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Markus Beckedahl im Gespräch: "Wir haben ein Generationenproblem"
Netzpolitik.org-Macher über sein Blog, die Republica und den Digitale Gesellschaft e.V.

von Markus Franz Uhr veröffentlicht

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Wer politischen Rat zum Thema Netzpolitik sucht, findet in Markus Beckedahl einen der kompetentesten Experten des Landes. Im Gespräch mit Netzwelt erklärt er, welche Themen sein Blog behandelt, wie er seine Zeit einteilt und welche Rolle der neue Verein Digitale Gesellschaft im Berliner Politikbetrieb spielt.

Markus Beckedahl ist Netzaktivist, einer der bekanntesten Blogger (Quelle: Markus Beckedahl)

Markus Beckedahl ist Mitgründer der Berliner Webagentur Newthinking und einer der bekanntesten Blogger der Bundesrepublik. Seit dem Jahr 2002 schreibt er auf Netzpolitik.org zusammen mit Kollegen zu netzpolitischen Themen rund um Zensur, Online-Sperren, Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, Urheberrecht und Co. Er ist ein gefragter Gesprächspartner im Berliner Politikbetrieb und organisiert die re:publica-Konferenz, auf der sich jedes Jahr im April die wichtigsten Netzgrößen treffen. Netzwelt hat mit ihm über sein Blog, den Umgang mit der Politik, die re:publica 2011 und den neuen Verein Digitale Gesellschaft gesprochen.

Netzwelt: Guten Tag Herr Beckedahl. Ihr Blog Netzpolitik.org ist eines der wichtigsten Meinungsmedien zum Thema Netzregulierung, Datenschutz, Urheberrecht und Co. Können Sie eigentlich noch klar thematisch eingrenzen, welches Spektrum Netzpolitik denn genau abdeckt?

Beckedahl: Grob zusammengefasst beschäftigt sich Netzpolitik.org mit der Frage, wie das Internet die Politik und unsere gesamte Gesellschaft verändert - und wie Politik wiederum das Internet verändert.

Netzwelt: Können Sie einschätzen, welchen Wandel es seit unserem letzten Gespräch gegeben hat?

Beckedahl: Seit dem letzten Gespräch mit netzwelt im Jahr 2007 hat sich eine ganze Menge getan: Das Internet wird heute politisch und gesellschaftlich ernster genommen. Bis vor wenigen Jahren dachten einige Leute offenbar, das Internet würde irgendwann einmal wieder verschwinden und hätte nicht so weitreichende Auswirkungen auf alles im Leben. Mittlerweile schaut die Politik ein bisschen bewusster hin und nimmt das Netz nicht mehr nur als Raum für allerlei Gefahren wahr, sondern erkennt auch dessen Chancen.

Netzwelt: In den letzten vier Jahren hat es aber nicht unbedingt einen großen Wechsel in der Politik gegeben. Glauben Sie, die Politiker verstehen heute besser als damals, was im Internet vonstatten geht?

"Netzpolitik ist auf einmal ein Bereich zur Profilierung"

Beckedahl: Zunächst einmal tue ich mir grundsätzlich schwer, von "den Politikern" zu reden. Sie sind genauso eine heterogene Gruppe wie der Rest der Gesellschaft. In der Tat kann man aber ganz klar sehen, dass sich noch vor wenigen Jahren so gut wie kein Politiker für netzpolitische Themen interessiert hat. Der soziale Status eines netzpolitischen Sprechers einer Partei oder Fraktion bewegte sich nahe am unteren Ende. Spätestens seit der letzten Bundestagswahl hat sich da einiges getan: Netzpolitik ist auf einmal ein Bereich zur Profilierung. In den Parteien sieht man, dass es junge motivierte Menschen gibt, die sich in das Themenfeld einarbeiten wollen - und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt. Ganz klar gibt es aber immer noch solche Politiker, die das Internet eher als Bedrohung sehen und die Zusammenhänge nicht richtig verstehen.

Bei Netzpolitik.org schreibt er mit Kollegen zu zahlreichen netzpolitischen Themen.

Netzwelt: Glauben Sie, das Problem löst sich mit jungen Politikern sozusagen auf biologischem Weg?

Beckedahl: Ja, sozusagen. Wir haben hier quasi ein Generationenproblem. Grob gesagt hat die Gruppe der unter 40-Jährigen das Internet fest in ihr Leben integriert und die älteren Politiker hadern meistens noch ein wenig damit. Die Schwierigkeit ist aber, dass Politiker auch immer länger arbeiten wollen -wenn man erst einmal nach ganz oben gekommen ist, muss man die Rente schließlich lange hinauszögern. Es ist trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis ein echter Generationenwechsel auch in der Politik stattfinden wird.

