2. Teil des Interviews

Thomas Krumbein von LibreOffice: "Der Code an sich ist noch das Einfachste"

Im ersten Teil des Gesprächs hat Thomas Krumbein, einer der Marketing Manager der Document Foundation, sich sehr genau über das Verhältnis zu Oracle geäußert. Im zweiten Interview-Teil geht es nun um die eigentliche Organisation der Stiftung, ihre Finanzierung und die Arbeit mit Partnern.

Herr Krumbein steht Rede und Antwort zur Document Foundation und LibreOffice.
Herr Krumbein steht Rede und Antwort zur Document Foundation und LibreOffice.
Werbung

Falls Sie den ersten Interview-Teil verpasst haben sollten, folgen Sie einfach diesem Link.

Netzwelt: Kommen wir zur Document Foundation. Wie weit ist die Gründung fortgeschritten? Gibt es schon eine juristische Person als Stiftung?

Krumbein: Das einzige, was es im Moment schon gibt, ist die Stiftung in Gründung. Eine Stiftung wird dadurch gegründet, dass man eine Willenserklärung abgibt - fertig. Genau dieser erste Schritt ist bereits geschehen. Als nächstes muss, das ist richtig, eine juristische Person entstehen - diese ist zwar noch nicht vorhanden, befindet sich aber in Vorbereitung. Es ist dazu unter anderem noch unklar, an welchem Standort diese entstehen wird. Im Moment gibt es dazu drei Länder zur Wahl: Deutschland, England und Frankreich. Ich bin natürlich dafür, dass die Stiftung nach Deutschland kommt, wie viele andere auch. Es gibt aber genauso auch Gründe für die anderen Länder.

In allen drei Ländern werden derzeit die Strukturen und juristischen Möglichkeiten überprüft und es wird dann irgendwann demnächst eine Entscheidung dazu geben. Generell gab es schon vorab die Einigung auf den europäischen Markt, weil die amerikanischen Stiftungsrechte doch allzu fremd für uns sind. Eigentlich wäre der beste Standort für eine neue Stiftung ja die Schweiz, aber dort haben wir niemanden vor Ort. Die Wahl des Sitzes ist immer auch eine Aktivitätsfrage.

Netzwelt: Die Gründung einer solchen Stiftung kostet immer auch Geld, zum Beispiel für Rechtsberatung. Wo kommt dieses Geld im Moment her? Gibt es bereits konkrete Zusagen von Spendern?

Krumbein: Geld ist nicht unbedingt nötig, aber es macht natürlich Sinn. Ohne Geld würde ich keine Stiftung gründen, da haben Sie Recht. Für den ganzen Prozess haben wir natürlich auch Anwälte dabei, die uns auch mitunter mal kostenlos beraten. Daneben gibt es bei uns genügend Leute, die auch so über ausreichend Erfahrung verfügen - insofern bleiben die Kosten im Rahmen.

Ganz ohne Geld geht es aber, wie gesagt, nicht. Dieses muss von den Unterstützern kommen. Es ist meine persönliche Meinung, dass die Stiftung mit nicht weniger als 100.000 Euro an Startkapital ausgestattet sein sollte. Es gibt natürlich Zusagen von diversen Partnern - das bedeutet aber noch nicht, dass auch tatsächlich Geld fließt. Bisher hat noch niemand erklärt, der Stiftung zum Beispiel 10.000 Euro zu spenden. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass es auch noch keine echte Forderung vom Steering Committee gab. Niemand ist etwa zu Novell gegangen mit der Forderung, nun für die Gründung einer Stiftung über 100.000 Euro bitte 10.000 Euro beizusteuern.

Das ist immer so ein Henne-Ei-Problem: Zuerst müssen die Strukturen stehen damit klar ist, was wir überhaupt an Geld brauchen. Dann müssen wir die Stifter und anderen Unterstützer auch ins Wort nehmen und sie quasi auf exakt definierte Geld- und Sachleistungen festlegen. Sie sehen, wie kompliziert die Gründung der Stiftung ist. Insofern werden wir dafür noch etwas Zeit benötigen. Derzeit nimmt der Verein (OpenOffice.org Deutschland e.V., Anmerkung der netzwelt-Redaktion) kommissarisch sowohl die Rolle der juristische Person als auch die Finanzierung war.

Netzwelt: Warum nimmt man dann nicht gleich den Verein als juristische Hülle für die Document Foundation? Dieser ist einsatzbereit und sehr viele Aktivitäten laufen sowieso schon dort.

Krumbein: Das hielte ich nicht für gut. Ich bin selber ein Gegner der Variante, einen Verein als die Rechtsform der Wahl für die Document Foundation zu installieren. Das wurde uns zwar schon sehr häufig vorgeschlagen, weil die Gründung eines Vereins recht schnell geht - nur ist ein Verein dann keine so sichere Basis für die Community wie eine Stiftung. Bei einer Stiftung wird zu Beginn ein Zweck festgelegt, der sich nachträglich nicht mehr ändern lässt. Einen Stiftung hat ihren Stifter, der eine Sache in die Stiftung einbringt und dann vollkommen unabhängig ist. Dagegen kann beim Verein durch Mehrheitsentscheidung der Mitglieder jederzeit der Zweck geändert werden.

