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Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer
Dieser Schuss geht nach hinten los

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Die Piratenpartei hat mit Vorschlägen zur Reform des Urheberrechts eine heftige Diskussion ausgelöst. Künstler, Autoren und Musiker sind empört. Sie haben recht, denn die Konzepte der Piraten gehen an der Realität vorbei.

Die Piratenpartei hat mit Vorschlägen zur Reform des Urheberrechts eine heftige Diskussion ausgelöst. Künstler, Autoren und Musiker sind empört. Sie haben recht, denn die Konzepte der Piraten gehen an der Realität vorbei.

Mit 101 Statements unter dem Motto "Ja zum Urheber" versucht die Piratenpartei ihre Position im Streit um die Rechte der Künstler deutlich zu machen. (Quelle: Piratenpartei)

Wie kommt es eigentlich, dass sich die Piratenpartei zurzeit so auf das Urheberrecht fixiert? Gibt es keine anderen Probleme? Wollen sie sich mit einem Thema wichtig machen, das die Gemüter erhitzt und bei dem jeder glaubt, mitreden zu können? Im Moment sieht es so aus, als ob der Schuss nach hinten losgeht. Bei den Künstlern und Autoren haben sich die Piraten ganz schön in die Nesseln gesetzt. Diese wenden sich in Scharen in offenen Briefen und Statements gegen den freien Download von Filmen und Musik aus dem Web sowie das Kopieren von CDs oder Büchern. Siehe dazu etwa der Brief der 51 Tatort-Drehbuchautoren oder die 100 Statements von Künstlern im Handelsblatt.

Die Piraten betonen häufig, sie seien eigentlich die besten Freunde der Künstler und Kreativen. Es ginge ihnen doch nur darum, die "Urheber zu stärken". Wenn sie dabei vorschlagen, Kopien und Downloads freizugeben und die Geltungsdauer des Urheberrechts drastisch zu reduzieren, müssen sie sich aber nicht wundern, wenn die Kreativen auf solche Freunde keinen Wert legen. Vor allem dann nicht, wenn keine praktikablen Gegenvorschläge kommen. Wie sollen Künstler ohne Verlage und GEMA ihre Brötchen verdienen? Der Ratschlag "Geh doch ins Web 2.0, da hast du fantastische Möglichkeiten" ist wohlfeil, dürfte aber so manchen Komponisten, Musiker, Fotografen oder Texter überfordern. Schließlich ist nicht jeder ein Digital Native, der die Möglichkeiten des Web 2.0 schnell mal für sich nutzen kann.

Es ist auch nicht besonders nett, all diejenigen, die am herkömmlichen System der Vermarktung von Kunst festhalten, als Ewiggestrige zu verspotten, die die neue Zeit nicht verstanden haben und sich "an ein verkrustetes System klammern". Die jungen Polit-Pioniere der Digital-Ära wirken in solchen Momenten einfach nur arrogant.

Entertainment-Industrie wird verteufelt

Eine grundlegende Schwäche in der Argumentation der Piraten ist die Verteufelung der Entertainment-Industrie. Filmstudios, Musiklabels und GEMA werden oftmals als profitgeiles Trio Infernale gezeichnet. In der Weltsicht der Piraten und ihrer Anhänger gibt es offensichtlich zwei Gute und einen Bösen: Da sind auf der einen Seite die kreativen Künstler, die ihre Werke in die Welt hinaus tragen wollen, und auf der anderen Seite die lieben Konsumenten, die diese Kunstwerke genießen oder ein wenig damit spielen, sprich sie kopieren, wollen.

Dazwischen als böser Spielverderber stehen "Content-Industrie" und Rechteverwerter, gerne auch als "Content-Mafia" tituliert oder als "parasitäre Rechteverwerter". Kaltherzige Kulturausbeuter allesamt, denen es nur um den Profit geht. Unter den 101 Statements "Ja zum Urheberrecht" auf der Webseite der Piratenpartei gibt es bezeichnenderweise kein einziges, das für die Content-Industrie mal ein gutes Wort einlegt.

So populär diese Sichtweise auch sein mag, sie ist zu simpel und wenigstens teilweise falsch.

