Kluge Köpfe

Verkehrte Netzwelt: Die Philosophen der IT-Branche

Warum gibt es heute keine großen Philosophen mehr? Wo sind all die Platons, Hegels und Nietzsches, die früher die Wahrheit gesucht und die Welt erklärt haben? Die Fragen lassen sich leicht beantworten. Die Philosophen des 21. Jahrhunderts sitzen in den Führungsetagen der Computerbranche. Dort suchen sie die Wahrheit und erklären uns die Welt.

Die Nachfolger der großen Philosophen der Antike arbeiten heute in der Computerbranche. (Bild: Public Domain)
Die Nachfolger der großen Philosophen der Antike arbeiten heute in der Computerbranche. (Bild: Public Domain)

Inhaltsverzeichnis

  1. 1Die Alles drin-Philosophie
  2. 2Nihilisten am Tintenstrahldrucker
  3. 3Reichtum, ein zweifelhaftes Gut
  4. 4Apple und die englischen Utilitaristen
  5. 5Die Schönheit
  6. 6Die Freundschaft
  7. 7Schiller und die Egoshooter
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Wer das nicht glaubt, dem soll man nicht böse sein. Schließlich ist gesunder Skeptizismus die beste Voraussetzung für den echten Philosophen. Aber jeder kann sich selbst davon überzeugen, dass die Nachfolger der großen Denker in der IT-Branche ihre wahre Wirkungsstätte gefunden haben. Dazu muss man nur einmal die Internet-Seiten der großen Hersteller besuchen. 

Die Alles drin-Philosophie

Apple, Panasonic, Google, Acer, Canon - sie alle haben eine Philosophie. Sogar der TÜV Rheinland hat eine Philosophie, und zwar eine, die nicht nur philosophisch, sondern auch human klingt, nämlich die "nachhaltige Entwicklung von Sicherheit und Qualität im Spannungsfeld von Mensch, Technik und Umwelt." Man muss schon sagen, da ist wirklich alles drin.

Bei Canon mündet alle Philosophie im Wort "Kyosei". Das ist japanisch und bedeutet "Zusammenleben und Arbeiten für das Allgemeinwohl". Kyosei ist "das Zentrum unserer Markenwerte und unserer Aktivitäten". Sehr eindrucksvoll, auch wenn unser Canon-Tintenstrahldrucker beim Ausdrucken des Kyosei-Textes wieder einmal in einen seiner nicht gerade seltenen Streiks trat. 

Nihilisten am Tintenstrahldrucker

Nicht alles in der Philosophie ist eben leicht und mühelos - besonders nicht, wenn es um Tintenstrahler geht. Für manchen Verbraucher sind Tintenstrahldrucker möglicherweise sogar so etwas wie der Ursprung des Nihilismus. Nicht nur, dass die Tinte allzu schnell "nihil" ist, sie inspirieren ihren Besitzer auch zu manch nihilistischen Gedanken.

Uneingeschränkt positiv und herzerwärmend ist die Philosophie von Panasonic: "Unsere Produkte sollen ihnen Nutzen bringen - zu einem angenehmen, sicheren und nachhaltig ausgerichteten Leben beitragen. Generell ist es unser Anliegen, im Einklang mit der Natur zu handeln." Da stecken einige Jahrhunderte abendländischer und morgenländischer Nachdenklichkeit dahinter.

Fast noch nachhaltiger und dabei richtig intellektuell wird es beim Computerhersteller Acer: Das Unternehmen will "ein globales Gleichgewicht erreichen, das Human-, Umwelt- und Gemeinschaftsressourcen gleichrangig integriert." Ohne Zweifel ein hohes Ziel, das schon ganze antike Symposien mit Platon und seinen Freunden beschäftigt hat.

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