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Verkehrte Netzwelt: Die Philosophen der IT-Branche
Kluge Köpfe

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Warum gibt es heute keine großen Philosophen mehr? Wo sind all die Platons, Hegels und Nietzsches, die früher die Wahrheit gesucht und die Welt erklärt haben? Die Fragen lassen sich leicht beantworten. Die Philosophen des 21. Jahrhunderts sitzen in den Führungsetagen der Computerbranche. Dort suchen sie die Wahrheit und erklären uns die Welt.

Warum gibt es heute keine großen Philosophen mehr? Wo sind all die Platons, Hegels und Nietzsches, die früher die Wahrheit gesucht und die Welt erklärt haben? Die Fragen lassen sich leicht beantworten. Die Philosophen des 21. Jahrhunderts sitzen in den Führungsetagen der Computerbranche. Dort suchen sie die Wahrheit und erklären uns die Welt.

Die Nachfolger der großen Philosophen der Antike arbeiten heute in der Computerbranche. (Quelle: Public Domain)

Wer das nicht glaubt, dem soll man nicht böse sein. Schließlich ist gesunder Skeptizismus die beste Voraussetzung für den echten Philosophen. Aber jeder kann sich selbst davon überzeugen, dass die Nachfolger der großen Denker in der IT-Branche ihre wahre Wirkungsstätte gefunden haben. Dazu muss man nur einmal die Internet-Seiten der großen Hersteller besuchen.

Die Alles drin-Philosophie

Apple, Panasonic, Google, Acer, Canon - sie alle haben eine Philosophie. Sogar der TÜV Rheinland hat eine Philosophie, und zwar eine, die nicht nur philosophisch, sondern auch human klingt, nämlich die "nachhaltige Entwicklung von Sicherheit und Qualität im Spannungsfeld von Mensch, Technik und Umwelt." Man muss schon sagen, da ist wirklich alles drin.

Bei Canon mündet alle Philosophie im Wort "Kyosei". Das ist japanisch und bedeutet "Zusammenleben und Arbeiten für das Allgemeinwohl". Kyosei ist "das Zentrum unserer Markenwerte und unserer Aktivitäten". Sehr eindrucksvoll, auch wenn unser Canon-Tintenstrahldrucker beim Ausdrucken des Kyosei-Textes wieder einmal in einen seiner nicht gerade seltenen Streiks trat.

Nihilisten am Tintenstrahldrucker

Nicht alles in der Philosophie ist eben leicht und mühelos - besonders nicht, wenn es um Tintenstrahler geht. Für manchen Verbraucher sind Tintenstrahldrucker möglicherweise sogar so etwas wie der Ursprung des Nihilismus. Nicht nur, dass die Tinte allzu schnell "nihil" ist, sie inspirieren ihren Besitzer auch zu manch nihilistischen Gedanken.

Uneingeschränkt positiv und herzerwärmend ist die Philosophie von Panasonic: "Unsere Produkte sollen ihnen Nutzen bringen - zu einem angenehmen, sicheren und nachhaltig ausgerichteten Leben beitragen. Generell ist es unser Anliegen, im Einklang mit der Natur zu handeln." Da stecken einige Jahrhunderte abendländischer und morgenländischer Nachdenklichkeit dahinter.

Fast noch nachhaltiger und dabei richtig intellektuell wird es beim Computerhersteller Acer: Das Unternehmen will "ein globales Gleichgewicht erreichen, das Human-, Umwelt- und Gemeinschaftsressourcen gleichrangig integriert." Ohne Zweifel ein hohes Ziel, das schon ganze antike Symposien mit Platon und seinen Freunden beschäftigt hat.

Reichtum, ein zweifelhaftes Gut

Computerprodukte zu bauen oder gar schnödes Geld zu verdienen, ist bei den IT-Herstellern zweitrangig. Kein Wunder, galt doch allen großen Denkern der Geschichte materieller Reichtum als höchst zweifelhaftes Gut. "Machtstellung und Reichtum sind begehrenswert um der Auszeichnung willen, die sie eintragen", heißt es in Platons "Protagoras". Eine Erkenntnis, die Microsoft-Gründer Bill Gates ganz praktisch beherzigt hat. Macht, Reichtum und danach auch Auszeichnungen hat er in seinem Leben bisher schon reichlich gesammelt.