Böse Manager der Musikindustrie

Die Manager der Musikindustrie beispielsweise sind keineswegs alle profitgierige Kaufleute, die mit der Kunst selbst gar nichts am Hut haben. Wer sich ein bisschen mit der Geschichte der populären Musik befasst hat, weiß, dass es nicht allein die großen Songwriter, Sänger und Musiker waren, sondern auch die Gründer von Plattenlabels und ihre Produzenten oder Toningenieure, die die Entwicklung gefördert haben. Sie haben neue Talente entdeckt und sogar neue Musikstile hervorgebracht. Diese Menschen bewegen sich im schillernden Zwischenreich zwischen dem kaufmännischen Management und Marketing und der Kunst.

Sie spielen vielleicht selbst kein Instrument und können nicht komponieren, begeistern sich aber für gute Musik. Sie erkennen das verborgene Talent des unbekannten Musikers, der in einem kleinen Club seine Songs vorträgt. Wenn sie den Musiker dann ins Studio bringen, wissen sie, wie sie Studiomusiker, Arrangements und Aufnahmetechnik kombinieren müssen, um das beste Ergebnis zu erzielen.

Oder sie entwickeln als Produzent im Studio ein Faible für einen bestimmten Sound, der dann oft zum Markenzeichen des ganzen Labels wird. Auf diese Weise ist schon oft großartige Musik entstanden. Die Geschichte von Genres wie R&B, Gospel, Blues, Soul oder Jazz ist auch die Geschichte der Plattenlabels, Produzenten und Toningenieure. Zu nennen wären Leute wie Ahmet Ertegün, Jerry Wexler und Arif Mardin (Atlantic Records), Berry Gordy Jr (Motown), Leonard und Phil Chess (Chess Records) und Alfred Lion und Francis Wolff (Blue Note Records). Kleinere Musiklabels wie Stax Records, Prestige oder die deutschen Jazz-Labels ECM und Enja haben ebenfalls eine Menge Künstler berühmt gemacht und großartige Musik in einem unverkennbaren eigenen Stil produziert.

Seit einigen Jahren macht der Produzent Rick Rubin (American Recordings) Furore. Ihm hatten der alte Johnny Cash und später Neil Diamond ihre Comebacks zu verdanken.

In Deutschland hat der Toningenieur und Produzent Conny Plank mit seinem Sound wesentliche Impulse gegeben. In der klassischen Musik war es der Produzent Walter Legge, der bei EMI den jungen Dirigenten Herbert von Karajan unter Vertrag nahm und mit seinem klanglich perfekten Orchesteraufnahmen entscheidend an dessen Aufstieg beteiligt war.

All diese Leute gehören zum Establishment der bösen Content-Industrie. Oftmals wissen sie besser als der Künstler, wie dessen Talente am besten zur Geltung kommen. Ohne sie wären viele talentierte Musiker völlig aufgeschmissen. Ähnliches gilt auch für Buchverlage und Filme. Manchmal weiß eben der Lektor eines Verlags besser als der Autor selbst, wo die Qualitäten eines Textes liegen und wie er dessen Text erfolgreich als Buch unter die Leute bringt.

Es ist deshalb falsch, die Industrie auf diese Weise zu verteufeln, wie es die Piratenpartei und ihre Anhänger tun.

Die Vorteile für den Künstler

Die Bindung an GEMA und Musikverlage hat daneben für den Künstler ganz praktische Vorteile. Sie erspart ihm eine Menge Verwaltungskram. Er muss sich nicht um Dinge kümmern, von denen ein Kreativer meist keine Ahnung hat, und die ihn auch gar nicht interessieren. Dinge wie Vertrieb und Marketing zum Beispiel.

All das dürfte sich auch im Web 2.0 nicht wirklich ändern. Denn nicht jeder Künstler hat Lust, Lizenzmodelle zu studieren, digitale Vertriebswege auszutüfteln oder das Marketing via Social Media selbst zu übernehmen.

