das: Egal, wie gut und schick eine Technologie ist - die Leute setzen sich immer noch vor das TV-Gerät und schauen, was gerade läuft. Ich denke, in Deutschland ist das ähnlich. Einige Erfahrungen untermauern das. Zum Beispiel gilt im Allgemeinen: Je älter man ist, desto weniger ist man bereit, seine Gewohnheiten zu ändern. Das heißt: Menschen, die 30 Jahre oder älter sind, schauen Fernsehen vielleicht eher so, wie es die Eltern konsumieren. Man wächst mit Fernsehen auf, weiß, wann die Lieblingsshows kommen. Wenn eine Person allerdings aufhört, Sendungen zur selben Zeit live zu verfolgen, fragt vielleicht ein Freund: Hast du diese Sendung gesehen? Nein, kommt die Antwort, ich habe sie aufgenommen und schaue das Video am Wochenende. Die Person fühlt sich dann ein wenig als Außenseiter. Der Konsum entwickelt sich weiter zu dem Phänomen, dass viele Sendungen auf dem Rekorder gespeichert sind und man sich schuldig fühlt, weil man die Inhalte noch nicht abgerufen hat. Aber auf einmal merkt man, dass einem die Sendungen gar nicht gefallen und die Aufnahme nur erfolgte, weil alle Freunde diese Sendungen schauen. Wenn das passiert, wird das TV-Konsumverhalten non-linear. Es ist eine Art kultureller Wandel: Anstatt das zu schauen, was alle anderen verfolgen, muss man lernen, Sendungen zu gucken, die einem wirklich Vergnügen bereiten. Das ist manchmal schwer für einige Konsumenten. Aber es ist ein neuer und "cooler" Weg, Fernsehen zu gucken. Ich mag es sehr. 

netzwelt: Denken Sie, dass sich Google TV als neue Form, Fernsehen zu schauen, durchsetzen wird?

Bullwinkle: Ungefähr eine Million Google TV-Geräte wurden bisher verkauft und weniger als 300.000 werden derzeit genutzt, würde ich sagen. Mit Google TV wollte das Unternehmen eine Suchmaschine im Fernseher integrieren. Sie entwickelten auch eine Tastatur für Google TV. Wer will eine Tastatur im Wohnzimmer? Beim Fernsehen will man sich zurücklehnen, mit einem Bier in einer Hand und einer Fernbedienung. Die Fernbedienung legt man aber weg, so schnell man kann. Vorm Fernseher redet man dann mit Freunden und benutzt keine Tastatur zum Tippen. Google TV ist einfach kein Mainstream-Produkt. Bemerkenswerterweise weiß Google das. Das Unternehmen hat Google TV 2.0 entwickelt: Der Dienst wird stärker unterhaltungsorientiert und weniger Technologie-basiert sein. Wenn Google TV 5 erscheint, wird es eine außergewöhnliche Erfahrung sein. Daran habe ich keinen Zweifel. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

netzwelt: Wie sieht es mit Social TV aus?

Bullwinkle: Bei Social TV spielt die Größe des Displays eine wichtige Rolle. Ich denke, dass es großartig ist, über soziale Netzwerke herauszufinden, was andere Leute schauen. Aber man teilt seine Gewohnheiten über zweite Geräte wie das iPhone oder iPad mit und nicht über den Fernseher.

netzwelt: Jeder redet gerade über Smart TV. Worum geht es dabei? 

