Gefangen in der Werbefalle
Kommentar: Alles gratis im Internet
Und täglich sinkt der DAX. Das könnte das Motto der derzeitigen Nachrichtenlage auf den Finanzmärkten seien. Viele Leute erinnern sich wieder an die Dotcom-Blase im Jahr 2000. Damals waren viele hoch gehandelte Internet-Start-ups pleite gegangen und die Börsenkurse abgesackt. Darin liegt eine gewisse Ironie: Ausgerechnet das Internet, in dem alles kostenlos ist, wo also eigentlich gar kein Geld umlaufen sollte, ausgerechnet der größte Alles-gratis-Markt der Weltgeschichte hat die Krise der Finanzmärkte ausgelöst.
Inhaltsverzeichnis
- 1Ehrenamtliche im Web
- 2Nachteile der Gratis-Kultur
- 3Zahlen im Web: Der einzige Weg?
Aber Extreme waren ja schon immer kennzeichnend für das Web. Die einen erträumten sich riesige Vermögen, einige wenige verdienten diese Vermögen auch, und ein riesiges Heer von Gutwilligen liefert kostenlos die guten Ideen und Inhalte dafür.
Ehrenamtliche im Web
Das ist bis heute so. Ein unsichtbares Heer von Freiwilligen und Engagierten startet coole neue Web-Projekte, schreibt Lexikon-Einträge, programmiert Open-Source-Software, stellt Fotos lizenzfrei ins Web oder stellt Know-how, Erfahrung und Fachwissen in Online-Foren zur Verfügung. Was wäre das Internet ohne all diese Ehrenamtlichen und Kreativen? Es bestünde wohl nur aus Amazon, eBay und Co.
Alle Leute, die immer über die geniale Kombination aus Kapital und Innovation im Internet schwadronieren, sollten mal bedenken, dass die Faszination des Internets und praktisch alle großen Ideen im Rahmen der Gratis-Kultur entstanden sind. Das Kapital ist immer erst dann gekommen, wenn einer das Geschäft gewittert hat.
Zugespitzt könnte man sagen: Früher hieß es Kapitalismus gegen Kommunismus - heute heißt es Kapitalismus gegen Internet.
Nachteile der Gratis-Kultur
Die Kostenlos-Kultur hat natürlich gewaltige Nachteile. Verlage beispielsweise, die nicht mit Produkten handeln oder Dienstleistungen anbieten, müssen irgendwie Geld verdienen. Bleibt nur die Werbung. Das hat wiederum zur Folge, dass Anwender beim Surfen ständig mit Anzeigen zugeballert werden. Wir sitzen alle in der Werbefalle.
Es gibt aber auch Folgen, die man im Alltag kaum mehr bemerkt. Journalisten müssen ihre Texte mit Schlagwörtern anreichern, damit Google sie möglichst schnell findet - Stichwort Suchmaschinen-Optimierung (SEO). Nur, wer bei Google ganz oben landet, kriegt viele Klicks, kriegt Werbung. Deshalb müssen viele ihre Inhalte weniger nach journalistischen Kriterien und mehr nach Google-Anforderungen gestalten. Wir sitzen also auch in der Google-Falle. So viel zum Thema Informationsfreiheit im Internet.
Zahlen im Web: Der einzige Weg?
Kostenpflichtige Inhalte wären demnach der einzige Weg, die Unabhängigkeit der Informationsanbieter im Web wieder herzustellen und aus der Werbe- und der Google-Falle zu entkommen. Das aber ist möglicherweise doch etwas zu kurz gedacht.
Schließlich hat die Kostenlos-Kultur auch enorme Vorteile. Der erste besteht im Offensichtlichen. Alles ist gratis zu haben: Informationen, Software, Bilder und Musik, was auch immer. Wer sparen muss, weiß das zu schätzen.
Menschen, die gern lesen, können sich jeden Morgen ihre Frühstücks-Lektüre aus fünf verschiedenen Zeitungen im Web zusammenstellen. Sie müssen keine fünf Zeitungen abonnieren. Auch andere hochwertige Informationen, etwa zu Gesundheit und Medizin, kann man ganz ohne Geld im Internet bekommen.
Der Austausch all dieser Güter ist eine großartige Sache und kann nicht oft genug gelobt werden. Die Utopie Internet lebt. Würde man nun alles auf bezahlte Inhalte und bezahlte Dienstleistungen umstellen, dann würde man auch diese positiven Werte zerstören.
Daher ist es wohl zu einfach, immer nur nach Bezahl-Modellen zu rufen. Nötig ist eine differenzierte Lösung, die freie Marktwirtschaft und Internet miteinander in Einklang bringt.
Weiteres Nachdenken erwünscht …