Musik aus dem Notebook

Sicher gibt es viele Musiker, die unabhängig von großen Labels und Tonstudios ihren eigenen Sound kreieren. Sie brauchen dazu nur ein Notebook, ein Midi-Keyboard, eine gute Soundkarte und ein, zwei Mikrofone. Die Musik wird am Notebook abgemischt. Da entsteht eine Menge toller Musik, keine Frage. Doch größere Produktionen mit richtigen Bands oder gar mit Orchester lassen sich damit nicht realisieren. Dazu ist wieder das gute alte Tonstudio nötig. Mit Produzenten und Toningenieuren, die wissen, welches Mikrofon für welches Instrument am besten geeignet ist und wie man einen bestimmten Sound erzeugt. Und die vor allem wissen, wie sie aus den Musikern die beste Leistung herauskitzeln. Die Notebook-Musiker werden wohl auch in Zukunft nur eine Minderheit sein.

Musik benötigt auch im Zeitalter von Creative Commons, Open Source und Social Media die Profis, die sich als Produzent, Toningenieur oder Labelchef im schillernden Reich zwischen Kreativität, Technik und Vermarktung auskennen.

Neue Themen für die Piraten

Die Diskussion um die Rechte der Künstler werden die Piraten mit ihren bisherigen Argumenten nicht gewinnen können. Ihre Vorschläge sind nicht mehrheitsfähig. Das mindert nicht den Wert der Partei für die Internet-Politik in Deutschland. Andere Themen, um die sich die Piraten kümmern sollten, gibt es genug. Hier einige wenige Beispiele: Die Macht von Google oder Apple. Die mangelnde Breitbandabdeckung. Der problematische Einfluss der Computertechnik auf die Finanzwelt. Cyberkriminalität und wie man Internetnutzer davor schützt. Und anderes mehr.

Es gibt eine Menge wichtiger Themen, für die man sich kompetente Politiker und intelligente Konzepte wünscht. Das Urheberrecht mag reformbedürftig sein, zu den wirklich entscheidenden Themen gehört es nicht…

Kommentare zu diesem Artikel

Die Piratenpartei hat mit Vorschlägen zur Reform des Urheberrechts eine heftige Diskussion ausgelöst. Künstler, Autoren und Musiker sind empört. Sie haben recht, denn die Konzepte der Piraten gehen an der Realität vorbei.

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  • Pi.....wähler schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    Durch Ihren Lobbyismus mag die Musikindustrie und Filmindustrie sich bei den etablierten Parteien mit Ihren Briefen und Statements gehör verschaffen. Leider finden meine Briefe und Mails keine Aufmerksamkeit. Muß nur die Steuerförderung für den deutsche Filmfinanzierung erwähnen die auch unser ex Bundespräsident befürworterte. Im Gegensatz zu diesem möchte ich die Hilfe für die Schlecker-Frauen erwähnen die meines wissens nicht stattfand.Könnte noch viel mehr ...
  • Ein Hauptstädter schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    So einen lobbyistischen Quatsch habe ich leider zu oft in letzter Zeit lesen müssen. Apple vs. Samsung wird nur mit Urheberrechts-Waffen ausgetragen, und das ist nur ein Beispiel für die resourcenverschlingende Auswirkung, ohne etwas Sinnvolles zu erzeugen. Anderes Beispiel: Monsanto und Saatgut - perverser geht's kaum. Und bei Medikamenten hört für mich der Spaß endgültig auf. Und mir soll keiner erzählen, die sogenannte Kreativwirtschaft sei so wichtig, daß wir nicht auf sie verzichten könnten. Leute, die echte Künstler sind, bleiben Künstler und verstummen nicht. Sie werden dann eben nicht mehr durch wen auch immer "geformt", der ausschließlich an Kohle interessiert ist. Zumindest ist das das Ziel jeder AG. Und irgendwann auch das des Künstlers, der dann aber eher ein Entertainer geworden ist. "Good night & good luck!"
  • RA Dr. Alexander Wachs schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    Sehr geehrte Damen und Herren, ich fand den Artikel ebenfalls sehr gelungen. Die grobe Aufteilung in "Gut" und "Böse" ist naiv und quatsch. Viele kleine Label Inhaber sind mit viel Herz dabei. Mich nervt in dieser Diskussion immer dieser dahinter stehende Gedanke Künstler würden vom Konsumenten nach Belieben und Gefallen bezahlt , den Sven Regener als "Straßenmusiker" Status beschrieb. Die Lösung ist wie immer, in der Mitte zu finden. Nur muss auch klar sein, dass wenn die Piraten von Anfang an mit gemäßigten Positionen in die Diskussion einstiegen, nach den üblichen Kompromissen dann nichts mehr von der eigenen Position übrig bleibt. Klar ist, wir brauchen eine Partei, welche die Bürger bei Freiheitsrechten insbesondere mit Internetbezug abholt und die Piraten sind die Einzigen, die sich entsprechend versuchen. Mit freundlichen Grüßen Dr. Alexander Wachs
  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    Man sollte in dem Zusammenhang bedenken, dass sich ein Künstler mit einem Plattenvertrag auch in eine Abhängigkeit zu seinem Verleger begibt. Dessen einziger Wunsch ist der Verkauf der Musik, während der Künstler vielleicht ganz andere Interessen vertritt und - überspitzt gesagt - damit zufrieden wäre den ganzen Tag auf seiner Gitarre herumzuklimpern. Eine Einschränkung ist das sicherlich, andererseits aber auch dem Wunsch geschuldet nachhaltig die Kundenwünsche zu erfüllen - und wollen die wirklich, dass die Beatsteaks aus einer künstlerischen Neigung heraus auf seichten Indie-Pop umsteigen?

