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Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz
Fröhliche Einfaltspinsel auf der einen, Intelligenzbestien auf der anderen Seite

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Betrachtet man das derzeitige Treiben der Menschheit, und zieht daraus Rückschlüsse auf deren Intelligenz, dann kommt man zu keinem sehr günstigen Urteil.

Einer der ersten Supercomputer: IBMs Stretch hatte 150.000 Transistoren und konnte 100 Milliarden Rechenoperationen pro Tag ausführen. Die Anlage wurde Ende der 50er Jahre gebaut. (Quelle: IBM)

Ein Beispiel hierfür ist die Atomkatastrophe in Japan. Da haben Experten der Hightech-Nation ein Kernkraftwerk ans Meer gebaut. Sie wussten doch wohl, dass Japan ein Erdbebengebiet ist und dass es in Chile schon einmal ein Erdbeben der Stärke 9,5 gegeben hatte. Sie wussten auch, dass Seebeben häufig mit Tsunamis einhergehen. Auf die Idee, das Kernkraftwerk Fukushima I entsprechend auszurüsten, sind sie trotzdem nicht gekommen. Vor zwei Jahren hatte laut Wikileaks ein Vertreter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die Verantwortlichen gewarnt. Passiert ist fast nichts. Für diese Dummheit müssen jetzt viele Menschen und besonders die Arbeiter im havarierten Kraftwerk mit ihrer Gesundheit und einige vielleicht sogar mit ihrem Leben bezahlen.

Sprüche von der Lochkarte

In Deutschland erklären Atomkraftbefürworter: "Bei uns gibt es ja niemals keinen Tsunami nicht. Und deshalb kann bei uns auch nichts passieren." Ob es so besonders schlau war, wie die Regierung Merkel sich in den letzten Monaten zum Thema Kernenergie gestellt und jetzt auf die Krise in Japan reagiert hat, daran kann man ebenfalls zweifeln. Vielleicht hat die Regierung ihren Positionswechsel - von der Laufzeitverlängerung zum "Moratorium" - auch nur deshalb so schnell und auf diese Weise vollzogen, weil sie die Wähler selbst für dumm hält. Viele Politiker glauben, die Bürger könnten in ihrer blinden Angst differenzierte Argumente nicht verstehen und flüchten sich deshalb in dümmliche Sprüche aus der rhetorischen Lochkartenmaschine. Klar, ist ja wieder Wahlkampf und da sind intelligente Diskussionen nicht so gefragt.

Auch in anderen Ecken der Welt scheint die Dummheit zu regieren. In Nordafrika und im Nahen Osten unterdrücken Despoten Meinungsfreiheit und Demokratie - und damit eine grundlegende Bedingung für die Entfaltung intelligenten Handelns -, obwohl sie doch wissen müssten, dass es am Ende jeden Despoten mal erwischt.

Richtet man das prüfende Auge auf das Verhalten der Menschen in Sachen Umweltschutz, Ernährung und Ökologie, kommt man zu keinem besseren Urteil. Wenn es so etwas gäbe wie einen IQ der Praktischen Intelligenz für die Menschheit, so läge der wohl erschreckend niedrig. Wäre unser Planet ein Klassenzimmer und die Geschichte eine Schulausbildung, dann wäre der Mensch der ewige Sitzenbleiber. Vorrücken ausgeschlossen.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum sich bisher noch keine Aliens aus anderen Galaxien bei uns gemeldet haben. Denen sind wir einfach zu doof.

Computer werden immer klüger

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", sagte der Dichter Hölderlin. Das passt gut. Denn eben diese Menschheit, die sich durch Dummheit selbst in Gefahr bringt, hat ein Ding hervorgebracht, das Anlass zur Hoffnung gibt. Den Computer. Der wird nämlich immer klüger. Zum ersten Mal aktenkundig wurde das 1997. Da hat ein Supercomputer von IBM namens Deep Blue ein Schachturnier gegen Weltmeister Garri Kasparow gewonnen.

Der Supercomputer Roadrunner war der erste, der pro Sekunde 1000 Billionen Operationen schafft und damit die Petaflop-Barriere knackte. (Quelle: IBM)

Und vor einigen Wochen war es der Supercomputer Watson, der die besten Kandidaten der Quizsendung Jeopardy deklassiert hat. Das ist schon eine interessante Entwicklung. Und sie ist noch lange nicht zu Ende. Rechenleistung, Bandbreite und Speicherkapazität verdoppeln sich in immer kürzeren Zeitabständen. Sie generieren den Zinseszins des technischen Fortschritts. Es wird Zeit sich darauf einzustellen, dass Computer schon bald die gleiche Rechenkapazität haben werden wie das menschliche Gehirn. Sehr, sehr einfach ausgedrückt: Computer werden eines Tages genau so klug sein wie der Mensch.

