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MeeGo-Experiment: Nokia N9 im Test
Nokias Vision für die Smartphone-Zukunft

von Jan Kluczniok Uhr veröffentlicht

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Das Nokia N9 ist das erste und letzte MeeGo-Handy des finnischen Handy-Herstellers. Mit dem Smartphone stellt Nokia aber erneut unter Beweis, dass man dem Smartphone-Markt durchaus noch Impulse geben kann.

Das Nokia N9 galt als künftiges Flaggschiff-Modell. Dank des neuen MeeGo-Betriebssystems sollte das Gerät die Konkurrenz von iPhone und Co. in die Schranken weisen. Dann kam alles anders: Nokia setzt künftig auf Windows Phone statt auf MeeGo. Das Flaggschiff-Modell heißt nun Lumia 800 und der einstige Hoffnungsträger N9 ist nur noch ein Marktforschungsgerät - aber ein äußerst interessantes.

Wie sehr Nokia von dem Handy-Konzept überzeugt ist, zeigt die Tatsache, dass das neue Flaggschiff-Modell Lumia 800 praktisch ein Klon des N9 ist, auf dem Windows Phone statt MeeGo läuft. Das außergewöhnliche Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat des Lumia 800 wurde ursprünglich für das Nokia N9 entworfen. Die Verarbeitung des N9 bietet damit alle Vor- und Nachteile, die auch das Lumia 800 auszeichnen.

Legt der Nutzer beide Geräte nebeneinander, wird er kaum einen Unterschied sehen. Tatsächlich gibt es aber vier kleine Unterschiede: Das Lumia 800 besitzt eine Kamera-Taste, aber keine Frontkamera. Beim Nokia N9 muss der Nutzer dagegen auf einen physikalischen Auslöser verzichten, dafür hat das Handy zwei Kameras. Die LED-Fotoleuchte auf der Rückseite sitzt beim Nokia N9 links neben der Kamera-Linse, beim Lumia 800 befindet sie sich oberhalb der Linse. Weiterhin ist das Display des Nokia N9 mit 3,9 Zoll einen Tick größer als das 3,7-Zoll-Display des Lumia 800. Denn beim N9 verzichtet Nokia auf Sensor-Tasten unter dem Display.

Nokia N9

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Das Display des Nokia N9 ist 3,9 Zoll groß. (Bild: netzwelt)

Innovative Gestensteuerung

Dieser auf den ersten Blick minimale Unterscheid ist die erste echte Innovation beim N9. Das Gerät funktioniert praktisch vollkommen knopflos. Bis auf die Lautstärke-Tasten und einen An- und Ausschalter befindet sich kein Home-, Zurück- oder sonstiger Button am Gerät. Gesteuert wird das Nokia N9 ähnlich wie der Tablet-PC BlackBerry PlayBook stattdessen über Gesten. Ein doppeltes Tippen auf das Gerät aktiviert beispielsweise das abgeschaltete Display. Wischt der Nutzer von Bildschirmrand zu Bildschirmrand, interpretiert das Gerät dies beispielsweise als Zurück-Befehl.

Das ist zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, da der Nutzer die Bewegungen vom äußersten Rand durchführen muss; setzt er mit dem Finger zu früh zur Wischbewegung an, reagiert das N9 nicht. Auch kann es in Apps zu Problemen kommen, in denen der Nutzer selbst viel mit den Finger umherwischen muss, etwa in Nokias Street View-Konkurrenten City Scene. Hier kam es im Test schon einmal vor, dass das Programmfenster durch eine Wischbewegung, die eigentlich zum Navigieren in der App gedacht war, ungewollt minimiert wurde. Hat man aber erst einmal den Dreh raus, dann geht die Bedienung leicht und intuitiv von der Hand. Allerdings hält Nokia das Konzept des Wischens nicht konsequent durch. Teilweise bieten Apps virtuelle Zurück-Buttons.

