Wenn Konsumenten sich neuen Medien zuwenden
Kommentar: Das Smartphone und die Kulturkritiker
Mobile Hightech-Geräte wie Smartphones und Tablet-PCs gelten bei vielen immer noch als überflüssige Modeerscheinung. Manche fürchten sogar einen Kulturverfall. Macht uns die neue Technik dümmer? Oder haben die Kritiker etwas übersehen?

Lesende Menschen in der U-Bahn. Vor zehn Jahren haben die Frauen ein Buch gelesen und die Männer die Zeitung. Vor fünf Jahren haben die Frauen Bücher gelesen und die Männer eine Zeitung oder eine Computerzeitschrift. Vor vielleicht zwei Jahren haben die Frauen immer noch Bücher gelesen und die Männer haben auf Smartphones gestarrt. Seit einigen Monaten starren Männer wie Frauen nur noch auf ihre Smartphones. Nur noch wenige Frauen lesen Bücher, Zeitung liest keiner mehr. Inzwischen sieht man die ersten Männer mit Tablet-PCs und E-Book Readern.
Anscheinend fahren auch Kabarettisten gerne U-Bahn, denn die nehmen zur Zeit gerade reihenweise die Smartphone-Nutzer ins Visier. Kaum ein Kabarettist, der darauf verzichtet, die Tipp- und Wischbewegungen jugendlicher Smartphone-Besitzer auf dem Touchscreen nachzuäffen. So zuletzt in einem Auftritt des bayerischen Kabarettisten Günter Grünwald. Wenn der Mann auf der Bühne dazu noch ein besonders blödsinniges Gesicht aufsetzt, während er auf dem imaginären Smartphone herumwischt, dann kommt regelmäßig der Schnitt ins lachende Publikum, und man sieht ein Ehepaar, das sich vielsagend ansieht. Ja, die haben bestimmt auch so einen Smartphone-Halbstarken zu Hause, denkt der Zuschauer dann. Ist halt lustig. So wie es eigentlich immer lustig ist, wenn man andere als grenzdebile Vollpfosten zeigt.
Unfaire Kritik am Mobil-Trend
Es ist aber nicht nur lustig, sondern auch ziemlich unfair. Denn erstens weiß der Kabarettist, der die jungen Menschen mit Smartphone oder Tablet-PC beobachtet, ja gar nicht, was die mit dem Gerät gerade machen. Die lesen vielleicht gerade einen interessanten Artikel online oder studieren den Stundenplan für die Uni oder gucken sonst irgendwas nach. Was ist daran so blöd? Okay, oft spielen die einfach nur mit ihrem Smartphone. Aber bekanntermaßen sind nicht alle Spiele dumm und bekanntermaßen gibt es Spiele, die Intelligenz und Kreativität fördern.
So gesehen gibt es also überhaupt keinen Anlass, sich über die Smartphone-Nutzer lustig zu machen. Ganz abgesehen davon sind Zweifel erlaubt, ob das Durchblättern einer Zeitschrift beziehungsweise einer Boulevardzeitung kulturell so viel hochstehender ist. Ich tippe mal, da ist eher das Gegenteil der Fall. Und wer gar nicht liest, und auch sein Handy in der Tasche lässt, denkt meistens auch nur banales Zeug: "Haben wir noch Entkalker für die Waschmaschine zu Hause? Ach, Küchenrollen sind auch wieder aus. Was schenk ich Oma zum Geburtstag?"
Hinter der Kritik an den begeisterten Nutzern der Mobiltechnik steckt der uralte, aber unverwüstliche Glaube des Bildungsbürgers, dass moderne Technik immer eine Art kulturellen Rückschritt bedeutet und dass jeder, der nicht liest, dumm und ungebildet sein muss. Worte machen klug, Bilder machen dumm - so lautet das Credo des Kulturpessimisten.
Es ist klar, dass bestimmte Trends, die PC, Internet und Mobilgeräte mit sich gebracht und verstärkt haben, von den klassischen Bildungsvorstellungen wegführen. Diese Vorstellungen haben alle mit intellektuell anspruchsvollen Tätigkeiten zu tun: Lektüre von Büchern, Besuch einer Theatervorstellung, Hören von klassischer Musik oder Pflege einer universalen Bildung. Wer auf seinem Tablet-PC via Internet nach einem passenden Restaurant sucht oder schnell die wichtigsten Online-Artikel durchklickt, passt nicht in dieses Bild.
Zugegeben, darin liegt sicherlich auch ein Verlust.
Neue Medien bringen neue geistige Herausforderungen
Doch von der anderen Seite her gesehen, zeigt die Geschichte, dass neue Medien auch neue Kulturtechniken und in gewisser Weise neue Herausforderungen für die Intelligenz mit sich bringen. Die Fähigkeit, ein Smartphone im Alltag effizient einzusetzen, ist auch nicht ganz ohne. Da lernt man beispielsweise, wie man unterwegs, also in sehr kurzer Zeit, zur Situation und zum Ort passende Informationen abruft, Symbole und Textschnipsel schnell einordnet und interpretiert, und darauf basierende praktische Entscheidungen trifft.
Wenn es nicht so hochgestochen klingen würde, könnte man von einer neuen Ära der Intelligenz sprechen, die weniger darin besteht, Inhalte und Informationen einzusammeln und dann in abstrakten Diskussionen zu verwerten, sondern mehr darin, zielgerichtet durch eine Flut von Bildern und Texten zu navigieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist also eine Art visuelle und praktische Intelligenz, die hier trainiert wird.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Als ehemaliger Literaturstudent liebe ich Goethe, Schiller und Thomas Mann. Nichts Schöneres, als sich mit einem dicken Buch aufs Sofa zu setzen und drei oder vier Stunden lesend in einer anderen Welt zu versinken. Nichts Schöneres als ein Streichquartett von Beethoven.
Das ist aber noch lange kein Grund, all die Leute, die in der U-Bahn gerade kein gutes Buch lesen, sondern mit Begeisterung ihr Smartphone nutzen, für doof zu erklären.

Vielen Dank für diesen tollen Artikel! Er spricht mir aus der Seele. Die meisten Leute gucken immer ziemlich dämlich, wenn man wirklich irgendwo mit seinem Tablet oder Smartphone sitzt und darauf tippt und wischt....