Die Idee ist im Moment, die Stiftung namens Document Foundation quasi als Holding zu etablieren - in den nationalen Vereinigungen kann aber durchaus wieder der Verein als Basis für alle lokalen Bemühungen dienen. Da wird etwa der OpenOffice.org Deutschland e.V. in Deutschland weiterhin der Ansprechpartner für alle wichtigen Angelegenheiten bleiben - etwa beim Support.

Die Entwicklung von LibreOffice wird mittels GIT gesteuert und kontrolliert.
Die Entwicklung von LibreOffice wird mittels GIT gesteuert und kontrolliert.

Netzwelt: Zurück zu den Partnern: Wie weit sind die Gespräche mit Novell sowie anderen Firmen, die bereits Unterstützung für die Document Foundation signalisiert haben? Ohne eine kritische Masse aus einflussreichen Partnern dürfte das Projekt kaum Erfolg haben.

Krumbein: Seit der Ausrufung der Stiftung haben wir über 40 Personen und Firmen gewonnen, die Code zum Projekt beisteuern - das ist mehr, als wir früher jemals gehabt haben. Unsere Aufgabe ist es jetzt, etwas mehr Struktur da hineinzubringen. Natürlich ist besonders die Anfangsphase von den großen Firmen abhängig - hier sind neben Novell auch Red Hat und Ubuntu, also Canonical, dabei. Zum Beispiel hat auch Google seine Unterstützung zugesagt, wobei die keine Gelder geben wollen. IBM ist auch mit dabei, auch wenn sie auf der Webseite nicht mit auftauchen: Dort gibt es offenbar Verträge mit Oracle, die wir aber auch nicht genau kennen. Die sind offenbar irgendwie gebunden und dürfen sich nicht öffentlich zur Document Foundation outen.

Sehen sie sich aber zum Beispiel mal die kürzlich veröffentlichte Version von Lotus Symphony an, die auf OpenOffice.org basiert. Die hat eine völlig andere Menüstruktur - es gibt bei uns schon einige Überlegungen, diese vielleicht auch in LibreOffice zu übernehmen. Eine Zusammenarbeit wird es also mit Sicherheit geben - wie weit diese geht, muss sich dann erst noch zeigen.

Netzwelt: Was sind die technischen Ziele, die LibreOffice mittelfristig erreichen soll?

Krumbein: Zunächst einmal soll ein gewisser Grad an Unabhängigkeit von Oracle erreicht werden. Die jetzige 3.3er Version von LibreOffice ist ja bereits eine Mischung von den Originalquellen, den Erweiterungen aus dem Go-Oo-Projekt von Novell sowie einigen anderen Beiträgen, die von dritter Seite gekommen sind. Rein im Bezug auf die Quellen werden sich OpenOffice und LibreOffice ein ganzes Stück auseinander dividieren - und das muss man natürlich sehr effektiv steuern.

Ein ganz fernes Ziel wird es sein, eine Strategie aus zwei Builds zu etablieren: Es wird eine Stable-Version für die Geschäftskunden geben, für die nur alle Jahre mal ein Update herauskommen soll. Die Entwicklung wird hier praktisch so gesteuert wie bei Debian: Es ziehen nur Erweiterungen in das Projekt ein, die ausführlich getestet und stabil sind. Das Stable Release geht auf den Wunsch der Business Partner zurück, die keinen allzu schnellen Versionszyklus wollen.

Daneben wird es wie bisher einen regulären Build geben, der für experimentierfreudigere Benutzer gedacht ist. In diesem Segment ist Stabilität kein dramatisches Thema und in dieses Release werden dann auch zum Beispiel neue Funktionen eingebaut, die dann einfach getestet werden. Im Moment ist die Zweiteilung aus Stable Release und regulärem Build aber nur ein Plan - es muss in den kommenden Wochen jetzt überhaupt einmal ein einziger Build-Baum geschaffen werden. Das ist schon ein enormer Aufwand und dauert lange, wie Sie sich vorstellen können.

Netzwelt: Ist der Aufwand, die vielen Quellen für Code nun in einem einzigen Projekt zu vereinen, vielleicht eine Nummer zu groß für das junge Projekt? Wie kontrolliert man so etwas?

Krumbein: Nein, das ist beherrschbar. Genau dafür gibt es ja Entwicklungswerkzeuge, die relativ einfach sind. LibreOffice verwendet das GIT-Repository, das zum Beispiel auch beim Linux-Kernel verwendet wird. Hier ist das Einpflegen von Code recht einfach - und auch das Zurückspielen von gesicherten Versionen geht ebenso schnell. Im Moment liegt das Hauptproblem bei ganz anderen Dingen: Die gesamte Infrastruktur, die es vorher schon gab, muss neu aufgebaut werden. Mailing-Listen für mehrere Länder, eigene Homepages und so weiter - hier ist im Moment weit mehr zu tun als im Code von LibreOffice. Der Code an sich ist fast die einfachste Sache am Projekt.