Drei-Bildschirm-Konzept

Die intuitive Bedienung wird auch durch den minimalistischen Aufbau von MeeGo unterstützt. Das Betriebssystem besteht aus drei Bildschirmen. Das Hauptmenü gleicht dabei dem App Launcher von Android und Symbian. Hier findet der Nutzer alle Apps und kann sie starten oder nach einem langen Druck auch sofort deinstallieren. Ein Wisch nach links zeigt eine Übersicht über alle Benachrichtigungen, ein Wisch nach rechts aus dem Startbildschirm heraus zeigt eine Liste aller aktuell laufenden Apps. Der Nutzer kann in eine App wechseln oder diese direkt beenden. Hinzu kommt noch ein vierter Bildschirm: der Sperrbildschirm.

Die einfache Struktur sorgt für Übersichtlichkeit, wie man sie lange nicht mehr von einem Nokia-Smartphone gewöhnt war. Selbst in den Einstellungsmenüs verliert der Nutzer sich nicht. Sie umfassen maximal zwei Ebenen.

App-Nachschub Mangelware

Ein Problem, das MeeGo mit allen neuen Betriebssystemen teilt, ist die geringe Zahl an verfügbaren Apps. Nokia wollte gegenüber netzwelt die Anzahl an MeeGo-Apps im Ovi Store nicht genau beziffern. Stöbert man ein wenig durch den Einkaufsladen, wird man einige hundert Mini-Anwendungen finden. Sie rüsten unter anderem eine Taschenlampe oder einen Timer auf dem N9 nach. Offizielle Apps großer Unternehmen wie die von Foursquare sind Mangelware. Die Mehrheit der Angebote kommen von kleinen Entwicklern, etwa die Tagesschau- oder die Bild-App.

Vergleich Nokia N9 vs. Nokia Lumia 800

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Das Display des N9 (rechts) ist einen Tick größer als das des Lumia 800. (Bild: netzwelt)

Viel wird sich angesichts der trüben Aussichten für MeeGo sicherlich am App-Angebot nicht mehr ändern. Zwar sollte man die bloße Anzahl von verfügbaren Apps nicht überbewerten, dennoch ist der spärliche App-Nachschub für das N9 ein dicker Minuspunkt. Nokia versucht dies zu lindern, indem der Hersteller eine Vielzahl an Apps auf dem Gerät vorinstalliert hat - hierzu zählen etwa Facebook, Skype, Angry Birds oder Need for Speed Shift.

Performance und Akku-Laufzeit

Das Nokia N9 liefert beim Spielen und alltäglichen Arbeiten eine ordentliche Performance ab. Beim Surfen merkt der Nutzer schon eine deutliche Verbesserung gegenüber den letzten Symbian- Smartphones. Ganz heran an Android und iOS reicht das Surferlebnis aber nicht. Zumal der Browser ein wenig verwirrend zu bedienen ist: Neue Fenster können direkt aus dem Browser heraus erstellt werden und um zwischen den einzelnen Browser-Fenstern zu wechseln, muss der Nutzer in die Übersicht der geöffneten Apps wechseln. Dort wird jedes Fenster als neue Browserinstanz geführt. Flash-Videos kann das N9 nicht wiedergeben.

Die maximale Gesprächszeit gibt Nokia in einem UMTS-Netz mit sieben Stunden an. Das Gerät selbst stellt in den Einstellungen nach dem Aufladen eine maximale Gesprächszeit von 4 Stunden und 45 Minuten in Aussicht. Ein eher durchschnittlicher Wert. Der Akku lässt sich wie beim Lumia 800 nicht wechseln, ebensowenig hat der Nutzer Zugriff auf den internen Speicher. Eine Erweiterung via Speicherkarte schließt Nokia aus. Dafür beansprucht MeeGo aber nur wenige Ressourcen. Im Test stand dem Nutzer fast der gesamte interne Speicher zur Verfügung.

