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Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel
Piratenpartei. Patente. Da braut sich was zusammen

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Wenn es der Piratenpartei gelingt, ihre politischen Vorschläge durchzusetzen, dürften Industrie und Wirtschaft keine Freude daran haben. Bei Topmanagern, Lobbyisten und Politikern wird die Gefahr bereits diskutiert und erste Gegenmaßnahmen erörtert. Netzwelt belauscht ein Spitzentreffen im Hotel.

Wenn es der Piratenpartei gelingt, ihre politischen Vorschläge durchzusetzen, dürften Industrie und Wirtschaft keine Freude daran haben. Bei Topmanagern, Lobbyisten und Politikern wird die Gefahr bereits diskutiert und erste Gegenmaßnahmen erörtert. Netzwelt belauscht ein Spitzentreffen im Hotel.

Sie trafen sich alle drei Monate im Konferenzraum eines luxuriösen Hamburger Hotels. Sie nahmen den Hintereingang und hielten einen Abstand von mindestens 15 Minuten.

Zusammengekommen waren Dr. Ludwig, Chef eines internationalen Pharmakonzerns mit Sitz in Deutschland, Schubert, Vorstandsvorsitzender eines sehr großen Internetproviders, Dr. Matzke, Geschäftsführer eines großen Suchmaschinen-Betreibers, Müller, ein ehemaliger Wirtschaftsminister, und Dr. Raffke, der Vorstandsvorsitzende eines großen Softwarekonzerns. Hinzu kam Verleger Zekkendorf, Herr über ein gutes Dutzend Zeitschriften und ein sehr einflussreiches Boulevard-Blatt. Organisiert wurde die Zusammenkunft von Schmidt, einem Event-Manager mit besten Kontakten auf allen politischen Ebenen. Sie nannten sich "Osendorfer Kreis".

Meist war ihre Zusammenkunft nur eine Art lockerer Gedankenaustausch. Man klatschte über Liebesaffären von Politikern und Wirtschaftsbossen, diskutierte die politische Lage, ließ sich vom Ex-Wirtschaftsminister Informationen über die Stimmung in der Regierung geben oder diskutierte unbequeme Gesetzesvorhaben. Und was man dagegen tun konnte.

Eine Assistentin brachte Kaffee und Gebäck. Zigarren sollte es erst am Ende geben. Das war so eine Art Ritual.

Die Sorgen des Dr. Ludwig

Dr. Ludwig kam schnell zur Sache. Er wandte sich an den Ex-Wirtschaftsminister Müller: "Wie schätzen Sie die Piratenpartei ein? Eintagsfliege? Strohfeuer?" Müllers Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: "Die werden durchmarschieren. Vor allem, wenn die anderen Parteien sich weiterhin so dumm anstellen. Die werden Berlin ganz schön aufmischen."

Verleger Zekkendorf schien das nicht ganz so dramatisch zu sehen: "Lassen Sie die doch ruhig über Urheberrecht schwadronieren. Das schadet doch keinem. Die werden sich die Internet-Hörner schon abstoßen. Außerdem haben die doch gerade ein Nazi-Debatte am Hals."

Dr. Ludwig schien nicht beruhigt. "Sie verstehen das nicht", versetzte er übelgelaunt. "Irgendwann ist das Thema Urheberrecht durch. Die Nazi-Debatte auch. Und dann schnappen Sie sich das nächste Thema." Dr. Raffke, der Software-Chef, hatte sofort verstanden. Ihn plagten ähnliche Sorgen: "Patente. Wenn die eine Patente-Diskussion anzetteln, dann kann das relativ unangenehm werden."

Der immer gut gelaunte Schubert grinste: "Beim Stichwort Patente steigt der Stress-Pegel bei den Kollegen von der Software und den Herren aus der Pharma-Branche. Da werden jährlich Milliarden Euro gescheffelt für überteuerte Pillen. Oder für Software-Code. Wenn der Patentschutz geschwächt wird, dann sinken die Aktien."

