Kommentar: CES - Deutschland, Land ohne Ideen
Meilensteine der IT-Welt
Man könnte die Klage noch weiterführen. Die großen Meilensteine der Computerwelt - PC, Notebook, Netbook, All-in-One-PC, Touchscreens, Smartphones und die Internet-Dienste wie Amazon, eBay, Google, Facebook oder Twitter - nichts davon ist in Deutschland oder Europa entstanden. Auch die großen Programme für Büro und Multimedia wie Office und Photoshop kommen aus den USA.
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass hierzulande gestandene Unternehmer jenseits der 50 sich von ihren Marketing-Experten erklären lassen müssen, warum sie in Facebook sein sollten. Da tanzen sie dann nach der Pfeife eines jungen Mannes, den sie selbst vermutlich nicht mal als Praktikanten einstellen würden. Was will denn der Rotzlöffel im T-Shirt?
Nicht einmal die berühmten Hacker, Internet-Piraten und Revoluzzer sind Deutsche. Justin Frankel (Gnutella), Bram Cohen (Bit Torrent), Shawn Fanning (Napster), Julian Assange (Wikileaks) – drei Amis und ein Kanadier, die auf ihre Weise die Internet-Kultur bereichert haben. Wieder kein Deutscher dabei.
Nörgeln, ärgern, Angst haben
Die so innovativen Deutschen begnügen sich in der Computerwelt mit der Rolle der Spaßbremse. Sie nörgeln an Google Streetview herum, ärgern sich über Produkte, die nicht perfekt sind und haben Angst vor Sicherheitslücken. Es ist kein Zufall, dass Deutschlands bekannteste Computerexperten im Chaos Computer Club und ihre Tage damit zubringen, auf Probleme und Sicherheitslücken hinzuweisen.
Man könnte nun sagen, das sei nicht so schlimm, die Amerikaner oder auch Asiaten bringen die neuen Produkte und wir nutzen diese eben. Wo liegt das Problem? Wirklich schlimm ist das vielleicht nicht, es ist aber zumindest schade. Denn es geht hier um mehr als nur Profite und Wirtschaft.
Technik prägt die Kultur
Es geht darum, dass Innovationen das Zusammenleben der Menschen und ihre Lebensweise beeinflussen. In all diesen coolen Produkten und Internet-Diensten steckt immer auch eine Weltanschauung, die wiederum von der Kultur und Gesellschaft dahinter geprägt ist. Facebook, YouTube, Twitter, Powerpoint und das iPhone sind sozusagen in Produkte gegossene Weltanschauungen. Und das Weltbild der modernen Gesellschaft wird stärker als je zuvor von einer Technik-Elite geprägt, die fast ausschließlich in den USA lebt. Es wäre aber schon interessant zu sehen, wie beispielsweise eine Textverarbeitung, eine Präsentation oder ein Videoschnitt-Programm aussehen würden, wenn diese komplett in Deutschland entwickelt worden wären.
IT-Arbeitswelt ist eine US-Kolonie
Stattdessen arbeiten wir mit Büroprogrammen, die aus Kalifornien kommen und schlagen uns mit schlecht übersetzten Bedienoberflächen und Handbüchern herum. Die IT-Arbeitswelt in Europa ist kulturell gesehen eine Kolonie der Vereinigten Staaten.
Mit billiger Amerika-Feindlichkeit hat das übrigens gar nichts zu tun. Schließlich ernten dort die Menschen oder Unternehmen die Früchte ihrer harten Arbeit und ihrer guten Ideen. Dort sitzen eben die kreativen Leute. Schade nur, dass so wenig gute Ideen aus Europa oder Deutschland kommen. Schade, dass aus Deutschland keine starken Ideen, Innovationen oder Geschäftsmodelle kommen, die genügend Faszination oder Kraft hätten, um international zu beeindrucken. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, hat im digitalen Zeitalter nichts beizutragen, ist zum Mitläufer geworden.
In Deutschland fehlt es nicht an klugen oder kreativen Menschen, aber eine Wirtschaft, die wirklich innovative Ideen international erfolgreich realisieren könnte, gibt es eben nicht. Darum spielt Deutschland auf der CES in Las Vegas auch dieses Jahr wieder einmal keine Rolle.