Kamera mit Carl-Zeiss-Optik

Auf der Rückseite verbaut Nokia eine 8-Megapixel-Kamera. Die Optik liefert wie beim Nokia N8 das Thüringer Traditionsunternehmen Carl Zeiss. Die Kombination klingt verheißungsvoll und hält auch das, was sie verspricht. Die Bildqualität ist sehr gut - auch wenn die Aufnahmen einen Tick zu dunkel wirken. Auch die Qualität der Videos beeindruckt und erreicht fast das Niveau von Apples iPhone 4S. Allerdings kann das Nokia N9 keine Videos in Full-HD aufnehmen. Ein mit dem Nokia N9 gemachtes Foto finden Sie hier, ein mit dem Gerät aufgenommenes Video hier.

Die Klangqualität des externen Lautsprechers enttäuscht ebenfalls nicht. Musik aus ihm klang im Test äußerst kräftig. Auch über Kopfhörer war das Klangergebnis gut, wenn auch nicht herausragend. Störend ist aber die Bedienung des Nokia Music Players. Startet der Nutzer ein Lied und surft dann durch seine Sammlung, kann er die Musik nicht einfach über die Statusleiste am oberen Rand stoppen, sondern muss das Lied noch einmal aus der Playlist aufrufen.

Preis und Verfügbarkeit

In Deutschland wird das Nokia N9 von Nokia selbst nicht vertrieben. Die deutsche Nokia-Vertretung setzt vollkommen auf das Lumia 800. In Österreich und der Schweiz ist das Modell dagegen erhältlich. Deutsche Nokia N9-Fans können das Gerät daher über den Versandhandel beziehen. Hier wird die 16-Gigabyte-Variante aktuell für 505 Euro gelistet, die 64-Gigabyte-Version kostet 585 Euro.

Die unverbindliche Preisempfehlung von Nokia Österreich lautet 619 Euro für die 16-Gigabyte-Version und 679 Euro für die 64-Gigabyte-Version. In der Schweiz ruft Nokia 748 Schweizer Franken (16 Gigabyte) beziehungsweise 848 Schweizer Franken (64 Gigabyte) für das N9 aus. In beiden Ländern bieten die führenden Mobilfunkanbieter das Gerät subventioniert an.

Fazit

Mit dem ungewöhnlichen Design und einem neuartigen Bedienkonzept zeigt Nokia Innovationsgeist - sogar mehr als beim Lumia 800. Technisch gesehen zählt das Nokia N9 allerdings nur zur gehobenen Mittelklasse. Angesichts des schwachen Ökosystems und der geringen Zukunftsperspektiven des jungen MeeGo-Betriebssystems erscheint der iPhone-ähnliche Preis daher als zu hoch.

Dennoch ist der MeeGo-Exot interessant für Early Adopter und Menschen auf der Suche nach einem Smartphone mit dem gewissen Extra. Alternativ können Interessierte auch zum Nokia Lumia 800 greifen. Dieses bietet das gleiche Design zu einem etwas geringeren Preis - auf die innovative Gestensteuerung müssen Nutzer allerdings verzichten.

Kommentare zu diesem Artikel

Das Nokia N9 ist das erste und letzte MeeGo-Handy des finnischen Handy-Herstellers. Mit dem Smartphone stellt Nokia aber erneut unter Beweis, dass man dem Smartphone-Markt durchaus noch Impulse geben kann.

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  • L.Gerlach schrieb Uhr
    AW: MeeGo-Experiment: Nokia N9 im Test

    Deine Argumentation ist durchaus schlüssig, danke für den Kommentar. Allerdings sollte in diesem Zusammenhang der Gesamtmarkt betrachtet werden, der von Meego-Smartphones abgedeckt wird. Dieser ist, im Vergleich mit den von dir genannten Alternativen, verhältnismäßig klein. Mit anderen Worten "große Hersteller" werden es sich mehrfach überlegen ob sie bereit sind für das OS eine Adaption ihrer Apps zu entwickeln.

    Nutzer, die in diesem Zusammenhang gerne auf bestimmte Dienste wie beispielsweise das im Artikel erwähnte Foursquare oder auch WhatsApp zurückgreifen wollen haben so unter Umständen gar keine Möglichkeit dazu. Außer vielleicht sie verfügen über den entsprechenden Sachverstand und schreiben die Anwendung auf ihre Bedürfnisse und ihr Betriebssystem um. Ist aber auch schwierig, da die Quelltexte ja in den meisten Fällen gar nicht frei zugänglich sind.

