Sebastian Moleski, 1. Vorsitzender der Wikimedia über Pläne für die Zukunft

"Eine Dienstleistung an der Gesellschaft": Interview zum 10. Wikipedia-Geburtstag

Eines der bekanntesten Webprojekte der Welt, die Wikipedia, gibt es nun schon seit genau zehn Jahren. In vielen Ländern der Welt gibt es regionale Wikimedia-Vereine, die für die Förderung der Enzyklopädie auf nationaler Ebene zuständig sind. Netzwelt sprach anlässlich des Jubiläums mit Sebastian Moleski, dem ersten Vorsitzenden des Wikimedia Deutschland e.V. aus Berlin. Er ist seit 2004 Wikipedianer, erst in der englischen und seit 2006 auch in der deutschen Ausgabe der freien Enzyklopädie. Er hat sein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Texas Christian University in Fort Worth, Texas, in den Vereinigten Staaten abgeschlossen und arbeitet zur Zeit als Geschäftsführer einer IT-Firma. Er wohnt in München.

Sebastian Moleski ist 1. Vorsitzender von Wikimedia Deutschland. (Bild: Wikimedia e.V.)
Sebastian Moleski ist 1. Vorsitzender von Wikimedia Deutschland. (Bild: Wikimedia e.V.)

Inhaltsverzeichnis

  1. 1Überragende Leistung: 13 Millionen Artikel in 250 Sprachen
  2. 2Informationen, die in keiner klassischen Enzyklopädie stehen
  3. 3"Viele Wikipedia-Artikel sind richtig schlecht"
  4. 4"Wir wollen, dass Artikel auch in Gebärdensprache bereitgestellt werden"
  5. 5"Wikileaks beeinflusst uns eher negativ"
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Netzwelt: Guten Tag Herr Moleski. Sie sind erster Vorsitzender der Wikimedia Deutschland - und heute wird die Wikipedia genau zehn Jahre alt. Wie geht es Ihnen damit eigentlich? Wie feiern Sie den Tag?

Moleski: Uns geht es damit sehr gut! Zehn Jahre Wikipedia ist etwas, was man vor zehn Jahren nicht unbedingt hätte absehen können. Es war nicht unbedingt klar, wohin sich das Projekt entwickeln würde - auch weil nicht vorausgesagt werden konnte, ob das Konzept überhaupt funktioniert. Wir machen eine Webseite, bei der zehntausende Menschen mitschreiben können und am Ende eine Enzyklopädie herauskommt - dass das wirklich klappt, wusste vor zehn Jahren niemand. Selbst heute sagen uns noch viele Leute, dass das eigentlich unglaublich ist - die Realität zeigt aber, dass es eben passiert.

Überragende Leistung: 13 Millionen Artikel in 250 Sprachen

Wir feiern heute an über 400 Orten mit vielen Wikipedia-Autoren auf lokalen Veranstaltungen den Geburtstag - ob das nun kleine Stammtische sind oder ein richtige Party. Die größte Veranstaltung in Deutschland findet heute in Berlin in der Homebase Lounge um 20 Uhr statt. Es haben sich knapp über 400 Teilnehmer dafür angemeldet - es gibt Getränke und ein Programm mit Musik, Tanz und sogar einer Torte. Eine gute Gelegenheit, diesen Erfolg - den 10. Geburtstag der Wikipedia - richtig zu feiern.

Netzwelt: In den letzten zehn Jahren hat sich bei Wikipedia viel bewegt. Was war nach Ihrer Meinung bisher die größte Leistung, die die Plattform vollbracht hat? Und wo ist Wikipedia eventuell auch gescheitert?

Moleski: Eine auf jeden Fall überragende Leistung ist, dass wir nach zehn Jahren ein Projekt geschaffen haben, das in über 250 Sprachen verfügbar ist und in dem über 13 Millionen Artikel geschrieben wurden. Das ist bemerkenswert - eine Leistung, die es zuvor nie gegeben hat. Selbst bei den größten Enzyklopädie-Projekten wie dem Brockhaus ist die Zahl an Stichworten und der Umfang des Inhalts viel geringer. Dahinter stehen rein praktische Gründe: Das Zeug musste gedruckt, vermarktet und verkauft werden.

Dass wir in diesen zehn Jahren mit dem sehr ungewöhnlichen Konzept, dass jeder mitmachen kann und dass etwas Gutes dabei herauskommt, so viel geschafft haben, ist eine ganz besondere Leistung. Man muss auch sagen, dass wir es vielleicht noch nicht so gut geschafft haben, die Schwerpunkte zwischen den unterschiedlichen Sprachen ein wenig auszugleichen. So gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia einen sehr großen thematischen Fokus auf Deutschland, Österreich und die Schweiz - einfach, weil dort auch die Autoren selbst herkommen. Uns fehlt noch ein großer Artikelbestand aus anderen Ländern.

So haben wir in Deutschland zum Beispiel zu jedem Ort und jeder Gemeinde einen Artikel. Das ist aber nur in Deutschland so - was den Rest der Welt angeht, ist das sehr selektiv. Da ist die Wikipedia sehr abhängig davon, wo es zufälligerweise einen deutschsprachigen Autoren gibt, der am jeweiligen Ort wohnt.

Netzwelt: Gibt es denn Planungen für eine automatische Übersetzung von Artikeln in der Wikipedia? Häufig ist der gleiche Beitrag in unterschiedlichen Sprachen doch auch unterschiedlich detailliert. Sehen Sie da konzeptionell einen Bedarf, die Mehrsprachigkeit grundsätzlich anders zu gestalten als bisher?

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