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Crowdfunding in der Musikszene: Tobias Lorenz von SellaBand im Interview

Die Münchner Firma SellaBand GmbH betreibt die gleichnamige Crowdfunding-Plattform, die zu den wenigen erfolgreichen Angeboten außerhalb der USA zählt. Unser heutiger Gesprächspartner ist Tobias Lorenz, der seit Februar 2010 als Country Manager GAS für die Entwicklung des Dienstes im deutschsprachigen Raum verantwortlich ist. Zuvor hat der Diplom-Kaufmann als Marketing Manager bei Make Music und anderen Unternehmen im Bereich Audio- und Filmproduktion gearbeitet. Tobias Lorenz ist dreißig Jahre alt.

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Netzwelt: SellaBand ist eine der größten Crowdfunding-Plattformen. Können Sie unseren Lesern bitte erklären, was Sie dort als Country Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz genau machen?

Lorenz: Prinzipiell bin ich verantwortlich für alles, was in Deutschland beziehungsweise den deutschsprachigen Regionen passiert. Das betrifft einerseits eben den kompletten Bereich Marketing und Promotion, daneben aber auch die Weiterentwicklung der Plattform im strategischen Sinne zum Beispiel für soziale Netzwerke.

Netzwelt: Das klingt, als telefonierten Sie morgens mit interessanten Bands und am Nachmittag präsentieren Sie SellaBand als Projekt auf einer Veranstaltung. Wie sieht Ihr Tagesablauf für gewöhnlich aus?

Lorenz: Mein Augenmerk liegt im Moment primär darauf, die Plattform voranzubringen und weiter bekannt zu machen - deswegen stehen ganz klar Marketing und Promotion-Aktivitäten im Vordergrund. Wir wollen die Idee des Crowdfunding an sich auch in Deutschland bekannt machen und dabei das Profil von SellaBand schärfen. Meine täglichen Aufgaben drehen sich meist darum, zu erklären, wie Crowdfunding auf SellaBand funktioniert - und das ist ja durchaus ein komplexeres Thema. Gerade im Bereich Öffentlichkeitsarbeit kooperieren wir auch sehr stark mit Bands, damit auch diese die Crowdfunding-Idee weitertragen.

In Deutschland gibt es bereits drei Künstler, die mit SellaBand ihr Projekt erfolgreich abgeschlossen haben. Es ist eine meiner Hauptaufgaben, daran zu arbeiten, die Bands auf die Erfolgsspur zu bekommen.

Netzwelt: Sie haben selbst die Rolle von Crowdfunding in Deutschland angesprochen. Bei der Vorrecherche ist aufgefallen, dass es das Konzept hier extrem schwer hat. Warum sind wir so anders als die USA?

Lorenz: Amerika übernimmt in den meisten Fällen eine Vorreiterrolle, was technische Entwicklungen angeht. Das ist mit Sicherheit ein Grund, warum Crowdfunding dort so ein riesiges Thema ist. Wir sehen aber auch, dass das hier in Europa durchaus funktioniert, vor allem auch mit SellaBand. Wir haben in Holland, wo das Portal 2006 gegründet wurde, eine ziemlich hohe Marktdurchdringung und sind sehr bekannt. Gerade in Holland hat SellaBand einige Erfolge zu verzeichnen: So hat zum Beispiel die Künstlerin Hind vierzigtausend Euro in elf Tagen eingesammelt. Das Album, das von SellaBand dann veröffentlicht wurde, ist direkt auf Platz acht in den Chats eingestiegen. Unsere Meinung ist, dass Crowdfunding eben mit den Künstlern, also den Projekten und Inhalten an sich, steht und fällt. Sobald man einen Künstler hat, der wirklich hinaus geht, die Leute aktiviert und den Willen zum Star hat, wird der auch erfolgreich seine Idee umsetzen.

SellaBand konzentriert sich auf das Crowdfunding von Projekten in der Musikbranche. (Bild: Netzwelt)
SellaBand konzentriert sich auf das Crowdfunding von Projekten in der Musikbranche. (Bild: Screenshot)

Netzwelt: Wie schwierig ist es, die doch recht komplizierte Crowdfunding-Idee überhaupt zu erklären?

Lorenz: Meine Erfahrung ist: Wenn man die Zeit hat, das Konzept zu erklären, verstehen die meisten Gesprächspartner es eigentlich sofort und sind auch in aller Regel sehr begeistert davon. Crowdfunding ist ein Massenphänomen, das eine hochinteressant Sache ist. Für den durchschnittlichen Tonträgerkäufer braucht es aber schon zwei oder drei Schritte mehr, um ihm zu erklären, dass die CD beispielsweise erst einmal produziert werden muss, wenn das Geld zusammengekommen ist. In der Wahrnehmung vieler Leute ist es aktuell noch so, dass man eine CD quasi vorbestellt, die dann ein Jahr später ausgeliefert werden kann.

Netzwelt: Warum sollte ich als normaler Musikhörer für ein SellaBand-Projekt spenden? Welche Vorteile ziehe ich daraus?

Lorenz: Mit Crowdfunding auf SellaBand.com geht der Fan oder Musikhörer mit seinem Künstler eine ganz enge Beziehung ein. Es gibt einen regen Austausch zwischen beiden Gruppen - man ist nicht mehr nur der anonyme Musikkäufer, der in den MediaMarkt geht und sich dort eine neue CD holt. Man ist von Anfang an bei der Produktion eines Musikprojekts dabei. Der Künstler sieht, wer ihn unterstützt, wer seine Fans sind. Er bedankt sich dafür und tritt in direkten Kontakt. Das ermöglicht vielleicht sogar Einfluss auf die CD, also das Produkt, das am Ende entsteht. Beispielsweise haben wir Künstler, die zusammen mit ihren Spendern die Tracklist der CD zusammenstellen. Häufig übernehmen Believer auch die Gestaltung des Covers.