    Langfristig gesehen magst du aber durchaus Recht haben. MeeGo ist als Betriebssystem nicht durchweg uninteressant. Aber zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir die Situation aus Nutzersicht kritisch bewerten.
  • Zafolo schrieb Uhr
    AW: MeeGo-Experiment: Nokia N9 im Test

    Man kann es zwar so sehen, dass Nokia MeeGo und das N9 sozusagen im Taufbecken ertränkt hat. Allerdings sollte man die Planung, MeeGo nicht weiter zu führen, nicht überbewerten. MeeGo ist nichts weiter als eine Bezeichnung für eine spezielle Linux-Distribuation, bei der der Unterbau an eine spezielle Hardware angepaßt wurde. Das System auf dem N9 ist genauer betrachtet ein Debian Linux mit apt Paketverwalter sowie einem Qt-Desktop. Beides gab es schon auf dem älteren N900, wobei bei diesen der Fenstermanager noch über den Hildon-Desktop, der auf GTK basierte, ging. Es war aber problemlos möglich, Qt Anwendungen auf dem N900 zu schreiben und laufen zu lassen, und Qt finde ich persönlich sowieso technisch attraktiver als GTK. Für Qt gibt es auch hervorrragende Bindings für Python, was eine sehr sehr produktive Sprache ist; man hat damit ein natives Linux, eine in C++ geschriebene performante GUI Bibliothek und eine hochproduktive Skriptsprache für die Anwendungen. Damit Programme den Desktop voll unterstützen, müssen sie von GTK auf Qt portiert werden. Das stellt einen gewissen Aufwand da, ist aber vergleichbar mit einer Anpassung von Gnome an KDE. Ebenso laufen all die unzähligen in C geschriebenen Kommandozeilenprogramme, die zu Debian gehören, man muss sie nur für den ARM Prozessor neu übersetzen. Genauso etwa Programme in der Sprache Go, die Google entwickelt; Eine sehr interessante Sprache, die das Zeug hat, langfristig C für Anwendungen wie Netzwerkdienste abzulösen. MeeGo sollte einen rpm-Paketmanager erhalten, wozu es nicht mehr kam. Dieser galt lange als technisch weniger fortschrittlich als apt-get, aber das nimmt sich nicht mehr viel. Letztlich ist es nur ein Format, in dem Entwickler ihre Apps verteilen. Wichtig sind diese Formate deswegen, weil sie eine freie Installation von Programmen erlauben und Abhängigkeiten zu Systembibliotheken automatisch auflösen. Für den Nutzer merkbar ist eine sehr einfache Installation aus einem oder mehreren zentralen Repositories. Alles in allem läuft auf dem N9 jedoch genauso wie auf dem N900 ein freies Debian. Nokia kann nun erklären soviel es will, dass die Entwicklung des eigenen Debian-Derivates eingestellt wird, aber daran dass diese Apps für weitere Distributionen weiter entwickelt und verteilt werden, können sie gar nichts dran ändern. Und das ist eben ein fundamentaler Unterschied zu propietären Plattformen wie Windows, iOS, Symbian oder in Teilen Android. Unter _diesem_ Aspekt ist ein Smartphone mit einem offenem Linux eine langfristig solidere Investition als mit einer propietären Plattform, und zwar deswegen weil die Daten zugänglich und in offenen Formaten gespeichert sind, und diese machen für den Nutzer langfristig viel vom Wert eines Smartphones aus. Was der Artikel außerdem wegläßt, ist die Texteingabe mit Swipe, die sehr gute Kritiken bekam.

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MeeGo-Experiment: Nokia N9 im Test
MeeGo-Experiment: Nokia N9 im Test
Das Nokia N9 wurde vom Flaggschiff zum Design-Paten des ersten Windows Phone-Modells Lumia 800 degradiert. Dabei bietet es deutlich mehr Innovationen.
http://www.netzwelt.de/news/89709-meego-experiment-nokia-n9-test.html
2011-11-30 16:51:40
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