Der Tag, an dem das Internet still stand

Verkehrte Netzwelt: Googles schwarzer Tag

Wie sicher ist Google? Und was passiert, wenn etwas passiert. Niemand weiß es, aber klar ist: Die Folgen wären verheerend und auf der ganzen Welt zu spüren. Ein unwahrscheinlich realistischer Thriller aus der netzwelt-Redaktion.

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Walter Connor lächelte. Noch fünf Minuten. Dann war seine Schicht zu Ende und er würde in ein wohlverdientes langes Wochenende gehen. Die letzten Monate waren Stress pur gewesen. Als IT-Verantwortlicher in Googles Rechenzentrale hatte er den Umbau des ganzen Rechenzentrums überwacht. Die Spezialisten und Berater von Green Planet (GP) hatten in langen Meetings detaillierte Pläne präsentiert, wie man Stromverbrauch und CO2-Emissionen des Rechenzentrums um etwa 25 Prozent senken könnte. Eine gute CO2-Bilanz war wichtig für Google. Schon allein aus Imagegründen. Dann hatten die Green-Planet-Leute losgelegt, neue Blade-Server eingesetzt, Lüftersysteme ausgetauscht, Tausende von Temperatursensoren installiert, Festplatten gegen Solid State Disks ausgetauscht und eine neue Management-Software installiert. 

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Noch drei Minuten bis Feierabend.

Die drei Frauen und sechs Männer von Green Planet hatten ganze Arbeit geleistet. Anfangs hatte er sich gewehrt gegen die Ökofreaks, die sein ganzes schönes Rechenzentrum umbauen wollten. Inzwischen hatte er Respekt vor ihnen. Die wussten wirklich, was sie taten. Insgeheim fragte er sich, ob sein Respekt vielleicht auch mit Olga zu tun hatte, einer hübschen, immer gut gelaunten Brünetten, die jeden Tag ihren Hund Sunford mitnahm. Walter liebte Hunde.

Nach den ersten Monaten holprigen Probebetriebs lief jetzt alles glatt, die Monitorwand zeigte überall grüne Häkchen und grüne Punkte. Grün war gut. Grün sagte ihm, dass er jetzt gleich nach Hause gehen konnte.

Noch eine Minute. Walter griff nach seiner Jacke.

22:49 Uhr, Google-Rechenzentrum, Mountain View

Auf einem Display sprangen jetzt zwei Punkte nach Gelb um. Da waren wohl einige Racks temperaturmäßig ans Limit gekommen. Kein Problem, die Management-Software würde jetzt einige Jobs automatisch auf andere weniger ausgelastete Prozessoren umleiten. Dann würde die Anzeige wieder zu Grün wechseln. Die Punkte wechselten zu Rot. Drei weitere Gelbe kam hinzu und wechselten nach zwei Sekunden ebenfalls zu Rot.

Walter Connor lächelte nicht mehr.

Verdammt, er musste nachsehen, woran das lag. Er packte seine Keycard und lief zum Aufzug. Der Feierabend war gelaufen. Er würde mit den Leuten von Green Planet sprechen müssen. Die saßen jetzt wahrscheinlich ganz entspannt in einer teuren Sushi-Bar und amüsierten sich. Verdammt. Der Lift brachte ihn nach unten, 30 Meter unter der Erde. Hier war der Haupteingang von Googles Allerheiligsten, dem Rechenzentrum. 

Neben der stählernen Schleuse saß Anthony, der Wachmann, auf einem Hocker. Das war komisch, Anthony setzte sich sonst nie hin. Er war nicht der Typ des Wachmanns, der es sich bequem macht, wenn gerade nichts los ist. Er war eher das Gegenteil. Immer auf der Hut, ständig hin und her blickend, eine Spur zu misstrauisch. Spielte gern den Personenschützer, obwohl er nur eine Tür bewachen musste. Doch jetzt saß Anthony nur da und glotzte ihn an. Sein Oberkörper war gegen die Wand gelehnt. Walter sagte "hey", der Wachmann glotzte weiter. Über dem rechten Ohr, quoll ein träger Blutstrom zwischen den Haaren hervor und sickerte in den Hemdkragen. 