Der klassische Tonträgermarkt ist ja seit dem Internet enorm rückläufig. Das liegt sicher nicht nur an Tauschbörsen oder Download-Plattformen, sondern auch an der Tatsache, dass die Nähe zum Fan rückläufig ist - und gerade deshalb zum Beispiel der Markt für Konzerne immer noch wahnsinnige Erfolge feiert. Man möchte eben dieses Erlebnis haben und seinem Künstler nahe sein - genau das geht auf SellaBand. Die Believer bekommen am Ende auch sogenannte Incentives in Höhe dessen, was man eingezahlt hat, die es so im Handel auch gar nicht gibt. Zum Beispiel eine limitierte Ausgabe des Albums mit speziellen Tracks. Autogramme, der Name im Booklet und andere Dinge bis hin zu Backstage- und VIP-Pässen sind möglich.

Netzwelt: Schafft aber nicht gerade das eine Zweiklassengesellschaft unter den Fans?

Lorenz: Ja, klar - ich würde das aber nicht Zweiklassengesellschaft nennen und auf keinen Fall negativ bewerten. Die Fans, die sich aktiv mit dem Künstler und seiner Musik beschäftigen, ermöglichen eben die Umsetzung eines Projekts und sind dadurch ganz nah am Entstehungsprozess dabei.

Netzwelt: In welchem finanziellen Rahmen spielt SellaBand derzeit? Füttern Sie uns bitte mit Zahlen.

Lorenz: Wir haben Projekte zwischen 3.000 und 250.000 Euro, wobei letzterer Betrag eigentlich eher unrealistisch ist und man das heutzutage auch eben nicht für eine Albumproduktion braucht. Die höchste Summe, die ein Künstler bisher auf SellaBand eingeworben hat, waren 75.000 Euro für die Band Public Enemy. Das durchschnittliche Projekt bewegt sich im Rahmen von 5.000 bis 25.000 Euro. Aktuell haben wir 69 finanzierte Projekte weltweit, eine Community von knapp 80.000 Believern und 4.300 Musikprojekte auf der Plattform. Bei SellaBand ist der Community-Effekt ganz stark: Jeder Artist kann auch ein Believer sein und umgekehrt. Man sieht ganz deutlich, dass Künstler auch in andere Musikprojekte investieren, die Sie gut finden.

Insgesamt sind über SellaBand über 3,5 Millionen Euro bisher zusammengekommen. Die Künstler kommen aus knapp 100 Ländern, die Believer sind über 160 Länder verteilt - etwa sechzig Prozent aller Investitionen kommen von außerhalb der Grenze. Ein deutscher Künstler bekommt also nur etwa vierzig Prozent seiner Unterstützung aus Deutschland, der überwiegende Teil stammt von jenseits der Ländergrenzen. Für die Künstler bedeutet das, dass die einerseits ihre Fans für ein SellaBand-Projekt aktivieren, aber auch auf die Community bauen können.

Die Künstlerin Hind ist der jüngste Erfolg von SellaBand. (Bild: via SellaBand)
Die Künstlerin Hind ist der jüngste Erfolg von SellaBand. (Bild: via SellaBand)

Netzwelt: Wie finanziert sich SellaBand selbst? Ihr Gehalt muss ja auch irgendwo herkommen.

Lorenz: SellaBand bekommt zehn Prozent von jeder Einzahlung, das bedeutet, wenn man einen Projektteil für zehn Euro kauft, muss man elf Euro bezahlen. Das ist die Servicegebühr. Für den erfolgreichen Abschluss eines Projekts bekommen wie fünfzehn Prozent, die sicherstellt, dass das Projekt am Ende auch anständig betreut werden kann. Das Geld wird nicht direkt an den Künstler ausgezahlt, sondern SellaBand verwaltet es für den Künstler im Namen der Believer. Wir setzen uns mit den Künstlern zusammen, stellen einen Finanzplan auf und schauen, dass das Projekt wirklich auch in dem Budgetrahmen realisiert werden kann. SellaBand bezahlt die Rechnungen, zum Beispiel vom Studio. Dadurch gibt es eine sehr hohe Transparenz für die Investoren, dass ihr Geld auch für den vorgesehenen Zweck eingesetzt wird und nicht irgendwo anders landet. Eine Songwriter-Session auf den Bahamas wird es mit dieser Methode und Kontrolle nicht geben.

Netzwelt: Ist es schon einmal vorgekommen, dass ein erfolgreich finanziertes Projekt trotzdem aus irgendwelchen Gründen nicht umgesetzt werden konnte? Wird dann das Geld der Believer zurückgezahlt?

Lorenz: Bislang hatte SellaBand damit noch gar keine Probleme. Es ist grundsätzlich so, dass ein Projekt ja überhaupt nur dann zu Stande kommt und seine Finanzierung findet, wenn die Künstler wirklich dahinterstehen und ihre Vision vermitteln können. Deshalb hatten wir bei knapp 70 Projekten bisher keinerlei Probleme, dass ein Künstler zum Beispiel einfach nicht geliefert hat. Hoffen wir, dass das auch so bleibt. In den Verträgen mit den Künstlern gibt es natürlich gewisse Modalitäten, dass sie ihre Projektidee in einer bestimmten Zeit umsetzen müssen. Es ist schon vorgekommen, dass ich das als Druckmittel einsetzen musste.

Netzwelt: Herzlichen Dank für das spannende Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute.

(Dieses Interview wurde am 27.05.2011 geführt.)

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