Keine ernst zu nehmenden Argumente
Kommentar: Polit-Blamage 2.0
Der kritische Gastkommentar von Ansgar Heveling über Netzgemeinde und Web 2.0 im Handelsblatt hat eine Menge Spott hervorgerufen. Zu Recht, denn ernst zu nehmende Argumente fehlen in diesem Aufsatz. Ignorieren kann man ihn trotzdem nicht, den Heveling ist Bundestagsabgeordneter und Mitglied einer Enquetekommission.

Es klingt vielleicht ein wenig überheblich, aber den Gastkommentar des Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling im Handelsblatt kann man inhaltlich nicht ernst nehmen. Dafür geht Heveling mit seiner Kritik an Web 2.0 und seinem Plädoyer für die Erhaltung bürgerlicher Werte im Netz viel zu undifferenziert und polemisch vor. Da werden alle vorhandenen Negativklischees und Halbwahrheiten über die "Netzgemeinde" und das Web 2.0 zusammengerührt. Die "Netzgemeinde" besteht in Hevelings Denken anscheinend aus einer Bande Gesetzloser, die unsere Kultur mit einer digitalen Revolution zerstören wollen.
Demgegenüber stehen in Hevelings Gedankenwelt die "Citoyens", die kultivierten Bürger Europas, die die durch die Französische Revolution mühsam errungenen Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum erhalten wollen.
Geschichtslehrer schreibt Leserbriefe
Nach Lektüre des Textes könnte man meinen, hier habe ein pensionierter Geschichtslehrer alle seine rhetorischen Fähigkeiten aufgeboten, um seinen Unmut über das böse Internet in einem Leserbrief zu formulieren. Fast könnte man Sympathie empfinden für diese Verständnislosigkeit gegenüber der Digitalisierung und dem konservativen Beharren auf die alten Werte.
Ansgar Heveling ist allerdings kein pensionierter Geschichtslehrer, dem "das mit diesen Computern" alles ein bisschen zu schnell geht. Er ist Abgeordneter des Deutschen Bundestags und außerdem ein Mitglied der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft". Rein formal ist Heveling also einer unserer besten Köpfe beim Thema Internet. Und dem fällt nichts anderes ein als diese traurige Mischung aus Klischees, Halbwahrheiten und pathetischen Beschwörungen der bürgerlichen Werte. Das ist auch nicht zu entschuldigen mit dem Hinweis, der Kommentar sei eben ein bisschen provokant gemeint. Nicht jeder Unsinn ist eine sinnvolle Provokation.
Das inhaltliche Trauerspiel beginnt schon mit dem Begriff "Netzgemeinde". Die Netzgemeinde reicht von der 15 jährigen Schülerin, die sich in Facebook mit ihren Freundinnen austauscht, über den regierungskritischen Blogger bis hin zum 80-jährigen Senior, der die Tageszeitungen online liest. Aber mit Netzgemeinde meint Heveling natürlich eine bestimmte Gruppe: Internetnutzer im geistigen Umfeld von Chaos Computer Club und Piratenpartei.
Aber solche Unterscheidungen will Heveling sich selbst und seinen Lesern offenbar nicht zumuten. Zu den klischeehaften Phrasen aus der Mottenkiste des Bildungsbürgers gehören auch die falsche Gegenüberstellung von "schöner neuer digitaler Welt und realem Leben" und nicht zu vergessen die Reduzierung des Internet auf eine "Maschine". Das alles ist dermaßen platt, dass es schwierig ist, darauf eine Antwort zu finden.
Dabei hat er durchaus einen wichtigen Punkt angesprochen, nämlich den des geistigen Eigentums. Man könnte ihm teilweise zustimmen, dass dieses im Netz in Gefahr ist. Aber sofort müsste man hinzufügen: Gefährdet ist das geistige Eigentum, so wie wir es kennen. Denn durch Digitalisierung und Internet bleibt das geistige Eigentum im Kern zwar erhalten, die Art wie wir damit umgehen und es nutzen, wird sich aber stark verändern.
So ist geistiges Eigentum zum Beispiel immer weniger an einen physischen Träger gebunden, es lässt sich einfach aus dem Internet herunterladen und kopieren. Neben all den Problemen, die das mit sich bringt, entstehen aber auch sehr positive Effekte. Zum Beispiel den, dass viel mehr Menschen viel schneller und müheloser auf Informationen oder auf Kulturgüter zugreifen können. So kann man sich Klassiker der Weltliteratur mit ein paar Mausklicks online auf den Bildschirm holen. Oder sich Informationen über große Maler und deren Bilder besorgen, ebenfalls mit ein paar Mausklicks. Wer wissen will, ob der Hype um die CD von Lana del Rey berechtigt ist, kann sich Songs und Videos auf Youtube ansehen.
