1. Interview-Teil
Interview: Thomas Krumbein von LibreOffice zur Arbeit mit Oracle
Netzwelt sprach mit Thomas Krumbein zu den drängenden Fragen zu OpenOffice, die Abspaltung mit Namen LibreOffice und die neue Document Foundation. Krumbein war lange als Marketing Manager für das deutschsprachige OpenOffice-Projekt tätig, ist Vorstand des deutschen Fördervereins und gehört zu den führenden Köpfen hinter dem noch jungen LibreOffice.

Netzwelt: Guten Tag Herr Krumbein. Beginnen wir mit gleich mit einer schwierigen Frage: Sind im OpenOffice.org Deutschland e.V. alle Mitglieder damit einverstanden, dass der Verein jetzt als Geburtsstätte für das Projekt LibreOffice und die Document Foundation agiert? Es scheint fast so, als werde aus dem deutschen Verein so etwas wie ein LibreOffice e.V.
Krumbein: Also erst einmal wird keinesfalls aus dem OpenOffice Deutschland e.V. ein LibreOffice e.V.! Das kann ja nur durch eine Satzungsänderung geschehen. Ferner stehen die Aktivitäten um LibreOffice nicht dem eigentlichen Zweck des Vereins entgegen: In der Satzung, die auch im Netz öffentlich nachgelesen werden kann, wird lediglich die Förderung freier Software als Ziel definiert. Und dazu gehören LibreOffice und die Document Foundation unbedingt. Auch die Förderung der Office-Suite passt da unbedingt hinein - alles was wir machen ist absolut satzungsgemäß.
Netzwelt: Die Arbeit dort läuft demnach reibungslos. Doch über das Verhältnis zum Konzern Oracle kann man dies wohl nur schwer behaupten. Wie sehen Sie allgemein die Open-Source-Politik von Oracle? Gerade um OpenOffice gab es ja viele Spannungen und öffentliche Streitereien.
Krumbein: Also, da müssen Sie eigentlich schon Oracle selbst fragen. Ich kann gerne etwas zum Projekt OpenOffice sagen, aber deren Strategie für Open Source kenne ich nicht genug - insofern kann ich da nur wenig dazu sagen. Aber grundsätzlich ist es doch so: Wenn wir heute von Oracle reden, reden wir oft doch eigentlich weiterhin über Sun Microsystems. Es sitzen doch die gleichen Leute heute bei Oracle, die schon vor der Übernahme bei Sun gearbeitet haben - ich glaube es nicht, dass da plötzlich ein Manager von Oracle kommt und sagt, ihr müsst jetzt dies und das machen. Die Strategien sind, ob da nun Sun oder Oracle darüber steht, ziemlich identisch.
Man sollte also nicht Oracle den schwarzen Peter zuschieben. Die Jungs bei Oracle selber haben mit dem relativ kleinen Projekt OpenOffice meiner Ansicht nach relativ wenig zu tun.
Netzwelt: Das heißt, die Abspaltung von LibreOffice hätte also auch passieren können, wenn Sun nicht von Oracle gekauft worden wäre? Es scheint doch, als fahre Oracle doch eine sehr deutlich aggressivere Open-Source-Politik, als es eben bei Sun Microsystems noch der Fall war.
Krumbein: Ziemlich sicher hätte es die Abspaltung auch bei Sun gegeben, die Ideen zu etwas wie einer Stiftung gibt es ja schon ziemlich lange. Und nochmal zu Oracle: Man muss da wirklich sehr genau unterscheiden. Beispielsweise bei den Fragen im OpenOffice.org Community Council ist es doch so, dass dieses nicht von Oracle zusammengestellt wurde - sondern von Sun. Da sitzen die Leute, die auch schon vor der Übernahme dort waren. Wenn es dann heißt, die Anhänger von LibreOffice sollten sich aus dem Council zurückziehen, kommt das doch nicht von Oracle.
Natürlich sagt heute jeder stets "Oracle" und nicht mehr "Sun", weil es eben die Übernahme gab. Sie finden die tatsächlichen Entscheidungsträger aber immernoch nicht bei Oracle, sondern weiter bei Sun. Ich würde Oracle bei der Diskussion nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

Netzwelt: Die Einschätzung, dass Sun etwas freundlicher gegenüber Open Source war als Oracle, ist also falsch? Der Ton gegenüber der Community hat sich aber geändert.
