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Interview mit RIMs Deutschland-Chef Axel Kettenring
Gespräch mit Axel Kettenring

von Markus Franz Uhr veröffentlicht

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RIM hat es schwer: Das neue Betriebssystem BlackBerry 10 kommt nicht voran und die Konkurrenten Apple, Microsoft, Google und Co. legen ständig neue Geräte vor. Im Interview mit netzwelt erklärt Deutschland-Chef Axel Kettenring, wie der BlackBerry-Hersteller da künftig noch mithalten will.

Es sieht nicht sonderlich gut aus für Research in Motion (RIM): Die Handys und Tablets des Herstellers verkaufen sich immer schlechter und das neue Betriebssystem, mit dem der kanadische BlackBerry-Hersteller versucht, gegen Apple und Google anzukommen, verzögert sich. Axel Kettenring, Deutschlandchef bei RIM, erklärt im Gespräch mit netzwelt, warum er dennoch keinen Grund zur Sorge sieht.

Axel Kettenring ist Deutschlandchef des BlackBerry-Herstellers. (Quelle: RIM)

netzwelt: RIM musste in der letzten Quartalsabrechnung herbe Verluste vermelden. Die Hoffnungen ruhen auf dem neuen System BlackBerry 10, das aber nicht vor Ende des Jahres erscheint. Hand aufs Herz, Herr Kettenring, bekommen Sie angesichts der derzeitig schwierigen Situation beim BlackBerry-Hersteller nicht manchmal kalte Füße?

Kettenring: "Kalte Füße bekommen wir keineswegs. Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt, sehr wettbewerbsfähig und haben ein solides Fundament, nicht nur finanziell, sondern auch was unsere Kundenbasis angeht. RIM stellt gerade die strategischen Weichen, um unter anderem mit unserem neuen Betriebssystem BlackBerry 10 und neuen Devices zum Ende des Jahres einen wichtigen Schritt in eine exzellente Zukunft zu machen. Wir sind als Erfinder der Smartphones nach wie vor von unserem hohen Potential überzeugt und werden auch in Zukunft den Markt entscheidend beeinflussen."

netzwelt: Analysten spekulierten in der jüngeren Vergangenheit aber über einen Verkauf von RIM. Samsung, Nokia und Microsoft wurden als Käufer gehandelt. Wie nehmen Sie den Spekulanten den Wind aus den Segeln?

Kettenring: "Generell kommentieren wir solche Gerüchte nicht. Wir stellen uns strategisch neu auf und konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz - das Enterprise-Geschäft - ohne jedoch den Konsumentenmarkt aus den Augen zu verlieren. Besonders hier wollen wir in Zukunft mit neuen innovativen Lösungen beeindrucken."

BlackBerrys verkaufen sich jedes Quartal schlechter - zumindest in den USA. (Quelle: RIM)

netzwelt: Der deutsche ehemalige Siemens-Manager Thorsten Heins, der seit zwei Monaten als neuer CEO die Geschicke von RIM von der kanadischen Basis in Waterloo aus lenkt, soll den Konzern vor dem Niedergang retten. Welche Qualitäten zeichnen ihn aus?

Kettenring: "Viele Dinge, die RIM in der nächsten Zeit beschäftigen werden, sind noch von den ehemaligen CEOs Mike Lazaridis und Jim Balsillie auf den Weg gebracht worden. Mit der bevorstehenden Einführung von BlackBerry 10 sehen wir uns für die Zukunft gut gerüstet. Da macht es Sinn, jetzt Thorsten Heins an der Spitze zu haben, der zuvor als Organisationsvorstand der Geschäftsleitung angehörte, das Unternehmen von innen heraus kennt und weiß, was zu tun ist."

netzwelt: RIM will sich, so wurden die Worte von Heins Ende März einen anstehenden Kurswechsel betreffend interpretiert, nun wieder stärker auf Geschäftskunden konzentrieren. Welcher Stellenwert wird dem Privatkundenbereich künftig noch beigemessen werden und in welchen Bereichen sehen Sie diesbezüglich noch Stärken, die RIM ausschöpfen kann?

Kettenring: "Wir verschreiben uns nach wie vor voll dem Consumer-Markt. Wir konzentrieren uns darauf, all unseren Kunden eine einzigartige und überzeugende Nutzer-Erfahrung zu bieten. Der Privatkunden-Markt ist groß. Anstatt zu versuchen, es jedem Nutzer recht zu machen, wird RIM seine Talente und selbstentwickelte Software auf die Sparten des Consumer-Marktes fokussieren, in denen sich BlackBerry besonders auszeichnet. Dazu gehört, dass wir eine großartige Möglichkeit bieten, sich mobil zu vernetzen und produktiv zu sein. Wir werden bereits bestehende und neue Partnerschaften angehen, um zusätzliche attraktive Apps und Services für Kunden zur Verfügung zu stellen. BlackBerry 7 war ein großer Schritt auf diesem Weg und BlackBerry PlayBook OS 2.0 ist ein weiteres anschauliches Beispiel für unser Engagement, eine leistungsstarke Mobile-Computing-Erfahrung zu bieten.