Plötzlich war da ein schmatzendes Geräusch hinter Walter. Turnschuh auf Linoleumboden. Walter drehte sich um. 

23:30 Uhr - Mountain View

Gegen 23.30 Uhr läutet das Telefon bei Googles CIO (Chief Intelligence Officer) Pete Chen. Chen hatte ein sehr reichliches Abendessen genossen und nun den Feierabend mit zwei Glas Rotwein begonnen. Er war nicht mehr ganz nüchtern. Sich mühsam auf dem Sofa aufrechthaltend, lauschte er dem, was der Mann am anderen Ende der Leitung zu sagen hatte. Plötzlich war Pete hellwach. Er stand auf, packte zwei Handys, seine Keycard und sein Netbook, stieg in den schwarzen BMW und fuhr zum Hauptquartier am Theatre Parkway. Unterwegs wählte er die Nummer von Google-CEO Larry Page. Nur vier Leute in der Firma hatten diese Nummer, Pete war einer davon. 

09:44 - Frankfurt am Main

Der Physikstudent Florian Wedefeld saß vor seinem Laptop und öffnete eine weitere Registerkarte im Internet Explorer. Er war gerade dabei, seine Bachelorarbeit in Physik fertigzustellen, wollte aber noch ein letztes Mal die Schreibweise einiger Fachbegriffe durchchecken. Er startete Google und tippte in die Suchzeile "Boltzmann-Konstante". In vier Stunden musste er seine Arbeit abgeben, und er klapperte mit der Maus ungeduldig auf dem Schreibtisch. Google war extrem langsam. Das passierte eigentlich nie. Er brach ab und probiert es noch einmal: "Boltzmann-Konstante". Jetzt ging es schneller, aber es passierte nicht das, was Florian erwartete. Das ganze Display färbte sich tiefschwarz und von rechts wanderte ein giftgrünes, gezacktes Logo bis in die Mitte des Bildschirms. In Rot standen darin die Worte: "Information Pirates against Google". Eine Eingabezeile gab es nicht mehr.

Google war tot.

02:15 - Google-Headquarter Mountain View

Im kleinen Konferenzraum, der direkt zwischen den Büros von Larry Page und Sergey Brin lag, hatten sich alle wichtigen Leute versammelt. Insgesamt 13 Mitarbeiter der obersten Führungsetage saßen um den ovalen Eichentisch herum. Bleiche Gesichter, gerötete Augen. Dazwischen der oberste Police Officer von Mountain View und fünf seiner Beamten. Vor dem Gebäude standen zehn weitere Polizeiwagen mit Blaulicht. 

"Was haben wir?", fragte der Officer. "Mindestens zwei Tote und neun quicklebendige Terroristen, die gerade in unseren Serverräumen eine Menge Spaß haben", war die sarkastische Antwort von Pete Chen.

"Was wollen die von Euch?"

"Die wollen gar nichts. Die haben sich schon genommen, was sie wollen", sagte Larry Page. Die Terroristen hatten die Startseite von Google schwarz gefärbt, ihr eigenes Logo drauf gesetzt, die Eingabezeile blockiert und waren vermutlich gerade dabei, den Suchalgorithmus zu verändern. Sollte jemand versuchen, sie daran zu hindern, würden sie ohne zu zögern von ihren Maschinengewehren und Handgranaten Gebrauch machen. Das hatten sie in einem Telefongespräch deutlich gemacht. Alle im Raum hatten es gehört. Die Terroristen hatten genügend Sprengstoff dabei, um das ganze Rechenzentrum zu zerstören. 

Auf alles hatten sich die Security-Experten vorbereitet: Cyberattacken, Stromausfälle, illoyale Mitarbeiter, jede noch so unwahrscheinliche Hackerattacke hatten sie durchgespielt. Aber auf ein paar Terroristen mit Turnschuhen und Maschinengewehren waren sie nicht vorbereitet.

