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Spotify startet in Deutschland
Interview zum Deutschland-Start

von Lisa Hemmerich Uhr veröffentlicht

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Nach den USA, Österreich und der Schweiz entert der Musikstreaming-Dienst Spotify nun auch Deutschland. Netzwelt sprach mit Axel Bringéus, Vorstand für internationales Wachstum, über die Zukunft der Musikindustrie und neue Verdienstmöglichkeiten für Künstler.

Ab dem morgigen Dienstag, 13. März, kann der Musikstreaming-Dienst Spotiy auch hierzulande genutzt werden. Zum Deutschland-Start von Spotify sprach netzwelt mit Axel Bringéus, dem Vorstand für internationales Wachstum, über das Geschäftsmodell und den Trend zu einer neuen Bezahlkultur.

Axel Bringéus ist bei Spotify für das internationale Wachstum verantwortlich. (Quelle: Spotify)

Was ist das Konzept hinter Spotify?

Bringéus: Spotify ist als legale Alternative zur Piraterie entstanden. Schweden war 2006 das Heimatland des illegalen Downloads: 85 Prozent des gesamten Datenverkehrs in Schweden bestanden aus illegaler Musik. Jeder hat es gemacht. Die Piratenpartei und diese ganze Bewegung ist in Schweden entstanden. Die Filesharing-Seite Pirate Bay kommt auch aus Schweden. Unser Premierminister stand im Fernsehen und sagte, man könne nicht die gesamte Generation kriminalisieren. Da haben sich unsere Gründer Daniel Ek und Martin Lorentzen gesagt: Es kann nicht sein, dass eine ganze Generation nicht mehr für Musik zahlt. Es muss eine Möglichkeit geben, ein legales Produkt zu schaffen, das sogar besser ist als Piraterie

Wie ging es dann weiter?

Bringéus: Ek ist noch immer der Geschäftsführer. Er ist 28 Jahre alt, Entwickler, Musiker und Visionär. Nach Schweden wurde der Dienst in England, Frankreich, Spanien und weiteren Länder angeboten. Im letzten Sommer haben wir in den USA gelauncht. Nach dem US-Start waren die ersten Länder Dänemark, Österreich, Schweiz und Belgien und jetzt als dreizehntes Land Deutschland.

Wieviele Menschen nutzen Spotify inzwischen?

Bringéus: Weltweit haben wir über zehn Millionen aktive Nutzer, die mindestens einmal pro Monat aktiv sind, und weit über drei Millionen zahlende Nutzer.

Was bietet Spotify seinen Kunden?

Bringéus: Spotify ist eine Musikplattform mit einer Bibliothek von weit über 16 Millionen Liedern: quasi alles, was es überhaupt gibt, von Bach bis Bieber. Auf diese Bibliothek kann man auf verschiedene Wege zugreifen, über den Rechner, den man zu Hause hat oder im Office, per Smartphone, iPod oder Streaming-Boxen.

Aber maximal kann man auf drei Geräten hören?

Bringéus: Bei dem vierten Gerät verschwindet dann das letzte. Im Grunde ist es kein Problem, so viele Geräte wie möglich anzumelden. Man kann allerdings nur einmal gleichzeitig hören. Unsere Vision ist, auf so vielen Plattformen wie möglich anwesend zu sein. Wenn wir jetzt ein, zwei oder drei Jahre in die Zukunft schauen, bin ich mir sicher, dass jedes Auto, das auf der Straße fährt, einen Streamingservice integriert.

Der Künstler Nomy verdient sein gesamtes Einkommen über Spotify. (Quelle: Screenshot Spotify)

Gibt es einen Trend zum Bezahlen und weg von der Illegalität?

Bringéus: Auf jeden Fall. In Schweden können wir beobachten, wie es in anderen Ländern aussehen wird. Jeder Dritte nutzt dort inzwischen Spotify. In der Heimat der Piraterie ist das illegale Herunterladen seit 2008 um 25 Prozent gesunken. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil Spotify etwas Besseres bietet, etwas Schnelleres. Die Nutzer fragen sich: Was soll ich mit den ganzen MP3s, die mir die Festplatte voll machen? Die meisten Leute haben die physischen Sachen rausgeschmissen und auch die digitalen Dateien. Über einen Streaming-Service wie Spotify hat der Nutzer keinen Besitz, sondern einen Zugang.