Es ist Teil unserer Arbeit auf dem Weg hin zu BlackBerry 10, weiterhin Partnerschaften mit Applikations- und Service-Providern anzustreben, um Features und Inhalte für Privatkunden anzubieten, die zentral für den Wert von BlackBerry sind. Wir sind überzeugt, dass diese Partnerschaften, in Kombination mit unseren Kernprodukten, eine ausgesprochen attraktive Erfahrung bereitstellen - sowohl für Privat- als auch für unsere Geschäftskunden."

"Man kann einen Kunden nicht in zwei Hälften teilen"

netzwelt: Ist eine klare Trennung des Privatkundenmarktes und des Businessbereichs angesichts immer neuer Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Applikationen sowie dem Trend, dass Privatgeräte von Mitarbeitern zunehmend auch im Beruf genutzt werden, überhaupt noch so einfach möglich?

Kettenring: "Gerade diese Trends belegen, dass man einen Kunden nicht in zwei Hälften teilen kann - eine private und eine geschäftliche. Man muss den Kunden mit seinen Bedürfnissen ganzheitlich angehen. Auf der anderen Seite müssen die IT-Verantwortlichen von der Sicherheit der Produkte und der gefahrlosen Anbindung an ein Firmennetzwerk überzeugt sein. Wir bieten hier Lösungen an, die bezüglich ihrer Sicherheitsstandards und ihrer Alleinstellungsmerkmale im Bereich Security unabhängig bestätigt wurden - und das nicht nur von hochwertigen Industriezertifikaten nach Common Criteria EAL 4+ und FIPS 140-2, sondern zusätzlich durch eine Untersuchung des TÜV Rheinland."

Für das PlayBook erntete der Hersteller durchaus großes Lob. (Quelle: RIM)

netzwelt: Wie wollen Sie die Vorherrschaft des Apple-Konzerns brechen, der zuletzt mehr als drei Mal so viele iPhones verkaufte wie RIM BlackBerry-Smartphones?

Kettenring: "Wir haben in den USA, einem unserer Kernmärkte, Marktanteile verloren - doch gleichzeitig wachsen wir in Europa, im mittleren Osten, in Teilen Asiens und im pazifischen Raum. In Märkten wie etwa Deutschland müssen wir unsere Möglichkeiten weiter ausschöpfen. Der Erfolg von Apple und Android ist auch auf die Consumerization zurückzuführen: Mitarbeiter bringen ihre privaten Smartphones mit ins Unternehmen und kümmern sich nicht um die Probleme, die das den IT-Abteilungen bringt.

Wir haben uns lange auf unsere Stärken in Sachen Batterielaufzeit, Netzwerkeffizienz und Sicherheit konzentriert und die Stärken, die wir in anderen Bereichen haben, nicht richtig kommuniziert. Dies ändert sich langsam mit den neuen Produkten auf Basis von BlackBerry 7 und wir werden weiter Dynamik mit dem neuen OS BlackBerry 10 aufnehmen."

netzwelt: Welche Vorzüge hat das BlackBerry-Betriebssystem gegenüber denen der Konkurrenz, wo kann es am meisten punkten? Können Sie schon verraten, welche Neuerungen das neue Betriebssystem BlackBerry 10 bereithält, das noch in diesem Jahr auf den Markt kommen soll?

Kettenring: "Nehmen wir als Beispiel BlackBerry Balance. Mit BlackBerry Balance ist es möglich, zwei getrennte Bereiche auf einem Smartphone zu haben. Im beruflich genutzten Bereich sind etwa die Installation von Apps und die Nutzung öffentlicher WLAN-Netze verboten, im Privatbereich ist aber alles freigegeben. Da der private vom beruflichen Bereich vollständig isoliert ist, sind mit BlackBerry Balance keine Sicherheitsrisiken verbunden - und der Arbeitgeber hat einen viel zufriedeneren BlackBerry-Nutzer.

Mit BlackBerry 10, das auf dem Multitasking-fähigen Echtzeitbetriebssystem QNX basiert, werden wir sogar einen Technologievorsprung haben. Zu den Stärken des in der Automobilindustrie bewährten QNX gehört es, viele Aufgaben bei hoher Stabilität und geringem Energieverbrauch gleichzeitig zu bewältigen. Das sind die besten Voraussetzungen, um die Ansprüche an kommende Smartphones zu erfüllen."

netzwelt: Trotz der besonders hohen Sicherheitsstandards der RIM-Geräte, die durch eine aktuelle Studie von Trend Micro gerade wieder einmal belegt wurden, verlangen immer mehr Mitarbeiter auch im Geschäftskundenbereich nach iPhones und Android-Geräten. Wird heute weniger Wert auf Sicherheit gelegt als früher?

Kettenring: "Das Sicherheitsbewusstsein der Entscheider seitens der Unternehmen ist definitiv da. Das zeigt uns besonders das Feedback, das wir von dieser Seite zu unseren Lösungen und Systemen wie beispielweise BlackBerry Mobile Fusion bekommen. Wir möchten aber auch dem Anspruch der Consumerization gerecht werden und unsere Lösungen so präsentieren, dass auch die Anbindung anderer Geräte möglich wird. Sicherheit im Mobilfunkbereich hat sicherlich noch nicht die allgemeine Aufmerksamkeit, wie sie im Desktop-Computersegment vorherrscht. Die allgemeinen Risiken erhöhen sich jedoch stark.