Krumbein: Naja, es ist schon so, dass Oracle eine andere Gangart pflegt als Sun. Das ist aber gar nicht so entscheidend. Schauen Sie: Als Sun vor einigen Jahren die Hamburger Firma StarDivison gekauft hat, wurden die Mitarbeiter übernommen und Sun hat sein StarOffice gebastelt. Ansonsten hatten die Leute dort aber doch relativ freie Hand - im Grunde genommen hat sich von Sun kaum ein Manager wirklich darum geschert, was die Jungs dort denn wirklich so machen.
Ich hätte schon vor zwei oder drei Jahren gesagt, dass das einer Unternehmensberatung auffallen wird, wenn die bei Sun Microsystems einmal durchgehen sollten. OpenOffice war ja nur eine ganz kleine Ecke von Sun - aber die war im Konzern total alleine und hatte alle Freiheiten. Das geht so eigentlich nicht. Nachdem Oracle dann Sun übernommen hat, ging die Sache eigentlich durchaus durchdacht voran: Das Management hat sich angeschaut, was Sun alles zu bieten hat und ist auf die kleine Ecke OpenOffice gestoßen. Dann haben Sie gesagt: Schön, wir machen eine Business Unit daraus, die dann eben "Oracle OpenOffice" heißt und Gewinne erwirtschaften muss. Das ist für Oracle ein eigentlich ganz natürlicher Vorgang, gegen den nichts einzuwenden ist.
Der ehemalige Projektleiter von OpenOffice bei Sun wurde dann zum Leiter der Business Unit und hatte plötzlich Umsatz- und Gewinnverantwortung. Das ist ja jetzt keine Aktion gegen OpenOffice, die Community oder Open Source - das sind einfach geschäftsübliche Strukturen, die eingeführt wurden. Natürlich gibt es aber im mittleren Management auch Personen, die eine Community nicht haben wollen - Oracle steht Open Source aber an sich nicht negativ gegenüber.
Netzwelt: Dem Oracle-OpenOffice-Team wird also nicht vorgeschrieben, was es zu tun hat?
Krumbein: Nein. Oracle sagt dem Leiter der Business Unit lediglich, wieviel Geld er ausgeben darf und welchen Umsatz er anpeilen soll. Ob man das mit oder ohne eine Community macht, ist den Managern bei Oracle im Grunde egal - hier hat die Business Unit völlig freie Hand.

Netzwelt: Was war dann der Auslöser, die Document Foundation zu gründen und LibreOffice als Abspaltung von OpenOffice auf den Markt zu bringen? Woher kamen die Ideen dazu?
Krumbein: Die ersten Ideen zur Gründung einer Stiftung sind vor zehn Jahren entstanden, als man bei Sun den Code von StarOffice als OpenOffice in einem Community-Projekt freigegeben hat.
Netzwelt: Warum wurde es dann damals nicht gemacht?
Krumbein: (lacht) Das ist eine gute Frage, die stellen wir uns auch immer wieder. Die Idee, mittels einer Stiftung das Projekt fortzuführen, wurde in den letzten zwei, drei Jahren sehr viel intensiver betrachtet als jemals zuvor - das ist nicht nur eine Sache der Übernahme durch Oracle. Es gab in der Zusammenarbeit zwischen der Community und Sun eben auch Phasen, die nicht in Richtung der Community gegangen sind. Sun hat zweitweise Sachen schnell noch durchgedrückt, die in die kommerzielle Fassung von StarOffice unbedingt einziehen sollten. Wenn kurz vor der Herausgabe einer neuen Version bei OpenOffice noch Dinge hineinprogrammiert werden, weil diese nötig für die kommerzielle Version sind, ist das nicht so schön - noch dazu, wenn mit der Community keine Abstimmung stattfindet. Sun konnte solche Sachen aber auf Grund seiner Macht tun.
Im Projekt hat es also schon länger ein bisschen gegärt. Gerade bei der Qualitätssicherung war es eine logische Weiterentwicklung, das Projekt von Sun Microsystems stärker zu entkoppeln. Als die Firma Sun von Oracle übernommen wurde, war das aber nur ein weiterer Tropfen.
Netzwelt: Hat genau dieser Tropfen dann vielleicht das Fass zum überlaufen gebracht?
