Im Gespräch mit einem der wenigen deutschen Alpha-Blogger

Udo Vetter im Interview: "Das Lawblog ist vor einem Verkauf nicht sicher"

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Udo Vetter schreibt bereits seit dem Jahr 2003 in seinem Lawblog über den Alltag als Strafverteidiger, lustige Rechtsfälle und die täglichen Aufreger durch eine überbordende Netzregulierung oder Internetsperren. In den deutschen Blogcharts rangiert seine Webseite stetig unter den Top Ten, auch in sozialen Netzwerke wie Twitter klebt eine große Anhängerschaft an Udo Vetters Lippen. Er gilt nicht nur als einer der exponiertesten Gegner von Internetsperren oder der Vorratsdatenspeicherung, sondern ist auch unbestreitbar einer der wenigen deutschen Alpha-Blogger, die eine breite Leserschaft erreichen.

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Im Interview mit Netzwelt erklärt er, warum er sich überhaupt die Mühe macht, zu bloggen und wie der dazu während des Irak-Kriegs gekommen ist. Herr Vetter würde sein Blog auch verkaufen, wie er verrät.

Netzwelt: Herr Vetter, schön dass Sie sich Zeit für ein Gespräch mit netzwelt nehmen. Ich habe ein Problem, wie ich Sie anreden soll. Sind sie ein bloggender Jurist, oder doch schon ein juristischer Blogger?

Udo Vetter: Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Ich denke, zunächst bin ich einmal Strafverteidiger -das ist mein Job. Vielleicht bin ich dann auch der bloggende Jurist, was ich aber am wenigstens bin ist der bloggende Journalist. Da wäre ich meinem ursprünglichen Berufsziel treu geblieben, das ich bis zum Studium hatte - nämlich Journalist zu werden. Ich würde also sagen, der bloggende Jurist ist schon die treffendste Beschreibung.

Netzwelt: Haben Sie eigentlich schon einmal überlegt, vom Strafrecht auf Medienrecht umzusatteln? Immerhin sind Sie in Themen rund um Netzpolitik sehr exponiert und erheben dazu regelmäßig Ihre Stimme.

Udo Vetter: Naja, wie das halt immer so ist - man erkennt im Studium und insbesondere dann in der ersten anwaltlichen Praxis direkt diejenigen Rechtsgebiete, die einem am meisten Spaß machen. Das war für mich schon von vornherein eben das Strafrecht, weil es nicht nur eine besondere sondern auch herausfordernde Materie ist. Ich würde mich jetzt nicht als einen Anwalt einschätzen, der im Hinterzimmer sitzt und dort riesige Verträge möglicherweise noch in einem großen Team ausarbeitet. Für mich ist der Job des Strafverteidigers dann schon etwas spannender, weil er eben nicht nur mit Paragraphen zu tun hat sondern auch viel mit Psychologie. Wie ist die Stimmung, was kann man erreichen? Wie argumentiert man?

Warum nicht Medienrecht? Ich bin inzwischen ja auch Lehrbeauftragter für Medienrecht an der Fachhochschule Düsseldorf und übernehme natürlich auch medienrechtliche Mandate, sofern mich diese interessieren.

Netzwelt: Ist der Reiz an der Psychologie auch ein Grund, warum Sie bloggen? Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, ein Blog zu betreiben? Die Blogosphäre ist ja seit jeher ein sehr schwieriges Umfeld.

Udo Vetter: Es ist ja so, dass ich - ohne mich jetzt besonders loben zu wollen - praktisch ein Blog-Pionier bin. Wenn Sie das Archiv des Lawblog durchsehen werden Sie feststellen, dass die ersten Beiträge aus dem März 2003 stammen. Zum Bloggen selbst bin ich gekommen während des zweiten Irak-Kriegs, George W. Bush marschierte damals nach Bagdad. Damals habe ich von einem Blogger aus der Stadt gelesen, der auf seiner Webseite direkt aus Bagdad berichtet hat - damals habe ich zum ersten Mal von Blogs gehört. Ich bin dann auf den Dienst Blogger.com von Google gestoßen, den es damals schon gab und habe mir gedacht: Mensch, das ist doch auch etwas für dich. Mich reizte am Bloggen, dass ich meine publizistische Ader mit meiner beruflichen Tätigkeit gut verbinden konnte.

