Interview mit den Organisatoren der Veranstaltung
Geraldine de Bastion: "Die re:publica fühlt sich wie ein Festival an."
Die "re:publica" gilt als das Mekka für die Social-Media-Szene und zieht jedes Jahr Tausende Blogger in die Hauptstadt Berlin. Im Vorfeld der diesjährigen Veranstaltung hat netzwelt mit Geraldine de Bastion gesprochen, die in die Planung des Events maßgeblich eingebunden ist.

Geraldine de Bastion ist Projektmanagerin bei der Berliner Kommunikationsagentur Newthinking und maßgeblich in die Planung der re:publica involviert. Zuvor arbeitete Sie für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Kurz vor ihrem Abflug zu einer Konferenz in Kairo hat netzwelt mit Geraldine de Bastion über die re:publica gesprochen, die vom 2. bis 4. Mai in der Hauptstadt stattfindet.
Das Motto der sechsten re:publica lautet "ACT!ON". Was ist der Hintergrund?
Geraldine de Bastion: 2011 war das Jahr verschiedener politischer und sozialer Proteste, die digitale Medien genutzt haben, um zu mobilisieren, organisieren und über Landesgrenzen hinaus zu informieren - von der Wall Street bis zum Tahrir Platz. Wir hatten ja bereits letztes Jahr einige Beiträge arabischer Blogger und Aktivisten. Dieses Jahr wollen wir die Themen Protestorganisation, politische Kommunikation und vernetztes Arbeiten aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Insbesondere wollen wir auf der re:publica Aktivisten aus verschiedenen Erdteilen zusammenbringen.
Außerdem heißt ACT!ON als aktuelles Motto der re:publica für uns, wie Tanja Haeusler, Mitbegründerin der re:publica, es schon schön beschrieben hat, dass sich die Bedeutung der digitalen Gesellschaft in vielen gesellschaftlichen Bereichen manifestiert hat. Wir wollen neben netzpolitischen Themen die Zukunft von Medienlandschaften, Infrastruktur und Mobilität, Finanzen und Geschäftsmodellen ebenso wie Design und Spielen diskutieren und zur Weiterentwicklung anregen.
Stichwort Arabischer Frühling: Welchen Frühlingsschwung könnte Deutschland vielleicht noch gebrauchen?
Geraldine de Bastion: Netzpolitisch gesehen könnte Deutschland zum Beispiel eine klare Position gegen das ACTA-Abkommen gebrauchen und eine bürger- und innovationsfreundliche Politik zum Thema Netzneutralität. Außerdem könnte man endlich anfangen, den Export von Zensur- und Überwachungstechnologie in andere Länder zu regulieren, beziehungsweise etwas dagegen tun.
Welche Stars darf man auf der re:publica 12 erwarten?
Geraldine de Bastion: Im Moment kann ich dazu noch nicht viel verraten - es wird auf jeden Fall internationale Sprecher von allen Kontinenten geben und wir werden sie in unserem Blog auf www.re-publica.de vorstellen.

Für was steht eigentlich die re:publica?
Geraldine de Bastion: Die re:publica ist eine der größten Konferenzen über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft in Europa. Drei Tage lang wird ein umfangreiches Programm zum Thema neue Medien und die Gesellschaft geboten. Aber die re:publica ist auch ein großes Networking-Event, bei dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um sich kennenzulernen und Ideen auszutauschen.
Was macht die Veranstaltung so besonders?
Geraldine de Bastion: Ich finde immer, die re:publica fühlt sich einfach mehr wie ein Festival an, zu dem man selbst gerne gehen würde, als wie eine Konferenz, auf der Marketingveranstaltungen stattfinden. Ich kenne sonst keine Veranstaltung, die ein so interessantes und internationales Programm bietet und so eine Atmosphäre hat.
Welche Themen stehen 2012 im Vordergrund? Was werden die Aufreger sein?
