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Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden
Überflüssige Technik-Gadgets

von Mehmet Toprak Uhr veröffentlicht

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Senioren und Gegner des Digital Lifestyle werfen sich gerne in die Pose des souveränen Vernunftmenschen und verdammen scheinbar überflüssige Technik-Gadgets. Doch irgendwann wird jeder schwach.

Senioren und Gegner des Digital Lifestyle werfen sich gerne in die Pose des souveränen Vernunftmenschen und verdammen scheinbar überflüssige Technik-Gadgets. Doch irgendwann wird jeder schwach.

PC: "Braucht kein Mensch"

Schon komisch, diese Alten. Zuerst schimpfen sie auf die neue Technik, dann machen sie selbst mit. In die Riege der schimpfenden Senioren reihen sich auch die Digital-Lifestyle-Verächter ein. Das Geschimpfe ging schon vor 20 Jahren los, als der Computer populär wurde. Leute über 40 konnten nichts damit anfangen. "Brauch´ ich nicht. Ich mache meine Sachen lieber mit Bleistift, Schere und Papier. Das ist so schön haptisch." Heute hat sich das Bild gründlich geändert. Es gibt praktisch keinen Rentner mehr, der nicht seine Fotos im PC verwaltet, seine Urlaubsvideos mit dem Videoschnitt-Programm bearbeitet oder Musik am PC macht. Einige haben sich sogar schon zu Linux-Experten entwickelt.

Handy: "Was für Angeber"

Das gleiche Spiel beim Thema Handy. Als agile Jung-Manager Mitte der neunziger Jahre anfingen, in der Öffentlichkeit mit ihrem Handy zu hantieren, schimpften die Leute. "Solche Angeber. Völlig überflüssig. Wozu gibt es Telefonzellen"? Gerne äfften sie dann noch das vermeintlich typische Handytelefonat nach. "Schatz, ich bin zehn Minuten zu Hause." Und heute? Da telefonieren die einstigen Handy-Verächter selbst ständig mobil durch die Gegend. Vorwand: "So ein Handy ist schon praktisch. Das kann mal Leben retten."

Internet und E-Mail: "Briefeschreiben hat mehr Kultur"

Das gleiche Spiel bei Internet und E-Mail. "Wie schön war das doch, als der Postbote noch Briefe brachte. E-Mail zerstört Kultur des Briefeschreibens." Heute schreiben die einstmaligen Helden der Briefkultur ihre Geburtstags und Weihnachts-Grüße selbst per E-Mail. Und ihre Bildung holen sie sich über Google und Wikipedia, der so seriöse Brockhaus bleibt im Schrank.

Smartphone: "GP-Navi-irgendwas"

Zurzeit haben die Technik-Verächter die Smartphones auf dem Kicker. "Das ist doch Spielzeug. Unterwegs brauche ich kein Internet. Den Weg in die Stadt find ich auch ohne GP-Navi-irgendwas. Und wozu, um Himmels willen brauche ich Apps?" Auf jeder 40plus-Party gibt es einen, der triumphierend ein altes Nokia oder Siemens-Handy aus der Tasche zieht und stolz verkündet. "Telefonieren und vielleicht mal eine SMS. Mehr brauch´ ich nicht." Da kommt man sich als Besitzer eines Smartphones gleich vor wie so ein doofer Jugendlicher, der jedem Trend nachläuft.

Mal sehen, ob die supervernünftigen Technik-Kritiker auch in fünf Jahren noch mit dem "Telefonieren und sonst nichts-Handy" rumlaufen. Jede Wette: Dann haben die auch alle Smartphones mit GPS und 10-Megapixel-Kamera und laden sich Apps am laufenden Breitband herunter. Ich seh sie schon hingebungsvoll "Angry Birds" spielen.

Web 2.0: "Geplapper auf Facebook"

Das ganze Gezanke haben wir jetzt auch bei Web 2.0. "Wozu, um Himmels willen braucht man das ganze Geplapper auf Facebook oder Twitter? Alle Menschen über 30, die nicht in einer Werbeagentur arbeiten und die nicht ihre Kinder im Web kontrollieren wollen, hassen Facebook. Der virtuellen Freundschaftspflege können sie einfach nichts abgewinnen. Sie bevorzugen, die "echten Freunde im wirklichen Leben" wie sie hochnäsig erklären. Auch Twitter können sie nicht verstehen. Unvermeidlich wird dann auch die vermeintlich typische Twitter-Meldung nachgeäfft: "Hi, ich sitze beim Frühstück und esse Cornflakes." "Wen interessiert das?" Wartet noch zwei, drei Jahre, dann werden auch Oma und Opa Freundschaften anbieten und twittern, was das Zeug hält. "Hu hu, sitze gerade beim Kurkonzert. Fantastisch."