Netzwelt: Was sind die wichtigsten Ziele für die Document Foundation und LibreOffice, die im kommenden Jahr 2011 erreicht werden sollen? Wo geht die Reise im nächsten Jahr hin?

Krumbein: Ich fange mal mit der Document Foundation an, da der Name LibreOffice ja lediglich die Bezeichnung für das Produkt ist. Der erste Punkt ist sicherlich, die Stiftung als juristische Person zu etablieren: Dazu wird im Moment eine Satzung diskutiert genauso wie die Zusammensetzung des Stiftungsrates, dessen Einflussmöglichkeiten und natürlich der Sitz. Nach meiner Erfahrung ist für die erfolgreiches Etablierung der Stiftung als juristische Person ungefähr ein halbes Jahr nötig. Das ist sicher derzeit die Hauptaufgabe der Document Foundation genau wie die Organisation des Budgets, das wir vorher schon bei Oracle gehabt haben - zum Beispiel durch Spenden.

Bei LibreOffice ist jetzt sicher der erste Schritt, Version 3.3 überhaupt als wirklich stabiles Release herauszubringen. Die Veröffentlichung wird noch in diesem Jahr geschehen - voraussichtlich aber erst Mitte Dezember. Mittelfristig wird es für LibreOffice eine neue Oberfläche geben, irgendwas in Kombination mit abschaltbaren Elementen. Genau hier machen andere Projekte ja auch viel. Es ist ziemlich sicher, dass die neue Oberfläche viel vom Renaissance-Projekt übernehmen wird, das ja seit Jahren bei OpenOffice vor sich hin dümpelt. Dessen Ideen wurden nur selten in den Quellcode eingepflegt. Die Entwickler des Renaissance-Projekts sind bei uns natürlich mit dabei.

Dann heißt es natürlich auch, gerade die Marke LibreOffice in fünf Jahren so aufzubauen, wie wir es in fünf Jahren mit OpenOffice geschafft haben. Marketing ist eine sehr wichtige Sache.

Novell unterstützt mit Quellcode des Go-OO-Projekt das junge LibreOffice.
Novell unterstützt mit Quellcode des Go-OO-Projekt das junge LibreOffice.

Netzwelt: Wie sieht es gerade bei den Linux-Distributionen aus? Gibt es schon Mitteilungen, wer von OpenOffice auf LibreOffice als Standardanwendung wechselt? Der Wechsel einer großen Distribution wäre doch eine große Sache insbesondere für das Marketing des Projekts.

Krumbein: Ja, es gibt die ersten Zusagen seitens Ubuntu, das LibreOffice mit ins Projekt nehmen wird - und das wohl schon aber der nächsten Version. Bei Novell wird das Go-OO-Projekt dann mit LibreOffice irgendwie verschmelzen. Nach meinem Gefühl wird es sicherlich so sein, dass alle Linux-Versionen irgendwann auf LibreOffice gehen - das ist auch nicht schwer, da die Variante von Oracle eher Windows-lastig ist. Man muss abwarten, was noch an Zusagen kommt.

Netzwelt: Über die langfristigen Ziele hört man von Seiten der Document Foundation nur wenig. Ist es geplant, etwas wie ein webbasiertes Office zu entwickeln? Was ist langfristig geplant?

Krumbein: Hier wurde noch nicht so viel diskutiert. Natürlich gab es bei Oracle auch schon sehr viele Ideen im Cloud-Bereich, woran die Leute dort auch schon ziemlich intensiv arbeiten. Für uns ist ein OpenOffice in der Cloud derzeit eher weniger wichtig - was auf den eigenen Listen aber zum Beispiel schon diskutiert wurde, ist die Unterstützung von Android. Was wir jetzt erst einmal zum Laufen bekommen müssen sind grundlegende Dinge wie Bugzilla zur Verwaltung von Fehlerberichten oder ein System für die Kontrolle der Codequalität. Das sind die wichtigsten Aufgaben. Es ist ganz wesentlich, dass die technische Infrastruktur steht, bevor wir andere Sachen angehen. Wir müssen unbedingt einen eigenen stabilen Build hinbekommen, der sich grundlegend von OpenOffice unterscheidet - und damit meine ich nicht, dass nur unser Logo auf dem Programm klebt.

Netzwelt: Zum Schluss wäre es interessant zu erfahren, was Sie am Projekt zur Zeit am meisten stört.

Krumbein: Mich stört im Moment am meisten, dass nach der Ankündigung einer Stiftungsgründung im Moment ein wenig die Leute fehlen, den Plan tatsächlich umzusetzen. Auch wurde bisher allzu wenig diskutiert, wie man das ganze Projekt langfristig finanziell tragbar machen kann.

Netzwelt: Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg!

Links zum Thema

Kommentieren