Geraldine de Bastion: Die Themenauswahl ist wie immer vielseitig: Politische Themen werden im Vordergrund stehen, darunter der Einsatz digitaler Medien von der Revolution zur Demokratie. Die Maker- und DIY-Kultur, vom Open Source-Essensanbau bis hin zur Zuhausefabrik dank 3D-Drucker. Daten werden ein Thema sein - von der persönlichen Datenerfassung zur Gesundheitszwecken bis zum Business mit Big Data.
Es wird verschiedene Formate geben, von der hochkarätigen Keynote bis zum praktischen Workshop. Thematisch ist wirklich für jeden etwas dabei: Wir werden uns mit der Eurokrise aus der Perspektive von Bloggern und lokalen Aktivisten beschäftigen, ebenso wie mit Open-Innovation-Strategien von Unternehmen und Innovation im Mobilfunkbereich in Afrika. Und natürlich werden wir, wie jedes Jahr, auch Themen wie Design, Gaming, Bildung, Urheberrecht und Datenschutz im Programm haben.
Warum gehen die Veranstalter mit der Berlin Web Week zusammen?
Geraldine de Bastion: Wir veranstalten die re:publica dieses Jahr zum ersten Mal in der STATION-Berlin. Das ist ein ehemaliger Postbahnhof mit riesigen Veranstaltungshallen. Es ist also eine ganz neue, sehr spannende Location und, wie wir finden, eine, die gut zur re:publica passt. Da die NEXT in der Woche nach der re:publica stattfindet, war es einfach sinnvoll, beide Veranstaltungen im Rahmen der Berlin Web Week gemeinsam zu planen - so können verschiedene Synergien geschaffen werden: Besucher von außerhalb können beide Events besuchen, Technik und Ausstattung kann geteilt und Erfahrungswerte können entsprechend für das nächste Jahr genutzt werden. Wir unterstützen außerdem natürlich gerne den Standort Berlin und verankern die re:publica im Rahmen der Berlin Web Week.
Wer organisiert die Veranstaltung?
Geraldine de Bastion: Das Event wird von der republica GmbH organisiert, die von der Agentur newthinking communications und dem Spreeblick Verlag gegründet wurde. Dahinter steckt ein kleines Team ambitionierter und engagierter Personen, die eine in Deutschland einzigartige Veranstaltung auf die Beine stellen.
Wie finanziert sich das Event eigentlich?
Geraldine de Bastion: Die Veranstaltung finanziert sich aus den Einnahmen durch die Ticketverkäufe und insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Partnern wie Daimler, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Wir versuchen die Ticketpreise so niedrig wie möglich zu halten, damit wirklich jeder, der interessiert ist, auch an der re:publica teilnehmen kann.

Warum findet die re:publica eigentlich in Berlin statt?
Geraldine de Bastion: Die Agentur newthinking communications und der Spreeblick Verlag sind Berliner Unternehmen. Hier hat für die Blogger, die hinter dem Projekt stehen, alles angefangen. Und ehrlich, wo sonst?
Wo geht Ihrer Meinung nach die technische Entwicklung hin? Sind neue Tools, neue spannende Trends erkennbar? Twitter, viel diskutiertes Medium noch der letzten Veranstaltungen, ist ja schon ein alter Hut mittlerweile, oder?
Geraldine de Bastion: Viele der sozialen Medien haben sich etabliert und sind alltäglich geworden. Aber wie immer gibt es neue Tools und Trends - wie gesagt wird das Thema "Daten" eine große Rolle spielen. Es werden aber auch neue Trends im Bereich Audio-Medien vorgestellt und es wird um Open Video, um Storytelling-Tools und offene Techniken für Medien gehen. Auch im Hardwarebereich tut sich einiges: vom Drucker für die Hosentasche bis zu dem 3D-Drucker, der sich selber drucken kann.
Wie behandelt die re:publica die Chancen und Gefahren, die das Internet bringt?