Nichtsdestotrotz ist Netzpolitik ein sehr umfassendes und ressortübergreifendes Themenfeld. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwann einmal einen Konsens zwischen allen Stakeholdern (Interessengruppen, Anm. d. Red.) geben wird. Es wird immer zu einzelnen Themen wie Datenschutz oder Urheberrecht unterschiedliche Interessen geben, die aufeinander prallen und sich nicht so einfach lösen lassen.

Netzwelt: Welche Themen stehen Ihrer Meinung nach derzeit im Fokus des politischen Berlins?

Beckedahl: Das ist sehr vielfältig. Es gibt Themen, bei denen sich alle grundsätzlich einig sind, zum Beispiel was die Förderung von Medienkompetenz betrifft. Daneben gibt es aber auch solche, die stark polarisieren - wie beispielsweise die Frage, ob wir die Netzneutralität halten wollen oder wie wir mit Datenschutz und Urheberrecht umgehen. Dort ist ein Konsens derzeit überhaupt nicht absehbar - etwa beim Urheberrecht zwischen den Internetnutzern und Verwertungsgesellschaften, aber auch zwischen Verwertern und Urhebern an sich.

Netzwelt: Soziale Netzwerke und Blogs ziehen ja mittlerweile tausende Nutzer am Tag an - und auch Netzpolitik.org hat eine gewisse Macht in seinem Themengebiet. Bringt das nicht auch Risiken mit sich?

Beckedahl: Durch das Internet entstehen neue Öffentlichkeiten, die fast so etwas wie eine fünfte Gewalt im Staate darstellen. Das ist auch dringend notwendig, weil die vierte Macht im Staat - die Presse - auf Grund vieler Ressourceneinsparungen und anderer Herausforderungen kaum noch ihrer Hauptaufgabe, der Kontrolle der Staatsorgane, nachgehen kann. Insofern sehe ich das Netz eher als förderlich für die Demokratie an. Natürlich gibt es auch in diesen neuen Öffentlichkeiten neue Mitspieler, denen in einem bestimmten Bereich eine Agenda-Setting-Funktion zugesprochen wird, was aber eher ein Mechanismus aus den alten Medien ist. Ich sehe das auf keinen Fall als Gefahr an, weil jeder theoretisch die Möglichkeit hat, sein eigenes Angebot zu schaffen und damit wiederum auch andere Netzwerkknoten direkt zu kontrollieren.

Netzwelt: Gehen Sie heute anders an die Themenauswahl für Netzpolitik.org heran, weil das Webblog eine solch große Reichweite und starken Einfluss hat? Hat sich ihre Herangehensweise geändert?

Beckedahl: Naja - wenn man bis zu vierzigtausend Leser am Tag hat, macht man sich dreimal Gedanken, was man irgendwie schreiben kann. Wenn man ernst genommen wird, hält man sich manchmal auch zurück und versucht, nicht polemisch zu werden sondern argumentativ an einen Sachverhalt heranzugehen. Es gibt jedoch keine Auswirkungen auf die Themenauswahl: Bei Netzpolitik.org schreiben rund fünfzehn Personen mit, die große Freude am Bloggen haben oder ihnen ein bestimmtes Thema sehr viel bedeutet.

Netzwelt: Kommen Sie selbst eigentlich noch zum Bloggen? Als netzpolitischer Berater, Mitorganisator der Republica und Unternehmer ist es doch sicher schwierig, alle Baustellen gleichberechtigt abzuarbeiten.

Beckedahl: Ich komme tatsächlich leider immer weniger zum Bloggen. Das hat auch damit zu tun, dass ich viel mehr im Hintergrund arbeite - zum Beispiel in Gremien sitze, die manchmal langatmige und ermüdende Sitzungen bedeuten, in denen man aber Nachhilfe im Bereich Netzpolitik geben kann. Ansonsten laufen sehr viele Gespräche mit Menschen, um aktuelle Ereignisse und Entwicklungen wirklich korrekt einschätzen zu können. Insofern hätte ich tatsächlich gerne mehr Zeit zum Bloggen, sie wird aber eher immer weniger.

Der neue Verein Digitale Gesellschaft soll eine Plattform für netzpolitische Kampagnen schaffen.

Netzwelt: Welche Rolle spielt die Blogger-Konferenz re:publica und Newthinking in Ihrem Leben?

Beckedahl: Die Firma Newthinking, die ich mitgegründet habe, bedeutet für mich zunächst einmal Sicherheit. Gleichzeitig bedeutet Newthinking für mich auch Rückhalt, weil ich Kollegen habe, die mich in meiner Arbeit unterstützten - sowohl in technischer Hinsicht, als auch durch eigene Beiträge im Blog. Sie halten mir den Rücken frei, wenn ich zu einem Termin muss. Die re:publica ist ein physischer Ort, auf dem man einmal im Jahr mit allen Menschen zusammenkommen und gemeinsam eine Konferenz bestreiten kann, auf die ich auch selbst gerne gehen würde, in der Realität aber leider wohl am wenigsten davon habe.

