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Die Lautstärkepegelregelung R 128 schafft Ruhe
Schluss mit dem Lärmterror

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Wer kennt das nicht, der Film ist kaum zu verstehen und sobald die Werbung beginnt, fliegen einem fast die Ohren weg. Zum Glück gibt es eine Initiative, die sich des Problems annimmt.

Eine neue Richtlinie für die Regelung des Lautstärkepegels bei TV und Rundfunk will dem Lärmterror durch Werbung oder beim Zappen ein Ende bereiten. Langfristig könnte auch die Klangqualität digitaler Musik davon profitieren.

Die Lautheit-Gruppe (PLOUD) der EBU hat die Richtlinie 128 für die Gestaltung des Lautstärkepegels bei Fernsehen und Rundfunk entwickelt. (Quelle: Screenshot tech.ebu.ch)

Es ist Zeit, auf eine sehr sinnvolle Initiative aufmerksam zu machen, die Richtlinie 128 der europäischen Rundfunkunion (EBU). Sie soll das Problem der ständig wechselnden Lautstärken bei Radio- und Fernsehprogrammen beheben. Das Problem tritt besonders dann auf, wenn die Werbung beginnt oder wenn man die Sender durchschaltet. Extrem lästig ist es, wenn bei Spielfilmen plötzlich die Werbung reinknallt. Da greift jeder sofort zur Fernbedienung und regelt die Lautstärke runter.

Ursache des Lärmterrors ist die unsinnige Praxis der Sender und der Werbeverantwortlichen, durch besonders hohe Lautstärke auf sich aufmerksam machen zu wollen.

Komprimierte Dynamik

Hand in Hand mit der Anhebung des Lautstärkepegels geht die gestauchte Dynamik. Die Unterschiede zwischen den leisesten und den lautesten Stellen werden eingeebnet. Leise Stellen werden angehoben, laute etwas abgesenkt.

Teilweise ist das durchaus sinnvoll. Wenn im "Tatort Münster" Kommissar Thiel den ungeliebten Kollegen Börne wieder mal anbrüllt, soll das zwar wirken als brülle er, es darf aber nicht zu laut sein, sonst würden die Ohren weh tun. Andererseits müssen Stellen, in denen jemand sehr leise spricht, laut genug sein, damit man denjenigen auch versteht. Sinnvoll ist die komprimierte Dynamik auch im Autoradio, da hier die Fahrgeräusche dazu zwingen, leise Passagen anzuheben.

Das Verfahren ist also bei maßvoller Verwendung eine gute Sache. Allerdings haben die Tonmeister es in den letzten Jahren immer mehr übertrieben. Jeder wollte lauter sein als der andere.

Das führt dazu, dass beispielsweise Kulturprogramme im Radio akustisch untergehen. Auch Klassikprogramme gehören zu den Opfern des Lautstärke-Wahns.

R 128 soll die Pegel normalisieren

Jetzt soll die eingangs erwähnte Richtlinie R 128 der europäischen Rundfunkunion Abhilfe schaffen. Der "Vater" der Richtlinie heißt Florian Camerer und ist Tonmeister beim Österreichischen Rundfunk (ORF). Daneben ist Camerer Vorsitzender der Lautheitsgruppe innerhalb der EBU.

Die Richtlinie empfiehlt zunächst eine neue Art der Lautstärkemessung. Experten benutzen hier eher den Begriff der Lautheit. Unter Lautheit verstehen sie die "proportionale Abbildung des menschlichen Lautstärkeempfindens". Gemessen und angegeben wird die Einheit in Sone. Es geht also um das "Lautstärkeempfinden" des Menschen, was eine sehr subjektiv geprägte und komplizierte Angelegenheit sein kann. In die Lautheits-Richtlinie fließen dementsprechend verschiedene Parameter wie allgemeine "Lautheit des Programms", "Loudness Range" sowie der "Peak Level" ein. Die differenzierte Messung in Kombination mit einer maßvollen Einstellung der Lautheit der einzelnen Programme soll letztendlich dazu beitragen, dass die Pegel der verschiedenen Sender und Programme aneinander angeglichen werden.