"Genau, das ist meine Sorge." Dr. Ludwig rutschte noch tiefer in seine schlechte Laune. "Ja, das sieht nicht so gut aus", meinte Schubert und lächelte maliziös. Der Ex-Wirtschaftsminister sagte: "Sie haben gut lachen. Ihnen und den Suchmaschinenbetreibern dürfte doch die Diskussion um die Urheberrechte ganz recht sein." "Wieso?" - Schubert und Dr. Matzke spielten die Ahnungslosen.

Die nützlichen Idioten von Google und Youtube

"Ach, kommen Sie. Wenn Film- und Musikdownloads legal werden, dann ist das doch ein Supergeschäft für Google, Youtube und die Provider. Millionen von Jugendlichen werden sich ihre Festplatte mit Downloads vollsaugen. Der Papi zahlt den 16-Megabit-Anschluss beim Provider und die Festplatte-Hersteller freuen sich auch."

Zekkendorf, der auf ein gutes Verhältnis mit der Pharmabranche großen Wert legte, schließlich waren das ausgezeichnete Anzeigenkunden, sprang Dr. Ludwig beflissen zur Seite und ließ seinen ganzen journalistischen Scharfsinn glänzen: "Die Piraten sind die nützlichen Idioten von Google und den Providern."

Die Stimmung schlug um. Dr. Ludwigs schlechte Laune und die giftigen Bemerkungen hatten die Atmosphäre vergiftet. Schmidt, der Event-Manager, drückte heimlich auf eine Taste auf seinem Blackberry Bold. 30 Sekunden später erschien die Assistentin und fragte mit ihrem lieblichsten Lächeln, wer denn noch einen Kaffee möchte. Sieben Augenpaare drehten sich zu ihr, sieben Augenpaare blickten ihr nach, als sie langsam wieder rausging. Schmitt lächelte in sich hinein. Das war sein Trick.

Er hatte die Dame bei einer Model-Agentur gebucht. Immer wenn die Stimmung zu kippen drohte, tippte er eine SMS in seinen Blackberry und sie eilte herein, verteilte lächelnd Kaffee und Gebäck. Wie auf dem Kindergeburtstag, wenn es Streit gab und Tränen flossen. Dann holt die Mama eine Runde Überraschungseier und alle waren wieder friedlich. Bei männlichen Erwachsenen mit einem Jahresgehalt über einer Million Euro waren Überraschungseier von nur begrenzter Wirkung. Da half nur der Einsatz des blonden Models.

Die Stimmung war wieder entspannt. "Wo waren wir stehen geblieben? " Müller liebte zielführende Dialoge. Dr. Ludwig brachte die Diskussion wieder auf die Spur: "Piratenpartei. Patente. Da braut sich was zusammen. Und wir müssen etwas tun."

Die Pressekampagne

Alle Blicke wanderten zu Zekkendorf, dem Zeitungsmann. Dr. Matzke, bisher schweigsam geblieben, ergriff das Wort: "Ihre Zeitungen haben einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Da gäbe es bestimmt Möglichkeiten." Er ließ den Satz in der Luft stehen. Zekkendorf, im eigenen Haus ein Mann des markigen Auftretens, murmelte dienstbeflissen: "Nun ja, Möglichkeiten gibt es da schon. Da müsste ich mal mit meinen Chefredakteuren plauschen."

"Na, das ist es doch", Schmidt mischte sich hilfreich ein. Er liebte es, wenn von ihm organisierte Meetings am Ende ein Erfolg für alle Teilnehmer wurden. "Da fahren Sie in den Zeitungen oder im Web einfach mal wieder eine neue Pro-Urheber-Kampagne der Künstler und schauen zu, wie sich die Piraten dann in der anschließenden Diskussion selbst zerlegen. Und dann legen Sie nach und finden was Neues."

"Ok, gute Idee", warf Dr. Ludwig ein, damit gewinnen wir Zeit, aber irgendwann landen wir trotzdem bei der elenden Patente-Diskussion." Aber Zekkendorf hatte weitergedacht: "In der derzeitigen Diskussion reden die Piraten ihr positives Image kaputt. Da können Sie zusehen, wie die sich selbst zerlegen. Solange die sich mit unrealistischen Forderungen durch die Talkshows labern, verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Wenn es dann irgendwann zu den wirklich wichtigen Themen wie Software-Patenten oder anderem kommt, dann sind die längst nicht mehr gefährlich."