Geraldine de Bastion: Wir wollen mit der re:publica gesellschaftlich relevante Debatten voranbringen. Die Digitalisierung unser Gesellschaft ist weit vorangeschritten und durchdringt die Finanz- und Wirtschaftswelt ebenso wie unseren Alltag. Ein aufgeklärter Umgang und eine Auseinandersetzung mit den Folgen sind wichtig. Wir wollen daher Zukunftskonzepte diskutieren und vorstellen.
Als Nerds werden Computer-Spezialisten und Blogger sicher schon lange nicht mehr belächelt, wie vielleicht noch bei der ersten re:publica 2007. Ist ein zunehmender Respekt gegenüber der Szene tatsächlich spürbar, auch von Seiten der Politik?
Geraldine de Bastion: Die re:publica war schon immer eine Konferenz, die Experten und Netzaktivisten ebenso wie Laien und Interessierte einlädt. Über die Jahre hat die Konferenz mit ihrem Programm inhaltliche Akzente gesetzt und mit ihrer Besucherzahl überzeugt. Ich glaube, dass wir uns dadurch ein bestimmtes Standing erarbeitet haben.
Was netzpolitische Themen im Allgemeinen angeht - ich denke, es gibt heute mehr Aufmerksamkeit als früher. Mehr Menschen interessieren sich für ihre Rechte im Netz, mehr Branchen arbeiten mit Sozialen Netzwerken, die Digitalisierung ist weiter fortgeschritten. Da ist auch das mediale und politische Interesse gestiegen. Dennoch gibt es politisch viel zu tun. Immer wieder werden die gleichen Debatten geführt. Es mangelt immer noch an tieferem Verständnis für manche Themen und Perspektiven. Viel zu selten findet man in der Politikeinen kreativen, offenen Umgang mit den Chancen, die das Internet bietet.
Auf der letzten re:publica wurde der Verein "Digitale Gesellschaft" gegründet. Sie sind auch Mitglied im Verein. Können Sie noch einmal sagen, was dieser genau will und wie das erste Fazit lautet?
Geraldine de Bastion: Die Digitale Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für netzpolitische Themen einsetzt. Ziel des Vereins ist es, über Bürgerrechte im Internet aufzuklären, diese stärker gegenüber der Politik zu vertreten und sich so für eine transparente, faire Netzpolitik einzusetzen, die nicht nur die Rechte der Wirtschaft ernst nimmt, sondern auch die der Bürger. Vor allem setzt sich der Verein im Bereich Datenschutz, Urheberrecht, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Transparenz in der Politik ein. Er unterstützt Open-Data-Bewegungen und netzpolitische Organisationen auf der EU-Ebene. Im letzten Jahr ist viel passiert - gerade ist die Kampagnen-Webseite www.echtesnetz.de zum Thema Netzneutralität gestartet.
Im Spätsommer hat sich der Verein auf die Petition gegen die Vorratsdatenspeicherung konzentriert. Im Laufe des Jahres entstanden viele Stellungnahmen. Es wurde auf politische Aktionen reagiert und versucht, mediale Öffentlichkeit für die Themen der Digitalen Gesellschaft herzustellen. Ebenso sind Bildungsveranstaltungen von Jena bis Bonn, von München bis Hannover organisiert und besucht worden. Ich glaube, dem Verein ist es gelungen, die Debatte auch jenseits der Berliner Politikszene voranzutreiben. Wer mehr wissen will: Auf der Website www.digitalegesellschaft.de gibt es einen umfangreichen Jahresbericht.

Was möchten Sie uns sonst noch sagen?
Geraldine de Bastion: Wer Lust hat, einen Beitrag zur re:publica 12 zu leisten, kann noch bis Anfang Februar am "Call for Papers" teilnehmen. Mehr Informationen sowie das Einreichungsformular finden sich auf der Konferenz-Website. Jeder mit einer guten Idee ist willkommen. Hierzu brauchen wir nur eine Kurzbeschreibung des geplanten Beitrags und ein paar Rahmendaten. Wir geben dann Ende Februar Bescheid, wer in das Programm aufgenommen wird.
Vielen Dank für das spannende Gespräch.