Ist auch eine Offline-Nutzung möglich?

Bringéus: Wir haben drei Modelle bei Spotify. Als erstes Spotify Free, das komplett kostenlos ist. Bei Spotify Free ist auch alle 15 Minuten Werbung dabei, also deutlich weniger als im Radio. Dann bieten wir Spotify Unlimited an, das 4,99 Euro im Monat kostet. Für einen Preis von einem Kaffee oder zwei bekommt man es ohne Werbung. Bei Spotify-Premium für 9,99 Euro erhält der Kunde auch den mobilen Zugang, das heißt man kann die Musik immer mit sich tragen und auch den Offline-Modus nutzen. Wenn ich dann im Flieger bin, kann ich die Tracks auch anhören, obwohl ich keinen Internetzugang besitze.

Gibt es besondere Angebote zum Deutschland-Start?

Bringéus: Zum ersten Mal werden wir in einem Land mit nationalen Apps starten. Das heißt, in Deutschland kommen auch mehrere Apps wie von dem Musikmagazin Visions oder dem Online-Musikmagazin Laut.de hinzu. Man bekommt kuratierte Playlists und kann Nachrichten lesen. Bislang gibt es bereits Apps der britischen Zeitung The Guardian und eine Karaoke-Anwendung, die die Lyrics anzeigt, sowie eine Konzertanwendung.

Warum hat sich der Deutschlandstart im Vergleich zu Schweiz und Österreich verzögert?

Bringéus: Deutschland ist für Spotify nach den USA der wichtigste Markt. Es ist das größte Land Europas, nach Japan der drittgrößte Musikmarkt der Welt. Den Start wollen wir natürlich richtig durchführen. Aus diesem Grund haben wir uns ein bisschen Anlaufzeit erlaubt, um das Produkt zu lokalisieren, deutsche Zahlungsmethoden einzubinden und ein Team aufzubauen.

Haben sich die Verhandlungen mit der GEMA als schwierig gestaltet?

Bringéus: Verhandlungen mit Verwertungsgesellschaften wie der GEMA sind in jedem Land verschieden. Jeder weiß, dass Deutschland eine gewisse Komplexität hat. Wir äußern uns nicht zu den Verhältnissen, die wir zu den Verwertungsgesellschaften haben, weil es ein komplexes Thema ist.

Am 13. März startet Spotify auch in Deutschland, dem 13. Land. (Quelle: Spotify)

Wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Bringéus: Wir schließen nicht mit den Künstlern Verträge, sondern mit den Plattenfirmen und den Verwertungsgesellschaften. Als Künstler habe ich mit einer Plattenfirma einen Vertrag, von der ich einen bestimmten Prozentsatz erhalte, und von der Verwertungsgesellschaft auch. Wir zahlen per Stream aus, das heißt jedes Mal, wenn man ein Lied spielt, wird ausgeschüttet. Wenn man zum Beispiel einen Download startet, kostet dieser etwa einen Euro. Das ist das Maximum, was dieser Künstler dann verdienen kann. Bei uns verdient der Künstler bei jedem Stream mehr und mehr. Unser Geschäft baut ganz klar auf Masse. In Schweden sind wir die größte digitale Einnahmequelle der Musikindustrie. Das heißt: Wenn der Plattenfirmenboss in sein Büro kommt, schaut er sich nicht mehr die Nummer in den Charts an, sondern die Spotify-Charts.

Verdienen Künstler genug?

Bringéus: Seitdem wir auf dem Markt sind, haben wir über 200 Millionen Euro an die Industrie weitergegeben, an die Plattenfirmen und an die Verwertungsgesellschaften, das diese dann an die Künstler weitergeben. 60 bis 70 Prozent von unseren Einnahmen gehen auch an die Musikindustrie weiter.

Und das reicht?