Die Richtlinie R 128 wurde als Empfehlung der Europäischen Rundfunkunion (EBU) im Herbst 2011 veröffentlicht. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland haben bereits angekündigt, die Richtlinie umzusetzen zu wollen.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Zuständigen bei den TV-Sendern um das Thema kümmern. Im Zeitalter von HD-Fernsehen und 3D sollte auch der Ton endlich auf den neuesten Stand gebracht werden.

Bessere Dynamik bei Musikaufnahmen

Wichtig ist das Thema auch für Musikfans. Die ursprüngliche Absicht, eine Aufnahme so zu produzieren, dass leise Passagen noch deutlich zu hören sind und die lauten Stellen noch erträglich, ist längst übererfüllt. Vor allem bei Pop- und Rock wird die Dynamik in den letzten Jahren immer gnadenloser komprimiert und der Lautstärkepegel angehoben. Die Musik soll ja auch im Autoradio, in der Küche und im MP3-Player ordentlich rumsen. Alles klingt dann schön laut und alles klingt gleich laut. Richtig leise Stellen gibt es kaum noch. Wenn der Pegel aber ständig auf Anschlag steht, gehen musikalische Details und Klangfarben verloren, und das Hörerlebnis wird eintöniger.

Man muss in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die CD nach ihrer Einführung Anfang der 80er Jahre gerade deshalb so gelobt wurde, weil sie einen wesentlich größeren Dynamikumfang als die Schallplatte möglich macht. Genau dieses Versprechen hat die CD aber nicht eingelöst.

Es ist deshalb höchste Zeit, dass die Empfehlungen der EBU-Richtlinie 128 auch in den Tonstudios der Plattenlabels Gehör finden.

Musikdownloads aus dem Web und Digitaltechnik bieten Möglichkeiten, das Dilemma aufzulösen. So könnten die Download-Portale die Aufnahmen in verschiedenen Varianten anbieten: eine hochauflösende und dynamikreiche Version für die gute Stereoanlage im Wohnzimmer und eine MP3-Version mit komprimierter Dynamik für den Einsatz im MP3-Player oder im Auto. Alternativ wäre auch denkbar, die Elektronik von Autoradios und mobilen Abspielgeräten mit einer Taste zur Dynamik-Kompression auszustatten. Ähnlich dem Loudness-Knopf an Stereoanlagen, der bei leise gestellter Musik die Höhen und Bässe angehoben hat.

Doch im ersten Schritt geht es darum, die Empfehlung der EBU in TV und Radio umzusetzen. Gut zu wissen, dass es noch Menschen wie den Tonmeister Florian Camerer gibt, die wissen, dass gute Musik nicht immer laut sein muss.

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Kommentare zu diesem Artikel

Wer kennt das nicht, der Film ist kaum zu verstehen und sobald die Werbung beginnt, fliegen einem fast die Ohren weg. Zum Glück gibt es eine Initiative, die sich des Problems annimmt.

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  • Jokey24 schrieb Uhr
    AW: Kommentar: R 128 schafft Ruhe

    Es hält sich kaum ein Rundfunksender an die vorgaben! Diese Lauthalsige Brüllaffengeschrei-Werbung gibt es immer noch. Dieses grausame brutale geschreie & gebrülle überhaubt als Reklame zu bezeichnen müsste man allein schon Strafverfolgen, den das hat nichts mit Werbung zu tun das ist Staatlich legalisierter Psychoterror!
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Die Lautstärkepegelregelung R 128 schafft Ruhe
Die Lautstärkepegelregelung R 128 schafft Ruhe
Wenn der Fernseher zwischen Film und Werbung lauter und leiser wird, dann liegt das an der unterschiedlichen Regelung des Lautstärkepegels. Diesem Missstand soll nun Abhilfe geschaffen werden.
http://www.netzwelt.de/news/92126-lautstaerkepegelregelung-r-128-schafft-ruhe.html
2012-05-05 09:27:40
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/lautheit-gruppe-ploud-ebu-richtlinie-128-gestaltung-lautstaerkepegels-fernsehen-rundfunk-entwickelt-bild-screenshot-techebuch-14311.jpg
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