Der Irak-Krieg war also sozusagen der Auslöser, den Lawblog zu starten. Wenn Sie jetzt die Stimmungen in der Blogosphäre ansprechen muss man wissen, dass ich mit nur zwölf Besuchern am Tag auf dem Blog angefangen habe - und von denen kamen acht Besuche von mir selbst, weil ich ständig auf meine Seite geschaut habe. Es ist ja nicht so, dass das Blog von null auf hundert so viele Leser hatte wie heute, ich bin mit der Bloggersphäre sozusagen groß geworden. Dabei bin ich aber nie besonders abhängig gewesen - heute sieht man ja, dass diese Selbstreferenzialität (Verlinkungen der Blogs untereinander zum Zweck, mehr Besucher anzusprechen; Anmerkung der Redaktion) der Szene so garnicht mehr existiert. Es gibt einige extrem bekannte Blogs und dann wieder andere Blogs - den Effekt, dass sich jeder Blogger mit dem anderen sofort solidarisiert, gibt es praktisch überhaupt nicht mehr.

Für mich selbst zwar Selbstreferenzialität nie ein großes Thema, ich habe meine Themen immer unabhängig gesetzt. Das ist aber natürlich für ein Blog, dass aus dem juristischen Bereich kommt und aus dem Alltag eines Anwalts berichten soll, auch ziemlich einfach.

Netzwelt: Was glauben Sie, was die Verlinkungen und Solidarität der Blogger untereinander kaputt gemacht hat? Haben Dienste wie Twitter, Facebook und Co. eine Art Niedergang verursacht?

Udo Vetter: Das ist eine schwierige Frage. Ich merke eigentlich nur, dass viele Leute jetzt auf sich selbst fixiert sind. Meiner Erfahrung nach hat es einfach nachgelassen, sich untereinander zu verlinken. Das mag natürlich auch meine subjektive Wahrnehmung sein, dass die Blogosphäre in Auflösung begriffen ist oder sich etwas zerfasert. Mein Gefühl ist, dass sich Blogger untereinander weniger beobachten, was aber wie gesagt nicht unbedingt stimmen muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Blog-Szene eine gewissen Eigenentwicklung durchgemacht hat: Das gesamte soziale Netz wächst ja irgendwie zusammen.

Das ist auch das, was Sie im Kern ansprechen - neben Twitter, Facebook und Co. kommen noch die Online-Ausgaben der etablierten Medien zusammen, sodass die Grenzen zwischen Blog und klassischem Online-Medium verschwimmen. Man weiß teilweise nicht mehr, ob es sich bei einer Webseite nun um ein Blog handelt oder ein klassisches Nachrichten-Angebot. Dazu kommt, dass immer mehr Journalisten auch eigene Blogs außerhalb der Redaktion betreiben, z.B. Redakteure der FAZ. Im Grunde wächst da also eher etwas zusammen, als dass es auseinander driftet. Das Internet ist sozusagen so etwas wie ein schwarzes Loch, in dem alle Medienangebote nicht eliminiert, sondern integriert werden.

Seine journalistische Ader gibt er im Netzwelt-Interview ganz offen zu. (Bild: Udo Vetter)
Seine journalistische Ader gibt Udo Vetter  ganz offen zu. (Bild: Udo Vetter)

Netzwelt: Ihr Lawblog ist ja selbst ein sogenannter Alpha-Blog, der eine breite Leserschaft erreicht. Wie lebt es sich damit? Kommt es vor, dass Sie auf der Straße schon direkt erkannt werden?

Udo Vetter: Es kommt tatsächlich durchaus vor, dass ich auf der Straße erkannt werde - das kann hoffentlich aber auch daran liegen, dass man neben seiner Rolle als Alpha-Blogger im positiven Sinne auch als einigermaßen geschäftstätiger Strafverteidiger auch andere Medienpräsenz hat, z.B. im Fernsehen und Rundfunk. Es kommt also schonmal vor, dass ich angesprochen werde - und das freut mich dann auch immer sehr. Allerdings ist es noch nicht soweit, dass ich Autogrammkarten drucken lassen muss. Da hätte ich aber auch kein Problem damit. (lacht)

Netzwelt: Glauben Sie, dass Ihr Blog auch ein bisschen das Geschäft als Strafverteidiger fördert?

Udo Vetter: Naja - also wenn ich jetzt sagen würde, durch das Blog kämen keinerlei neue Mandate, müsste ich lügen und Sie würden mir das auch nicht glauben. Drei, vier Jahre lang habe ich wirklich am Blog gearbeitet und enorm viel Spaß gehabt, ohne dass ich aber einen wirtschaftlichen Effekt gemerkt hätte. Seit dem Jahr 2005 oder 2006, als das Blog ein bisschen aus der Nische herauskam und sich zu den A-Blogs gesellte, ist das natürlich schon spürbar, dass auch Mandate aus dieser Schiene kommen. Manche Leute sagen: Bevor ich jetzt zu einem mir unbekannten Anwalt um die Ecke gehe, rufe ich lieber den Rechtsanwalt Vetter an, weil ich den ja gefühlt viel besser kenne als den Anwalt um die Ecke. Dieses Feedback erhalte ich schon. Das Blog hat durchaus wirtschaftliche Relevanz, obwohl ich mich bemühe, es nicht zu einem Marketing-Instrument verkommen zu lassen.

