Netzwelt-Autor wagt den Selbstversuch

Verkehrte Netzwelt: 60 Minuten offline

Der neue Selbsterfahrungs-Trip: Offline gehen und versuchen, in der analogen Welt zu überleben. Netzwelt-Autor Mehmet Toprak war auch offline. Eine ganze Stunde ohne Internet, Skype, E-Mail und SMS. Protokoll eines nervenaufreibenden Selbstversuchs.

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Internet läuft, Skype-Messages, Facebook-Meldungen, News und E-Mails im Minutentakt. Aber online gehen verboten, das ist der neue Selbsterfahrungs-Trip. (Bild: Dell)
Internet läuft, Skype-Messages, Facebook-Meldungen, News und E-Mails im Minutentakt. Aber online gehen verboten, das ist der neue Selbsterfahrungs-Trip. (Bild: Dell)

Ich habe es versprochen, also mache ich es auch. Und bleibe eine volle Stunde lang offline. Manch einer macht das ein halbes Jahr lang und schreibt dann ein Buch darüber. Aber der echte Online-Junkie wird schon nach zehn Minuten ohne Internet nervös. 60 Minuten lang kein Spiegel Online, kein Amazon, kein CNN und vor allem keine E-Mails, kein Skype und keine SMS. Das ist hart. Und ich lege noch eine Schippe drauf und verschärfe die Bedingungen. Ich klemme nicht einfach das Internet ab und stecke auch das Handy nicht einfach in die Schublade. Nein, das Handy bleibt an. PC läuft und Internetverbindung steht. Bei eingehenden Mails ertönt ein Signal, bei Skype blinkt es, wenn sich jemand meldet. Aber ich darf nicht ran gehen und muss der Versuchung widerstehen.

Der Versuch beginnt

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Minute null: PC hochgefahren, Online-Verbindung steht, Handy ist an, Skype aktiv. Es kann losgehen.

5 Minuten: Die ersten Minuten waren kein Problem. Hatte nicht den Wunsch, in meine Mailbox zu gucken. Weiß allerdings nicht, was ich jetzt eigentlich machen soll. Papiere sortieren? Ideen in der Textverarbeitung notieren?

10 Minuten: Jetzt schleicht sich eine leise Unruhe ein. Im Internet tobt das Leben. Ich sitze hier abgeschnitten und isoliert vor meinem langweiligen Textprogramm. Es hat schon mal geklingelt, das Signal für eine eingehende Mail. 

20 Minuten: Inzwischen hat sich auch über Skype jemand gemeldet, das Symbol in der Task-Leiste leuchtet. Sehnsüchtig starre ich auf das blinkende Skype-Symbol, der Mauszeiger nähert sich unaufhaltsam, aber dann lasse ich es doch. Ein oder zwei E-Mails sind auch reingekommen. Ich bleibe stark. Die Festplatte rödelt. Wird da was runtergeladen? Irgendein Update oder so? 

30 Minuten: Die letzten zehn Minuten waren höllisch. Hitze steigt mir zu Kopf. Das Postfach blinkt. Ich habe Mails. Auf dem Windows-Desktop leuchtet der Firefox. Unauffällig nähert sich der Mauszeiger dem Firefox-Icon. In letzter Sekunde reiße ich ihn zurück. Zurück zur Textverarbeitung. Vielleicht eine Runde Solitär dazwischen. Auch ohne Internet kann man die Zeit vertrödeln.

40 Minuten: Bin wie gelähmt. Das Handy vibriert. Ein unbeantworteter Anruf und eine SMS. Ich drücke nicht auf Antworten. Starre nur auf das Gerät, kann mich aber zurückhalten. Versuche weiterzuarbeiten, habe aber keine Ideen, das Gehirn wie leer gefegt.

50 Minuten: Noch 600 Sekunden. Wie langsam die Zeit vergehen kann. Langsamer vergeht die Zeit nur beim Zahnarzt. Ich sehne mich danach, wieder News zu lesen. Zu sehen, was in der Welt passiert ist. 50 Minuten offline. Da kann sich so viel verändert haben. In allen Kommunikationskanälen blinkt es, Meldungen haben sich angesammelt. Facebook-Freunde warten, dass ich ihre neuen Fotos kommentiere. Ich bin zum Nichtstun verdammt.

55 Minuten: Countdown läuft. Noch fünf Minuten. Dann bin ich erlöst. Ich bin zu keinem vernünftigen Gedanken fähig. Habe kurzzeitig überlegt, noch eine Stunde offline dran zu hängen. Irrwitzige Idee. Ist wohl auf die geistige Verwirrung durch langen WWW-Entzug zurückzuführen. Ich muss jetzt unbedingt, sofort, online gehen. Sonst werde ich verrückt. Noch drei Minuten. 

59 Minuten: Handy vibriert. Gerade wieder eine SMS reingekommen. Jetzt heißt es durchhalten. Was wohl gerade in meiner Mailbox abgeht? Auch Skype meldet sich wieder. 

60 Minuten: Wieder online!! Habe mir ein wenig Zeit genommen für meinen ersten Schritt ins Web. Feierlicher Klick auf Firefox. News überflogen. Die Welt steht noch. Dann zu Skype. Eine Message dort hieß: "Ich hab dir vor zehn Minuten (!!) eine Nachricht geschickt. Kannst Du vielleicht mal antworten?"



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