Krumbein: Das kann schon sein. Gerade die letzte Ausgabe 3.2.1 war eine sehr schwierige Sache. Der eigentliche Auslöser zur Gründung der Document Foundation war die OpenOffice-Konferenz in Budapest. Die gesamte Community war damals in Budapest und hat eigentlich auf Signale von Oracle gewartet, wie es mit dem Projekt weitergeht. Tatsächlich hatten wir einen Mittelmanager der Business Unit OpenOffice als Referent auf der Veranstaltung dabei - doch der hat im Vortrag über den schönen Urlaubsort Budapest gesprochen und uralte Bilder gezeigt, wie er mit dem Motorrad durch die Stadt fährt. Gerade das erhoffte Gespräch, wie es mit OpenOffice bei Oracle weitergeht, kam dort eben nicht zu Stande. Dann hat Oracle eine Pressemitteilung herausgegeben, dass auch bei OpenOffice eben alles so weitergeht wie bisher - doch das ist eben deutlich zu wenig.
Danach wurde dann die Stiftung ausgerufen, wobei vorher auch die Informationen darüber an die wichtigsten Manager bei Oracle gegangen ist. Es gab die Einladung, mitzumachen und so gleich gemeinsam mit der Ankündigung der Stiftung in die Öffentlichkeit zu treten. Doch da kam keinerlei Antwort. LibreOffice ist ja nur ein Folgeprodukt, dass die Stiftung gegründet wurde: Wenn ich den Quellcode von OpenOffice nehme und damit etwas machen will, muss ich mir ja schon Gedanken über die Namensrechte machen. OpenOffice.org ist eben eine geschützte Marke von Oracle - es kann also nicht ohne Zustimmung genutzt werden. So ist dann LibreOffice entstanden.
Netzwelt: Haken wir gleich mal beim Thema Marke ein: Woher stammt der neue Name LibreOffice? Wie genau hat man vor der Ausrufung denn den Namen überprüft? Alleine im deutschen Markenregister gibt es 37 Marken, die mit dem Begriff "Libre" eingetragen sind. Gibt es die Gefahr, dass es genau wie bei OpenOffice markenrechtliche Probleme geben wird?
Krumbein: Nein. Naja, man sollte nie nie sagen - aber das liegt einfach daran, dass es heute kaum noch eine Marke gibt, die nicht irgendwo auf der Welt mit anderen Namen in Konflikt gerät. Es gab natürlich keine Markenrecherche in letzter Instanz, weil dies sehr teuer ist und auch sehr viel Zeit benötigt. Aber natürlich gab es eine Kontrolle des Namens - und wir hatten ja nicht nur LibreOffice zur Wahl, sondern etwa noch zwanzig andere Namen. Die sind dann alle ausgeschieden, weil sie entweder schon vergeben, schlecht aussprechbar oder nicht international nutzbar sind.
Auch LibreOffice ist da nicht optimal: Im Spanischen und Italienischen ist das vom Klang her eher ein Schimpfwort, aber so etwas wird es immer geben. Irgendwann musste man sich dann halt auf einen Namen einigen, zu dem die Markenrechtsanmeldung ja schon gelaufen ist. LibreOffice war eigentlich ein Platzhalter - es bestand und besteht die Hoffnung, dass die Anwendung weiterhin OpenOffice heißt, d.h. dass Oracle den Namen der Community zur Verfügung stellt.
Netzwelt: Gibt es in diese Richtung irgendwelche neuen Entwicklungen in jüngster Zeit?
Krumbein: Nein. Es sieht so aus, als gebe Oracle den Namen nicht frei. Ich würde sagen, dass da in diesem Jahr auch nichts mehr passiert - aber man soll ja niemals nie sagen. Ich denke es wäre ein strategischer Fehler von Oracle, sich da ganz rauszuhalten. Das wird man dort sicher auch im Management irgendwann feststellen, da Oracle von der Freigabe des Namens an die Community eigentlich nur profitieren könnte. Es wird vielleicht ein halbes Jahr dauern, bis die Leute bei Oracle soweit sind. Nachdem was jetzt gelaufen ist, könnte Oracle aber natürlich jetzt gar nicht eintreten. Die haben sich selbst so ins Abseits gestellt, dass man da jetzt nicht zurückrudern kann.
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die Gründung der Stiftung an sich sowie die Finanzierung und die Rolle der Partner wie Novell und Red Hat.






