Intrigen und Implantate
Im Kurztest: Deus Ex: Human Revolution
Auch wenn Eidos' düsterer Sci-Fi-Thriller grafisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein mag, ist "Deus Ex: Human Revolution" dennoch großes Kino. Im Mittelpunkt der virtuellen Dystopie steht der mit allerlei biomechanischen Ersatzteilen aufgewertete Detroiter Sicherheitsfachmann Adam Jensen, der im Jahr 2027 eine gigantische, globale Verschwörung aufdecken soll. Noch spannender als die komplexe Geschichte rund um Implantate und Intrigen ist jedoch die enorme Handlungsfreiheit, die PC- und Konsolenspieler hier haben.
Künstliche Gliedmaßen, Gehirnstecker für die Vernetzung mit dem Internet und eine trostlose, von skrupellosen Großkonzernen regierte Welt: Das ist die düstere Vision, die Science-Fiction-Autor William Gibson bereits in Romanklassikern wie "Neuromancer" gezeichnet hat. Die Folge: Mit dem Cyberpunk war ein neues Sci-Fi-Subgenre geboren, das schließlich in unzähligen weiteren Romanen, Filmen wie "Blade Runner" und Computerspielen gipfelte. Wirklich im Gedächtnis geblieben sind die Genre-Versoftungen von Designer-Koryphäe Warren Spector: "System Shock" und "Deus Ex" - wobei Letzteres die inzwischen zweite Fortsetzung erfährt: "Human Revolution". Wirklich revolutionär war die Serie, weil sie schon früh Ego-Shooter und Action-Adventure zusammenführte, um sie dann mit Rollenspielelementen und Schleicheinlagen zu veredeln.
Auch beim jüngsten "Deus Ex", das zeitlich vor den beiden Vorgängern angesiedelt ist, spielen eine rollenspielähnliche Menü-Verwaltung und Heimlichtuerei eine wesentliche Rolle: Wer erst schießt und dann denkt, der kommt auch in "Human Revolution" nicht weit. Obwohl das von Publisher Square Enix veröffentlichte Spiel ohne Serienerfinder Warren Spector auskommen muss, bleibt es den "Deus Ex"-Prinzipien treu und kombiniert auf virtuose Weise brachiale Action mit Hirnarbeit und einer spannenden, hochkomplexen sowie von Verrat, Betrug und philosophischen Ansätzen geprägten Geschichte.
Dass sich letztere immer wieder unerwartet verzweigt und der schlussendliche Lösungsweg von den moralischen Entscheidungen des Spielers getragen wird, versteht sich für Spectors Erben wie von selbst. Wie sein Vorgänger ist Held Adam Jensen sich selbst überlassen, wenn er die Zukunftsvisionen von Detroit, Shanghai und Montreal nach Hinweisen durchstöbert oder wieder mal vor verschlossenen Pforten steht, weil sich die Lösung der Situation eigentlich ganz woanders findet.
Forschen, suchen, taktieren: Diese Prinzipien gelten nicht nur beim egoperspektivischen Kennenlernen und Erkunden der gewaltigen, von monolithischen Büro- und Industrie-Palästen überschatteten Schauplätze. Auch im Gefecht sind kluges Vorgehen und ein ruhiger Abzugsfinger Trumpf. Die Munition ist knapp, die Gegner sind schon auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad gemein zielsicher - entsprechend wichtig ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren und vor dem ersten Schuss die Lage zu sondieren. Wie sieht das Terrain aus? Wo halten sich die Gegner auf, wo gehen sie hin und wie verhalten sie sich? Gibt es vielleicht einen Lüftungsschacht oder eine andere verborgene Passage, durch die man den Konflikt ganz umgehen kann?