Von einem Mitglied einer Expertenkommission des Bundestags hätte man eigentlich erwartet, dass es diese ganzen Möglichkeiten auch erwähnt und dann Vorschläge bringt, wie man Kulturgüter im Internetzeitalter möglichst gerecht für alle zugänglich macht. Und zwar so, dass eben auch die Urheber zu ihrem Recht kommen. Gerade die Piratenpartei hat bei den Themen Urheberrecht und Patente interessante und sinnvolle Denkanstöße gegeben. Davon hat Heveling anscheinend noch nichts gehört. Er begnügt sich damit deren Mitglieder als "digitale Horden" und kopierwütige Nerds zu beschimpfen.
Hinzufügen müsste man übrigens auch, dass die bürgerlichen Werte wie Freiheit, Aufklärung und Eigentum, die in dem Aufsatz des Bundestagsabgeordneten ja zu Recht hoch gehalten werden, selbst das Ergebnis einer bewegten Geschichte, eben der Französischen Revolution sind. Diese Geschichte geht nun mit der Digitalisierung weiter. Jetzt geht es darum, die Art und Weise, wie wir diese Werte gestalten und nutzen, ans Internet-Zeitalter anzupassen, ohne sie im Kern aufzugeben. Heveling schwärmt einerseits von den Großtaten der Französischen Revolution, denunziert aber andererseits die Digitale Revolution als reines Werk der Zerstörung. Das ist ziemlich unlogisch.
Es wäre auch schön gewesen, wenn Heveling das Web 2.0 nicht nur als "imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation " lächerlich machen, sondern erkennen würde, dass es uns eine ganze Menge positiver Dinge gebracht hat, die bleiben werden.
So ist es im Internet für politisch interessierte Bürger kinderleicht geworden, sich Informationen aus den verschiedensten Quellen zu holen. Wer sich also beispielsweise für die Kreditaffäre des Bundespräsidenten interessiert, ist heute nicht mehr nur auf seine Tageszeitung am Frühstückstisch angewiesen. Er kann, wenn er denn Zeit dafür findet, sich die wichtigsten Artikel aus fünf oder sechs unterschiedlichen Online-Zeitungen auf den Bildschirm holen. Im Internetzeitalter ist es extrem einfach geworden, sich umfassend über Politik und Zeitgeschichte zu informieren. Auch der Prozess der Meinungsbildung ist heute sehr viel einfacher geworden. Einfacher geworden ist auch die Meinungsäußerung. Jeder kann in den Foren der politischen Magazine seine Meinung sagen und damit seinen Beitrag zum allgemeinen Stimmungsbild leisten. Das ist eine großartige Errungenschaft von Web 2.0.
Ich will hier gar nicht unterstellen, dass dem Bundestagsabgeordneten Heveling dies alles nicht bewusst wäre. Vielleicht ist ihm der Text einfach rhetorisch danebengegangen. Möglicherweise leistet er an anderer Stelle gute Arbeit und sagt kluge Sachen. Aber sein Gastkommentar für das Handelsblatt bestätigt nun mal alle negativen Vorurteile über die Internet-Kompetenz der Politiker. Mit anderen Worten: Polit-Blamage 2.0...

Man kann Herrn Heveling ja seine Fragen zum Thema stellen unter "abgeordneten watch". Auch wenn man keine Antwort bekommt, bleibt der Fakt, seine Meinung kungetan zu haben. Und wenn man das getan hat kann man...
Danke für den Kommentar! Schön zu wissen, dass Netzwelt und andere große Formate sich gegen solche Politik aussprechen! Weiter so!
Es wird immer auf der Enquete-Kommission herumgeritten. Dabei wird diese Kommission fälschlich als Expertenkommission bezeichnet. Dabei ist es doch so, dass sich die Looser und Vollpfosten der...
Der wird schon wissen warum er das gesagt hat. Wer weiß was die da in Berlin bereits planen
interessant ist, dass der Autor die faktische Auflösung des Urheberrechts im privaten Bereich (wird von der Piratenpartei angestrebt) als ebenso bezeichnet.