Je mehr Menschen mobile Smartphones nutzen, die die gleichen Möglichkeiten eines Laptops mit allen Zugriffsrechten auf Daten besitzen, desto höher wird die Attraktivität für kriminelle Organisationen, diese anzugreifen. Das Risikobewusstsein bei Kunden steigert sich jedoch stetig und genau hier kommen wir ins Spiel. Mit unseren Kernkompetenzen, etwa eine komplette End-to-End-Verschlüsselung mit AES-256 und eine Datenverschlüsselung auf dem Endgerät zu ermöglichen, heben wir uns deutlich von den Wettbewerbern ab."

Apps spielen bei BlackBerry eine immer größere Rolle. (Quelle: Screenshot/RIM)

netzwelt: Wie sieht Ihre Tablet-Strategie in den nächsten Monaten aus? Zwar konnten Sie mit dem PlayBook Tablet ordentliche Verkaufserfolge erzielen, jedoch nur als Resultat einer extremen Vergünstigung speziell in den USA, die den Preis bis unter die Produktionskosten trieb.

Kettenring: "Mit dem neuen BlackBerry PlayBook OS 2.0 haben wir viele Funktionen - wie die Kalenderfunktionen und den E-Mail-Client - verbessert. Der Zuspruch der Kunden ist sehr gut: In den ersten 30 Tagen haben sich über 70 Prozent der PlayBook-Nutzer die neue Software heruntergeladen und zeigen sich sehr zufrieden. Da das BlackBerry PlayBook auf der QNX-Plattform basiert, die auch in unseren zukünftigen BlackBerry 10-Smartphones verwendet werden wird, ist es nach wie vor von großer Bedeutung für RIM."

netzwelt: Wie jetzt bekannt wurde, plante der ehemalige RIM-Chef Jim Balsillie, das BlackBerry-Netzwerk für Dritthersteller zu öffnen, also auch für Android-Smartphones und iPhones. Sowohl RIM-Gründer Mike Lazaridis, der Verwaltungsrat als auch der neue CEO Heins sollen allerdings dagegen gewesen sein. War das in Ihren Augen die richtige Entscheidung oder hätten Sie eine Öffnung begrüßt?

Kettenring: "Es handelt sich hierbei um ein Gerücht, das wir nicht kommentieren werden."

netzwelt: Ergreift RIM genug Maßnahmen im Sinne der jetzigen Generation von Nutzern, die sich ihr Smartphone ohne die Integration und Bedienmöglichkeit Sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter nicht mehr vorstellen können?

Kettenring: "Wir sind in Sachen Apps und sozialer Vernetzung sehr gut aufgestellt, müssen aber sicherlich in Zukunft noch lauter trommeln, damit es auch jeder mitbekommt. Nehmen wir nur einmal unser BlackBerry-eigenes Messengersystem BBM. Weltweit nutzen circa 55 Millionen BlackBerry-Nutzer das soziale Netzwerk, um mit anderen BlackBerry-Nutzern kostenfrei zu kommunizieren - Tendenz steigend. Zudem fokussieren wir uns auf Apps mit mehr Qualität, die sogenannten 'Super Apps' - also Klasse statt Masse."

netzwelt: Was darf man sich unter diesen Super Apps vorstellen?

Darunter verstehen wir Apps, die den Kontext, in dem Sie sich gerade befinden, kennen und nutzen: 'Super Apps' stellen Bezüge zwischen Kalender, Adressbuch, Aufenthaltsort, sozialen Netzwerken und Ähnlichem her, um Ihnen immer genau die Informationen zu geben, die Sie gerade brauchen. Wir wollen einen Mehrwert für den Kunden bieten, dies ist aber nicht durch die wahllose Vermarktung aller im Smartphone-Markt verfügbaren Apps möglich. Hier geht Qualität vor Quantität."

netzwelt: Vielen Dank für das spannende Gespräch.

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RIM hat es schwer: Das neue Betriebssystem BlackBerry 10 kommt nicht voran und die Konkurrenten Apple, Microsoft, Google und Co. legen ständig neue Geräte vor. Im Interview mit netzwelt erklärt Deutschland-Chef Axel Kettenring, wie der BlackBerry-Hersteller da künftig noch mithalten will.

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Interview mit RIMs Deutschland-Chef Axel Kettenring
Interview mit RIMs Deutschland-Chef Axel Kettenring
RIMs Deutschlandchef Axel Kettenring erklärt im Interview mit netzwelt, wie der BlackBerry-Hersteller den Weg aus der derzeitigen Krise schaffen will.
http://www.netzwelt.de/news/92049-interview-rims-deutschland-chef-axel-kettenring.html
2012-05-01 09:19:32
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/axel-kettenring-deutschlandchef-blackberry-herstellers-bild-rim-14185.jpg
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