Netzwelt: Die re:publica 2011 ist nun knapp einen Monat vergangen. Was waren für Sie persönlich die herausragendsten Themen, die spannendsten Referenten oder wichtigen Neuheiten der Konferenz?

Beckedahl: Die meisten Menschen haben die Vorträge von Gunter Dueck zum Internet als Gesellschaftsbetriebssystem und der Troll-Beitrag von Sascha Lobo interessiert. Ich persönlich fand die Präsentation von Jillian C. York sehr spannend über privatisierte öffentliche Räume und welche Probleme es für Aktivisten mit sich bringt, wenn Facebook zum Beispiel auf Grund von allgemeinen Geschäftsbedingungen die Infrastruktur einer Organisation löscht. Ansonsten war wahrscheinlich die Vorstellung unseres neuen Vereins Digitale Gesellschaft das Thema, was medial am meisten beobachtet wurde und interessiert hat.

Netzwelt: Um was geht es beim Verein Digitale Gesellschaft genau? Nach der Vorstellung auf der Republica gab es zum Teil harsche Kritik aus der Community, der Verein sei deutlich zu intransparent.

"Netzpolitik.org war stets eine Plattform zur Unterstützung von Kampagnen"

Beckedahl: In den letzten Jahren hatten wir bei Netzpolitik.org immer öfter die Situation, dass wir an Grenzen stoßen. Grenzen insofern, dass unsere Leser und Kommentatoren immer mehr werden, dass wir deutlich besser in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und ständig Einladungen von Politikern, Fraktionen und Ministern bekommen, mit ihnen zu reden. Das Problem war dabei stets, dass wir nicht wirklich mehr Zeit hatten sondern eher weniger, die Aufgaben aber ständig gestiegen sind. Außerdem war Netzpolitik.org neben der Rolle als Informationsmedium stets auch eine Plattform zur Unterstützung von Kampagnen.

Diese Herausforderungen wollen wir mit Digitale Gesellschaft angehen. Das Ziel des Vereins ist es, sozusagen eine Trennung zu vollziehen, dass Netzpolitik.org klar ein Informationsmedium ist und Kampagnen zukünftig über den Verein geführt werden. Diese können dann auch andere Zielgruppen ansprechen, als den klassischen versierten Internetnutzer - zum Beispiel unsere Eltern. Dazu haben wir auch geplant, Informationsmaterialien zu erarbeiten. Gleichzeitig wollen wir mit dem Verein Digitale Gesellschaft auch eine bessere Interessenvertretung aufbauen, da es ganz klar den Bedarf bei Politikern gibt, auch ab und an die Stimme der Netzgemeinde zu hören. Genau dafür gibt es im Moment noch keine ausreichenden Strukturen.

Netzwelt: Das bedeutet, der Digitale Gesellschaft e.V. wird eine Plattform für klassische Lobbyarbeit?

Beckedahl: Ich würde eher sagen: Er ist eine Plattform zur Interessenvertretung einerseits, andererseits zur Durchführung von Kampagnen, um mehr Leute für Netzpolitik zu interessieren und zu mobilisieren.

Netzwelt: Herzlichen Dank für das spannende Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute.

(Das Gespräch wurde bereits am 10.05.2011 telefonisch geführt.)

Kommentare zu diesem Artikel

Wer politischen Rat zum Thema Netzpolitik sucht, findet in Markus Beckedahl einen der kompetentesten Experten des Landes. Im Gespräch mit Netzwelt erklärt er, welche Themen sein Blog behandelt, wie er seine Zeit einteilt und welche Rolle der neue Verein Digitale Gesellschaft im Berliner Politikbetrieb spielt.

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  • agtrier schrieb Uhr
    AW: Markus Beckedahl im Gespräch: "Wir haben ein Generationenproblem"

    Wie es ein anderer mal so schön formuliert hat: Der große gesellschaftliche Graben des 20. Jahrhunderts verlief zwischen 'links' und 'rechts'; Aber abgesehen von den jeweiligen extremen hat diese Unterscheidung längst ihre Bedeutung verloren. Das große Thema des 21. Jahrhunderts wird 'online' gegen 'offline'. Leider gehören die meisten unserer Politiker der 'offline'-Generation an. Ja, sogar die mit Twitter-Account!

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http://www.netzwelt.de/news/86680-markus-beckedahl-gespraech-haben-generationenproblem.html
2011-05-15 10:21:37
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2011/markus-beckedahl-netzaktivist-bekanntesten-blogger-unternehmer-bild-markus-beckedahl5601.jpg
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