Wenn ein Waffengang unvermeidlich ist, will das ebenso gewaltige wie gewalttätige Manöver-Potenzial des Helden voll ausgenutzt werden: Anstatt einfach tumb draufzuhalten, schleicht Jensen behände von Deckung zu Deckung und pirscht sich behutsam von hinten an, um den Feind (mund)tot zu machen oder mit viel kybernetischem Schmalz buchstäblich durch Wände zu gehen. Von einigen Zwischengegnern abgesehen, kann "Human Revolution" gespielt werden, ohne jemanden töten zu müssen.
Dabei war Jensen nicht immer das artifizielle Sammelsurium aus biotechnischen Implantaten, Stahlmuskeln, Leitungen, Steckern und Chips, das der Spieler durch eine finstere, wolkenverhangene Welt navigiert: Als Sicherheitschef des Marktführers für Körperverbesserungen aller Art wurde Jensen Opfer eines Attentats - und obwohl er bei der Attacke nicht sein Leben verloren hat, wurde ihm doch nahezu seine gesamte Menschlichkeit förmlich herausoperiert und durch etwas Leistungsfähigeres, Tödlicheres ersetzt. Nach der OP findet sich der Ex-Cop zwischen den Fronten von Hightech-Konzernen und militanten Gegnern der transhumanistischen Verbesserungen wieder, die hier Augmentierungen genannt werden.
Genügend Erfahrungspunkte vorausgesetzt, stehen Jensen zahlreiche Upgrades zur Verfügung, die ihn besser sehen, höher springen, weicher landen, kräftiger zuschlagen, smarter im Umgang mit anderen Personen agieren oder schneller Computersysteme hacken lassen.
Die Welt von "Deus Ex: Human Revolution" ist kalt und steril, aber nicht unpersönlich: Das gekonnt gezeichnete Skript entschädigt für die etwas klobigen und hölzernen Figuren - und der futuristische Schauplatz selbst strotzt nur so vor verspielten Details und verschwenderisch dekoriertem Interieur.
Video: Deus Ex: Human Revolution
Getragen wird der kluge Verschwörungsthriller von einem herrlich wuchtigen Synthie-Soundtrack, der Erinnerungen ans Genre-Kino weckt, und von gelungenen Synchronsprechern, deren Worte jedoch nie so recht zu den Lippenbewegungen der puppenhaften Figuren passen.
Im Test: Deus Ex: Human Revolution
"Deus Ex: Human Revolution" kehrt zu den Wurzeln der Reihe zurück und erzählt die Vorgeschichte. (Bild: Square Enix)
Sicherheitsfachmann Adam Jensen deckt nach und nach eine gigantische Verschwörung auf ... (Bild: Square Enix)
Offene Feuergefechte bringe Sicherheitsfachmann Jensen nur selten voran. Schleichen ist viel effektiver. (Bild: Square Enix)
Das Hacken von Computern geschieht über ein Minispiel, das auch im späteren Verlauf nicht langweilig wird. (Bild: Square Enix)
Fazit: Sci-Fi-Fans mit Geduld und sehr viel Zeit - der Spielumfang beträgt mindestens 20 Stunden, eine Ladepause auf den Konsolen immerhin eine Minute - kommen trotz einiger technischer Schwächen nicht um das anspruchsvolle und beklemmende "Human Revolution" herum.
Datenblatt
| Deus Ex: Human Revolution | |
| Spielname | Deus Ex: Human Revolution |
| Hersteller | Eidos |
| Vertrieb | Square Enix Europe |
| Genre | Action |
| Erhältlich ab | 26.08.2011 |
| Preis | ca. 60 Euro |
| EAN Code | 5021290042445 |
| Schwierigkeit | Für Fortgeschrittene und Profis |
| Alter | ab 18 Jahren |
| Multiplayer | nein |
| Sonstiges | |
| Bewertung Grafik | gut |
| Bewertung Steuerung | sehr gut |
| Bewertung Sound | sehr gut |
| Bewertung Spielspass | gut |
| Bewertung Gesamt | sehr gut |
| System | PC |
| System | PlayStation3 |
| System | Xbox 360 |
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