Ich scheue mich nicht davor, auch mal kontroverse Dinge zu schreiben, bei denen sofort Häme von den Kommentatoren kommt und es sofort heißt, was für ein schlechter Anwalt der Vetter doch sei. An der Fokussierung auf das Marketing scheitern meiner Meinung nach auch viele Firmen-Blogs: Denen ist das Marketing eben so auf die Stirn geschrieben, dass der Leser sofort gelangweilt nach dem dritten Beitrag das kleine Kreuzchen oben recht im Browser anklickt.

Netzwelt: Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihr Blog zu verkaufen, ähnlich wie Robert Basic mit Basic Thinking? Kommt es für Sie in Frage, irgendwann aufzuhören, wenn das Blog zu viel Zeit kostet?

Udo Vetter: Ich habe ehrlich gesagt nie daran gedacht, den Blog aufzugeben. Wenn ich immer gefragt werde, wie ich das zeitlich schaffe, sage ich immer: Andere Anwälte gehen auf den Golfplatz, ich schreibe ganz gerne etwas. Bei mir kommt noch dazu, dass das Blog nicht soviel Arbeit macht, wie es aussieht. Ich habe das Glück, durch meine freiberufliche Tätigkeit als Journalist während der Schule und der Studienzeit recht schnell schreiben zu können. Ich habe hier eine gewisse Routine entwickelt.

Was in der Tat sicher eine Sache ist, über die ich öfter nachdenke, ist eine mögliche - wie soll man das am besten ausdrücken - vielleicht Kommerzialisierung des Blogs auf Grund seiner Reichweite. Die Kommerzialisierung ist dahingehend angedacht, dass das Blog eben Erträge abwirft, was ohne Probleme möglich wäre auf Grund der hohen Reichweite. Das wäre dann aber mit dem Ziel verbunden, entweder von mir oder anderen Beteiligten mehr Zeit in das Blog zu investieren. Es geht nicht primär ums Geld verdienen, sondern um die qualitative Aufwertung der Inhalte. Also: Es ist nicht gesagt, dass mein Lawblog immer eine werbefreie Unternehmung sein muss - garantiert wird es aber nicht zu einem Bannerfriedhof verkommen. Ich muss ehrlich sagen, dass jedwede Planungen in diesem Bereich bisher daran gescheitert sind, dass man meistens ja wichtigere Dinge zu tun hat.

Im Moment verdiene ich nicht an dem Blog mit Ausnahme der Flattr-Einnahmen. Der beste Monat war bisher der Dezember 2010, in dem glaube ich 670 Euro über Flattr eingenommen wurden. Allerdings Brutto, da muss die Umsatzsteuer noch abgerechnet werden. Durchschnittlich liegt das Blog ansonsten bei 300 bis 400 Euro - das ist also nicht das, was ich unter Kommerzialisierung verstehen würde, sondern eher ein Beitrag zur Kostendeckung für Server und andere Dinge.

Netzwelt: Ein Verkauf nach dem Vorbild von Basic Thinking auf eBay kommt also keinesfalls in Frage?

Udo Vetter: Ich gehöre zu den Menschen, die erklärtermaßen schon immer gesagt haben: Meine Arbeit ist nicht mein Leben. Ich würde auch gerne einmal andere Dinge machen, insbesondere habe ich noch immer den Jugendtraum, gute Romane zu schreiben. Wenn es mir jemand ermöglichen würde, durch Zahlung eines bestimmten Geldbetrages diesem Ziel ein wenig näher zu kommen, ist das Lawblog natürlich auch nicht sicher. Aber das müsste dann natürlich eine Summe sein, die mir meine Ideen wirklich ermöglicht. Bisher wollte unter den Interessenten, die sich durchaus immer wieder melden, niemand in diese finanziellen Spähren vorstoßen. Kurz gesagt: Wenn jemand einen hohen Betrag bieten will, wäre ich mir wahrscheinlich selbst der nächste und würde sagen "Okay". Ich halte die ganze Idee aber insgesamt nicht für realistisch. Den vorgezogenen Ruhestand kann man auch mit einem Alpha-Blog, wie Sie es nennen, nicht finanzieren.

Ich denke daher nicht ernsthaft ans Verkaufen. Insbesondere würde ich auch nicht zu einem solchen Betrag verkaufen, wie ihn der Robert Basic damals erzielt hat - dazu ist mir das Blog auch persönlich einfach viel zu wichtig. Für das Geld würde ich es nicht abgeben, obwohl es doch eine stattliche Summe war.

>> Im zweiten Teil des Gespräches erklärt Udo Vetter, welche juristischen Gefahren im Netz lauern und warum die Politik das Internet einfach nicht leiden mag.

(Das Gespräch wurde am 20.04.2011 geführt.)

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