Bringéus: In Schweden haben wir auch Künstler wie Nomy, der sein ganzes Einkommen auf Spotify verdient. Zuvor hat er seine Musik nebenher zu Hause produziert und über Soziale Medien verbreitet. Als er seine Lieder bei uns anbot, kündigte er seinen Job und lebt jetzt nur von Musik. Sowas gab es noch nie zuvor in der Geschichte.

Können Nutzer auch Wünsche äußern?

Bringéus: Klar können auch unsere Nutzer über die Community Empfehlungen abgeben. Wir haben dafür auch ein starkes Team, das mit Labels und Künstlern arbeitet und zusieht, dass der Katalog so komplett wie möglich ist. Der Katalog ist mit 16 Millionen Liedern quasi unendlich. Jeden Tag kommen 20.000 neue Songs dazu.

Ist Streaming die Zukunft der Musikindustrie?

Bringéus:  Es ist die Zukunft, wie man Musik konsumieren wird. Das sagen auch Labels und Experten. Musik-Downloads waren eine Art Zwischenschritt. Wenn wir jetzt über alle Geräte, die wir besitzen, konstant verbunden sind, braucht man auch keine physischen Daten mehr. Viele Rechner haben kein CD-Laufwerk mehr. Alles befindet sich in der Cloud.

Eine iPad-App gibt es noch nicht?

Bringéus: Unsere iPhone-App kann man auch als iPad-App nutzen. Es ist ganz witzig: In Schweden ist die Spotify iPhone-App die beliebteste iPad-App, obwohl es keine iPad-App gibt. Aber wir bemühen uns natürlich immer, unser Produkt auf so vielen Plattformen wie möglich anzubieten. Es wird auch eine iPad-App geben.

Wie bedeutet die Vernetzung über Facebook?

Bringéus: Das Soziale ist ein Eckpfeiler unserer Strategie. Musik ist sozial. Als ich aufwuchs, habe ich mir Mixtapes zusammengestellt und mit meinen Freunden geteilt. Musik wird immer noch so geteilt. Das heißt, die beste Musik entdeckt man über seine Freunde. Vor dem Hintergrund sagen wir, es ist ganz natürlich, Spotify mit Facebook zu vernetzen. Ich kann sehen, was meine Facebook-Freunde hören. Innerhalb von Millisekunden kann man mithören, weil Spotify sich im Hintergrund öffnet.

Gibt es auch Playlisten von Künstlern?

Bringéus: Der Musikproduzent der Fernsehserie "Entourage", die in den USA sehr beliebt ist, hat zum Beispiel auf Spotify eine Playlist, die er jede Woche aktualisiert. Vor ein paar Wochen hat Barack Obama eine Spotify-Playliste mit seinen Lieblingsliedern angelegt und auch der norwegische Premierminister.

Kommentare zu diesem Artikel

Nach den USA, Österreich und der Schweiz entert der Musikstreaming-Dienst Spotify nun auch Deutschland. Netzwelt sprach mit Axel Bringéus, Vorstand für internationales Wachstum, über die Zukunft der Musikindustrie und neue Verdienstmöglichkeiten für Künstler.

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  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: Spotify-Vorstand Bringéus: "Als legale Alternative zur Piraterie entstanden"

    Kannst du das begründen? Hast du Probleme beim Kündigen des Abos gehabt? Meiner Meinung nach werden die Kosten klar kommuniziert - hinzu kommt eine, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, kostenlose Probe-Variante mit Werbung.
  • Anna Jaudas schrieb Uhr
    AW: Spotify-Vorstand Bringéus: "Als legale Alternative zur Piraterie entstanden"

    von wegen Spotify ist eine dumme Abofalle.

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Morgen, Dienstag, 13. März, startet der Musikstreaming-Dienst Spotify auch in Deutschland. Netzwelt sprach mit dem Vorstand Axel Bringéus über das Geschäftsmodell und den Trend zu einer neuen Bezahlkultur im Netz.
http://www.netzwelt.de/news/91316-spotify-startet-deutschland.html
2012-03-12 16:50:44
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2012/axel-bringus-spotify-internationale-wachstum-verantwortlich-bild-spotify-12850.jpg
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