Apple und die englischen Utilitaristen

Nur einer setzt mal wieder einen Kontrapunkt: Apple. Der selige Steve Jobs hat es - wohl beeinflusst von der utilitaristischen Tradition der englischen Philosophie - beinahe trocken auf den Punkt gebracht: "Unsere Philosophie ist einfach - wenn Apple einen neuen Abonnenten für die App gewinnt, erhält Apple einen 30-prozentigen Anteil; wenn der Verleger einen bestehenden oder neuen Abonnenten für die App gewinnt, behält der Verleger 100 Prozent und Apple verdient nichts." Große Philosophen und klare Worte, das ist kein Widerspruch.

Die Schönheit

Bei Funktion und Design der Produkte beruft Apple sich auf Immanuel Kants unsterbliche Worte in seiner "Kritik der Urteilskraft": "Die Zweckmäßigkeit der Form ist in der Erscheinung die Schönheit, und das Beurteilungsvermögen derselben der Geschmack." So hat der berühmte Philosoph aus Königsberg schon anno 1790 die geistigen Grundlagen für den Erfolg der Technik-Schönlinge iPod, iPad und iPhone beschrieben.

Übrigens hat die Innovation, geradezu das Lieblingswort einer ganzen Industrie, ihren Ursprung in der antiken Philosophie. "Stets etwas Schönes sich auszudenken, ist der Beruf eines göttlichen Geistes", sagt Demokrit.

Die Freundschaft

Doch nicht nur Schönheit und Nutzen zählen im Leben des Menschen, das wichtigste ist die Freundschaft.

Dazu hat der römische Philosoph Seneca der Jüngere bereits gesagt: "Nichts jedoch erquickt den Geist so sehr wie treue innige Freundschaft. Welch ein Schatz ist ein Herz, dem man sicher jedes Geheimnis anvertrauen kann, dessen Wissen du weniger fürchten musst als dein eigenes, dessen Wort deinen Kummer lindert, dessen Rat seine Pläne fördert, dessen Heiterkeit deine Traurigkeit verscheucht, dessen Anblick schon dich aufheitert." Mit einem Wort: Facebook! Und Mark Zuckerberg ist ohne Zweifel ein "Herz", das sich gerne jedes Geheimnis anvertrauen lässt und dessen Anblick jeden Datenschützer aufheitert.

Tief verankert in der Geschichte der Philosophie, namentlich in der Geschichte der Halbleiter, ist auch Intel. Der Prozessorhersteller aus dem kalifornischen Santa Clara beruft sich auf Gordon Moore und dessen "Philosophie, das Unmögliche möglich zu machen". Wer denkt da nicht an Nietzsches Übermenschen, der anscheinend in Kalifornien einen würdigen Nachfolger gefunden hat.

Manche Unternehmen begnügen sich nicht damit, das Philosophische in ihren Produkten nutzbar zu machen, sie ziehen sogar ihre Mitbürger in den philosophischen Kreis mit hinein. So wie der Computerriese IBM, der dieser Tage in Darmstadt ein Symposium veranstaltet. Da treffen sich die besten Köpfe und sprechen über das Thema Cloud Computing.

Schiller und die Egoshooter

Selbst die Hersteller von Computerspielen gehen nicht leer aus. Sie dürfen sich auf Friedrich Schillers berühmten Satz berufen: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Geschrieben im 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen an den Herzog Friedrich Christian von Holstein-Sonderburg-Augustenburg in Kopenhagen. Wer das nächste Mal "Call of Duty" startet, wird im Ballerspiel erst ganz zum Menschen und betreibt ästhetische Erziehung an sich selbst.

Kluge Gedanken also, wohin das Auge blickt. Da sage keiner, es gebe heute keine Philosophie mehr…

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Warum gibt es heute keine großen Philosophen mehr? Wo sind all die Platons, Hegels und Nietzsches, die früher die Wahrheit gesucht und die Welt erklärt haben? Die Fragen lassen sich leicht beantworten. Die Philosophen des 21. Jahrhunderts sitzen in den Führungsetagen der Computerbranche. Dort suchen sie die Wahrheit und erklären uns die Welt.

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Verkehrte Netzwelt: Die Philosophen der IT-Branche
Wo sind all die Philosophen hin? Ganz einfach - sie sitzen in den Führungsetagen der IT-Branche.
http://www.netzwelt.de/news/89665-verkehrte-netzwelt-philosophen-it-branche.html
2011-11-26 12:16:35
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2011/nachfolger-grossen-philosophen-antike-arbeiten-heute-computerbranche-bild-public-domain10125.jpg
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