Die Bande hatte sich gut vorbereitet. Bestens getarnt als Green IT-Spezialisten hatten sie monatelang in den Büros und Serverräumen herumgeturnt, Hardware ausgetauscht, mit den Google-Mitarbeitern zu Mittag gegessen und es dann noch fertig gebracht, eine Verwaltungssoftware mit versteckten Funktionen zu installieren. Alles unter den Augen der IT-Spezialisten des Suchmaschinenbetreibers. 

Der Police-Officer musterte die Google-Leute mit einem abschätzigen Blick. Sie hatten sich reinlegen lassen. Wie Anfänger. Oder wie eine Oma, die zwei Trickbetrüger in ihre Wohnung lässt. 

04:30 - Austin, Atlanta, Detroit und Chicago

Auch auf den nächsten Schlag der Terroristen waren sie nicht vorbereitet. Die Anrufe aus Rechenzentren in Austin, Atlanta, Detroit und Chicago hatten alle die gleiche Botschaft: Schwer bewaffnete Terroristen im Serverraum. Sie spielten neue Software auf und nahmen alle Racks, die für Backups zuständig sind, vom Stromnetz.

Draußen warteten Sondereinheiten von CIA und FBI mit Gewehren im Anschlag. 

11:00 - Frankfurt, London, Paris, Delhi, Moskau, Rom, Sao Paulo

Wie bei einem Erdbeben waren die Folgen der verheerenden Attacken auf die Rechenzentren des Suchmaschinenbetreibers innerhalb von Minuten auf der ganzen Welt spürbar. Studenten, die für ihre Seminararbeit recherchierten, Mitarbeiter in Unternehmen, die nach Informationen suchten, Menschen mit seltenen Krankheiten, die neue Therapiemethoden suchten, Ärzte die nach Fachkontakten suchten, Journalisten, die Hintergründe für eine Story recherchieren wollten, sogar wissenschaftliche Mitarbeiter in der Bibliothek des Vatikan, die historische Dokumente suchten, alle bekamen nach Eingabe von www.google.de nur eines zu sehen: einen schwarzen Bildschirm mit dem gezackten Logo "Information Pirates against Google".

Google war tot.

Der Traffic auf den Webseiten ging innerhalb einer halben Stunde massiv nach unten, weil niemand mehr über die Google-Suche auf die Homepage kam. Der gesunkene Traffic sorgte auch für sinkende Anzeigenpreise, und viele Unternehmen, die ihre Webseite mit Anzeigen finanzierten, hatten drastische Einnahmeverluste.

Das Web kam fast zum Stillstand. Die Frankfurter Allgemeine titelte: "Der Tag, an dem das Internet still stand."

Fast eine Woche dauerte der Spuk, bis die Terroristen ihre Aktion freiwillig abbrachen. Mehr als zwei Wochen dauerte es, bis Pete Chen und seine Mitarbeiter den Basisbetrieb der Suchmaschinen langsam wieder hochfahren konnten. Drei Monate dauerte es, bis der Wissenschafts-Betrieb und die Internet-Wirtschaft wieder das Niveau der Tage vor dem Anschlag erreicht hatten.

Das Sicherheitskonzept von Google wurde mithilfe der Securityspezialisten von "Blackwater Security" komplett neu strukturiert. Die Firma hatte während des zweiten Irakkrieges für die Bush-Regierung gearbeitet. Die Info-Terroristen wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie erklärten, dass sie den Menschen nur zeigen wollten, welche Macht Google über sie hat.

Der Google-Campus in Mountain View wurde in Walter-Connor-Campus umbenannt. Der Mann, der einfach nur in den Feierabend gehen wollte…

PS: Das hier beschriebene Szenario ist erfunden und bis auf die Google-Gründer sind auch alle Personen erfunden. Ob an den genannten Orten tatsächlich Rechenzentren liegen, ist nicht bekannt. Eine Attacke auf Google müsste mit Sicherheit sehr viel professioneller und komplexer ablaufen als hier beschrieben. Anders als in dieser Geschichte haben große Internet-Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit umfassende Sicherheitskonzepte. Doch, ebenso wie in dieser Geschichte beschrieben, wären die Folgen einer Attacke auf den Suchmaschinenbetreiber weltweit spürbar.

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