    Was wir mit dem Artikel bezwecken wollten, war eine Diskussion anzufachen. Was ja durchaus gelungen ist. Von der "Industrie" haben wir dafür keinen müden Heller bekommen. Aber vielleicht sollten wir da mal anfragen. Könnte mir aber vorstellen, dass netzwelt in deren Augen - aufgrund anderer Artikel - uns eher als Feinde der Content-Industrie ansieht. Aber so ist das nun mal mit subjektiven Einschätzungen auf Grundlage einer Momentaufnahme ;)
  • James schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    Der Artikel ist sehr übertrieben und sehr an der Realität vorbei geschrieben. Fakt ist, das die Labels einen Sound Vorgeben, andere aber innovative Sounds damit gar nicht erst ermöglichen. Das Argument habt ihr sogar selbst gebracht und nicht bemerkt, wie ihr damit legitimiert Künstler direkt und nachhaltig einzuschränken und zu Manipulieren. Außerdem hat das Internet gezeigt, dass es durchaus in der Lage ist, gute Sounds an den Labels vorbei zu Promoten. Sei es ein Schni Schna Schnappi oder ein Justin Bieber welche so NIE durch Labels Existieren könnten. Eurer Artikel ist von seiner Konsistenz her sehr Interessant, aber eure Argumentation ist 1. Scheinheilig und 2. Noch grundlegend Falsch. Wie viel habt ihr von der Industrie den bekommen um diesen Unfug zu veröffentlichen?
  • exNichtwähler schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    > Das Urheberrecht mag reformbedürftig sein, zu den wirklich entscheidenden Themen gehört es nicht. Völlig richtig erkannt. Endlich lese ich sowas auch einmal in einem IT-affinen Umfeld. Wäre dies tatsächlich der einzige Grund die Piraten zu wählen, ich würde es als selbständiger Programmierer und Buchautor nicht tun. Denn ich lebe davon, dass meine Produkte gekauft und bezahlt werden, so einfach ist das. Trotzdem bekommen sie meine Stimme, weil sie frischen Wind in die verkrustete, abgehobene und meiner Meinung nach häufig korrupte Politik bringen. Aus diesem Grund sind die Piraten wichtig und ich wünsche ihnen 10+x Prozent. Danach müssen sie beweisen, dass sie nicht nur mit der virtuellen sondern auch mit der realen Welt umgehen können. Ausgang offen.
  • Carstenj schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Shitstorm im Piratenmeer

    Schön, kann dem Artikel uneingeschränkt zustimmen.

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http://www.netzwelt.de/news/91805-kommentar-shitstorm-piratenmeer.html
2012-04-13 16:39:14
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