Nach allem was bisher über den IQ der Menschen gesagt wurde, ist das noch keine große Kunst. Doch der springende Punkt ist, dass die Computer dann noch klüger werden. Klüger als der Mensch. Viel klüger.

Pionier für Künstliche Intelligenz

Der Mann, der das behauptet, heißt Ray Kurzweil. Kurzweil ist Vordenker im Bereich Künstliche Intelligenz, Entwickler eines Synthesizers, Pionier bei Spracherkennung und Erfinder einer Maschine, die Blinden Texte vorlesen kann. Kurzweil ist zwar auch nur ein Mensch mit geringer Verstandeskraft, er gehört aber wenigstens nicht zu den allerdümmsten.

IBMs Superrechner Watson ist heute schon so gut, dass er Menschen in der Quizshow Jeopardy schlägt. (Quelle: IBM)

Kurzweil behauptet, dass Computer schon gegen Ende dieses Jahrzehnts genauso schlau sein werden wie die Menschen. Er rechnet so: Das menschliche Gehirn schafft etwa zehn hoch 16 Rechenoperationen pro Sekunde. Aktuelle Supercomputer sind derzeit bei zehn hoch 14 Rechenoperationen. Gegen Ende dieser Dekade werden sie ebenfalls zehn hoch 16 Rechenoperationen erreichen und damit den Menschen eingeholt haben.

Skeptiker mögen das für Quacksalberei hoch 18 halten, eine gewissen Logik kann man Kurzweils Überlegungen aber nicht absprechen. Natürlich sind Rechenleistung einer Maschine und die Denkleistung eines Gehirns nicht dasselbe, aber Software und Algorithmen werden ebenfalls immer raffinierter, es könnte also zumindest so etwas wie simuliertes Denken geben. Die Intelligenz politischer Entscheidungen erreicht Watson wahrscheinlich heute schon spielend - im Stand-by-Modus.

Die Intelligenz der Ratte

Im Moment wirken Supercomputer im Bewusstsein der Massen noch nicht wirklich beeindruckend. Da stehen Dutzende kühlschrankgroßer Schaltkreis-Monster in einem Raum so groß wie eine Turnhalle, kosten Hunderte Millionen Euro, wiegen Hunderte von Tonnen, fressen den Strom von einem ganzen Kernkraftwerk - und sind am Ende ungefähr so schlau wie, sagen wir mal, eine Bisamratte.

Wenn diese Maschinchen aber um 2020 die Denkkapazität eines menschlichen Gehirns haben, dann bekommt man schon mehr Respekt. Vor allem, weil die Computertechnik an diesem Punkt in der Lage sein wird, sich selbst weiterzuentwickeln. Sagt Kurzweil.

Computer werden dann selbst neue Computer entwerfen. Inklusive der dazu passenden Software und Algorithmen. Die so entstandene neue Generation macht sich dann wieder ans Werk und konstruiert ihrerseits noch schlauere Computer und diese bauen noch schlauere und immer so weiter. Diese Entwicklung vollzieht sich in immer kürzeren Zyklen. Nicht irgendwann, sondern schon bald wird der Computer über so ungeheure Verstandeskräfte verfügen, dass der Mensch nicht mehr in der Lage sein wird, diese Intelligenz zu erfassen oder zu begreifen. Wie ein sitzengebliebener Fünftklässler, der nicht versteht, was in der zwölften Klasse abgeht.

2045: Die Singularität

Dieser Punkt ist nach den Berechnungen Kurzweils im Jahr 2045 erreicht. Er nennt das: die Singularität. Astrophysiker benutzen den Begriff oft im Zusammenhang mit schwarzen Löchern. Zwischen Mensch und Computer gibt es ab 2045 ein riesiges schwarzes Loch der Intelligenz, das die Bewusstseinswelten trennt.

Das Rad des Fortschritts bewegt sich aber nicht nur in der Computertechnik. Auch bei Biotechnik, Gentechnik und Nanotechnik wird es immer größer und - computergestützt - immer schneller. Diese Technologien steckt derzeit noch in den Kinderschuhen, ihr Potenzial können wir bisher nur erahnen. Mithilfe dieser Technologien werden die Computer, so glaubt Kurzweil, alle Probleme lösen können. Intelligente Nanoroboter werden durch unsere Blutbahnen gleiten, die Zusammensetzung des Blutes analysieren und verdächtige Protein-Ablagerungen im Gehirn erkennen, die auf Alzheimer hinweisen. Dann holen sie eine Putzkolonne im Nanoformat, die das ganze Zeug wegräumt. So kann der Mensch 150 Jahre alt werden.