Bullwinkle: Smart TV ist nur ein neues Wort für Connected TV. Es bezeichnet die Fähigkeit eines Fernsehers, eine Menge an Inhalten, sei es per Antenne, Kabel oder Satellit, auf den Fernseher zu bringen. Und mit einem Knopfdruck erhält man auch Apps und Internetinhalte. Vielleicht sind diese Programme in deinem Fernseher integriert oder aber über die Xbox ansteuerbar. Viele Menschen nutzen die Konsole, um Inhalte abzurufen. Ich habe gerade einen Artikel gelesen, der eine Statistik zitiert, nach der die Leute erstmals mehr Zeit damit verbringen, Inhalte auf der Xbox anzuschauen als Spiele zu spielen. Da zeichnet sich ein dramatischer Wandel ab. Ich finde es komisch, dass die Xbox die vielleicht fortgeschrittenste Set-Top-Box ist, die jemals gebaut wurde. Die Xbox 360 kam in 2004 auf dem Markt, sie ist nun acht Jahre alt - ein wirklich altes Gerät, was den Technologie-Markt angeht. Bei Smart TV nimmt man eine Menge der Technik von Set-Top-Boxen wie der Xbox auf und verbaut sie direkt im TV-Gerät.

netzwelt: Denken Sie, dass wir eine neue Fernbedienung benötigen? Einige Unternehmen experimentieren mit Sprachsteuerung am TV-Gerät.

Bullwinkle: Jeder hat einige Dinge, die er mag und einige nicht. Ich möchte eine bessere Möglichkeit, Sendungen aufzunehmen und meine Stimme ist ein guter Weg, dies umzusetzen. Es muss nur eine gute App geschrieben werden, dann kann es fantastisch werden. Aber ich habe solch ein Programm noch nicht gesehen. Doch jedes Android-Handy besitzt schon Spracherkennung und auch jedes Apple-Gerät. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich sagen kann "Finde alle Filme mit Arnold Schwarzenegger". Als Amerikaner würde ich allerdings im Leben nicht darauf kommen, wie man Schwarzenegger schreibt, aber ich kann es sagen. Diese Eingabe mit einer virtuellen Tastatur auf dem Bildschirm durchzuführen, wäre also verwirrend, wenn man nicht die korrekte Schreibweise kennt. Allgemein ist die Eingabe per Tastatur ein schrecklicher Weg, etwas auf dem TV-Gerät zu suchen. Das gilt auch für eine physische Tastatur. Denn ich möchte kein Keyboard in meinem Wohnzimmer. Ist Spracherkennung also überzeugend? Ja, aber ich will keine neue Fernbedienung.

netzwelt: Wenn Sie einen Fernseher entwickeln könnten, wie würde dieser aussehen?

Bullwinkle: Das ist eine interessante Frage. Ich würde einen sehr schönen Fernseher entwickeln, dem Apple-Design entsprechend. Er würde ein fantastisches Flat-Panel in verschiedenen Größen besitzen: 36-, 40-, 42-, 54-, 60-, 75-, 90-Zoll. Aber das Gerät würde immer gleich aussehen: sehr flach, hübsch, hell, viele Pixel, großartige Gelb-Farbwerte - alles Funktionen, die schwer sind, in einem Fernseher umzusetzen. Dann würde ich es an die Wand hängen und ein Jahrzehnt lang nicht anfassen. Als Nächstes würde ich ein "smartes", zweites Gerät entwickeln zum Preis von 100 oder 200 US-Dollar. In zwei Jahren schmeiße ich es dann weg, weil neue Technologie auf dem Markt und es Zeit ist, die Hardware zu ersetzen. Das TV-Gerät ersetze ich längst nicht so häufig wie das Smartphone oder irgendein anderes Gerät. 

netzwelt: Herr Bullwinkle, vielen Dank für das Gespräch.

Richard Bullwinkle ist als Chief Evangelist bei Rovi verantwortlich für die Unternehmensstrategie im Markt für TV-Lösungen. Das US-amerikanische Unternehmen Rovi mit Sitz in Kalifornien entwickelt digitale Anwendungen für prominente Kunden wie Dell, Amazon, Apple, Sony, Panasonic und Sky. Zum Rovi-Portfolio gehören TV-Programmführer, Videostreaming-Lösungen, Online-Angebote (Filme, TV-Serien, Musik) sowie Lizenz- und Datenschutz. Eines der bekanntesten Produkte ist der DivX-Codec. Nach Angaben von Rovi wird dieser auf über 500 Millionen Geräte eingesetzt. 

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