Dr. Ludwig und Dr. Raffke schienen beruhigt. Jovial schloss Schmidt die Runde: "Das klingt doch nach einem Plan", dröhnte er. "Herr Verleger, werden Sie ihrer journalistischen Verantwortung gegenüber der deutschen Wirtschaft gerecht. Sorgen Sie dafür, dass die Diskussion in die richtige Richtung läuft. Schließlich ist es das Anliegen der deutschen Wirtschaft, Arbeitsplätze zu schaffen. Piraten haben da keinen Platz."

Nun kam das Finale. Es war inzwischen zu einer Art Ritual geworden. Ein ironisch-trotziges Ritual gegen das schlechte Image des deutschen Topmanagers. Die blonde Assistentin schwebte herein und brachte acht Zigarren, inklusive silbernem Abschneider, auf einem Tablett aus Bambus. Ein Feuerzeug machte die Runde. Es ging ziemlich langsam. Jeder der Herren holte einen 500-Euro-Schein aus der Tasche und hielt das Feuerzeug daran. Dann zündete jeder mit dem brennenden Geldschein sorgfältig seine Doppel-Corona an….

Kommentare zu diesem Artikel

Wenn es der Piratenpartei gelingt, ihre politischen Vorschläge durchzusetzen, dürften Industrie und Wirtschaft keine Freude daran haben. Bei Topmanagern, Lobbyisten und Politikern wird die Gefahr bereits diskutiert und erste Gegenmaßnahmen erörtert. Netzwelt belauscht ein Spitzentreffen im Hotel.

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  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel

    Achtung, Achtung! Es handelt sich hierbei um eine Verkehrte Netzwelt! Erklärung auf der Übersichtsseite: Achtung Spaß! Auf lustige Art und Weise präsentiert netzwelt.de jede Woche ein Thema, dass unsere Netzwelt bewegt hat. Die Kolumne macht alles möglich, sie schickt neue Stars zum European Songcontest und wehrt sich gegen Google Street View . Sie schickt Leute durch den Nacktscanner und prüft das PC-Wissen der Politiker.
  • Nexus schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel

    Na!? Da ist wohl viel Fantaie mit drin in diesem Bericht? Ist es Tatsache wäre das ein Thema für die grosse Presse. Klein Bilderberg konspiratives treffen. Etwas Kleinbürgerlich bei Kaffee und Kuchen aber mit dem 500€ Schein sich dann die Zigarre anzünden das sind dann schon leicht psychopatisch spätrömische Dekadente Anwandlungen. Aber diese Absprachen, Manipulation, Amts.-Position.- Machtmissbrauch wäre ein wirklich Thema für die grosse Öffentlichkeit. Vorausgesetzt das stimmt so wirklich wie geschrieben. Zudem haben diese Herren wohl den Kern der Sache noch nicht verstanden. Die Piraten sind die erste Welle wie sich der Bürger über Internet organisieren, mitbestimmen, mitlenken kann. Die Idee ist geboren und hat sich manifestiert! Eine anachronistische Ära der Zeiten von Bonzen und Großparteien geht dem Ende zu. Das Volk fängt an sich als Volk zu verstehen und kann sich nun unmittelbar verständigen, austauschen und versammelen. Piraten sich erst der Anfang meine lieben Herren. Nicht das euch demnächst die 500€ Zigarren nicht mehr so richtig schmecken mögen!

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Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel
Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel
Wenn es der Piratenpartei gelingt, ihre politischen Vorschläge durchzusetzen, dürften Industrie und Wirtschaft keine Freude daran haben. Bei Topmanagern, Lobbyisten und Politikern wird die Gefahr bereits diskutiert und erste Gegenmaßnahmen erörtert. Netzwelt belauscht ein Spitzentreffen im Hotel.
http://www.netzwelt.de/news/91944-verkehrte-netzwelt-verschwoerung-hotel.html
2012-04-21 10:21:25
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Verkehrte Netzwelt: Verschwörung im Hotel