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Kommentar: Facebook löst Google ab
Was kommt danach?

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Im Internet vollzieht sich gerade eine Wachablösung. Google ist nicht mehr die Nummer eins. Jetzt gilt Facebook als Marktführer. Das wird auch die Art, wie wir mit dem Internet umgehen, radikal verändern.

Vor ein paar Jahren noch wurde in der Publikumspresse bei Artikeln über die IT-Branche immer ein Satz des ehemaligen Intel-Chefs Andrew Grove zitiert: "Nur die Paranoiden überleben". So lautete der Titel seines Buches. Das Zitat sollte meistens demonstrieren, was für besessene Freaks diese Computerleute doch sind. Auch ich habe mich immer wieder gewundert, mit welcher Vehemenz die Branchenriesen Intel und Microsoft um jedes Prozent Marktanteil gekämpft haben und dabei auch vor rüden Methoden nicht zurückschreckten. So als ginge es um das Überleben des Unternehmens. Wieso haben die ihren Mitbewerbern keine Luft zum Atmen gelassen?

Wachablösung: Facebook hatte 2010 in den USA erstmals mehr Seitenaufrufe als Google. (Quelle: Screenshot)

Inzwischen habe ich eine Theorie dazu. Es liegt vermutlich daran, dass Anwender in der digitalen Welt sich unheimlich schnell in Schwärmen organisieren. Klingt hochgestochen, aber hier ein Beispiel: Da sitzen alle am PC, nur ein paar wenige haben ein Netbook. Dann werden es ein paar mehr Netbook-Anwender, die Preise sinken und plötzlich sitzen alle mit ihren neuen Netbook im Café herum und die Marktforscher erklären den PC für tot. Wenn ein neuer Trend einen bestimmten Punkt erreicht hat, dann wechselt der ganze Schwarm blitzschnell zu dieser Technik. Experten nennen sowas "Tipping Point". Möglicherweise ist dies genau das Phänomen, vor dem Andy Grove schon vor 20 Jahren Angst gehabt hat.

Dabei ist der Wechsel von einer Technik zur anderen und das Entstehen neuer Marktführer häufig auch mit einem veränderten Nutzungsverhalten verbunden. Siehe PC und Netbooks.

Personal Computer und der Hobby-Keller

Als die ersten Personal Computer in den späten achtziger Jahren die Wohnzimmer eroberten, gab es noch kaum grafische Bedienoberflächen, sondern im Wesentlichen nur Befehlszeilen. Die Botschaft lautete: "Der Computer ist ein hoch kompliziertes, geheimnisvolles Ding, das nur Spezialisten beherrschen." Der Computer war so etwas wie ein Geheimlabor im schummrigen Hobby-Keller.

Windows und der Eichenschrank

Dann kamen Apple und Windows und haben mit Maus und grafische Bedienoberfläche alles verändert. Plötzlich hieß es: "Computer sind ganz einfach zu bedienen. Du musst nur mit der Maus auf Bildchen klicken und schon geht's los. Hier ist alles schön bunt und sehr bequem. Genieße es." Bill Gates nannte das damals immer liebevoll "rich Multimedia". Aus heutiger Sicht erinnert mich der Desktop von Windows 98 eher an ein bürgerliches Wohnzimmer aus den sechziger Jahren. Verzierte Eichenmöbel, weinrote Sofas, dunkle Teppiche und gemusterte Tapeten. "Gelsenkirchener Barock", nannte man das.

Google und das Billy-Regal

Als Google seinen Siegeszug antrat, waren viele Anwender der ganzen faulen Multimedia-Pracht überdrüssig. Sie wollten auch nicht mehr sinnlos auf bunten Internet-Seiten herumsurfen. Jetzt war gezieltes Suchen nach Informationen und Recherchieren im Web angesagt. Und das konnte Google am besten. Die Startseite von Google setzt das auch optisch sehr eindrücklich um. Alles ganz weiß, nüchtern und funktionell. Wenn Windows der Gelsenkirchener Barock des Computer-Zeitalters ist, dann ist Google das Billy-Regal. Nüchtern, kantig und praktisch. Kein Multimedia-Schnickschnack, nur gezielte Suche mit intelligenten Algorithmen.

Facebook und die Studenten-WG

Mit dem Erfolg von Facebook bahnt sich wieder etwas Neues an. Jetzt muss man nicht mehr mühsam nach Informationen suchen. Im Web 2.0-Zeitalter lautet die Botschaft: "Freunde sind besser als Algorithmen, sie haben alle Infos für Dich. Gute Freunde sind alles, was Du brauchst." Dementsprechend sind die Facebook-Seiten auch optisch weniger nüchtern und kantig als die von Google. Mit den vielen Fotos, Kommentaren und Schaltflächen erinnert Facebook eher an die chaotische Einrichtung einer Studenten-WG - wenn man unbedingt im Bild bleiben will.

Freunde sind besser als Algorithmen

2011 wird zweifellos ein erfolgreiches Jahr für Facebook werden. Inzwischen hat Mark Zuckerberg mehr als 550 Millionen Freunde. Geht es nach den Zugriffen, dann hat Facebook den Konkurrenten Google schon überholt. Von Januar bis November hat das soziale Netzwerk in den USA 8,9 Prozent aller Seitenaufrufe kassiert, Google hatte nur 7,2 Prozent. Das hat das Marktforschungsunternehmen Experian Hitwise Ende 2010 gemeldet. Werbeagenturen und Markenhersteller lieben Facebook, weil sie dort ganz gezielt bestimmte Gruppen ansprechen können. Das ist besser als anonyme Algorithmen.

Ein Zeichen dafür, dass sich das Gewicht verschoben hat, ist auch der Wechsel von Mitarbeitern. So sind Top-Manager wie Lars Rasmussen von Google zu Facebook gewechselt. Auch Sheryl Sandberg, (Chief Operating Officer) und David Fischer (VP of Advertising and Global Operations) waren vorher bei Google.

Wenn es stimmt, dass alle paar Jahre ein neuer Marktführer kommt und die Art wie wir Computer und Internet nutzen, völlig verändert, dann stellt sich die Frage: Was kommt nach Facebook? Das weiß heute natürlich niemand. Aber die Erfahrung der letzten drei Jahrzehnte zeigt auch, dass sich die großen Trends immer schneller abwechseln. Wenn die Menschen in drei oder vier Jahren satt von Facebook sind, dann kann es plötzlich sehr schnell gehen.

Kommentare zu diesem Artikel

Im Internet vollzieht sich gerade eine Wachablösung. Google ist nicht mehr die Nummer eins. Jetzt gilt Facebook als Marktführer. Das wird auch die Art, wie wir mit dem Internet umgehen, radikal verändern.

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  • mm112 schrieb Uhr
    AW: Kommentar: Facebook löst Google ab

    sehr weise worte und wenn facebook weg vom fenster ist, dann wird serst richtig lustig!

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Kommentar: Facebook löst Google ab
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Im Internet vollzieht sich gerade eine Wachablösung. Google ist nicht mehr die Nummer eins. Jetzt gilt Facebook als Marktführer. Das wird auch die Art, wie wir mit dem Internet umgehen, radikal verändern.
http://www.netzwelt.de/news/85460-kommentar-facebook-loest-google-ab.html
2011-01-28 16:18:07
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/article/2011/wachabloesung-facebook-2010-usa-erstmals-mehr-seitenaufrufe-google-bild-screenshot4338.jpg
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