Nano-Computer werden im Gehirn sitzen, unser Gedächtnis unterstützen, uns beim Sprachen lernen helfen oder beim Tennis spielen den Bewegungsablauf optimieren. Vielleicht hat der Nano-Rechner das Bewegungsprofil von Roger Federer gespeichert und verwandelt damit jeden Stümper in einen eleganten Sandplatz-Profi. Wer lieber Fußball spielt, lädt sich das Ballgefühl von Lionel Messi ins Hirn.

Wohin diese Entwicklung geht, weiß heute noch kein Mensch. Das ist gewissermaßen außerhalb auf der anderen Seite des schwarzen Lochs der Intelligenz, im Hyperraum des Bewusstseins.

Natürlich werden die Computer der Zukunft auch ihre Energieversorgung selbst organisieren. Der Mensch kann das nicht. Ganz bestimmt werden die Ururururenkel von Deep Blue und Watson keine Kernkraftwerke in Erdbebengebieten errichten.

Dumm lebt es sich besser

Wenn der Singularitäts-Computer dann einmal einen Blick auf die Menschheit zurückwirft, die ihn erschaffen hat, dann wird er wohl zur Erkenntnis gelangen, dass die Menschen sehr liebenswerte, aber auch sehr einfältige Geschöpfe sind.

Das macht aber nichts. Dumm lebt sich´s ohnehin viel besser. Vor allem, wenn Big Brother Computer auf uns aufpasst. Wir bleiben gerne dumm und haben uns alle gern. Es ist gewiss kein Zufall, dass hohe Intelligenz selten als liebenswerte Eigenschaft gilt. Kluge Menschen gelten schnell als "Schlaumeier", "Oberlehrer" oder gar als "Intelligenzbestie". Diesen undankbaren Job überlassen wir in Zukunft gerne der Bestie Computer und begnügen uns mit der Rolle des fröhlichen Einfaltspinsels.

Den tapferen Leuten, die in dieser Woche in Fukushima verzweifelt versucht haben, eine der größten Technikkatastrophen des Jahrhunderts zu verhindern, werden 2045 vielleicht nicht mehr erleben. Aber wenn die Menschheit trotz ihrer endlosen Liste kolossaler Dummheiten bis dahin durchhalten sollte, dann hat sie das auch dem furchtlosen Männern wie denen in Japan zu verdanken. Intelligenz ist eben nicht alles…

Kommentare zu diesem Artikel

Betrachtet man das derzeitige Treiben der Menschheit, und zieht daraus Rückschlüsse auf deren Intelligenz, dann kommt man zu keinem sehr günstigen Urteil. Ein Beispiel hierfür ist die Atomkatastrophe in Japan.

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  • dummheit schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz

    Klar, als dummer liebenswerter Mensch erscheint die Welt viel magischer. Das heißt aber nicht, dass der ideale Mensch nicht auch Philosoph werden können sollte. Technisch gesehen wird der ideale Mensch auch noch kaum etwas mit dem heutigen zu tun haben - auch wenn er fast genauso aussieht.
  • straight schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz

    Mag sein das die Politik lügt was die "Sicherheit" der AKWs betrifft. Aber was bleibt auch anderes übrig bei einer so panischen Masse wie unser Volk es nunmal ist. Fakt ist: Alles birgt Risiken und das Autofahren allein kostest schon mehr Leben als je durch AKW Unfälle ums Leben kommen könnten. Jede große technische Erungenschaft ist mit Risiken verbunden, das absolut Sichere gibt es nicht. Lasst mal die Grünen unser Land regieren, das einzige was die hinkriegen ist dafür zu sorgen das unser Lebensstandart wesentlich eingeschränkt wird, und das alles aus ANGST vor unwahrscheinlichen Unfällen und um die Natur zu schützen. Wir brauchen keine Natur zu schützen, die wird damit klar kommen, die Frage ist ob der Mensch mit den Veränderungen in der Natur klar kommt. Die Veränderungen werden so oder so kommen, da muss man kein Hellseher sein um das zu wissen, und unser Zutun wird damit nichts zu tun haben, auch wenn sich manche Leute sowas immer einbilden. Normalerweise, bei solcher Argumentation, dürften manche nicht mal mehr das Haus verlassen... es könte ja soviel passieren...
  • Phil schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz

    da ist wohl jede sci-fi geschichte spannender und realitätsnäher.. :(
  • Michael schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz

    tut mir leid, aber sehr schlechter Beitrag!

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Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz
Verkehrte Netzwelt: 2045 - Das schwarze Loch der Intelligenz
Betrachtet man das derzeitige Treiben der Menschheit, und zieht daraus Rückschlüsse auf deren Intelligenz, dann kommt man zu keinem sehr günstigen Urteil. Ein Beispiel hierfür ist die Atomkatastrophe in Japan..
http://www.netzwelt.de/news/86008-verkehrte-netzwelt-2045-schwarze-loch-intelligenz.html
2011-03-19 10:43:03
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