Spätestens dann wird es Zeit, dass sich die Jungen wieder etwas Neues einfallen lassen, damit die Technophoben was zu meckern haben. Die große Frage lautet also: Was kommt nach Web 2.0?

Kommentare zu diesem Artikel

Senioren und Gegner des Digital Lifestyle werfen sich gerne in die Pose des souveränen Vernunftmenschen und verdammen scheinbar überflüssige Technik-Gadgets. Doch irgendwann wird jeder schwach.

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  • -Sandstorm- schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden

    Hm. Ein guter Artikel, oberflächlich gesehen. Doch - als absoluter Gegner von Facebook, Twitter und Co, möchte ich mich auch mal dazu äußern. Es stimmt, früher waren alle am lästern, als man mit dem Handy offen und ungeniert telefonierte. Gibt es heute noch; besonders in der Bahn fällt das auf, wenn mal wieder eine 16jährige ihren jugendlichen Tratsch und Klatsch am Handy derartig auffällig verbreitet, so dass es alle mitbekommen. Doch, wenn ich so nachdenke - ist es wirklich gut, diese allgegenwärtige Technik? Früher ging man in die Bibliothek, um sich Informationen zu beschaffen. Man war gezwungen, aktiv zu werden, um sich Wissen zu beschaffen. Heutzutage sitzen die Leute in Unterhose am Rechner, kratzen sich am Sack und fragen nach Dingen, die sie selbst innerhalb weniger Minuten herausbekommen würden, wenn sie nur nicht so stinkefaul wären. Das forum hier ist voll von Leuten, die keinen Bock haben, Google zu benutzen, weil sie wissen, dass es immer irgendwelche Idioten gibt, die ihnen selbst die dämlichsten Fragen beantworten. Früher musste man Freunde finden und besuchen. Shit, war das anstrengend. Heute macht man seinen Messenger an, fragt kurz nach dem Wetter, und schon ist man der Meinung, genug für seine sozialen Kontakte getan zu haben. Früher war man stolz, den ein oder anderen "echten" Freund gefunden zu haben, der einen in den arm nahm, wenn man mal down war. Der nicht davor zurück scheute, über Nacht 400 km durch halb Deutschland zu fahren, um einem beizustehen, wenn es mal wieder drunter und drüber geht. Heute geilen sich extrem viele User daran auf, die tausender-Marke der "Freundschaften" bei Facebook zu knacken. Und dann noch ganz stolz rumtönen: "Ich hab 2576 Freunde bei Facebook. Ich bin ein Hengst!". Das sie von fast allen diesen "Freunden" noch nicht mal die Haarfarbe wissen, das ist schon echt arm. Früher traf man sich ab und an, um gemeinsam in die Disco zu gehen und gemeinsam Bräute aufzureißen. Und heute? Da gammeln die Leute vor dem Rechner, zocken nächtelang WoW, während die Freundin sich nach Nähe sehnt. Warum die Alte dann irgendwann Schluss macht, verstehen einige dann nicht wirklich. Aber was soll's. Auf Netzwerken wie "wer-kennt-wen" sind genug Chicks unterwegs, die sich geradezu darum reißen, flachgelegt zu werden. Besonders begehrt scheinen hier die "Checker" zu sein, die mit coolen Sprüchen, tausenden von "Freundschaften" und einer ellenlangen Liste von Ex-Freundinnen glänzen können. Sicher, dieser Beitrag ist genauso einseitig wie der von News Flash - zumindest hab ich selbst diese praktische und theoretische Erfahrung gemacht (ich war auch mal jung). Aber wenn's nach mir ginge, könnte man diesen ganzen Mist wie Social Networks, Smartphones und vor allem das Internet insgesamt gerne wieder dahin verbannen, wo es hergekommen ist. Was mich interessieren würde - wie hoch wären wohl die Arbeitslosenzahlen, wenn es all das nicht gäbe? Ich bin mir absolut sicher, allzu sehr würden sie nicht sinken. Doch wenn es nur 10% weniger sind - und soviel wären es mit Sicherheit - für mich ist und bleibt das Internet das beste, was man den zu Hause sitzenden Leuten je bieten konnte, um ihre Langeweile in den Griff zu bekommen. Dieser Beitrag konzentriert sich allein auf die von mir gesehenen Nachteile des Internet, der mobilen Kommunikation sowie der sozialen Netzwerke. Das all das auch erhebliche Vorteile bietet, weise ich nicht von der Hand. Bitte betrachtet diesen Beitrag einfach als leicht ironischen Kommentar zu den genannten Vorzügen. Danke.
  • grunzer schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden

    Wartet noch zwei, drei Jahre, dann werden auch Oma und Opa Freundschaften anbieten und twittern, was das Zeug hält. Bitte - unbedingt und so bald wie möglich! Dann wird genau das passieren was ich mir schon seit langem wünsche: Diese Plattformen werden sich plötzlich mit "Datenschutz" beschäftigen müssen, weil der 16 jährige Junge nicht will, daß der Opa die Saufbilder vom letzten Wochenende sieht, aber er auch den Opa nicht als "Freund" verlieren möchte :rolleyes: Sollten die sich daran nicht anpassen, dann werden neue Nieschen entstehen und das Thema wird über so viele Plattformen so fragmentiert, daß jeder nach einem Standard schreien wird, so daß alles unter den Plattformen ausgetauscht werden kann... Und wir sind dann endlich da angekommen, wo wir schon mal waren -allerdings dann mit ein paar Zusatzfunktionen (Stichwort: Mail, FTP...) :liebegru: Die Erde dreht sich ja auch im Kreis, warum sollen wir es nicht tun ;)
  • dalesa schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden

    Mein lieber junger Freund, dein Artikel ist super geschrieben, bringt die Sache auf den Punkt. Und doch wird er der Generation 40-/50-/60-Plus nicht gerecht. Zwar lernen die Alten heute vermehrt von den Jungen - vor allem in der Netzwelt - umgekehrt funktioniert das auch noch. Allzu große Sorglosigkeit im Umgang mit den Gadgets kostet Geld, viel Geld und Zeit, viel Zeit. Zudem haben "die Alten" das ganze Programm mitbekommen, vom ersten PC über das Handy bis hin zum Internet. Und: Handytelefonate beim Bezahlen an der Kasse sind ja wohl krass daneben. Und: die wirklich Guten verdienen mit dem Techniksegen Geld und werfen es nicht zum Fenster raus.
  • Diggsagg schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden

    Ja, in dem Artikel steckt schon viel Wahrheit. ;) Was Handies angeht, kann ich die Beobachtung von damals auf jeden Fall teilen. Bei sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter & Co. kann ich von meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis aber durchaus sagen, dass da keiner dabei ist, der sich großartig aufs Web 2.0 eingelassen hätte, der schon immer kein Faible dafür hatte. Die Leute, die ich kenne, sind da allesamt konsequent geblieben und gehen dem "Sozialnetzwerken" immer noch aus dem Weg - und werden das auch nicht mehr ändern.
  • kaiman schrieb Uhr
    AW: Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden

    Sehe ich ein wenig anders: Die "Alten" müssen schon dem Dunstkreis eines Gymnasiums, besser einer Hochschule entstammen, um mit den Gadgets etwas anfangen zu können. Von Filmschnitt, Urlaubsfotos bearbeiten, Musik am Rechner selbst komponieren und schneiden, ganz zu schweigen. Der "coole" Go-Go-Gagetto hat ja meistens auch nur eine eher leise Ahnung von der Technik, die er tagtäglich in der Hand hält und nutzt ein, oder zwei Dinge regelmäßig. Der große Rest ist nur bloßes Gesammel - frei nach dem "Jäger und Sammlertrieb". Von 10 Jugendlichen auf den Schulhof kann bestenfalls 1er 'wirklich' mit seinem Handy umgehen, kennt alle Menüs, weiß, was sie zu bedeuten haben und kennt auch die Tricks und Kniffe, die für die persönliche Einrichtung vonnöten sind. Der Rest tut zwar wissend, hat aber null Durchblick. Aber wer will sich das schon anmerken lassen, gelle? :-)

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Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden
Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden
Senioren und Gegner des Digital Lifestyle werfen sich gerne in die Pose des souveränen Vernunftmenschen und verdammen scheinbar überflüssige Technik-Gadgets.
http://www.netzwelt.de/news/85250-verkehrte-netzwelt-technophobe-technophilen.html
2011-01-08 10:06:32
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Verkehrte Netzwelt: Wie Technophobe zu Technophilen werden